Arrangierte Ehen machen krank

Von 21. April 2008 um 12:28 Uhr

Interessantes Gespräch mit der Psychiaterin Meryam Schouler-Ocak in der heutigen taz. Sie ist leitende Oberärztin in der Charité und behandelt dort vorwiegend Einwanderer, die überdurchschnittlich an Depression erkranken. Schouler-Ocak ist selbst als Kind von türkischen Einwanderern nach Deutschland gekommen. Sie hat sich gegen ihre Eltern durchsetzen müssen, die sie jung verheiraten wollten. Dies sagt sie über Heiratsmigration und psychische Krankheit:

“Kommen eigentlich mehr junge oder mehr alte Menschen in die Sprechstunde?

Es hält sich die Waage. Wir haben allerdings einen nicht unerheblichen Teil von Heiratsmigrantinnen. Heiratsmigration ist eigentlich die einzige Möglichkeit, legal in Deutschland einzureisen. Die jungen Frauen, die eine solche Ehe eingehen – mal, weil sie sich dem Familienwunsch nicht entziehen können, mal, weil sie es selbst wollen, mal, weil sie Abenteuerlust verspüren – wissen oft gar nicht, worauf sie sich einlassen.

Ist die Desillusionierung absehbar?

Auf jeden Fall. Diese Frauen haben in der Türkei mitunter modern gelebt. Dann kommen sie hierher und haben völlig unterschätzt, in welchen Abhängigkeiten sie landen. Vom Mann, von den Schwiegereltern. Sie werden eng gehalten, haben keine Freunde, niemanden, mit dem sie sich austauschen, und sind wie Bedienstete. Dann kriegen sie Kinder und dürfen sie mitunter noch nicht mal nach ihren Vorstellungen erziehen. Und was ich häufig sehe: Manchmal sind sie gebildeter als die Männer. Wenn die Frauen die Rahmenbedingungen hier nicht akzeptieren und ertragen können, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie psychisch einbrechen. Wir haben auch mehrere junge Patientinnen, die nach Suizidversuchen kommen oder nach Gewalterfahrungen mit ihren Partnern.”

 

 

Leser-Kommentare
  1. 9.

    @ french fries: Nein, ich kenne auch kerngesunde Raucher, die auf die Neunzig zu gehen.

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  2. 10.

    @ Aus dem gesamten Interview geht nicht hervor, dass arrangierte Ehen krank machen. Migration und die Begleitumstände führen zu Depression, insofern auch das deutlich höhere Depressionsrisiko.

    Wie kommen Sie denn auf die Idee, dass dort die Erfahrungen junger Frauen geschildert werden, die arrangierte Ehen eingehen? Ich lese nichts in diese Richtung. Es sind möglicherweise auch Frauen dabei, die arrangierte Ehen eingegangen sind. Als Krankheitsursache wird aber nicht das Zustandekommen der Ehe sondern die Migration genannt.

    Sie interpretieren in den Artikel etwas hinein, was dort nicht ist. Woran das liegt?

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  3. 11.

    @Lebowski

    “Wenn die Frauen die Rahmenbedingungen hier nicht akzeptieren und ertragen können, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie psychisch einbrechen.”

    Die Rahmenbedingungen sind sicherlich nicht nur die familiäre Enge der Migrationsgesellschaft, oder die fehlende Möglichkeit, sich der Ausbildung entsprechend verwirklichen zu können.

    Die Rahmenbedingungen schließen auch das Verhalten der Mehrheitsgesellschaft gegenüber diesen Frauen ein. In Anatolien waren sie geachtete Mädchen, die von den Einwohnern des Dorfes gekannt wurden und auf einer ziemlich definierten hierarchischen Stufe standen. Sie beherrschten die sozialen Codes der sie umgebenden Gesellschaft und konnten ihre Handlungen moralisch-gesellschaftlich klar einordnen.

    Hier werden sie nun auf der Straße, beim Einkaufen und in Ämtern mit einer Gesellschaft konfrontiert, die in ihnen nur die Pinguine und Schleiereulen sieht, die manchmal sogar despektierlich auf ihre den hier herrschenden Sozialcodes entgegengesetzte äussere Erscheinung herabsieht.

    Die Migrantin versteht die Sprache der Mehrheitsgesellschaft nicht, noch kann sie einschätzen, wer hier hohes Sozialprestige besitzt und vor allem, warum. Wenn sie wirklich bildungsinteressiert ist, wird sie schnell merken, dass ihre familiäre Situation, die arrangierte Ehe, in den Augen der Mehrheitsgesellschaft einen Prestigeverlust bedeutet, statt einen Prestigegewinn (wie er ihr vor der Heirat versprochen wurde). Ebenso die Konzentration auf ihre Aufgaben als Ehefrau und Mutter oder das keusche Tragen eines Kopftuches, oder ihre Scheu, mit fremden Männern zu reden. Das baut ein Spannungsfeld von Erwartungshaltungen auf. Die Familie erwartet von den Frauen ein konformes Verhalten, dass sich in einigen Punkten diametral zu dem konformen Verhalten verhält, welches die Mehrheitsgesellschaft von den Frauen erwartet.

    Wenn man dann nicht wirklich selbstsicher ist, seine eigenen Werte fundiert begründen kann, sowohl gegen die Familie, als auch gegen die Mehrheitsgesellschaft, dann ist das sehr frustrierend.

    Die DITIB hat in Ehrenfeld ein beachtenswertes Projekt gestartet, um diese Frauen besser zu integrieren. In der neuen Zentralmoschee soll eine komplette Infrastruktur aufgebaut werden, die es den Frauen ermöglicht, Weiterbildung, Einkäufe, Kindererziehung und sozialen Kontakt komplett in der türkisch-islamischen Gemeinschaft abzuwickeln. So werden diese Frauen vor den moralischen Zumutungen der Mehrheitsgesellschaft geschützt. Für ihre Entscheidungen, für ihre Erscheinung und für ihren Lebensweg, der arrangierte Ehe, Kopftuch, Hausfrau- und Muttersein etc. enthält, gibt es dann nur noch positiven Feedback aus der türkischen Parallelgesellschaft. Diese Frauen werden sich dann wieder in ihrer Situation wohl fühlen, da das gesellschaftliche Spannungsfeld weitgehend ausgeschaltet wird.

    Es ist also nicht die arrangierte Ehe und die damit zusammenhängende Lebensweise, die krank macht. Es ist die arrangierte Ehe und die damit zusammenhängende Lebensweise in einer Umgebung, die weder arrangierte Ehen, noch die damit zusammenhängenden Lebensweisen mit Sozialprestige verknüpft, die krank macht.

    Sogesehen hätte Jörg Lau seinem Beitrag auch folgende Überschrift geben können: Die Zumutungen der Mehrheitsgesellschaft machen Migrantinnen krank.

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    • 21. April 2008 um 15:41 Uhr
    • Rafael
  4. 12.

    @JurBlog.de
    “mal, weil sie sich dem Familienwunsch nicht entziehen können..”

    Kleiner Wink mit dem Zaunpfahl auf eine arrangierte Ehe.

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    • 21. April 2008 um 15:43 Uhr
    • lebowski
  5. 13.

    @JurBlog.de

    “Wie kommen Sie denn auf die Idee, dass dort die Erfahrungen junger Frauen geschildert werden, die arrangierte Ehen eingehen?”

    Oh, je, eine Begriffsdifferenzierung. Arrangierte Ehe und Heiratsmigration werden hier synonym gesetzt. Warum ist das Ihrer Meinung nach nicht zulässig? Gibt es nennenswerte türkische Heiratsmigration, die nicht arrangiert ist? Ich kenne eine Türkin, die in der Türkei einen autochtonen Deutschen auf der Arbeit kennen gelernt hat und heute hier mit ihm lebt. Ist soetwas der Normalfall türkischer Heiratsmigration?

    Mit Juristen zu diskutieren, ist extrem unfruchtbar.

    Antworten

    • 21. April 2008 um 15:51 Uhr
    • Rafael
  6. 14.

    @ JurBlog: Die Interviewte schildert, dass sie sich selbst einer arrangierten Ehe widersetzt hat (und wie ihre Eltern das später akzeptiert haben). “Heiratsmigration” ist nicht voll deckungsgleich mit arrangierter Ehe, aber im Wesentlichen doch wohl. Die moderne türkische Frau, die in das rückständige Migrations-Milieu der Bundesrepublik einheiratet – abhängig, eng gehalten, wie eine Bedienstete – wird krank und manchmal suizidal. Steht alles in dem Text. Es geht doch in der von mir zitierten Passage nicht um allgemeine Stessfaktoren durch die neue Heimat. Was ist Ihr Problem damit?
    Im übrigen ist das kein türkisches Problem – schauen Sie sich mal “Kick it like Beckham an” oder lesen Sie “Brick Lane” von Monica Ali. Da sehen Sie, wie das unter Sikhs und Bangladeshi Muslims in UK grassiert.

    Antworten

  7. 15.

    @Rafael
    “Sie beherrschten die sozialen Codes der sie umgebenden Gesellschaft und konnten ihre Handlungen moralisch-gesellschaftlich klar einordnen.”

    Das wirft wieder die Frage auf, ob junge Türkinnen, die nach Deutschland heiraten, wirklich so naiv sind, zu glauben, dass ihre sozialen Codes hier genauso zählen wie in der Türkei. Glaube ich eher nicht!

    Außerdem glaube ich, dass Schouler-Ocak mit dem Satz
    “diese Frauen haben in der Türkei mitunter modern gelebt” modern im westlichen Sinne und nicht im anatolischen Sinne gemeint hat.

    Antworten

    • 21. April 2008 um 16:17 Uhr
    • lebowski
  8. 16.

    Lieber Herr Lau,

    Es ist wohl so. Manchmal muss man das Lesefutter für die Gemeinde über Gebühr anreichern, damit auch “Kröten” wieder geschluckt werden.

    In den letzten Tagen kommentierten Sie das schon einmal, mit dem deutlichen Hinweis, Sie mühten sich doch schon, die heftigsten Kritiker der Muslime und des Islams im Blog zu zitieren und stießen trotzdem immer noch nicht auf ausreichende allgemeine Zustimmung aus den Reihen der Blog-Gemeinde.

    Hier nun, haben Sie den Artikel aus der taz schon recht willkürlich zusammengefasst. Der Inhalt des Interviews mit der befragten Psychiaterin blieb weitgehend auf der Strecke und wurde von ihnen verzerrt wiedergegeben. – Um die nicht vorhandene These zu destillieren? – JurBlog hat das völlig richtig erfasst. Leuten vom Fach krümmen sich sowieso die Fußnägel, wenn sie ihren Mit- bzw. Ausschnitt und den differenzierten und vorsichtigen Originalbeitrag vergleichen.

    Psychiatrisches Wissen ist jedenfalls, dass Isolation, falsche
    freie Partnerwahl, Verlust des gewohnten Lebensumfeldes,
    anhaltende Gewalterlebnisse und natürlich auch arrangierte
    Ehen oder Beziehungen Depressionen auslösen können.

    Ob aber, in Folge “freier” Partnerwahlen in einem signifikant geringeren Maße Depressionen auftreten, das ist stark anzuzweifeln. Denken Sie nur einmal daran, wie sehr mit dem Grad der Wahlfreiheit der allseitige Anspruch an die getroffene Wahl steigt. Ob arrangierte Beziehungen weniger oder mehr Menschen psychisch krank, depressiv oder gestört sein lassen, als unsere Form der Partnerwahl, dazu sagt das Interview nichts.

    Letztlich geht es doch bei der Frage der arrangierten Ehe oder Zwangsehe um den Gedanken, dass ein Mensch in seiner Wahl “frei” sein sollte. Auch frei, unter Umständen an der je eigenen Wahl zu erkranken und zu leiden. Daher sind wir doch gemeinsam entschieden gegen arrangierte Beziehungen.

    Ein ganz wichtiger Hinweis im Interview mit der Charite´ Oberärztin: Die arrangierte Ehe sei oft die “einzige” Möglichkeit der Einreise für die Frauen!

    Ihre Überschrift könnte also allenfalls lauten:
    “Arrangierte Ehen können krank machen.”

    Ihre Art “Bloganreicherung” sichert vielleicht Leser, aber sie ist nicht korrekt. Auf ein Neues.

    Grüße

    C. Leusch

    Antworten

    • 21. April 2008 um 18:44 Uhr
    • Christoph Leusch
  9. Kommentar zum Thema

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