Ein Blog über Religion und Politik

Zwei merkwürdige Verteidiger der Geschichtswissenschaft

Von 9. Februar 2009 um 09:44 Uhr

Der Bischof Williamson, wegen seiner Leugnung des Holocaust in der letzten Woche vom Vatikan aufgerufen, seine anstössigen Äusserungen zu revidieren, hat in einem schriftlichen Interview mit dem Spiegel folgende Position eingenommen:

“Ich war aufgrund meiner Recherchen in den 80er Jahren von der Richtigkeit meiner Äußerungen überzeugt”, sagte Williamson in einem schriftlich geführten Interview mit dem Spiegel. Sollte er erkennen, dass er sich geirrt habe, werde er sich entschuldigen. Dazu wolle er aber zunächst “alles nochmals prüfen” und sich die historischen Beweise ansehen. “Und wenn ich diese Beweise finde, dann werde ich mich korrigieren. Aber das wird Zeit brauchen”.

Auf der Münchener Sicherheitskonferenz wurde unterdessen Herr Laridschani begrüßt, der iranische Parlamentspräsident und ehemalige Chefunterhändler in Atomdingen. Er sagte der “Süddeutschen” auf die Frage, ob er den Holocaust in Frage stelle:

“Ich bin kein Historiker, ich habe keine Meinung dazu. Einige sagen, der Holocaust habe stattgefunden, andere verneinen das. Aber warum sollen wir überhaupt darüber reden? Es ist egal! Es gibt viele wichtige aktuelle Themen in der Welt. Es wundert mich, dass dieses Thema in Europa das Weiterdenken verhindert. was geschehen ist, darüber müssen die Historiker reden. Ich weiß nicht, warum es so viel Sensibilität bei diesem Thema gibt.”

Fällt eine gewisse Gemeinsamkeit auf?

Der Hinweis auf die angeblich uneinige “Wissenschaft” dient beide Male zur Leugnung. Das ist mittlerweile ein fixes Muster geworden, auch gegenüber dem Armenier-Genozid wird so argumentiert: Die Historiker sind sich nicht einig, also kann man doch nicht von mir verlangen rundheraus zu sagen, ob das so stattgefunden hat oder nicht.

Man leugnet also nicht direkt und aggressiv die Fakten, sondern bezieht sich auf angebliche Expertenmeinungen, die kontrovers seien.

Das ist die Salon-Version des alten Antisemitismus, und eine besonders feige und fiese Weise zu argumentieren (besser gesagt: seine Ressentiments abzuladen).

“Wissenschaft” wird zum Instrument der Aushebelung der Wirklichkeit gemacht, statt ihrer Erkenntnis zu dienen.

Kategorien: Pseudodebatten
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Über Larijanis Äußerungen waren ja wieder alle Beobachter erstaunt. Warum eigentlich?

    http://weblog-sicherheitspolitik.info/2009/02/07/sicherheitskonferenz-iran-setzt-konfrontative-position-fort/

    • 9. Februar 2009 um 09:47 Uhr
    • Wachtmeister
  2. 2.

    @ JL
    “Das ist mittlerweile ein fixes Muster geworden, auch gegenüber dem Armenier-Genozid wird so argumentiert:”
    Welche Funktion hat eigentlich der Armenier-Genozid heute in der Politik, dass er immer wieder in die Diskussion gebracht wird? Schließlich ist Armenien ein Land, das bis heute besteht und in seiner Existenz kaum bedroht wird.

    • 9. Februar 2009 um 10:19 Uhr
    • AM
  3. 3.

    @ AM

    “Welche Funktion hat eigentlich der Armenier-Genozid heute in der Politik, dass er immer wieder in die Diskussion gebracht wird?”

    Der Armenier-Genozid ist das große Tabu-Thema in der türkischen Innenpolitik. Solange das nicht aufgearbeitet wird, ist m.E. für die Türkei kein Platz in der EU.

    “Schließlich ist Armenien ein Land, das bis heute besteht und in seiner Existenz kaum bedroht wird.”

    Dank russischer und iranischer (!) Unterstützung.

    • 9. Februar 2009 um 10:39 Uhr
    • Joachim S.
  4. 4.

    @ Joachim S.
    “Der Armenier-Genozid ist das große Tabu-Thema in der türkischen Innenpolitik.”
    Wieso ist ein Tabu-Thema der türkischen Innenpolitik international immer wieder Gegenstand von Diskussionen und sogar von Gesetzen in weit entfernten Ländern wie Frankreich? So ganz einsichtig ist mir das noch nicht.
    Nehmen wir doch mal Wikipedia:
    “Bei den größten Massakern und auf den Todesmärschen kamen je nach Schätzung etwa 300.000[1] bis zu über 1,5 Millionen[2] Armenier um”
    Das ist schlimm. Aber wenn man mit dem (ziemlich gewundenen und sehr viel vorsichtigeren) Wikipedia -Artikel über dieVertreibung der Deutschen aus Osteuropa 1944-1948 vergleicht, stellt man fest, dass dabei geschätzte 600000 bis gut 2 Mio Menschen ermordet wurden oder auf Todesmärschen umkamen. Wieso ist das nicht als Völkermord Gegenstand dauerhafter internationaler Erregung, sondern nur bei “Ewiggestrigen” in Deutschland? Schließlich gibt es auch mehr als einen Staat, in dem es ein Tabu-Thema ist, ohne dass dadurch die Aufnahme in die EU behindert wurde oder wird. Nach meiner Meinung geht hier gar nicht um die Aufarbeitung von Unrecht, sondern allein um die Begründung und Zementierung einer internationalen Hackordnung.

    • 9. Februar 2009 um 10:59 Uhr
    • AM
  5. 5.

    @AM:
    weil die massaker und todesmärsche an den armenieren gezieltes ergebnis jungtürkischer politik waren (ua auch von attatürk unterstützt), während die vertreibung der deutschen aus dem osten mit all ihren grausamkeiten schlicht ergebnis deutscher politik war — sowohl in den voraussetzungen als auch direkt und indirekt in den grausamkeiten (auftreten deutschlands in den überfallenen ländern wie auch die durchführung — oder vielmehr nicht-durchführung — von evakuationen beim heranrücken der front.)

    der genozid an den armeniern ist ja in der grundidee der kemalistischen türkei nicht fremd: ein ethnisch homogener staat. und solange die türkei nicht in der lage ist, den genozid anzuerkennen, ist nicht zu erwarten, dass eine dauerhafte wandelung im umgang mit ihren religiösen und ethnischen minderheiten eintritt.

    das wiederum gehört aber zur grundvoraussetzung für eine echte beitrittsperspektive zur eu.

    • 9. Februar 2009 um 11:20 Uhr
    • arne anka
  6. 6.

    AM

    Das Pikante am Armenier-Genozid war wohl, dass es um die eigene Bevölkerung ging (wie schon in den früheren Runden, zB in den 1890er Jahren), die da aus politischen und religiösen Gründen vernichet wurde.

  7. 7.

    “Wissenschaft” wird zum Instrument der Aushebelung der Wirklichkeit gemacht, statt ihrer Erkenntnis zu dienen.

    Wenn die Ulema beschliesst, dass die Erde flach ist, dann ist sie flach. Wenn Rom beschliesst, dass die Sonne um die Erde kreist, dann kreist die Sonne um die Erde. Irgendwie fand die Westkirche allerdings, dank den römischen und griechischen Wurzeln (Logik & Recht) einen Weg zur Wirklichkeit.

  8. 8.

    ps: warum muss man dieser argumentation mit der vertreibung der deutschen eigentlich immer noch entgegentreten? das sollte doch nun mittlerweilen jedem einigermassen intelligenten menschen klar sein, wenn er nicht gerade überzeugter nazi ist.

    • 9. Februar 2009 um 11:25 Uhr
    • arne anka
  9. Kommentar zum Thema

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