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Die Ratio der Anschläge von Moskau

 

Einem Bericht des renommierten amerikanischen Instituts für Sicherheitspolitik CSIS entnehme ich eine verblüffende Statistik:

Die Zahl von Selbstmordanschlägen im Nordkaukasus (der vermutlichen Herkunftsgegend der Moskauer Attentäterinnen) hat sich im letzten Jahr gegenüber dem Vorjahr vervierfacht:

An der linken Seite kann man die Zahl der Toten bei gewalttätigen Vorfällen ablesen.

In anderen Worten: Der Krieg, über den in unseren Medien kaum mehr berichtet wird, ist nicht etwa zuende, sondern geht mit größter Rücksichtlosigkeit weiter.

Im folgenden Bild sieht man die gewalttätigen Vorfälle – das heißt Aktionen des Militärs und der Aufständischen – nach Distrikten aufgeschlüsselt, alles im Jahr 2009:

Bemerkenswert, wieviel Aufmerksamkeit jedem Vorfall in Nahost zuteil wird – und wie wenig dem Krieg im Kaukasus. Das liegt natürlich erstens an der extrem restriktiven und repressiven Nachrichtenpolitik der Russen, der gegenüber die israelische geradezu transparent anmutet. Wo ist der Goldstone-Bericht über die Vorfälle aus der oben abgebildeten Statistik?

Aber zweitens liegt es auch an unserer Gleichgültigkeit. Und die dürfte durch das Moskauer Attentat weiter befördert worden sein. Wer Frauen in die U-Bahn schickt, damit sie dort Dutzende in den Tod reißen, kann mit keiner Empathie rechnen.

Ein Teufelskreis:

Da die ungeheure Zahl von Attentaten in Tschetschenien, Inguschetien und Dagestan nicht mehr wahrgenommen wird, trägt man den Kampf nun in die Hauptstadt. Darin liegt, bei aller Perfidie und Monstrosität der Moskauer Attacken, eine nicht von der Hand zu weisende Rationalität der Kriegsführung seitens der Aufständischen.

Es wird ihnen freilich nichts nützen. Sie liefern dem unvermeidlichen Rückschlag der russischen Regierung die Legitimation zu äußerster Härte: Wer so agiert, hat sich außerhalb der menschlichen Gesellschaft gestellt.

Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den Mudschahedin in Afghanistan in den Achtzigern, die sich als Bauern mit Stinger-raketen einer überlegenen Armee mit Panzern und Hubschraubern als ungleiche Kombattanten entgegenstellten.

23 Kommentare

  1.   Frl Mensa

    Da machen halt keine Juden mit. Deswegen ist’s uninteressant. Und maximal 150 Tote im Monat? Das ist doch Kinderkram. Nigerianische Islamisten erledigen das an einem Vormittag. http://www.taz.de/1/politik/afrika/artikel/1/hunderte-tote-in-nigeria-1/

  2.   docaffi

    Völlig richtig herr Lau. Bei aller verachtung für islamischen Fanatismus, muss man sich die Frage stellen, warum drei Frauen sich in die Luft sprengen. Ist es allein die religiöse Blindheit? Nein, es sind auch Racheakte und die Folgen eines brutalen Krieges. Es sind Frauen, die vielleicht ihre Männer und Kinder sterben sehen müssen und nichts mehr zu verlieren haben. Solche Menschen sind eben anfälliger rekrutiert zu werden und sind Kanonenfutter für islamistische Drahtzieher.

  3.   Antonio

    @ Jörg Lau
    „Wer Frauen in die U-Bahn schickt, damit sie dort Dutzende in den Tod reißen, kann mit keiner Empathie rechnen.“ — Die Palästinenser aber schon, oder wie darf ich diesen Passus verstehen? Schließlich schicken diese auch Frauen und Kinder vor, um das mörderische Werk auszuführen, was sich die bärtigen Schreibtischtäter jeweils ausgedacht haben. Wie erklären Sie sich also die Empathie für die palästinensischen Attentäter?

    Dass in den bundesdeutschen Medien kaum über die Ereignisse im Kaukasus berichtet wird und auch bei deutschen Feuilletonisten und Bürgern keinen Aufschrei bewirkt (genausowenig wie die 100.000 Toten im Tschetschenien-Krieg) liegt sicherlich einzig und allein daran, dass hier keine Israelis, respektive Juden, oder Amerikaner in irgendeiner Weise daran beteiligt sind.

    Ein Goldstone-Bericht würde zudem nichts Erhellendes über die Ereignisse vor Ort beitragen, schließlich wollen wir doch alle unabhängige und neutrale Untersuchungen, deren Ergebnis nicht schon vorher feststehen und überwiegend auf bloßem, ungeprüften Hörensagen beruhen.

  4.   PBUH

    >Es wird ihnen freilich nichts nützen. Sie liefern dem unvermeidlichen Rückschlag der russischen Regierung die Legitimation zu äußerster Härte

    So sieht das aus.

    Aber man darf nicht vergessen, die Islamos glauben wirklich sie hätten dank Allah die Weltmacht SU aus Afghanistan vertrieben, die glauben absolut fest, sie könnten das im Kaukasus wiederholen.

    Die russische Gesellschaft ist allerdings bereit absolute Härte mitzutragen, diese wird sogar gefordert.

  5.   PBUH

    @docaffi

    Mir kommen die Tränen.

    Die Islamos haben grundsätzlich keine Probleme Attentäter zu rekrutieren. Man wählt die aus, die die Message am besten rüberbringen.

    Die Islamos sind ja nicht blöde, die überlegen vorher wie die Medien über diese Taten berichten werden.

  6.   PBUH

    BTW: Sollten die Russen irgendwann Erfolg mit ihrem Ansatz haben, dann kommt der humanistisch verweichlichte und verschwulte Westen ganz schön unter Druck.

  7.   Antonio

    @ PBUH
    Der „verschwulte Westen“? Mir fällt dazu nur ein: Wer am lautesten quietscht, will geschmiert werden! Und waren etwa die alten Griechen nicht „trotz“ ihrer oft ungeniert gelebten Homo- und/oder Bisexualität (Stichwort: der „verschwulte“ Alexander der Große) dazu in der Lage, das persische Weltreich zu erobern? Oder waren die Ihrer entwaffnenden Logik zufolge die Perser etwa „verschwulter“ als die „Verschwulten“? So langsam glaube ich, dass das bei Ihnen pathologisch ist.

  8.   PBUH

    >Oder waren die Ihrer entwaffnenden Logik zufolge die Perser etwa “verschwulter” als die “Verschwulten”?

    http://sanseverything.files.wordpress.com/2008/03/300.jpg?w=460&h=300

    🙂

    BTW: Ich habe weder was gegen Schwule noch etwas gegen Frauen.

  9.   N. Neumann

    Nein, es sind auch Racheakte und die Folgen eines brutalen Krieges. Es sind Frauen, die vielleicht ihre Männer und Kinder sterben sehen müssen und nichts mehr zu verlieren haben.

    @ Docaffi

    Woher weißt du das?

    In der FAZ von heute findet sich ein Bericht, der besagt, dass die direkte Betroffenheitsthese auch von einer regierungskritischen russischen Autorin bezweifelt wird. Das deckt sich mit allen Erkenntissen in der mir bekannten wisseschaftlichen Literatur über Terrorismus: Die wenigsten Terroristen (darunter nicht nur islamistische) waren, bevor sie Terroristen wurden, unmittelbare Opfer der politischen Ordnung, die sie bekämpfen.

    Dergleichen einfache Rache-Thesen sind meistens Ausdruck von Hilflosigkeit bei der ursächlichen Erklärung von Terrorismus. „Rache“ wird sicher geübt. Allerdings ist es eben meistens die vergleichsweise unpersönliche und mittelbarere „Rache“ von Terrorganisationen und Terrornetzwerken, die ein Reiz-Reaktionsmuster von terroristischer Aktion und staatlicher Repression in Gang gesetzt haben.

    Solche Menschen sind eben anfälliger rekrutiert zu werden und sind Kanonenfutter für islamistische Drahtzieher.

    Es trifft zu, dass Terrororganisationen und Terrornetzwerke vereinzelt relativ willensschwache oder instabile Menschen (etwa „ehrlose“ Frauen oder geistig Behinderte) indoktrinieren und/oder für ihre blutigen Botschaften benutzen. Auf die Mehrheit solcher Akteure trifft dies jedoch nicht zu. Die meisten (daruter auch Frauen) sind Überzeugungstäter und haben sich aus freien Stücken dem Terror angeschlossen.

    Sofern terroristische Gruppen nicht über eine nennenswerte Form von Gebietsherrschaft verfügen, birgt das für sie – anders als für landläufige Sekten – ein zu hohes Misserfolgsrisiko: Wer nur zu 80% überzeugt ist und noch extra bearbeitet werden muss, neigt eher zu Wankelmütigkeit, wiederkehrenden Skrupeln und weniger Präzision.

  10.   Antonio

    @ Jörg Lau
    „Aber zweitens liegt es auch an unserer Gleichgültigkeit.“ … „…kann mit keiner Empathie rechnen“
    Inwiefern würde denn eine erhöhte Aufmerksamkeit im Westen einen Einfluss auf die Konflikte im Kaukasus ausüben? Die wahrscheinlichen Urheber der Anschläge hegen keinerlei Sympathien für den Westen. Könnten sie trotzdem mit für sie nützlichen Ergebnissen rechnen, falls den Zuständen in dieser Region mehr Beachtung geschenkt werden würde? Wohl kaum. Schließlich fehlen den Regierungen und der Öffentlichkeit in Europa und den USA die Mittel und der Wille, hier positiv auf den Verlauf der Konflikte im Kaukasus einzuwirken.

    Einerseits spielt sicherlich der Rohstoffreichtum Russlands eine Rolle, andererseits die vielleicht im Stillen vorhandene Hoffnung, eine Politik der harten Hand könnte diese Region zumindest oberflächlich befrieden. Am Entstehen eines islamistischen Staates im Kaukasus hat der Westen natürlich kein Interesse, auch nicht an der andauernden Instabilität. Zudem braucht man Russland (leider) bei der Bewältigung so dringender Probleme wie der drohenden atomaren Bewaffnung des Iran oder logistische Unterstützung für den Einsatz in Afghanistan usw.

    Also, was versprechen sich die Terroristen wohl von derartigen Taten, wie der in Moskau, außer durch die Terrorisierung der Bevölkerung Unruhe zu stiften und den Staat zu zunehmenden Repressalien zu zwingen, damit dieser langfristig destabilisiert wird und somit der Wille, die Ordnungsmacht im Kaukasus zu bleiben, geschwächt werden soll? Ich denke, die Terroristen wollen den Preis hochtreiben, denn Russland dafür zahlen muss. Sie hoffen, dass irgendwann die Kosten-Nutzen Rechnung aus russischer Sicht völlig aus den Fugen gerät.