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Warum Afghanen nichts vom 11. September wissen (wollen)

Von 22. November 2010 um 13:31 Uhr

Diese Zahlen sind ein Hammer:

Nach einer aktuellen Umfrage im Süden Afghanistans haben 90 Prozent der (männlichen) Bevölkerung (denn die Frauen kann man schwer befragen) nichts vom 11. September gehört. In anderen Worten: Sie wissen nicht, warum die Soldaten der westlichen Allianz seit fast einem Jahrzehnt in ihrem Land sind.

ICOS field research identified a significant lack of understanding of the history of the international community’s presence in the country. Many of the Afghans interviewed did not know about the events of 9/11, were unable to describe what democracy is, and were suspicious of international motives and actions.
At the grassroots level, the dissemination of the international community’s political narrative and public justification for its presence in Afghanistan is very limited. This creates a vacuum which the Taliban easily fills with its own information campaign.
Over 90% of interviewees in the south are not familiar with the events of 9/11 which brought NATO-ISAF to Afghanistan (p28) and 40% of respondents believe that foreigners are in Afghanistan to destroy the country, to occupy Afghanistan, or to destroy Islam (p27). Underlining another area of serious concern, 72% of southern interviewees view foreigners as disrespectful of their religion and traditions (p22).

Nun wird man vielleicht bei manchen Zahlen einige Abstriche machen können: Sind die 72 %, die Schlimmes über Fremde vermuten, nicht vielleicht der traditionellen Ablehnung alles “Fremden” in diesem verschlossenen Land geschuldet?

Es gibt eine hohe Analphabetenquote in Afghanistan, etwa zwei Drittel sind es landesweit.

Und können  wirklich 9 von zehn Männern in dem Land das Ereignis verpasst haben, das die Weltpolitik eines Jahrzehnts – und das Schicksal ihres Landes wohl noch über viele kommende Jahrzehnte – bestimmt?

Manche leugnen vielleicht das Ereignis per se, indem sie sagen, sie hätten noch nie davon gehört. Es ist ihnen vielleicht unangenehm zuzugeben, dass ihr Land in dieses Verbrechen verwickelt war, weil es Al-Kaida einen sicheren Hafen bot. Sie leugnen damit auch die Ratio der Intervention, die ja die Bedingungen für einen weiteren 11.September verhindern will, indem das Loch der Staatenlosigkeit gestopft wird und eine Nation Afghanistan aufgebaut wird, die eines Tages für ihre eigene Sicherheit zu sorgen in der Lage ist.

(Noch eine Zahl: Über 40 Prozent der befragten Afghanen wissen nichts Positives über die Demokratie zu sagen. Erstaunlich: 44 % wünschen sich eine größere Beteiligung der Frauen am politischen Leben, und das in der konservativsten Gegend des Landes.)

Aber dennoch: Diese Zahlen bleiben niederschmetternd. Ein so langer Krieg mit derart viel Medienaufmerksamkeit, mit zahllosen Gipfeln und Konferenzen, die sich sorgenvoll über Afghanistan beugen – und im Land selbst kommt nichts davon an? Selbst das Grundelement des Narrativs – dass der Krieg dort etwas mit 9/11 zu tun hat, wird nicht akzeptiert?

General Petraeus hatte in seinen neuen Richtlinien zur Aufstandsbekämpfung doch den Sieg im “Informationskrieg” gegen die Taliban als elementar bezeichnet. Petraeus steht für eine neue Transparenz, was die Ziele der Allianz und ihre Fehler angeht:

Be first with the truth. Beat the insurgents and malign actors to the headlines.  Preempt rumors.  Get accurate information to the chain of command, to Afghan leaders, to the people, and to the press as soon as possible.  Integrity is critical to this fight.  Avoid spinning, and don’t try to “dress up” an ugly situation.  Acknowledge setbacks and failures, including civilian casualties, and then state how we’ll respond and what we’ve learned.

Fight the information war aggressively. Challenge disinformation.  Turn our enemies’ extremist ideologies, oppressive practices, and indiscriminate violence against them.  Hang their barbaric actions like millstones around their necks. (Quelle)

Das ist ein bemerkenswerter Ton. Doch gemessen an den Daten, die die (afghanischen) ICOS-Interviewer in Helmand und Kandahar zu Tage förderten, muss man wohl von einer Sisyphos-Aufgabe reden.

Hunderte Millionen Dollar sind für den Kampf im “Informationskrieg” schon ausgegeben worden. Doch neun von zehn Menschen, für deren Sicherheit und Unabhängigkeit unsere Soldaten die Knochen hinhalten, wissen nicht, warum sie das tun (oder sie bestreiten die guten Absichten und Gründe, indem sie 9/11 leugnen). Uff.

Die Nachrichten sind nicht ganz schwarz, schreiben die ICOS-Forscher:

The news is not all bad: ICOS figures show several areas where the numbers, while remaining low, have improved. For example in June 2010, only 34% of interviewees in Helmand’s Marjah district thought that NATO-ISAF were winning the war, whereas in October, this figure has risen to 64%. In Nawa district, in June 2010 only 20% of interviewees thought recent military operations in their area had been good for the Afghan people, while in October 2010 this figure was 51%.

Sehr schön, jetzt muss man den Menschen nur noch klarmachen, wofür dieser Krieg vielleicht doch noch gewonnen (oder jedenfalls nicht verloren) wird.

Kategorien: Afghanistan, Außenpolitik
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Da wird klar, warum die Taliban Schulen sprengen.

    • 22. November 2010 um 13:47 Uhr
    • FreeSpeech
  2. 2.

    @ Lau

    sie haben recht, diese zahlen sind eine Katastrophe, egal ob aus unwissenheit oder aus *nicht-wissen-wollen* heraus.

    Sehr schön, jetzt muss man den Menschen nur noch klarmachen, wofür dieser Krieg vielleicht doch noch gewonnen (oder jedenfalls nicht verloren) wird.
    kann man das? Ernsthafte Frage – kann man menschen, denen die Grundwerte und -bedürfnisse, die basal sind, damit man überhaupt eine demokratische Herrschaft etwas Positives abgewinnen kann, anscheinend fehlt, Demokratie und Menschenrechten näherbringen?
    Die Frage ist also: haben diese Menschen überhaupt in ausreichendem maße die entsprechenden inneren einstellungen für duese Grundwerte & grundbedürfnisse, oder stecken sie (ethnologisch) noch in denkstrukturen fest, die diese bedürfnisse und werte in der breiten masse nicht aufkommen lassen?

    • 22. November 2010 um 14:03 Uhr
    • Zagreus
  3. 3.

    @Zagreus

    Ich habe gestern im ZDF die Dokumantaion über Hildegard von Bingen gesehen.
    Selbst das Deutschland zur Zeit Hildegards dürfte schon fortschrittlicher gewesen sein als das Afghanistan von 2010.
    Das gilt insbesondere für die Situation von Frauen.

    Afghanistan in Steinzeit mit einer dünnen Firnis aus importierter Zivilisation. Solange der Islam dort herrscht wird sich daran auch nichts ändern.

    • 22. November 2010 um 14:23 Uhr
    • tati
  4. 4.

    @ Zagreus

    So negativ sehe ich das gar nicht. Menschen sind Menschen.

    • 22. November 2010 um 14:28 Uhr
    • FreeSpeech
  5. 5.

    @ Freespeech

    “Menschen sind Menschen” – das stimtm, und sagt uns was?
    Das sie lernen können, zumindest über generationen hinweg? – ja, sicher.
    Der Mensch hat eine beispielhafte fähigkeit sich anzupassen.
    Muss er aber nicht zwingend – es gibt durchaus viele Beispiel, in denen Menschen auf einem steinzeitniveau, ja teilweise presteinzeitniveau stecken geblieben sind (zum teil unverschuldet – nämlich dann, wenn es keine ‘möglichkeit’ gab).
    Es gibt auch viele beispiele, daß menschengruppen kulturell steckengeblieben sind über sher, sehr lange zeiträume.
    Korrekterweise muss man sogar sagen, daß die veränderungsprozesse udn -geschwindigkeit, die seit dem 16./17. Jh. in Europa und seinen ablegern/epigonen vonstatten geht, einmalig weltgeschichtlich ist.
    Menschen und mit ihnen ihre kulturen ändern sich anscheinend nur aus notwendigkeit heraus – besteht keine dafür, bleibt alles beim alten, so *primitiv* dies auch sein mag.
    Es gab in Afganistan intern anscheinend keine notwendigkeit, sich einer internen dynamik anpassen zu müssen mehr irgendwann. Statt dessen sind kulturelle erscheinungsformen und denkschemata hochgekommen, die geeignet waren, den status-quo zu erhalten. Islam , so wie er in der mehrheit der afghanen anscheinend interpretiert wird, ist systemerhaltend – da eben dessen verständnis den bedürfnissen angepasst wurde (was absolut normal ist).

    • 22. November 2010 um 14:37 Uhr
    • Zagreus
  6. 6.

    @ Zagreus

    Ich denke, die Denkstruktur für Gegenseitigkeit ist in jedem Menschen. Die wird höchstens kulturell wegtrainiert. Wenn sie überhaupt definitiv wegtrainiert werden kann.

    Nicht zu vergessen ist da zB, dass es vor 40 Jahren kein Problem war, durch Afghanistan zu reisen und in Kabul in einem Park im Schafsack zu übernachten.

    • 22. November 2010 um 14:49 Uhr
    • FreeSpeech
  7. 7.

    Ich hoffe die Zahlen sind auch bei den Eierköpfn bei UNO und NATO angekommen und werden auch in Hinsicht auf zukünftige Konflikte eingeordnet.

    Ebenso wie im Irak waren in Afghanistan kaum Ansätze für das Nation Building vorhanden, während man das Land mit Waffen und Militär flutete. Dabei könnten sinnvolle, auf die jeweiligen regionalen Gegebenheiten angepasste, Informationskampagnen wirkungsvoller und nachhaltiger Impulse auslösen, als jeder Panzer und jede Bombe, geschweige denn die “Kollateralschäden” durch die allierten Truppen.

    • 22. November 2010 um 14:50 Uhr
    • Bounce
  8. 8.

    “Schafsack”, die soeben erfundene afghanische Variante des Schlafsacks.

    • 22. November 2010 um 14:52 Uhr
    • FreeSpeech
  9. Kommentar zum Thema

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