Ein Blog über Religion und Politik

Die Einsamkeit der Soldaten

Von 5. Juni 2011 um 17:46 Uhr

Gestern sah ich einen aufwühlenden Film mit Tobey Maguire, Jake Gyllenhal und Natalie Portman in den Hauptrollen – “BROTHERS”. Der Film ist ein Remake eines dänischen Films, der auch sehr gut sein soll (den kenne ich aber nicht). Er handelt von zwei ungleichen Brüdern, einem Soldaten und einem Ex-Kriminellen, und der Frau, die beide lieben.
Der eine Bruder geht zum zweiten Mal nach Afghanistan, während der andere gerade nach einer Haftstrafe (wegen Raubüberfalls) entlassen wird. Der Soldat stirbt bei einem Hubschrauberabsturz (oder so scheint es jedenfalls zunächst). Sein Bruder kümmert sich um die hinterbliebene Ehefrau (Portman), zu der eine tiefe Bindung entsteht.
Zusammen lernen die beiden, ohne den Bruder/Ehemann zu leben.
Doch dann stellt sich heraus, dass dieser gar nicht tot ist, sondern von den Aufständischen gerettet und gefangen gehalten wurde. Die Taliban wollen ihn und seinen Kameraden zwingen, auf einem Video die amerikanische Kampagne zu denunzieren. Lange verweigert er sich, trotz fürchterlicher Folter. Sein Kamerad bricht zusammen und macht die Video-Aussage.
Schließlich zwingen die Taliban Tobey Maguire mit vorgehaltener Waffe, seinen für sie wertlos gewordenen Mitgefangenen zu töten.
Er tut es in einem Anfall wahnsinniger Wut und Verzweiflung.
Schließlich wird das Lager der Aufständischen von den Amerikanern überrannt. Der Soldat wird befreit und nach Hause zurückgebracht.
Und hier beginnt für mich der bewegende Teil dieses Films, der mich fort von Afghanistan und zurück in meine eigene Kindheit transportiert hat.
Tobey Maguire ist großartig in der Rolle des Heimkehrers, der nicht wieder zu Hause ankommt. Niemandem kann er erzählen, was er getan hat um zu überleben, auch nicht der eigenen Frau. Vielleicht gerade ihr nicht, weil das Unglück nicht in die Familie getragen werden soll. Seine Kinder nehmen ihm übel, dass er abwesend war, als sie Geburtstag feierten. Er versteht ihre Witze nicht mehr, ihre kleinen Sorgen und Freuden. Er ist allein, eingesperrt in seinen Erfahrungen. Er will wieder ins Feld, zu den Kameraden, die ihn verstehen.
Ich war als Kind von solchen Männern umgeben, den ehemaligen Wehrmachtssoldaten, die an Leib und Seele verstümmelt waren. Der eine ohne Arm, der nächste ohne Bein, mein Onkel ohne Zehen. Ich konnte nicht mit ihnen reden, ich wollte ihre Geschichten nicht hören. Sie haben das als Anmaßung eines Nachgeborenen erlebt, als moralische Überhebung. Dabei war es zunächst einmal nur panikhafte Angst vor dem Grauen, das manchmal aufblitzte, wenn sie etwas erzählten. Mein Onkel Viktor (welche abgrundtiefe Ironie in diesem Namen) war nach vielen Jahren sibirischer Gefangenheit in das Eifeldorf zurückgekehrt, in dem er sein ganzes Leben verbracht hatte. Seine erste Reise war gleich nach Stalingrad gegangen.
Die Erfrierungen an den Füßen waren noch die geringste Wunde, die er mitgebracht hatte.
Einmal erzählte er von seiner Arbeit im Begräbniskommando des Lagers. Tage dauerte es, in dem Permafrostboden Gräber auszuheben. Auch die Leichen waren gefroren, wenn man sie aufeinander stapelte, erzählte er, “machte es ein Geräusch wie Holz”. Einer seiner Freunde erzählte, wie er nach den ersten tödlichen Schüssen auf feindliche Soldaten heulen musste – und wie dann später jegliche Empfindung beim alltäglichen Töten abstarb und es etwas völlig Normales wurde.
Ich antwortete auf solche Erzählungen mit Abscheu und zur Schau getragenen moralischen Grundsätzen, ich wurde Pazifist aus Horror vor den Abgründen, von denen die Männer erzählten. Es war eine Form der Abwehr. “Du hältst dich wohl für was Besseres”, tobte der Onkel, als ich ihm eröffnete, ich würde nicht zur Bundeswehr gehen. “Wir hatten damals keine Wahl.” Er hatte durchaus Recht, es lag eine gewisse Überheblichkeit in meinem Pazifismus, der mich nichts kostete. Aber er war auch neidisch auf mein Aufwachsen in historischer Unschuld, auf meine “Gnade der späten Geburt”.
Keiner wollte bei uns zu Hause die schrecklichen Geschichten hören. Ich kann das einerseits immer noch verstehen aus der Ungeheuerlichkeit der deutschen Schuld heraus. Aber heute tun mir die stummen, wütenden, verwundeten Männer leid, die damals an den deutschen Küchentischen saßen – und doch nie wirklich heimgekehrt sind.
Viktor war kalt und brutal geworden über seinen Erfahrungen. Alle hatten Angst vor ihm. Er sympathisierte mit den Neonazis, las die “National-Zeitung”. Zeitweilig habe ich ihn gehasst. Nicht alle Veteranen waren so wie er. Manche haben andere Konsequenzen gezogen. Ihm war das nicht gegeben. Sein Weg blieb bis zum Ende das Ressentiment. Er hat eine Spur des Unglücks in seiner Familie hinterlassen. Vielleicht können die Enkel sich eines Tages davon freimachen.
Tobey Maguire findet am Ende des Films die Kraft, von seinen Erlebnissen zu erzählen. Ob er wieder ins Leben zurück findet, bleibt offen. Ein Anfang immerhin ist gemacht.
Mein Onkel Viktor und Hunderttausende andere deutsche Besiegte haben das nach dem Krieg nicht geschafft. Lange konnte ich mir das offenbar nicht erlauben, und damit war ich wahrscheinlich nichts Besonderes: Doch heute erfasst mich Trauer bei dem Gedanken an Viktor, den Verlierer.

Kategorien: Afghanistan, Außenpolitik
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Sehr geehrter Herr Lau,

    Ihr Beitrag hat mich tief betroffen.

    Sie sehen es mir nach, dass mir noch ein paar Gedanken dazu gekommen sind, die ich hinzufügen möchte.

    Sie haben es nicht gesagt, das immer wieder Gesagte, Gedachte, Geschriebene “ihr wart ja selbst schuld”, das denen den Mund verstummen ließ, die hätten reden müssen, denen nachts die Menschen vor Augen kamen, deren Tod sie miterlebt hatten, die ihr Leid nicht einmal in ihrer Familie schildern konnten – und gar verheimlichen mussten, in welcher Einheit sie kämpften.

    Ein alter SS-Mann, – als Junge hoffend, dass der Krieg nicht zu Ende sei, bevor er Soldat werden konnte – gab mir vor wenigen Monaten seine Erinnerungen zu lesen. Er hatte in seinem kleinen Vorwort der Sehnsucht Ausdruck gegeben, endlich mit denen wieder vereint zu sein, die seinen Weg verstanden.Seinen Söhnen hatte er es nicht gegeben.

    Mein Schwager erzählte niemand von seinen Erlebnissen. Weder seine Frau noch seine Kinder wussten von seinem Leben zwischen 1942 und 1946. Das Leben für seine Familie Begann erst in der Zeit des Schwarzmarktes, des illegalen Beschaffens.

    Ich habe mich oft geschämt, einer Generation anzugehören, die über Menschen den Stab brachen und sie zum Schweigen verurteilten – ohne zu wissen, was ich (wir) taten.

    • 5. Juni 2011 um 18:39 Uhr
    • kwkd
  2. 2.

    @Jörg Lau

    Schöner Beitrag. Mein Pforzheimer Schwiegervater (Jg. 1936) erzählte mir letztens eine traurige kleine Geschichte. Nach den Bombenangriffen haben er und die anderen Kinder in der Nähe der Schmuckfabriken immer nach “Kettchen und so Zeug” gewühlt. Einmal wurden sie von einem Hilfspolizisten (HiPo) verfolgt, ein Kriegsversehrter mit nur einem Arm. Er packte das jungste Kind und wollte es mit auf die Wache nehmen. Die anderen Kinder haben sich mit Steinen bewaffnet und forderte ihn auf, das Kind laufen zu lassen. Als er sich weigerte, hagelte es Steine. Der Mann fing an zu weinen und lief weg. “Nachher wurde es mir klar, dass es ganz schön gemein war von uns. Der arme Kerle hatte im Krieg genug gelitten, und dann das.”

  3. 3.

    Scham kann nur empfinden, wer Anstand hat. Wer dazu steht, etwas oder jemanden ungerecht eingeschätzt zu haben.

    • 5. Juni 2011 um 20:57 Uhr
    • FreeSpeech
  4. 4.

    Ich war als Kind von solchen Männern umgeben, den ehemaligen Wehrmachtssoldaten, die an Leib und Seele verstümmelt waren. Der eine ohne Arm, der nächste ohne Bein, mein Onkel ohne Zehen. Ich konnte nicht mit ihnen reden, ich wollte ihre Geschichten nicht hören. Sie haben das als Anmaßung eines Nachgeborenen erlebt, als moralische Überhebung. Dabei war es zunächst einmal nur panikhafte Angst vor dem Grauen, das manchmal aufblitzte, wenn sie etwas erzählten.

    @ Jörg Lau

    Wobei einige, wohl unabhängig von individueller oder politischer Schuld oder Unschuld, nichts bis sehr wenig erzählt haben. So war mein (passiv) sozialdemokratischer Großvater väterlicherseits, der kein regulärer Kriegsteilnehmer war, im Gegensatz zu meinem Großvater mütterlicherseits, der den Krieg und die Gefangenschaft vergleichsweise glimpflich überstanden hatte, traumatisiert.

    Kurz vor seiner Einziehung fuhr ihm ein Lastwagen über beide Beine; als er nach längerer Zeit wieder halbwegs laufen konnte, wurde er fernab von zuhause irgendwo im heutigen Tschechien in die Rüstungsindustrie gesteckt, weil er als Facharbeiter zu den wenigen Kräften gehörte, die bestimmte Maschinen bedienen konnten. Über konkrete Erlebnisse aus dieser Zeit hat er aber offenbar nie mit irgendjemanden geredet. Jedes Jahr zu Sylvester verfinsterte sich seine Miene, spätestens als die Knallerei losging. Einmal fuhr er mich, was ansonsten überhaupt nicht seine Art war, wegen meiner kindlichen Passion für Feuerwerk barsch an und sagte irgendwas von, dass “dat wie im Kriech” und (sinngemäß) damit überhaupt nicht zu spaßen sei. Ich hatte für seine merkwürdigen Bemerkungen damals natürlich nicht das geringste Verständnis und sagte ihm deutlich, dass doch kein Krieg sei und der Krieg lustig gewesen wäre, wenn er ein Feuerwerk gewesen wäre. Er saß dann noch einige Minuten mit finsterer Miene schweigend da, bis ihn die anderen Erwachsenen durch direkte Ansprache wieder in die Normalität holten.

    Auch der Vater einer Cousine meiner Mutter hat offenbar auch nie jemanden etwas Näheres über seine Kriegserlebnisse erzählt. Der ganze Komplex Krieg war für ihn ein regelrechtes Tabuthema. Er verarbeitete seine Kriegserlebnisse mithilfe von gelegentlichen, einsamen Besäufnissen. Die bittere Ironie dabei war, dass dieser eigentlich unpolitische Mann die Nazis bereits vor der Machtergreifung wie die Pest hasste und sich nach Kriegsbeginn auf abenteuerlichen Wegen der Wehrmacht entzogen hatte, jedoch eines Tages von seiner Tochter empört angeschrien wurde (“WAS HABT IHR DAMALS GEMACHT?!?! WAS HABT IHR DAMALS GEMACHT?!?!”), nachdem sie eine Dokumentation über Auschwitz gesehen hatte.

    Mein Großvater mütterlicherseits hingegen, Feldwebel bei der Wehrmacht, eine Zeit lang irgendwo in Polen stationiert, irgendwann an den Westwall / die Westfront abkommandiert und relativ harmlos verwundet früh in amerikanische Gefangenschaft geraten, berichtete hin und wieder beinahe nüchtern, mithin erleichtert von Krieg und Gefangenschaft.

    • 5. Juni 2011 um 22:19 Uhr
    • N. Neumann
  5. 5.

    Sie haben es mal wieder gewagt sich ausserhalb Ihrer Komfortzone zu bewegen, props dafür!

    Ich muss aber feststellen, die Generation der offensichtlich traumatisierten Nachgeborenen kann von mir und der Geschichte kein Mitleid erwarten, wer Jahrzehnte lang den “Schuldkult” lebt ist am Ende eben doch ziemlich einfältig.

    • 5. Juni 2011 um 22:56 Uhr
    • Frieway
  6. 6.

    Mit diesem Thema bin ich in meiner Eigenschaft als Seelsorger sehr oft in Berührung gekommen. Die ganze Generation hat bis heute mit verdrängten Traumata zu kämpfen. Auch meinem Großvater ging es so. Man hatte ihn sogar als Teilnehmer des Volkssturms noch ganz am Ende bei Judenerschießungen in Dörfern jenseits der Oder eingesetzt. Bei dem Gedanken daran bekam er bis kurz vor seinem Tod immer wieder Heulkrämpfe. Das hielt ihn aber nicht davon ab, ständig auf die „Pollacken“ zu schimpfen, die ihm seinen Hof in Pommern „weggenommen hatten“.
    Das bekannte Problem ist dass das alles nach dem Krieg vollkommen verdrängt worden ist. Für die verlorenen Gliedmaßen gab es Prothesen, aber für die Schäden in den Seelen der Soldaten, aber auch der Frauen, die den Bombenkrieg und den Einmarsch der Roten Armee erlebt hatten oder der beteiligten Kinder, die jetzt auch ins Seniorenalter kommen, für diese inneren Flurschäden gab es keine Therapien. Niemand hat sich damals zeitnah darum gekümmert. Deshalb kommt das alles bei Vielen erst jetzt hoch, wo wir als Seelsorger mit ihnen in Kliniken, Altenheimen oder an Sterbebetten zu tun haben.
    Ebenso ist es auch mit der Schuld, die mancher auf sich geladen hat, wenn auch teilweise gezwungenermaßen. Auch da gilt, alles Verdrängte kommt irgendwann wieder zum Vorschein. Wichtig ist, wenn man selbst mit jemandem aus dieser Generation zu tun hat, immer das Zuhören. Aktiv zuhören, reden lassen, nicht so viel deuten oder interpretieren und möglichst gar nicht bewerten oder gar moralisch urteilen. So hilft man sowohl laut Lehrbuch, wie auch meiner Erfahrung nach den Leuten am meisten.

    Es gab in all dem Horror auch immer wieder Erlebnisse, die in ihrer Humanität überraschen und die Betroffenen auch oft ihr Leben lang geprägt haben. Am eindrücklichsten war mir die Geschichte eines alten Herrn aus Solingen, mit dessen Witwe ich Anfang der 90er gesprochen habe. Er war in Russland während des Rückzugs im Winter nach einem Beschuss seiner Kompanie mit der „Stalinorgel“ von seiner Truppe abgeirrt und wurde dann halb erfroren von einer russischen Bauernfamilie im Schnee aufgelesen. Nachdem sie ihn aufgepäppelt hatten, drückte ihm der Bauer ein orthodoxes Kruzifix in die Hand und bedeutete ihm mit Zeichensprache, dass ihn das beschützen würde. Dann wies er ihm den Weg zurück zu den deutschen Linien. Noch im Tod 50 Jahre später in Solingen hielt der alte Herr dieses Kruzifix umklammert.

    Empfehlen kann ich zu diesem Themenkomplex das Buch „Soldaten“ von Sönke Neitzel und Harald Welzer, das auf Abhörprotokollen von Gesprächen gefangener deutscher Soldaten aus alliierten Beständen beruht, die jetzt erst ausgewertet worden sind. Die Autoren versuchen soziologisch zu erklären, wie man als Normalbürger zu einem Täter im Rahmen solcher extremer Gewaltausbrüche wie den zweiten WK wird.

    • 5. Juni 2011 um 22:57 Uhr
    • cwspeer
  7. 7.

    OT

    • 5. Juni 2011 um 23:12 Uhr
    • tatix
  8. 8.

    @ Lau

    bewegende Geschichte – und nicht leicht, für keinen.

    Mit: “ Er hatte durchaus Recht, es lag eine gewisse Überheblichkeit in meinem Pazifismus, der mich nichts kostete.
    ahben sie recht – denn das war er und die eigentlichen Fragen hätten lauten müssen:
    a.) wie konnte es dazu kommen?
    b.) hätte ich da mit aller Wahrscheinlichkeit nach mitgemacht?

    Meine Großväter (ich habe 3 – ein Stiefgroßvater halt noch) haben relativ glimpflig gehandelt – der eine war schon sehr früh bei der Wehrmacht – exakter bei der Flag und sein einziges Erlebnis weg von Zuhause war der Einmarsch in Österreich. Den Rest hat er als Flaghelfer quasi daheim verbringen können und nach einer kurzzeitigen Gefangenschaft bei den Amis hat er als Fahrer bei diesen Arbeit gefunden.
    Der andere (Stiefgroßvater) war bei den Fliegern in Finnland – und seine Erzählungen drehten sich vor allem um Sauna-Erlebnisse in Finnland; es muss für ihn eine sehr schöne zeit gewesen sein, von Problemen hörte und spürte man nichts in seinen Erzählungen.
    Der dritte demonstrierte vor dem Warschauer Ghetto (wurde nicht eingezogen, war aufgrund einer Kopfverletzung wehruntauglich), wurde von der Gestapo dafür festgenommen und sein Stiefbruder hat ihn dort nach ein paar tagen wieder rausgeholt – den Rest des Krieges hat er bei der abwehr in Berlin gearbeitet indem er russische Funksprüche abhörte und übersetzte. Vor allem aber war er ein Playboy :P
    Negative Erlebnisse oder besser: Probleme aus dem Krieg, die die Leute belasteten und mich sich herumtrugen lange danach noch, gab es nicht, zumindest nicht spürbar für mich als kleiner Junge – der eine Onkel war in Stalingrad auch und in russischer Kriegsgefangenschaft, hat aber nie etwas darüber erzählt, obwohl er mich immer sehr gerne hatte und viel mit mir als jungen unternommen hatte.
    Ein anderer Großonkel blieb im Krieg als U-boot-kommandeur eines in der Biskaja verschollenen Bootes. Meine Großtante erzählte viel von ihm und ich habe seine Tagebücher und Logbücher seit seiner Kadettenzeit, aber halt nichts von schrecklichen Erlebnissen in einem U-Boot, sondern mehr seine Erlebnisse auf der dem Segelschulschiff etc….
    Auch weis ich, daß 2-3 Leute meiner Familie eine hohe Position in der Nazi-Zeit bekleideten – nur hatte ich mit denen nie Kontakt.

    Ich bin de facto einfach nicht mir: “ Ich war als Kind von solchen Männern umgeben, den ehemaligen Wehrmachtssoldaten, die an Leib und Seele verstümmelt waren. ” aufgewachsen – vielleicht habe ich auch deshalb ein etwas ‘entsprannteres’ oder ‘ferneres’ Verhältnis zur deutschen ‘Kriegs-Schuld’. Es ist einfach nichts, das mich emotional berührt und bedeutet für mich im Grunde auch nicht mehr als die deutsche Kriegsschuld zum 30-jährigen-Krieg. Es gab da einfach niemanden an dem ich eine ‘Schuldfrage’ hätte stellen können und es wurde mir auch relativ früh klar (Über Haffner vor allem, aber auch über Fest seiner Hitler-Biographie), daß ich aller Wahrscheinlichkeit nach in den end-dreissigern selbst ein Nationalsozialist geworden wäre aufgrund der ganzen Begeisterung und Aufbruchsstimmung der ‘Bewegung’ und der Stimmung aufgrund des Versailler Vertrages in der Weimarer Republik. Von daher fällt es mir halt einfach auch schwer jemanden im nachhinein zu verurteilen, der ‘nur’ Mitläufer, ‘kleiner Fisch’ war und im Grunde es auch jetzt als Übel ansah (obwohl er seine ‘besten’ Jahre damals verbrachte/weggeworfen hat). Auch die frage nach: was habt ihr gewußt? ist sehr dumm, wenn sie moralisierend daher kommt – da man immer mit einbeziehen muss: wann genau in welcher Lage – und was hätte man tun können (realistisch besehen).

    • 5. Juni 2011 um 23:21 Uhr
    • Zagreus
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)