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Israel vor einer dritten Intifada?

 

Das syrische Regime, das vor wenigen Tagen erst wieder auf die eigenen Leute geschossen hat – viele Dutzende sollen erst am letzten Freitag wieder bei Demonstrationen umgekommen sein –, hat einen Hoffnungsschimmer am Horizont gesehen:

Eine neue Intifada wäre die Lösung! Und also lässt die gleiche Regierung, die sogar Minderjährige zu Tode foltert, nur weil sie zu Hause Freiheit fordern, Hunderte von Palästinensern ungehindert auf die israelische Grenze zu spazieren. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Umso besser vielleicht, wenn möglichst viele von ihnen getötet werden? Dann kann endlich der Nahostkonflikt wieder den arabischen Frühling überlagern, der selbst vor Damaskus nicht halt gemacht hat.

Die Palästinenser, die bei den Naksa-Märsche gestorben sind, sie sind Assads Kanonenfutter. Niemals wäre es möglich, ohne das gnädige Auge des Diktators in Hundertschaften an der Grenze aufzutauchen.

Leider ist es zwar bei der jetzigen israelischen Regierung nicht auszuschließen, dass auch sie ein Interesse an einer Eskalation hat, weil dies den wachsenden Druck von ihr nehmen würde, wieder in Verhandlungen einzutreten.

Aber: Wer auf eine Grenze zu marschiert und sich weigert, nach mehrfacher Aufforderung stehen zu bleiben, der riskiert halt sein Leben. Das ist keine neue Erkenntnis und keine Besonderheit dieser Grenze.

Die israelischen Grenztruppen haben nach ersten Berichten alle nichttödlichen Mittel erschöpft, bevor sie scharfe Munition zu verwenden begannen. Sie haben mehrfach das Feuer eingestellt, um eine Versorgung der Verwundeten zu gewährleisten. Die Demonstranten haben diese Feuerpausen nicht beachtet und damit den Tod der Verwundeten in Kauf genommen.

Wenn die Palästinenser sich zu friedlichen Protesten gegen die Besatzung entschließen, ist das begrüßenswert. Wenn der Eindruck entsteht, es gehe hier doch darum, auf Teufel komm raus zu provozieren und Märtyrer zu produzieren, wird daraus nichts Gutes entstehen – zumal wenn das Ganze vom syrischen Regime ausgenutzt wird, das Hunderte seiner eigenen Leute umbringt:

“I would note that these protests were carried live on Syrian television” an Israeli official said. “They do not carry the protests against their own regime live. They made a decision to try to exploit this for their own purposes.”

Allerdings macht gerade diese Situation es um so dringlicher für Israel, zu einem Akteur im Friedensprozess zu werden, statt sich in der Defensive einzuigeln. Wer eine politische Alternative zu dieser dritten Intifada anbietet, nimmt seinen Gegnern ein Instrument aus der Hand. Wer das versäumt, arbeitet ihnen zu.

720 Kommentare

  1.   thYes

    Syrische Opposition: „Demonstranten waren bezahlt“

    Die syrische „Reformpartei“ berichtete unterdessen am Sonntag auf ihrer Internetseite, sie habe von Geheimdienstquellen erfahren, dass es sich bei den „Grenzstürmern“ um arme Bauern handle. Das Regime unter Präsident Baschar al-Assad habe Hunderten dieser Farmer jeweils 1.000 Dollar für die Teilnahme an dem Protestmarsch gezahlt. Es habe zudem versprochen, die Hinterbliebenen der von Israel getöteten Beteiligten mit 10.000 Dollar je Fall zu unterstützen. Auf der Seite heißt es: „In Syrien liegt das durchschnittliche Gehalt bei rund 200 Dollar pro Monat und diese verarmten Bauern können sich mit solch einer einmaligen Summe sechs Monate wirtschaftlich über Wasser halten.“ Die Opposition warf Assad vor, mit dieser Taktik „von seinen eigenen Massakern und seiner Brutalität abzulenken“, allein am Samstag und Sonntag seien in Syrien 100 Menschen bei Protesten gegen das Regime getötet worden.

  2.   M. Riexinger

    Leider ist es zwar bei der jetzigen israelischen Regierung nicht auszuschließen, dass auch sie ein Interesse an einer Eskalation hat, weil dies den wachsenden Druck von ihr nehmen würde, wieder in Verhandlungen einzutreten.

    Belech?

  3.   Brick

    „Wer auf eine Grenze zu marschiert und sich weigert, nach mehrfacher Aufforderung stehenzubleiben, der riskiert halt sein Leben.Das ist keine neue Erkenntnis und keine Besonderheit dieser Grenze.“

    Jupp. An der ehemaligen innerdeutschen Grenze hat man exzellente Erfahrungen mit einer derartigen Verhinderung von illegalen Grenzüberschreitungen gemacht.
    Plötzlich führen die Palästinenser auf wie der komische Inder friedlich und unbewaffnet und so. Dass man dafür erschossen ist ja wohl zwingend zu erwarten. Und ass mehrfach das Feuer eingestellt wurde, beweist die Menschlichkeit der Grenztruppen (oder aber die Angst das die Läufe zu heiß werden und sich verziehen).
    Und ja, wenn die Israelis Demonstranten ermorden sollte das genausowenig im Fernsehen gezeigt werden, wie wenns die Syrer machen. Das ist einfach unangenehme Publicity. Vielleicht sollte man sich überlegen in einem solchen Fall auf das Kamerateam zu schießen, sonst muss man so viel erklären. Zum Beispiel worin nun genau der Unterschied zwischen syrischen und israelischen Mördern besteht.

  4.   Jörg Lau

    @ M. Riexinger: Mittagessen mit Lieberman bei dessen Deutschlandbesuch.

  5.   M. Riexinger

    @ JL

    Intersubjektiv nachvollziehbar.

  6.   Serious Black

    @ JL

    Die einzigen, die derzeit ein Interesse an einem solch perfiden Ablenkungsmanöver haben, sind al-Assad und sein Sidekick Hassan Nasrallah.

  7.   Holger

    Also ist es die Schuld der Syrer, wenn israelische Soldaten palästinensische Demonstranten abknallen? Davon abgesehen, dass die Informationen darüber, dass alles nur ein Streich des Assad-Regimes war allesamt von Israel oder dem AIPAC-Mitglied al-Ghadry kommen. Vertrauen sie auch auf Hizbullah-Infos wenn es um Israel geht, Herr Lau?

    Also machen sie aus dem Akt des Demonstrierens eine Gewalttat und aus dem Erschießen der Demonstranten einen Akt der puren, verzweifelten Selbstverteidigung. Ist das ihr moralischer Standard?

    Trifft die Israelis mal wieder gar keine Schuld? Grenzzäune wurden ja nirgends eingerissen noch überquert. Wie auch schon im Südlibanon hat die IDF die Demonstranten auf fremden Staatsgebiet niedergeschossen. Noch dazu befindet sich die IDF im Golan auf besetztem Territorium.
    Demnach hat die Bevölkerung des Golans jedes Recht die Israelis auf dem besetzten Gebiet zu erschießen. Soldaten wie Zivilisten. Ihre Standards, Herr Lau.

    Bereits in den 50er und 60er Jahren haben die Palästinenser friedlich vor israelischen Grenzen demonstriert. Sie wurden zu hunderten erschossen. Alles nachzulesen bei rechten israelischen Historikern wie Benny Morris. Aber Geschichte interessiert sie nicht.
    Hinter ihrer Forderung an die Palästinenser nach friedlichem Demonstrieren steht einzig und allein die Forderung nach einer endgültigen Aufgabe.

    Wenn also nächstens afrikanische Flüchtlinge vor den Grenzen Italiens stehen, dann müssen sie auch dort dafür plädieren, dass diese erschossen werden. So ist das schließlich bei Grenzen, stimmts? Ihre Worte, ihre moralischen Standards. Dafür verabscheue ich sie Herr Lau.

  8.   M. Riexinger

    @ SB

    Lau hält die realistische Einschätzung der Akteure durch die Israelis für böse Absicht. Kapiert er irgendwie nicht.

  9.   Serious Black

    @JL

    >Wer eine politische Alternative zu dieser dritten Intifada anbietet, nimmt seinen Gegnern ein Instrument aus der Hand. Wer das versäumt, arbeitet ihnen zu.

    Echt? Da die PA niemals vom „Rückkehrrecht“, der Teilung Jerusalems und der „Grünen Linie“ abrücken wird, muß Israel also (mal wieder) ‚mutig‘ sein?
    Ich erinnere nur mal an das Resultat des Zweiten Libanonkriegs (keine Entwaffnung der Hisbollah) und den unilateralen Gaza-Abzug 2005! Israel bekam für diesen Abzug einen Brief von G.W. Bush an den sich sein Nachfolger offenbar kaum bzw. nicht gebunden fühlt. Also letztlich nur ein nahezu wertloses Stück Papier!

    Netanjahu wurde im Übrigen nicht gewählt, um noch mehr als Olmert oder Barak zu bieten(Was Arafat und Abbas aber auch nicht genug war.)

    Abgesehen davon, hat die derzeitige US-Adminstration bei allen Akteuren jegliches Vertrauen mutwillig verspielt.

  10.   peterpiper

    Ohne inhaltlich auf ihre Ausführungen einzugehen (da mir eine Auseinandersetzung mit linken oder islamischen antizionisten zu müßig ist ) ein sehr guter Artikel Herr Lau.