Ein Blog über Religion und Politik

Eldar Farbers „Deutsche Landschaften“

Von 28. September 2011 um 13:29 Uhr


Morgen erscheint in der ZEIT ein Dossier mit dem Titel "Das gelobte Land", in dem ich zusammen mit drei Kollegen der Frage nachgehe, wie Deutschland, unbemerkt von den Deutschen, zu einem Sehnsuchtsort für Menschen aus aller Welt werden konnte. Ich habe in diesem Zusammenhang den israelischen Maler Eldar Farber getroffen. Hier mein Part vorab:

Vor fünf Jahren stand der israelische Maler Eldar Farber auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück vor einem mächtigen Baum, als ihm eine merkwürdige Frage durch den Kopf ging: „Kennt dieser Baum meinen Vater?“
Farber beschloss, den Baum zu malen. Bäume sind seine Spezialität. In Israel war Farber schon ein gefeierter Landschaftsmaler, als er sich 2005 entschloss, nach Deutschland zu reisen. Er war 35, und es war sein erster, lange heraus geschobener Besuch in Deutschland. Seine Eltern hatten beide als Kinder den Holocaust überlebt, der Vater war in Ravensbrück Häftling gewesen, bevor ihn die Sowjetarmee später im Lager Sachsenhausen befreite.
60 Jahre danach fand sich Eldar Farber auf dem KZ-Gelände hinter Leinwand und Staffelei. Wie malt man einen solchen Ort, dem der Vater nur mit Glück entkommen ist und von dem man abends am Kinderbett, wenn die Eltern vom Krieg erzählten, schreckliche Dinge hörte? Über den weiten uckermärkischen Himmel schoben Schulen von Kumuluswolken dahin.
Eldar Farber ging mit Ravensbrück um, als wäre es ein Ort wie jeder andere. Es gibt kein Zeichen des vergangenen Schreckens auf dem Bild, überhaupt kein Drama, außer dem der Wolken, die hell leuchtend über der öden Hoffläche zwischen den Baracken dahinschieben. Ein schöner, stiller, herrlicher Sommertag in Deutschland: Eldar Farbers Bild ist das Dokument einer bestandenen Mutprobe. Er war da gewqesen, an jenem Ort, und er hatte sich nicht überwältigen lassen. Der Ort hatte keine Macht über ihn. Und damit konnte er anfangen, Deutschland zu mögen.

Viele tausende, vorwiegend junge Israelis haben sich dauerhaft in Deutschland, vor allem in Berlin niedergelassen. Man schätzt sie auf mindestens 3.000. Geringe Lebenshaltungskosten und eine coole Kunst- und Musikszene spielen natürlich eine Rolle, wie für Tausende anderer junger Leute aus aller Welt. Viele israelische Linke kommen auch, weil sie das politische Klima daheim zunehmend unerträglich finden. Aber etwas Besonderes tritt hinzu, und Eldar Farbers Ravensbrück-Bild zeugt davon: In Deutschland - und hier vor allem in Berlin - lässt sich für Israelis erleben, dass die Vergangenheit, die nicht vergehen will, eben doch keine Macht mehr über einen hat. Das ist eine euphorisierende und befreiende Erfahrung, von der Farber in seinem Atelier an der Stargarder Straße im Prenzlauer Berg kaum aufhören kann zu erzählen.

„Wenn ich meine Leinwand vor mir habe, kann mir nichts passieren. Sie ist mein Schild,“ sagt Farber. Er war eigentlich nicht nach Deutschland gekommen, um Orte des Schreckens zu malen. Im Gegenteil. Seit seinen Kindertagen in Tel Aviv hatte er eine Sehnsucht nach dem deutschen Wald. Als Junge hatte er sich ausgemalt, unter Bäumen zu leben: Sich eine Hütte bauen, Beeren pflücken, jagen. In Israel gibt es keine Wälder, in denen man sich verlieren kann. Der deutsche Wald aber kann auch sehr unheimlich sein.

Bei seinem ersten Besuch brauchte Farber die Leinwand fast ein bisschen mehr als Schutzschild denn als Arbeitsmittel. Er kam jedoch in den folgenden Jahren immer wieder. Heute teilt er sein Leben zwischen Tel Aviv, Jerusalem und Berlin auf. Er verbringt die warmen Monate hier und arbeitet weiter an seinem großen Projekt der „Deutschen Landschaften“.

Wenn man seine israelischen Bilder anschaut, ist man verblüfft, wie mitteleuropäisch die Natur bei ihm aussieht. „Deine Bilder sehen überhaupt nicht israelisch aus“, hat man ihm damals vorgehalten. Er glaubt fest daran, dass ihm das Bildgedächtnis seiner Eltern, die in Polen aufwuchsen, vererbt worden sei: „Der Wald ist in meinen Genen.“

In seinem Berliner Atelier an der Stargarder Strasse im Prenzlauer Berg steht ein neues Bild, das er soeben angefangen hat, eine smaragd- bis olivfarben schillernde Waldszene aus dem Tiergarten. Ein Sehnsuchtsort, an dem man sich auch verlaufen könnte. Man würde sich nicht wundern, ein Hexenhaus im Hintergrund zu sehen.

Aber da ist kein Haus. Eldar Farber findet den Urwald oder die Savanne mitten in der Hauptstadt. Nur sehr selten malt er Objekte oder Strukturen, die an den Menschen erinnern. Er hatte eine schwer fassbare Angst vor Deutschland, als er zum ersten Mal herkam. Mit jedem Bild, das er malte, nahm sie ab. Seine Eltern waren, anders als viele Überlebende, sehr offen mit ihren Erlebnisse umgegangen. Es gab keine Geheimnisse.

Erst als er in Berlin ankam, stellte er fest, dass diese Stadt in seiner Vorstellung bis dahin schwarzweiß gewesen war, wie in alten Wochenschau-Aufnahmen.
Als er vom Flughafen Tegel aus mit dem Taxi nach Mitte fuhr, erwischte er sich bei dem Gedanken, dass das Licht an einem langen Berliner Sommerabend wunderschön ist: „In Israel gibt es dieses weiche Licht nicht. Die Kontraste sind bei uns viel härter. Aber hier in Deutschland waren sogar in den dunklen Tönen lauter Nuancen zu erkennen.“

Er begann seine Sommer im „sanften Berliner Licht“ zu verbringen, wenn die gnadenlose Sonne in Tel Aviv das Arbeiten unmöglich machte: „In Israel herrscht dann die brutale Alternative gleißenden Lichts und schwärzesten Schattens.“ Er lässt immer ein deutsche Bild unvollendet, bevor er im Herbst zurückgeht. Das Bild wartet dann den Winter über auf ihn, und so kommt er immer wieder zurück. Er will kein Deutscher werden. Berlin zieht ihn an, weil er hier ohne Angst anders sein kann.
„Zu meinem eigenen Erstaunen“, sagt Eldar Farber, fühle er sich „bei den Deutschen auf eine verrückte und zugleich natürliche Art wohl“: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sage. Aber ich liebe die Ordnung hier, dass sich die Leute an Regeln halten.“

Zugleich ist es gerade das Undeutliche und Unfertige an den heutigen Deutschen, das ihn anzieht. Farber verfolgt die Debatten mit Interesse: Deutschland ist immer noch verstört von seiner Vergangenheit. Nun muss es in eine neue Rolle hineinwachsen. Es muß Kriege führen, den Euro retten, soll die Vereinigten Staaten von Europa schaffen. Das Land ist verwirrt, weil die Lektion der Geschichte, das „Nie wieder“, keine Antwort auf die neuen Herausforderungen ist.

Eldar Farber gefällt es, in einem Land mit unsicherer Identität zu leben. Israel ist viel zu belagert, um sich so viel Unbestimmtheit leisten zu können wie Deutschland heute. Israel muss sich stets behaupten. Viele Feinde zu haben, ist Teil seiner Identität. Deutschland ist ironischer Weise vom Feind der Menschheit zu einem Land ohne Feinde geworden, das nur noch von Freunden umgeben ist.
Es passiert ihm immer noch, dass neue Bekannte merkwürdig beklommen werden, wenn sie feststellen, dass er Jude und Kind von Überlebenden ist. Er macht sich nicht lustig über die beflissene und gewissenhafte Art, mit der die Deutschen auch in der dritten Generation der Normalisierung widerstehen. „Ich bewundere das. Man kehrt da nicht unter den Teppich, sondern setzt sich wirklich auseinander mit der Vergangenheit. Und zwar, weil man es selber braucht, nicht um meinetwillen.“

Seine deutsche Freundin, mit der er Englisch spricht, hat sich einmal fürchterlich geschämt, als sie ein unpassendes Wort für die Kollaboration der Europäer bei der Judenvernichtung gebraucht hatte: „Sie hatte gesagt, die Deutschen hätten damals viel 'outsourcing“ betrieben. Sie meinte die vielen Lager in ganz Europa. Ich musste über das Wort sehr lachen, aber sie hat fürchterlich geweint. Das war für mich ein befreiender Moment.“

Farbers „Deutsche Landschaften“ wurden letztes Jahr in Tel Aviv gezeigt. Viele alte „Jeckes“ – Israelis deutschen Ursprungs – kamen zur Vernissage. Alle Bilder wurden verkauft, bis auf das Bild aus dem Lager Ravensbrück.

Eldar Farber hat es seinem Vater geschenkt. Nun hängt es zuhause in Tel Aviv. Sein Vater liebt das Bild. Ein großer alter Baum steht im Zentrum, und der Himmel über Ravensbrück ist blau.

Kategorien: Israel, Wer sind wir?
Leser-Kommentare
  1. 1.

    „Viele „Linke“ Israelis kommen auch, weil sie den politischen Druck als unerträglich finden.“

    Sagte ich schon. Wobei man Links auch als Säkular bezeichnen kann.

    Die Nationalisten und Religiösen werden schon dafür sorgen, dass sie die absolute Mehrheit bekommen. Mit Repressionen. Das Wort Verräter an Israelis ist keine Seltenheit oder durch den Geburten-Jihad.

    • 28. September 2011 um 13:58 Uhr
    • Cem Gülay
  2. 2.

    „Nun muss es in eine neue Rolle hineinwachsen. Es muß Kriege führen, den Euro retten, soll die Vereinigten Staaten von Europa schaffen. Das Land ist verwirrt, weil die Lektion der Geschichte, das „Nie wieder“, keine Antwort auf die neuen Herausforderungen ist. “

    Also wenn dies Herr Faber gesagt hat (und es nicht Ihre Worte sind) Hut ab.
    So wie das „Nie wieder“ keine Antwort auf die neuen Herausforderungen ist, ist auch das Kopieren von aussenpolitischen Strategien der ehem. Besatzungsmaechte keine Antwort auf die heutige Zeit und ihre Verantwortlichkeiten.

    • 28. September 2011 um 15:17 Uhr
    • Mete
  3. 3.

    Geht mal jemand in berlin auf dem EInwohnermeldeamt nachfragen, wiviele Israelis tatsälich in Berlin leben?

    • 28. September 2011 um 22:57 Uhr
    • marriex
  4. 4.

    Ick gloob ick spinne.

    • 28. September 2011 um 23:13 Uhr
    • N. Neumann
  5. 5.

    @ NN

    ?

    • 28. September 2011 um 23:14 Uhr
    • marriex
  6. 6.

    @ MR

    Ich hätte auch sagen können: Ruf doch erst mal an oder schreib eine Mail, die haben dort auch Telefon und Internet.

    • 28. September 2011 um 23:19 Uhr
    • N. Neumann
  7. 7.

    @ NN

    Ich fürchte in Ballin muss man auf der Matte steht. Nei, im Ernst, mir ging es nur darum, dass JL mal wieder den unreflektiert dem neuesteh Hype hinterherrennt.

    • 28. September 2011 um 23:24 Uhr
    • marriex
  8. 8.

    @ MR

    Ich bin zwar nicht das Einwohnermeldeamt und habe keinen direkten Kontakt zu Israelis, die Zahl scheint mir jedoch, ebenso wie die Erklärung für dieselbe, relativ realistisch.

    • 28. September 2011 um 23:33 Uhr
    • N. Neumann
  9. 9.

    Ich habe direkten Kontakt zu Israelis und weiss zumindest, dass hier eine ganze Menge sind, denen es ziemlich gut gefällt.

    • 28. September 2011 um 23:43 Uhr
    • Andreas Wetter
  10. 10.

    Mehr als Dänen z.B., die kaufen hier vorzugsweise Immobilien, leben aber weniger häufig hier.

    • 28. September 2011 um 23:52 Uhr
    • N. Neumann
  11. 11.

    Studie – 100.000 Israelis haben deutschen Pass
    http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,765998,00.html

    • 29. September 2011 um 16:06 Uhr
    • Publicola
  12. 12.

    Israeli influx into Berlin – More and more Israelis are moving to Germany and around 12,000 of them have now made Berlin their home. Just like the thousands of other young people who flock there, they’re attracted by the creativity of the city.

    19/01/2010
    http://www.france24.com/en/20100118-israeli-influx-berlin

    • 29. September 2011 um 16:12 Uhr
    • Publicola
  13. 13.

    … Thousands of Israelis are living in Berlin, though nobody knows exactly how many. The German-Israel Society, which promotes ties between the two countries, puts the estimate at 8,000 …

    From: „Israeli expats flocking to Berlin for the culture and the passport“
    By Toby Axelrod
    July 5, 2011
    http://www.jta.org/news/article/2011/07/05/3088418/israeli-expats-flock-to-berlin-for-the-culture-and-the-passport

    • 29. September 2011 um 16:16 Uhr
    • Publicola
  14. 14.

    „Deutschland … muß Kriege führen …“

    Wer sagt denn das?

    • 29. September 2011 um 16:41 Uhr
    • kwk
  15. 15.

    Der Herr Farber

    • 29. September 2011 um 17:56 Uhr
    • Saki
  16. 16.

    Der Herr Farber ?
    Dann bin ich beruhigt.

    • 29. September 2011 um 18:03 Uhr
    • kwk
  17. 17.

    Ich verstehe das eher so, dass Herr Farber sich freut, in einem Land zu leben, das sich darüber streiten kann, ob es Kriege führen muss. In Israel entscheidet sich die Frage ja leider von selbst.

    • 29. September 2011 um 19:34 Uhr
    • Arjen van Zuider
  18. 18.

    With all the politics here, one tends to forget the essence. Here is a link to Eldar Farber’s wonderful works in his Gallery website: http://www.alonsegevgallery.com/TabNails.asp?ParentMenuID=1&MenuID=82&PageID=494

    • 30. September 2011 um 16:50 Uhr
    • Giora
  19. 19.

    Vielen Dank für den Link !!

    Henry

    • 30. September 2011 um 17:31 Uhr
    • Henry
  20. 20.

    Nationalisten = Nazis

    welche Nazis ? Bei den letzten Wahlen in Berlin haben die es nicht mal in den Senat geschafft

    • 30. September 2011 um 17:35 Uhr
    • Henry
  21. 21.

    Melderechtlich registrierte ausländische Einwohner am Ort der Hauptwohnung in Berlin
    am 31. Dezember 2010 nach ausgewählten Staatsangehörigkeiten

    Land der
    Staatsangehörigkeit Anzahl % Insgesamt Veränderung gegenüber dem Vorjahr

    Israel 2912 0,6 41 1,4

    http://www.statistik-berlin.de/pms/2011/11-02-04.pdf

    Ein echter Lau eben, wie die 18 Mio arabischstämmigen Brasilianer…

    • 1. Oktober 2011 um 18:40 Uhr
    • M. Riexinger
  22. 22.

    Nachdem ich wieder aus einem USA-Urlaub zurückkomme (guys,how are you doin’?), stelle ich mal wieder fest, wie hektisch und unentspannt es hierzulande im Alltag zugeht.

    • 2. Oktober 2011 um 06:18 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  23. 23.

    @ HJS

    Dasselbe aus der Perspektive von hier oben.

    • 3. Oktober 2011 um 10:37 Uhr
    • M. Riexinger
  24. 24.

    In Berlin sind im Jüdischen Museum übrigens grad einige der Landschaften von Eldar Farber zu sehen, in der Ausstellung HEIMATKUNDE:

    http://www.jmberlin.de/heimatkunde/ausstellung/ausstellungsinfo.php

    • 3. Oktober 2011 um 11:50 Uhr
    • HaaKaa
  25. Kommentar zum Thema

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