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Freiheit für den ägyptischen Blogger Alaa Abd El Fattah!

 

In Ägypten wurde vor wenigen Tagen der Blogger Alaa Abd El Fattah inhaftiert. Er weigerte sich, als Zivilist vor einem Militärgericht auszusagen. Der Hintergrund: Seine Darstellung der Ereignisse vom 9. Oktober, als zwei Dutzend Menschen bei Zusammenstößen mit den Sicherheitsorganen getötet worden waren, entspricht nicht dem Geschmack der Militärherrscher. Alaa ist ein prominenter Aktivist der Tahrir-Bewegung, die zunehmend unter den Druck der Herrschenden gerät. Es war ihm möglich, einen Brief aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Die deutsche Übersetzung verdanke ich Kristin Jankowski in Kairo.

Amnesty International ruft zu Alaas Freilassung auf. Hier gibt es die Möglichkeit, eine Petition zu unterschreiben. Es ist zu hoffen, dass sich die Bundesregierung in Gestalt des Außenministers oder seines Menschenrechtsbeauftragten Markus Löning der Sache annimmt.

Die Anzeichen für eine immer striktere Militärherrschaft sind unübersehbar. Die Bundesregierung darf dabei nicht zusehen – wie auch die übrige Weltgemeinschaft, die Anfang des Jahres mit den Demonstranten vom Tahrir-Platz gezittert hat. Hier der Brief, ein erschütterndes Dokument:

 

Ich hätte nie gedacht, die Erfahrung von vor fünf Jahren nochmal durchmachen zu müssen: nach einer Revolution, die den Tyrannen stürzte, kehre ich in sein Gefängnis zurück?

Erinnerungen überkommen mich, die Einzelheiten vom Leben der Inhaftierten: die Fähigkeit, auf dem Boden zu schlafen, neun Männer in einer Zelle, zwei mal vier Meter, die Lieder vom Gefängnis, die Gespräche. Ich kann mich aber überhaupt nicht mehr daran erinnern, wie es mir damals gelungen war, über Nacht meine Brille zu schützen. Allein heute ist schon dreimal jemand drauf getreten. Ich musste feststellen, dass ich dieselbe Brille auch letztes Mal im Gefängnis trug. Ich wurde damals, 2006, nach einer Demonstration für die Unabhängigkeit der Richter verhaftet. Jetzt bin ich wieder eingesperrt, warte wieder auf die Verhandlung und wieder werden mir irgendwelche fadenscheinigen Anschuldigungen gemacht. Der einzige Unterschied besteht darin, dass heute anstelle eines Staatsanwalts der Staatssicherheit ein Militäranwalt ermittelt: eine Veränderung, die zu unserer derzeitigen politischen Lage passt.

Alaa Abd El Fattah mit seiner Frau Manal Bahey El Din Hassan  Foto: privat

Letztes Mal war ich mit 50 Kollegen aus der Kifaya-Bewegung verhaftet worden. Dieses Mal bin ich alleine, in einer Zelle mit acht anderen, die nicht hier sein sollten. Sie sind arm und hilflos. Ihre Inhaftierung entbehrt jeglicher rechtlicher Grundlage. Das gilt sowohl für die Schuldigen als auch für die Unschuldigen unter ihnen.

Als sie erfahren haben, dass ich einer von den “Jugendlichen der Revolution” bin, haben sie angefangen, die Revolution zu verfluchen und davon gesprochen, dass es dieser Revolution nicht gelungen sei, das Innenministerium zu “säubern”. Die ersten zwei Tage habe ich damit verbracht, mir Foltergeschichten anzuhören. Sie handelten von einer Polizei, die sich stark dagegen wehrt, reformiert zu werden, von einer Polizei, die ihre Niederlage an den Körpern der Armen und Hilflosen rächt.

Diese Geschichten offenbaren mir die Wahrheit über die “Wiederherstellung der Sicherheit” auf unseren Straßen. Zwei meiner Mitinsassen sind zum ersten Mal im Gefängnis, zwei ganz normale Männer, ohne die geringste Spur von Gewaltbereitschaft. Ihr Verbrechen? “Bildung von bewaffneten Banden”. Aber klar, Abu Malak, die schwer bewaffnete Ein-Mann-Bande… Jetzt weiß ich, was das Innenministerium meint, wenn es uns jeden Tag von der Verhaftung gefährlicher Banden berichtet. Wir können uns wirklich zur Rückkehr der Sicherheit beglückwünschen.

In den wenigen Stunden, in denen Sonnenlicht in unsere dunkle Zelle vordringt, können wir das lesen, was ein ehemaliger Inhaftierter schön in arabischer Kalligraphie in die Wand eingraviert hat. Vier Wände sind vom Boden bis zur Decke mit Versen aus dem Koran bedeckt, mit Gebeten, Bittgebeten und Gedanken, die sich wie ein starker Wunsch nach Buße lesen.

Am nächsten Tag entdecken wir in einer Ecke das Datum der Hinrichtung dieses Häftlings und können die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Die Schuldigen planen ihre Buße. Und was können die Unschuldigen tun?

Ich lasse die Gedanken schweifen, während ich im Radio die Rede des Generals bei der Einweihung des höchsten Fahnenmasten der Welt höre – der bestimmt alle möglichen Rekorde brechen wird. Ich frage mich: Wenn der Märtyrer Mina Danial während meines Verfahrens als “Volksverhetzer” bezeichnet wird, bricht das nicht den Unverschämtheitsrekord? Sie sind bestimmt die Ersten, die nicht nur jemanden töten und dann an seiner Beerdigung teilnehmen, sondern auch noch auf seine Leiche spucken und ihr ein Verbrechen vorwerfen. Vielleicht bricht unsere Zelle ja sogar den Kakerlaken-Rekord? Abu Malak unterbricht meinen Gedankengang und sagt: “Bei Gott, wenn die Revolution nichts gegen dieses himmelschreiende Unrecht unternimmt, dann wird sie untergehen, ohne auch nur eine einzige Spur zu hinterlassen.”

Alaa Abd El Fattah

33 Kommentare

  1.   Thomas Holm

    Eine wohletablierte Schurkenherrschaft hat ihren kleptokratischem Leithengst in die Wüste geschickt; vielleicht ist das die Bilanz des Arabischen Frühlings in Ägypten.

  2.   Cem Gülay

    Der “Arabische Frühling” sollte umgetauft werden in einen islamistischen Frühling.

    So viele Fehleinschätzungen sichtlich der Umbrüche der Arabischen Welt und des Euros, lassen mich wirklich am IQ der West-Eliten zweifeln.

    Unglaublich. Da ist man fast sprachlos


  3. Von welchen Revolutionen sprechen wird denn immerzu euphorisch?
    Da ist der fromme Wunsch Vater der Gedanen. Wir erleben Umverteilungsbürgerkriege in denen viele hoffnungsvolle, oft junge Idealisten gnadenloss ge-/missbraucht und verbraten werden.


  4. ich zweifle auch an ihrem IQ.
    denken sie wirklich eine revolution lässt sich mal eben so durchsetzen?! natürlich nicht. sobald sich der medienrummel legt, versuchen die alten eliten sich wieder eizugliedern und schleichende gegenreformationen zu starten. es war vollkommen klar, dass die revolution mit dem absetzen des diktators nicht beendet ist. es war ebenso klar, dass die umstrukturierung eines unterdrückten landes nicht einfach werden würde. wir sprechen hier von einem land, in dem ein großer teil der bevölkerung keine ahnung von politik, geschichte oder revolutionen hat! demokratie muss man lernen und es ist wichtig dass die leute, die macht haben (in diesem fall der westen) den menschen helfen die keine macht besitzen und unserer hilfe bedürfen!
    wie lange haben wir bitteschön gebraucht um all die altnazis aus unserer BRD zu vertreiben?! wie lange hat es gedauert ost und west wieder zusammenzubringen (bzw wie lange dauert es noch?). wenn uns diese probleme im relativ aufgeklärten westen so lange beschäftigen, wie lange wird ein land wie ägypten also brauchen um sich zu erholen?!
    die revolution hat in diesem jahr erst angefangen und wird sich noch jahre hinziehen, eventuell erst durch einen generationenwechsel. jetzt jedoch den mut und das interesse zu verlieren diesen ländern zu helfen könnte genau zu dem führen was so viele biedermeier ankündigen: den rückschritt in den alten dikatorischen trott, der in diesen ländern leider vorherrscht(e).

  5.   Cem Gülay

    Luquegana

    Kluge und weise Worte. Die man vorher, bei der allgemeinen Berichterstattung und aus den Politikern Mündern nicht hörte.

    Warum zieht man dann aus Afghanistan ab. Dann soll man die nächsten hundert Jahre dort bleiben.

    Ihre Beispiele haben einen kleinen Haken. Da spielte die Religion keine Rolle

  6.   Marin

    Die Grundlegenden und Alles verändernden Revolutionen, wie sich das einige wohl auch für die arabische Welt erhoffen, sind wie die Geschichte mehrfach bewiesen hat extrem Blutrünstig. Solcher Art von Revolution fackeln zuerst alles ab um auf der Asche ein völlig neues Gewächs anzupflanzen. Und nur so scheint es erst zu den tiefgreifenden Veränderungen zu kommen. Das Wort “Terror” ist nicht ohne Grund ein Begriff aus der Französischen Revolution. Ganze Adels, Klerus Schichten wurden zum Schaffot gebracht, bevor der “Bürger” und “Demokratie” geschaffen werden konnte. Ebenso die Bolschewistische Revolution in Rußland (oder nocht krasser in Kambodscha) folgte dem Rat von Marx ganze Klassen auszurotten. Adel, Unternehmer, Großgrundbesitzer, Intellektuelle ja die gesamte Intelligenzia, Schriftsteller, Journalisten, Professoren wurden systematisch aus dem Weg geräumt und nur so konnte das Marxistische Projekt gestartet werden für das die Gesellschaft nie geschaffen war.

    Will das jemand tatsächlich für die arabische Welt? Und selbst wenn sich dies jemand erhofft damit eus deren Asche eine Kopie westlichen Musters erwächst. Die Araber haben, soviel dort auch gemordet wurde, ihre kulturellen Bremsen die sie davon abhalten jemals die europäischen Exzess nachzumachen.

  7.   Thomas Holm

    @ Cem Gülay

    “Warum zieht man dann aus Afghanistan ab. Dann soll man die nächsten hundert Jahre dort bleiben.”

    Dafür hat sich überraschend ein Freiwilliger gefunden.

    http://www.todayszaman.com/news-261673-afghanistan-pakistan-hope-tuesdays-summit-eases-tensions.html

    Das Bild allein ist der Hammer.

    Strategisch geht es um den Iran; der sagt (z.B. wegen Assad) ey, ich
    hab’ Kurden; und Erdogan will in Zukunft sagen: ey, ich hab’ Taliban.

  8.   Realist

    Träumer !

  9.   Spirit of Canakkale

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,795998,00.html

    Na, doch keine Chemiewaffen für die Hamas. Das stimmt mich irgendwie traurig, nach all der “Hoffnung”, die mir von deutschen Medien gemacht wurden. Und man stelle sich vor, Boden-Luft-Raketen landen erstmal auf Schwarzmärkten für Waffen. Was bin ich überrascht! Das geht aber nun wirklich nicht!