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Warum Putin Russland ruiniert

Von 16. Dezember 2011 um 12:32 Uhr

In einem erfrischend offenherzigen und meinungsfreudigen Interview sagt Edward Luttwak etwas Interessantes über das Russlands Problem mit Putins Führerschaft. Vielleicht ist, was Luttwak hier beschreibt, noch entscheidender als das demokratische Defizit Russlands, das sich derzeit durch die manipulierten Wahlen so krass dokumentiert. (Vielleicht ist es auch der Kern dieses demokratischen Defizits.) Was mich im Vergleich interessieren würde: Wie erklärt sich in dem autoritären System Chinas die größere Kreativität der Bürokratie, die das Land vom Entwicklungsland zum Wirtschaftsriesen gemacht hat?

David Samuels: I would start with the moment when George W. Bush met Vladimir Putin and said, “I looked into his eyes and saw this was a man I could really trust.” So, my thesis is this: If you’re Vladimir Putin, and you rise to the top of this chaotic and brutal society after going through the KGB, you must be some kind of strategic genius with amazing survival skills, because the penalty for failure may be torture or death. This kind of Darwinian set-up exists in many countries around the world. What does it mean to be head of the security services in Egypt? It means that you had to betray your friends but only at the right time, and you had to survive many vicious predators who would have loved to kill you or torture you, or otherwise derail your career. By the time you become Vladimir Putin or Omar Suleiman, your ability to think ahead and analyze threats has been adequately tested.

By contrast, what does it take to become a U.S. Senator? You have to eat rubber chicken dinners, you have to impress some rich people who are generally pretty stupid about politics, and smile in TV commercials. The penalties for failure are hardly so dire. And so, American leadership generally sucks, and America is perennially in the position of being the sucker in the global poker game. That’s the thesis. So, tell me why it’s wrong.

Edward Luttwak: Even if your analysis is totally correct, your conclusion is wrong. Think about what it means to work for a Putin, whose natural approach to any problem is deception. For example, he had an affair with this athlete, a gymnast, and he went through two phases. Phase one: He concealed it from his wife. Phase two: He launched a public campaign showing himself to be a macho man. He had photographs of him shooting a rifle, and as a Judo champion, and therefore had the news leaked that he was having an affair. Not only an affair with a young woman, but a gymnast, an athlete. Obviously such a person is much more wily and cunning and able to handle conflict than his American counterpart. But when such a person is the head of a department, the whole department is actually paralyzed and they are all reduced to serfs and valets. Therefore, what gets applied to a problem is only the wisdom of the aforementioned wily head of the department. All the other talent is wasted, all the other knowledge is wasted.

Now you have a choice: You can have a non-wily head of a department and the collective knowledge and wisdom of the whole department, or else you can have a wily head and zero functioning. And that is how the Russian government is currently working. Putin and Medvedev have very little control of the Russian bureaucracy. When you want to deal with them, and I dealt with them this morning, they act in very uncooperative, cagey, and deceptive ways because they are first of all trying to protect their security and stability and benefits from their boss. They have to deceive you because they are deceiving their boss before he even shows up to work. And they are all running little games. So, that’s the alternative. You can have a wily Putin and a stupid government. Or an intelligent government and an innocent head. There’s always is a trade-off. A Putin cannot be an inspiring leader.

Kategorien: Außenpolitik, Russland
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Naja, Lau, erst einmal eine kritische Zurechtrückung:

    Was mich im Vergleich interessieren würde: Wie erklärt sich in dem autoritären System Chinas die größere Kreativität der Bürokratie, die das Land vom Entwicklungsland zum Wirtschaftsriesen gemacht hat?

    Beide Länder sind Wirtschaftsriesen – Sowohl Russland als auch China. Und beide Länder sind Zweite-Welt-Länder. China ist ein Wirtschaftsriese, aber man sollte nicht vergessen, daß es in China auch sehr, sehr viel Armut und vorindustrielle Zustände gibt.
    Der Wirtschaftsboom gründet sich über weite strecken auf sehr schlechte Arbeitsbedingungen, ‘Billiglöhne’ und wirtschaftlich gut geht es vor allem der Küstenregion Chinas, im Landesinneren sieht es aber über weite strecken katastrophal aus.

    Was die Unterschiede zwischen Russland und China anbelangen, würde ich die etwas anders fassen – Mentalitäsgeschichtlich nämlich.

    Ich glaube als eine grobe Erklärung kann die unterschiedlichen Regierungsweisen herhalten, denen sich die jeweiligen Bevölkerungen ausgesetzt haben und die sich meiner Meinung nach noch bis heute in den Köpfen befinden.
    Russland ist ein land, das vor allem von starken Zaren regiert wurde, unter denen Großadlige, Bojaren, dienten. Auch Stalin und die seine Nachfolger waren vor allem auch: starke Führungsfiguren, die relativ brutal ihre Machtinteressen und ihre Vormachtsstellung durchsetzen. Die ‘Fürsten’ verfügten über jeweils eigene große ‘Besitzungen’ (ob land, oder ob die quasi absolutistische macht über bestimmte Institutionen ist egal), die sich alle dieser starken autokratischen Führungspersönlichkeit unterordneten, ohne dabei nicht auf schwächen bei ihr zu achten bzw. bei den jeweiligen Konkurrenten.
    Die Bürokratie spielt(e) dabei eine relativ untergeordnete Rolle – der ‘starke’ mann, der ‘Anführer’ steht im Fokus.
    Das ganze ist mehr sowas wie ein Wolfsrudel, wenn der vergleich der Anschaulichkeitshalber gestattet sei.

    China hingegen wird/wurde auch von Führern geleitet, diese waren aber idR. sehr schwache Figuren nur, bzw. Figuren, die hinter Mauern tätig waren. Der Kaiser saß in der verbotenen Stadt in seinen hochgradig abgeschirmten Palast und Verwaltungsbeamte, die Mandarine, setzten seinen Willen um. Fürsten in diesen Sinne gab es so gar nicht, wie in Europa bzw. in Russland. Starke Anführer gab es wohl ab und zu auch, z. B. die Mongolenkaiser oder Mao. Nicht ganz so starke Kaiser wurden aber einfach von einer sehr starken Bürokratie eingewebt und traten quasi nicht in Erscheinung als Machtinstanzen.
    Was dafür dort wesentlich ausgeprägter ist, daß ist die Bürokratie und entsprechende Herrschaftsformen, die mehr auf Partizipationen und Kompetenzverschiebungen anstatt individualisierten Machtzentren abgestimmt sind.
    Das spiegelt sich auch an den ‘Glaubenssystemen’ – in China der Konfuzianismus, mit seiner sehr starken Staatsausrichtung, in Russland das orthodoxe Christentum, das sich der weltlichen Macht, also dem Autokrator, dem Zaren (Caesar) als letztendlichen Anführer und Beschützer der (russischen) Christenheit, unterordnete (im Gegensatz zu Katholizismus im westlicheren Europa).
    Und ich denke, daß dies immer noch die jeweiligen politische Subtexte bilden, die die wesentliche Grundlage der Unterschiede in politischer (und wirtschaftlicher Hinsicht) sind zwischen Russland und China – nämlich sich über die jeweiligen Mentalitäten unterscheidenden arten und Auffassungen von ‘Herrschaft’.

    • 16. Dezember 2011 um 13:12 Uhr
    • Zagreus
  2. 2.

    @ Zagreus: Sie haben das Gas vergessen, das auch sehr vieles erklärt, ebenso wie seine Abwesenheit in China.

    • 16. Dezember 2011 um 13:28 Uhr
    • Jörg Lau
  3. 3.

    Warum bereue ich nur irgendwas geschrieben zu haben….?

    • 16. Dezember 2011 um 14:30 Uhr
    • Zagreus
  4. 4.

    @ Zagreus

    Mentalität ist haram. Es gibt sie nicht. Alles ist Brei.

    • 16. Dezember 2011 um 14:34 Uhr
    • FreeSpeech
  5. 5.

    @ Zagreus, Jörg Lau

    China ist in der Breite technologisch besser aufgestellt als Russland. Ich nehme sogar an, dass der technologische Abstand Russlands zu anderen Industrienationen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mithin noch gewachsen ist. Das erklärt sich nicht nur durch die anteilig mehr durch Rohstoffe getriebene, tendenziell innovationsaverse Wirtschaft Russlands, sondern durch das vergleichsweise höhere Maß an Korruption in der gesamten russischen Bürokratie. China hat zwar auch erheblich mit Korruption zu kämpfen, aber man kann sagen, dass sie zumindest teilweise erfolgreich bekämpft wird. Und das wiederum impliziert ein deutlich unternehmerfreundliches Wirtschaftsklima als in Russland. Wenn sie nicht gerade Giganten sind, müssen sich russische Unternehmer durch vergleichsweise höhere Kosten mit der Bürokratie arrangieren. Und wahrscheinlich werden auch die direkten Kosten, die dem russischen Staat durch seine vergleichsweise weniger effiziente Bürokratie entstehen, relativ geringer sein als die des chinesischen.

    Einen näheren, gut leserlichen Aufschluss über die Kulturgeschichte der Korruption in Russland bietet übrigens “Das korrupte Imperium” von Kerstin Holm (FAZ).

    http://www.amazon.de/Das-korrupte-Imperium-Bericht-Russland/dp/3423343710/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1324041563&sr=1-1

    Russland ist ein land, das vor allem von starken Zaren regiert wurde, unter denen Großadlige, Bojaren, dienten. Auch Stalin und die seine Nachfolger waren vor allem auch: starke Führungsfiguren, die relativ brutal ihre Machtinteressen und ihre Vormachtsstellung durchsetzen. Die ‘Fürsten’ verfügten über jeweils eigene große ‘Besitzungen’ (ob land, oder ob die quasi absolutistische macht über bestimmte Institutionen ist egal), die sich alle dieser starken autokratischen Führungspersönlichkeit unterordneten, ohne dabei nicht auf schwächen bei ihr zu achten bzw. bei den jeweiligen Konkurrenten.
    Die Bürokratie spielt(e) dabei eine relativ untergeordnete Rolle – der ‘starke’ mann, der ‘Anführer’ steht im Fokus.

    @ Zagreus

    Wenn der starke Mann im Fokus steht, folgt daraus nicht, dass die Bürokratie keine Rollen spielt(e). Wenn ich das oben erwähnte Buch von Kerstin Holm noch richtig im Kopf habe, führte die Bürokratie in Russland auch unter Stalin ein Eigenleben. Auch (scheinbar) totale Führer, die jeden umbringen lassen können, den sie umbringen wollen, können gegenüber der Bürokratie gewissermaßen machtlos sein.

    • 16. Dezember 2011 um 15:07 Uhr
    • N. Neumann
  6. 6.

    @NNeumann

    Wissen Sie was der Unterschied zwischen Korruption in Russland und Korruption in China ist?

    In beiden Ländern bekommt die Baufirma des Ministersohnes den Auftrag für die neue Straße, nur in China wird die Straße dann auch gebaut.

    • 16. Dezember 2011 um 17:32 Uhr
    • Mates
  7. 7.

    Mates

    Der war gut

    • 17. Dezember 2011 um 03:03 Uhr
    • Cem Gülay
  8. 8.

    @Jörg Lau:
    “Vielleicht ist, was Luttwak hier beschreibt, noch entscheidender als das demokratische Defizit Russlands, das sich derzeit durch die manipulierten Wahlen so krass dokumentiert. (Vielleicht ist es auch der Kern dieses demokratischen Defizits.) Was mich im Vergleich interessieren würde: Wie erklärt sich in dem autoritären System Chinas die größere Kreativität der Bürokratie, die das Land vom Entwicklungsland zum Wirtschaftsriesen gemacht hat?”

    Das Rußlandbashing ist neben der Politischen Korrektheit und der Inländerfeindlichkeit eine der Konstanten hiesiger Journaille.

  9. Kommentar zum Thema

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