Ein Blog über Religion und Politik

Islamistischer Kulturkampf in Ägypten?

Von 9. Januar 2012 um 12:42 Uhr

Die Tatsache, dass das islamistische Lager bei den Wahlen in Ägypten einen Zweidrittelsieg davonzutragen scheint, ist für alle Beobachter (innen wie außen) frappierend. Mit einem so eindeutigen Ergebnis hatte kaum jemand gerechnet. Die Muslimbrüder würden sehr gut abschneiden, das war klar. Aber dass die Salafisten auch derartig abräumen würden, hatten die wenigsten auf der Rechnung.

Nun sind zwei wichtige Fragen zu klären: Gibt es ein islamistisches “Lager” – und ist das Ergebnis tasächlich so eindeutig? Mit anderen Worten: Um welche Art von Mandat des Wählers handelt es sich? Beziehungsweise: Wie werden die siegreichen Parteien es auslegen?

Die Muslimbruderschaft steht vor einer Wahl, die sie sich so wohl auch nicht vorgestellt hatte. Man war darauf eingestellt, nun endlich den Lohn für Jahrzehnte der Untergrundarbeit einzuheimsen und den Sieg über die verhassten Säkularen einzufahren. Das ist zwar einerseits gelungen, aber die Freude ist getrübt durch das erfolgreiche Abschneiden der Salafisten, die die MB gesellschaftspolitisch locker in allen Belangen rechts überholen. Die MB wird also überhaupt keine Zeit haben, sich als konservativer Anker der islamischen ägyptischen Gesellschaft zu profilieren. Sie wird sich von Anfang an als Partei der Mitte profilieren müssen – analog zu den konservativen christlichen Parteien Europas.

Oder: Sie macht gemeinsame Sache mit den Salafisten und rückt entschieden nach extrem rechts. Das würde aber möglicherweise ihre Stellung als Partei der konservativen Aufsteiger gefährden (der Ärzte, Ingenieure und Studenten), die schon aus eigenem wirtschaftlichem Interesse keine Isolation Ägyptens im Zeichen der langen Bärte und Pumphosen wünschen.

Wie sich die MB entscheidet (und ob sie das tut), wird die eigentliche Zukunftsfrage Ägyptens werden. Das gute Abschneiden der Extremisten zu ihrer Rechten ist für die Muslimbrüder jedenfalls eine hoch ambivalente Angelegenheit. Einerseits bestätigt es das eigene Weltbild von Ägypten als einem zutiefst islamisch geprägten Land. Andererseits zwingt es die MB zur Präzisierung ihrer politischen Vorstellungen im Kontrast zum Salafismus – und nicht zu denen der säkularen Kräfte, wie man es gewohnt war. Das kann unangenehm werden, denn nichts scheut man unter islamistischen Brüdern so sehr wie eine offene Debatte über den rechten Weg.

Einen Vorgeschmack kommender Kulturkämpfe im islamistischen Lager liefern die Vorgänge um die selbst ernannte religiöse Sittenpolizei junger Salafisten. Diese Komitees, die sich an den saudischen Moralwächtern orientieren, haben begonnen, Inhaber von Geschäften zu terrorisieren. Natürlich geht es gegen den Verkauf von Alkohol, gegen Glücksspiel und dergleichen. Aber auch Schönheitssalons sind schon ins Visier der Bärtigen geraten. In der Stadt Benha im Nildelta ist eine Truppe von Sittenwächtern von den Frauen verprügelt worden, wie Bikyamasr berichtet:

“when they burst into a beauty salon in the Nile delta town of Benha this week and ordered the women inside to stop what they were doing or face physical punishment, the women struck back, whipping them with their own canes before kicking them out to the street in front of an astonished crowd of onlookers. (…)

In addition to invading shops, the ‘morality police’ also smashed Christmas trees and decorations in front of stores and malls, declaring the celebration of Christmas ‘haram’ or forbidden. Salafi sheiks have also banned the sending of Christmas greetings, prompting the more moderate Muslim Brotherhood to broadcast messages of Christmas cheer to their Christian brethren.”

Eine interessante Situation ergibt sich daraus auch für die Al-Azhar-Universität, die vom ägyptischen Staat kooptierte und kontrollierte, viel zitierte “höchste sunnitische Autorität”. Genau wie die MB muss sie nun eine Haltung zu den Salafisten finden, die sich anschicken, den reinen Islam nach ihrem Verständnis mit Straßenterror und Einschüchterung per Bambusrute durchzusetzen.

“Sunni sheiks from Cairo’s respected Al Azhar mosque and university called an emergency meeting January 4 to discuss the problem, and declared that the Salafi morality police had no legitimate or legal authority on the street, according to Ahramonline.

Two days later, Egyptian former mufti Nasr Farid who was once responsible for issuing religious edicts or fatwas based on Sharia law agreed, stating that the young vigilantes were usurping state authority and did not have the jurisdiction to impose their concept of religious law.

In response, the group pointed to the al Nour party’s recent election triumph in which they won nearly 30 percent of parliament seats, as giving them a mandate to enforce Sharia law. They claimed they not only had the backing of members of Al Nour’s leadership council, but that al Nour leadership had in fact provided the funding to mobilize young volunteers.

The Al Nour party’s Facebook page however denied financing the group.

In a desperate effort to gain control of their public message, Al Nour party officials have tried to control the actions of their followers and silence individual Salafi sheiks, like Abdel Moneim el Shahat in conservative Alexandria, who has suggested covering the “obscene” figures on Egypt’s ancient monuments with wax.

The young members of the morality police held their first meeting this week, according to a report in the Al Masry Al Youm newspaper, ‘to determine the tasks and geographical jurisdictions of the first volunteers, who would monitor people’s behavior in the street and assess whether they contradicted God’s laws. Volunteers would wear white cloaks and hold bamboo canes to beat violators and later would be provided with electric tasers’.”

Wie auch immer der Machtkampf im islamischen Lager ausgeht, eines scheint fest zu stehen: Für Ägyptens Frauen, für religiöse Minderheiten und säkular gesinnte Bürger kommen harte Zeiten.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    In response, the group pointed to the al Nour party’s recent election triumph in which they won nearly 30 percent of parliament seats, as giving them a mandate to enforce Sharia law.

    30 Prozent der Stimmen als Mandat zur Gleichschaltung der Gesellschaft… bei welchem historischen Vorbild man sich da wohl bedient?

    • 9. Januar 2012 um 13:32 Uhr
    • Arjen van Zuider
  2. 2.

    Die Salafisten haben sich nach der Revolution die Bärte wachsen lassen, vorher konnte man sie nicht erkennen.

    Will uns das der Text sagen

    • 9. Januar 2012 um 13:48 Uhr
    • Cem Gülay
  3. 3.

    Die Wirtschaftsprobleme Ägyptens sollen jetzt kreativ gelöst werden. Aber nicht durch Sparen, Ärmel hochkrempeln, oder Frauen befreien!

    Die Ägypter reichen offenbar eine Rechnung über 500 Mrd. US$ an Israel bei den UN ein.

    http://www.rosaonline.net/Daily/News.asp?id=135571

    • 9. Januar 2012 um 13:56 Uhr
    • Serious Black
  4. 4.

    Ich finde Deutschland sollte die 500 MRD bezahlen, warum nicht. Zahlt doch schon für viele andere

    • 9. Januar 2012 um 14:00 Uhr
    • Cem Gülay
  5. 5.

    SB

    Ich wäre bereit ein Demokratie-Zuschlag von 15% zu zahlen, wenn die Gutis 50% ihres Geldes zu Verfügung stellen und weiter pro Guti-Haushalt, jeweils 2 Flüchtlinge bei sich Zuhause aufnehmen

    • 9. Januar 2012 um 14:06 Uhr
    • Cem Gülay
  6. 6.

    Herr Lau, selbstverständlich ist dieses Ergebnis überraschend für Leute wie Sie. Leute wie Sie, die immer die Mär von der überwältigenden Mehrheit der ach so moderaten Muslime verbreitet haben. Islamisten, wozu auch einer wie Osama Bin Laden gehörte, hatten immer nur einen ganz ganz kleinen Teil der Muslime auf ihrer Seite, haben Sie immer behauptet. Genauso beim Thema Scharia, auch das strebe ja die übergroße Mehrheit der Moslems nicht an. Diese Ansichten wurden jahrelang, und noch heute, von Leute wie Ihnen und Ihresgleichen, fast schon mit missionarischem Eifer in die vorallem westliche Welt getragen. Ohne dabei zu bemerken das man damit weder die Realität widergibt, noch Freiheit und Demokratie einen Gefallen tut. Die einzigen, die sich über solche Journalisten freuen, sind Islamisten, egal ob sie in Ankara, Kairo, Berlin oder Riad sitzen. Ein positives Islamimage hilft natürlich ihre Ziele für den Westen leichter zu erreichen. War es nicht Stalin der mal von “nützlichen Idioten” sprach? Mal sehen wie lange noch das Märchen propagiert wird, dass die Moslems im Westen aber ganz anders sind, als die in islamischen Staate.
    Dieses Wahlergebnis ist nicht überraschend, zumindest nicht für jemanden, der Islam und die Realität von islamischen Ländern, heute und in der Vergangenheit, objektiv betrachtet. Islamistische Parteien werden immer nach dem gleichen Prinzip verfahren, Vorbild dafür finden sie leider in Deutschland.

    “Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen. Wir werden Reichstagsabgeordnete, um die Weimarer Gesinnung mit ihrer eigenen Unterstützung lahm zu legen. Wenn die Demokratie so dumm ist, uns für diesen Bärendienst Freifahrkarten und Diäten zu geben, so ist das ihre Sache…” ( Joseph Göbbels, 1928 )

    “Die Demokratie ist nur ein Zug auf den wir aufspringen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.” ( Erdogan )

    • 9. Januar 2012 um 14:11 Uhr
    • Bellfruta87
  7. 7.

    @ Cem

    laut dem Bericht, wird Israel (u.a) beschuldigt ein paar Mio. Tonnen Sand vom Sinai geklaut zu haben.

    • 9. Januar 2012 um 14:12 Uhr
    • Serious Black
  8. 8.

    @ CG

    Rechtspopulist!

    • 9. Januar 2012 um 14:13 Uhr
    • marriex
  9. Kommentar zum Thema

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