Ein Blog über Religion und Politik

Ägyptens gestohlene Revolution

Von 23. Januar 2012 um 13:01 Uhr


Issandr El Emrani von “The Arabist” kommentiert dieses Video so:

I can hardly think of a more effective way to convey Egyptian revolutionaries’ feeling towards political parties, the military and the whole idea that they were robbed of a revolution than the above video.

The split that has developed between those who espouse this worldview and the rest of the country is a little worrying, because it can turn into a lasting bitterness and misanthropy. What is needed down is to turn this frustration into effective new ways of organizing, lobbying, and campaigning.

Kategorien: Ägypten
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich verstehe den Begriff “gestohlene Revolution” nicht. Entweder haben die jungen Leute dafür gekämpft, dass das ganze ägyptische Volk souverän über sich selbst bestimmen darf, oder aber sie haben nur für ihren eigenen Aufstieg gekämpft was letztendlich nichts anderes bedeutet als dass eine Minderheit in der Führungsschicht durch eine neue und jüngere Minderheit ausgetauscht werden sollte. Dies allerdings wäre nur möglich durch eine nicht durch das Volk gewählte Diktatur weiterzuführen. Falls die jungen Leute und Revolutionäre für die souveränität des ägyptischen Volkes gekämpft haben, dann wurde nichts gestohlen, sondern ein bedeutener Teil Sieg erreicht mit den ersten freien Wahlen in der ägyptischen Geschichte.

    • 23. Januar 2012 um 13:32 Uhr
    • Marin
  2. 2.

    Musik: Lux aeterna in der Neuinterpretation durch Clint Mansell in seinem Album Requiem for a Dream (wem es interessiert).

    • 23. Januar 2012 um 13:38 Uhr
    • Zagreus
  3. 3.

    Sieht so aus, als seien jemandem seine Illusionen geraubt worden…

    • 23. Januar 2012 um 13:39 Uhr
    • marriex
  4. 4.

    @ marriex

    “…jemandem seine Illusionen geraubt…” könnte man das nicht euphemistisch und fast schon wörtlich als auf-klären bezeichnen (und muss diese nicht grundsätzlich immer vom Individuum selbst vollzogen werden)? :D

    • 23. Januar 2012 um 13:41 Uhr
    • Zagreus
  5. 5.

    Die Revolution ist bis heute für die Ägypter ein reinigendes Gewitter gewesen und somit ein sehr großer Erfolg. Nun hatten alle Ägypter die Chance sich aus ihrer unmündigkeit zu befreien, mit dem getuchele hinter der Hand aufzuhören und ihre Karten offen auf den tisch zu legen. Das einige Ägypter überrascht sein mögen welche Ansichten ihr Nachbar oder Verwandter die ganze Zeit hatte, oder Personen die ihr Fähnchen immer passend zum Wind halten, diese öffnung der Fenster in einem stickigem abgedunkeltem Raum ist auf jeden Fall sehr erfrischend und erhellend für alle Ägypter, auch wenn man entäuscht sein mag, dass die eigene Phantasie nicht mit der nackten realität zusammenpasst.

    • 23. Januar 2012 um 13:41 Uhr
    • Marin
  6. 6.

    Mal schauen was der Muslimbrüder Block mit einer Prise Salafismus von Tunesien bis Gaza machen und erreichen wird. Das es sich um inkompetente verrückte Spinner handelt die sogleich den Wagen an die Wand fahren, halte ich für eine im Westen weitverbreitete inkompetente und rein auf Hoffnungen basierende Ansicht. Die Islamisten sind wohl viel eher die motivierteste und mit allen Wassern gewaschenste Gruppe in dieser Region. Dagegen sehen die säkularen viel mehr aus wie träumende und in ihren ideologien festgefahrenen Bauerntöpel aus, die die Realitäten weder begreifen geschweige den lenken könnten.

    Ich erwarte deshalb dass die Islamisten sehr schlau und gekonnt ihre Position nun mehr ausbauen werden. Selbst eine Förderation mehrerer Staaten ist denkbar, da dies mehr dem starken Einheitsdrang ihrer islamischen Denkweise entspricht. Solch eine politische, wirtschaftliche Block Bildung von Tunesien bis Gaza könnte die islamistische Idee dort stärken, verspricht vielleicht auch wirtschaftliche Besserung und würde aufjedenfall ihre Stimme in der Weltpolitik stärken.

    Der Traum der Säkularen bis zur nächsten Wahl werden die Massen nach ihrer Hilfe schreien ist nur ein weiterer Traum, wie der Traum die jetzige Wahl zu gewinnen. Die Säkularen sind viel zu zersplittert, viel zu unfähig und ihre gesamte Denkweise wirkt dort auf die Menschen wie ein Geist aus einer anderen und unverständlich Welt. An ihnen bleibt auch weiterhin der Makel auf der Stirn geklebt ein Agent des Westens und seiner Interessen zu sein die regelrecht auf die ganze Erfahrungsgeschichte dieser Völker spucken. Erhaltene Auszeichnungen, Würdigungen und Preise im Westen erhärten in vielen Augen dieser Menschen nur diese Ansicht. Ein sozialdemokratischer Libyer oder Ägypter ist dort so fremd und ohne Wurzel auf Nordafrikanischen Boden wie ein Wilhelm Liebknecht. Es mag den einen oder anderen aus der verwestlichten Oberschicht geben den die Geschichte der europäischen Arbeiterpartei fasziniert und geläufig ist oder der das westliche säkulare Vokabular gekonnt zu sprechen weiß, und dafür seine ehrungen und Preise im Westen erhält, aber für den Ahmad Normal Ägypter ist sowas derart fremd wie einem Niederbayrischen Landwirt eine Khutba aus der Propheten Moschee.

    Wenn man diesen Unterschied endlich akzeptieren könnte, und jedem Volk seine Erfahrungsgeschichte auch weiterhin machen lässt, ohne in reflexartiger feindschaft und unangemessener Arroganz abzugleiten, dann gebe es sicherlich eine Plattform für Verständnis und gemeinsamer Interessen von der dann alle profitieren könnten. Ansonsten bleibt wirklich nur noch der Religionskrieg und Kulturkampf wie im 30jährigen Krieg.

    • 23. Januar 2012 um 14:25 Uhr
    • Marin
  7. 7.

    Die neue Verfassung Ägyptens wird jetzt von den Islamisten geschrieben. Damit wird die Scharia die Gesetze des Landes bestimmen und nicht das Volk.

    Dieser Aspekt der Demokratie wird nämlich häufig übersehen. In der Demokratie erlangen Gesetze dadurch Legitimität, dass sie vom Volk direkt oder indirekt von Volksvertretern erlassen werden. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus, so heißt es in unserer Verfassung. Nur die Menschenwürde und das Demokratieprinzip selber (Art. 1 und 20 GG) stehen nicht zur Disposition durch das Volk. Damit wird eine Terrorherrschaft der Mehrheit über die Minderheit ausgeschlossen.

    Im Scharia-Staat sind nur solche Gesetze legitim, die von Allah stammen. Die Staatsgewalt geht von Allah aus. Die Scharia betrifft alle Aspekte des menschlichen Zusammenlebens. Scharia bedeutet insbesondere die Entrechtung von Nicht-Muslimen; es ist eine Terrorherrschaft der Mehrheit über die Minderheit.

    Dieser fundamentale Widerspruch ist unauflösbar; es gibt nur ein entweder/oder kein sowohl/als auch. Entweder Scharia oder Demokratie; beides zugleich geht nicht. Viele Ägypter haben wohl gedacht, dass eine islamische Demokratie möglich ist. Sie irren sich.

    Wenn Ägypten unter dem Islamismus wirtschaftlich zusammenbricht, dann stellt sich die Frage, ob die Islamisten freiwillig Ihre Macht an säkulare Kräfte abgeben werden. Die Antwort ist mit großer Sicherheit Nein, denn die Islamisten glauben, dass Allah Ihre Macht legitimiert. Falls sie die Streitkräfte auf Ihre Seite ziehen können, wovon ich ausgehe, wird es einen langen Bürgerkrieg geben.

    Im Iran haben wir genau die gleiche Entwicklung hinter uns. Revolution gegen den Schah; Wahlen enden mit dem Sieg der Islamisten; ein Theokratisches Regime wird errichtet; das Regime wirtschaftet das Land zu Grunde; Demonstrationen und Aufstände werden mit hemmungsloser – weil von Gott legitimierter – Gewalt niedergeschlagen; der Ausgang ist Ungewiss, aber wahrscheinlich wird jetzt schon eine Dolchstoßlegende vorbereitet; der Krieg gegen den Westen wird eingeleitet und der Westen und seine iranischen Anhänger tragen so die Schuld am Niedergang des Ayatollah-Regimes.

    In Ägypten sehe ich eine ähnliche Entwicklung allerdings nicht im Schneckentempo sondern im D-Zug-Tempo auf uns zukommen. Allein der immense Ölreichtum konnte die Ayatollahs so lange überleben lassen. Der ist in Ägypten nicht vorhanden. Es dürfte alles viel schneller gehen. Am Ende dürfte der Krieg gegen den verhassten Feind Israel stehen.

    • 23. Januar 2012 um 14:35 Uhr
    • Gimpler
  8. 8.

    @ Marin

    Die Islamisten sind wohl viel eher die motivierteste und mit allen Wassern gewaschenste Gruppe in dieser Region.

    Richtig. Das macht sie aber noch lange nicht zu kompetenten Okonomen.

    Selbst eine Förderation mehrerer Staaten ist denkbar, da dies mehr dem starken Einheitsdrang ihrer islamischen Denkweise entspricht.

    Sie sollten nicht auf die Eigenwerbung der Islamisten reinfallen.

    Auch wenn der Panarabismus sich nun endgültig erledigt hat, ergibt sich daraus für den Islam(ismus) nicht notwendigerweise die Fähigkeit, all die unterschiedlichen Völker* unter einem Banner zu sammeln.

    Beispielsweise moniert die MB gerade, daß der Vereinigungsprozeß von Fatah und Hamas nicht vorankommt. Geht es den Palästinensern um Macht und Geld, muß wohl sogar die Ideologie zurückstecken.

    hxxp://paltoday.ps/ar/post/128373/%D9%85%D8%B5%D8%B1-%D9%85%D8%B3%D8%AA%D8%A7%D8%A1%D8%A9-%D9%85%D9%86-%D9%81%D8%AA%D8%AD-%D9%88%D8%AD%D9%85%D8%A7%D8%B3

    * Übrigens werden in Libyen gerade ‘offene Rechnungen’ beglichen:

    hxxp://www.hrw.org/news/2011/10/30/libya-militias-terrorizing-residents-loyalist-town

    http://humanrightsinvestigations.org/2011/09/26/libya-ethnic-cleansing-tawargha-genocide/

    • 23. Januar 2012 um 14:46 Uhr
    • Serious Black
  9. Kommentar zum Thema

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