Ein Blog über Religion und Politik

Tunesiens Salafisten terrorisieren Intellektuelle

Von 31. Januar 2012 um 16:19 Uhr

Letzte Woche sollte in Tunis der Prozeß gegen den Direktor des TV Senders Nessma beginnen,  der im letzten Herbst den Film “Persepolis” von Marjane Satrapi ausgestrahlt hatte. Der Prozeß wurde schließlich verschoben, doch die Aufregung um den Casus Karoui hält an. Dem Angeklagten drohgen schlimmstenfalls 5 Jahre Haft wegen Blasphemie. Die gute Nachricht: Tausende von Tunesiern haben gegen diesen Prozeß demonstriert, in dem sie völlig zu Recht einen entscheidenden Moment erkennen, in dem sich das Schicksal des Landes entscheiden kann.
Es geht um die Frage, ob das neue Tunesien unter Führung der islamistischen “Ennahda”-Partei den aggressiven bärtigen Lumpen nachgibt, die sich bei den Salafisten sammeln und die Gesellschaft mit ihren Moralvorstellungen zu terrorisieren beginnen.

Wie wird sich die manchmal als “moderat” beschriebene Ennahda gegenüber den extremistischen Salafisten verhalten? Wird sie eines Tages eine Linie ziehen und efinieren, wie sie es mit den Freiheiten hält? Oder wird sie wie bisher einen Schlingerkurs fahren, bei dem mal der Übereifer der Langbärtigen kritisiert, und dann wieder die gemeinsame Verurteilung der “Gottlosigkeit” herausgekehrt wird?


 

Zwei säkulare Intellektuelle – der Journalist Zyed Krichen und der Professor Hamid Redissi – haben im Umfeld des Prozesses den Mob bärtiger junger Männer kennengelernt, der sich anschickt, die Herrschaft über die Straße und die Institutionen Tunesiens zu übernehmen. Die Szene wurde gefilmt (s. oben ab ca. 1:20), und sie ist beklemmend. Ein Spießrutenlauf zweier mutiger Männer, beschimpft von hasserfüllten Jungspunden, die nur auf eine Gelegenheit wareten, lozuschlagen.
Und so kommt es dann auch: Krichen wird von hinten auf den Kopf geschlagen, Redissi will ihm zu Hilfe kommen und wird von dem Angreifer mit einem brutalen Kopfstoß traktiert. Der Angreifer wurde zwar später zur Rechenschaft gezogen. Aber ein Ennahda-Sprecher verurteilte zugleich den Film, der den Anlass für die ganze Aufregung bot, als “eine Verletzung des Heiligen”.

Damit wird dem islamistischen Pöbel hintenrum dann doch wieder Recht gegeben.

Ich habe schon in meinem ersten Bericht zum Thema das Bild wiedergegeben, dass angeblich gotteslästerlich ist. Ich tue es hiermit wieder.

Die kleine Marjane rechtet mit Gott. Aus “Persepolis”        Screenshot: JL

Man kann den betreffenden Film, eines der großen Meisterwerke der Filmkunst der letzten Jahre, im Netz komplett sehen. Wer wirklich glaubt, die Szene mit dem kleinen Mädchen, das Gott zürnt, weil der ihren lieben Onkel nicht vor der Hinrichtung bewahrt hat, sei Gotteslästerung, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. (Hiob? Ayjjub? Ring a bell?)
Es handelt sich eindeutig um die Darstellung eines inneren Konflikts, in dem eine Heranwachsende mit einem Gott, den sie imaginiert, hadert. Hier wird Gott gezeigt, wie ein Kind ihn sich vorstellt, als gütigen alten Mann mit Rauschebart. Er sagt: Was soll ich machen, die Menschen hören ja nicht auf mich! Eine religiöse Grunderfahrung wird auf eine rührend-menschliche Weise dargestellt. Das Thema der kurzen Passage in dem Film ist die Theodizee, die Rechtfertigung Gottes angesichts des Übels.
DAS gezeigt zu haben, soll Grund sein, einen TV-Direktor wegen Blasphemie zu verurteilen? Krank.

Ich hoffe, falls diese Farce weitergeht und es tatsächlich zum Prozess kommen sollte, dass dann unsere Regierung und die EU sich vehement für Nabil Karoui einsetzen. Man muss den Verantwortlichen in Ennahda deutlich machen, dass dieses Thema eine klare Haltung erfordert.

Ein Politbüro-Mitglied der Partei lässt sich von der New York Times wie folgt zitieren:

“It’s like a war of attrition,” said Said Ferjani, a member of Ennahda’s political bureau, who complained that his party was trapped between two extremes, the most ardently secular and the religious. “They’re trying not to let us focus on the real issues.”

Das ist nicht akzeptabel: Meinungs- und Pressefreiheit, und auch Religionsfreiheit (inklusive der Freheit von der Religion, wenn gewünscht) ist ein real issue.

 

Leser-Kommentare
  1. 249.

    @ AvZ

    Zu Salafis hatte ich nie Kontakt, deshalb: keine Ahnung.

    Es ist ja auch so, dass die Salafis nur behaupten, streng dem ursprünglichen Islam zu folgen. Tatsächlich tun sie das eher nicht. So lehnen sie ja auch die traditionellen Rechtsschulen ab.

    • 3. Februar 2012 um 18:22 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  2. 250.

    @ HJS

    streng dem ursprünglichen Islam zu folgen. Tatsächlich tun sie das eher nicht. So lehnen sie ja auch die traditionellen Rechtsschulen ab.

    Eben weil es die zu Muhammads Zeit noch nicht gab.

    • 3. Februar 2012 um 18:39 Uhr
    • marriex
  3. 251.

    @ Publicola #234

    Sie brauchen definitiv Hilfe!

    Dito, jedoch wohle eher Sie, merkbefreites Flachhirn!

    • 3. Februar 2012 um 20:03 Uhr
    • betaversion
  4. 252.

    @ marriex

    gebongt.

    Besseres Beispiel: die Salafiten fordern eine radikale Geschlechtertrennung – die gab es in Medina definitiv nicht.

    • 4. Februar 2012 um 08:16 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  5. 253.

    @ HJS, marriex

    Der Salafitische Gesichtskreis des legitim Ge-, bzw. Verbotenem stützt sich auf einen Legendenkreis rund um die (zusammengeschusterte) Perzeption und das Mitwirken von Gefolgschaftlern (und Helfern) an den Prophetenwerken. Spätere Erkenntnisbeiträge werden nur insoweit gewürdigt, als sie diese ausdrücklich als vorbildhaft referenzieren.

    Insofern stehen nicht Zustände in Medina, wie sie sich als tatsächlich rekonstruieren lassen mögen (also z.B. ohne radikale Geschlechtertrennung) als vorbild- und gebothaft da; sondern Zustände, wie sie von den Gefolgschaftlern “wohl eigentlich” angestrebt worden seien, oder wären.

    Die Lehre von der Maßgeblichkeit der Gefolgschaftler-Perzeption bildet einen eigenen Purifizierungs- und Radikalisierungsfilter zur Abwehr der ansonsten wohl als allzusehr als:

    1. anachisch (Interpretationschaos; vulgo: Ambiguitätstoleranz) bzw. 2. despotisch (“ungerecht”-peinlich a la Yazid: “kein Kommentar”)

    angesehenen (traurig-enttäuschenden) Realgeschicke der Islamischen Reiche und Gesellschaften und deren allfällig kontroverser Interpretation (z.B. in den Vier Rechtsschulen, ganz zu schweigen von: “nur mein Scheich weiss bescheid”).

    Der Salafismus ist also ein Lösungsversuch für ein real existierendes Problem, nämlich für die völlig unzulängliche Klarheit der Koranischen Lehre gegenüber dem Anspruch, die wesentlichen Dinge des Menschlichen, einem göttlichen Willen gemäß klar UND endgültig zu regeln.

    Ambiguitätstoleranz konnte man sich leisten zu Zeiten, als reichlich Beute eingefahren und verdaut wurde (Blütezeit) – und als es noch kaum eine besser aufgeklärte Konkurrenz gab.

    Auf der Suche nach “Reformationsansätzen” mit längerer Wirksamkeit als ein Menschenalter scheint man ausgerechnet nur zu finden: den regressiv-asketisch-puristisch-reduktionistischen Ansatz, den Gefolgschaftler-Horizont des Siebten Jahrhunderts zur einzig wahren Zuflucht zu nehmen.

    All dies aber nicht: aus willkürlichem Griesgram heraus; sondern weil es mit allen Geschicken von Herrschaft und Moral unter ambiguitätstoleranten Vorzeichen nur in grobe Richtung: abwärts ging.

    Und bergab ging es natürlich nicht im luftleeren Raum; sondern unter der Konkurrenz eines entstehenden Westens (und nicht etwa der des Papstums, oder der, der Orthodoxie).

    INSOFERN ist schon der Westen an allem schuld.

    • 4. Februar 2012 um 12:09 Uhr
    • Thomas Holm
  6. 254.

    Auf 253 noch eines ‘draufgesetzt:

    Die erstaunlich Polularität des Salafitischen Reduktionismus-Predigers Pierre Vogel unter Migrantenjugendlichen geht m.E. darauf zurück, dass hier jemand mit lokaler Bodenhaftung (einem anscheinend dringend gesuchten Gut in Migrantenkreisen) diesem ganzen verlogenen und korrupten Orientchaos entgegenschleudert:

    Ihr wart doch schon mal klüger und besser ‘drauf.

    Karl May erklärt den Indianern* in der Großen Stadt, wie toll damals die Indianer waren, als sie noch kein Feuerwasser hatten und nur dereinst strikt auf Manitu vertrauten. Genau wie damals, können die Indianer immer noch keine Winchesterbüchse bauen; wohl aber damit eindrucksvoll herumballern.

    *gemeint sind nicht nur Migrantenjugendliche, sondern märchenbuchempfängliche Dauerkinder jedweder Herkunft.

    • 4. Februar 2012 um 12:22 Uhr
    • Thomas Holm
    • 7. Februar 2012 um 10:34 Uhr
    • marriex
  7. 256.

    Ich glaube ehrlich gesagt nicht, daß es richtig ist, das Wohl und Wehe der Demokratie in den islamischen Ländern daran aufzuhängen, ob nun eine bildliche Darstellung Gottes möglich ist.

    Auch im orthodoxen Christentum will man Derartiges nicht haben.

    Dieser “innere Konfilkt” kann auch ohne eine bildliche Darstellung Gottes zum Ausdruck gebracht werden. Anstelle dieses alten Mannes mit Rauschebart hätte ein gottesfürchtiger Mann stehen können, mit dem die kleine Marjane Zwiesprache hält.

    • 7. Februar 2012 um 19:15 Uhr
    • Antifo
  8. Kommentar zum Thema

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