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Sderot, eine Stadt im Raketenhagel

Von 13. Februar 2012 um 16:06 Uhr

Kobi Harush ist der Chef des Sicherheisdienstes von Sderot, der südisraelischen Stadt am nördlichen Ende des Gazastreifens. In einem früheren Leben war er der persönliche Fahrer Ariel Scharons. Er ist ein ziemlich harter Kunde, ein lakonischer Kettenraucher. Aber seine Zeit hier hat ihn sichtbar mitgenommen. Denn die Sicherheit, für die er zuständig ist, gibt es in Sderot nicht, außer in den ubiquitären Bunkern. Sie prägen das Stadtbild. Jede Bushaltestelle hat einen Bunker, jeder Kinderspielplatz. Jede Wohnung sowieso. Die Schulen haben alle schußsichere Verglasung.

Kobi Harush vor der Kulisse Sderots   

Wir treffen ihn zusammen mit Motti Numan, dem zuständigen IDF-Kommandeur der Region. Die beiden erwarten uns auf einem Hügel westlich der Stadt, von dem aus man weit in den Gaza-Streifen hinein schauen kann. Nur einen Kilometer weit entfernt verläuft die Grenze.

Sderot ist das einfachste Ziel für Raketen- und Granatenangriffe. Nachts ist die Stadt, in der etwa 20.000 Menschen leben, leicht mit bloßem Auge zu sehen. “Die schießen einfach in die Richtung des Lichts”, sagt Motti Numan. “Die Raketen sind sehr ungenau, aber es geht auch mehr um die Terrorwirkung als um konkrete Treffer.” Ein Viertel der Bewohner hat Sderot verlassen. Übrig bleiben die, die es sich nicht leisten können, anderswo hinzuziehen.

Die Terrorwirkung des Raketenbeschusses hält weiterhin an. Kobi Harush spricht von 8.400 Angriffen auf Sderot in den letzten 10 Jahren. Besonders schlimm war es nach dem Rückzug aus Gaza, als Hunderte Raketen in einzelnen Monaten gezählt wurden. Heute ist Sderot ein vergessener Ort, selbst in Israel. Man hat sich daran gewöhnt, dass immer wieder Raketen die Stadt bedrohen. Es ist kaum noch eine Medlung wert. “Mit Ausnahme der Woche, in der die Shalit-Verhandlungen zuende gingen, haben wir keine Pause gehabt. Damals wollte die Hamas den Abschluss nicht gefährden. Seither geht es wieder auf niedrigem Niveau weiter.”

Der Bombenterror reicht, um die Stadt im steten posttraumatischen Zustand zu halten, bleibt aber unterhalb der Schwelle, ab der die Armee eingreifen und zurückschlagen müßte.  Die Vorwarnzeit für die Bewohner liegt bei 15 Sekunden vom Sirenenklang bis zum Einschlag. Kinder werden regelmäßig trainiert, innerhalb von 15 Sekunden von der Toilette in den Bunker zu rennen.

“Für uns gibt es kein Posttrauma”, sagt Kobi Harush, “nur Dauertrauma. Zwei Drittel der Kinder hier sind in einer Form therapeutischer Behandlung.” Kein anderes Land würde sich so etwas gefallen lassen, sagt er resigniert. Dass der Beschuss nach dem Rückzug weiterging, spricht für ihn dafür, dass Hamas auch Sderot “befreien” will, wie ganz Israel.

Hinter dem Hügel beginnt Gaza.                Fotos: J.Lau

Kobi erzählt von seinem palästinensischen Freund Said, den er seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat. Während der israelischen Militäraktion “Gegossenes Blei” hatte er sich gefragt, wie es Said wohl ginge. Er hatte noch eine Nummer, also rief er an. Said war am Telefon, er sei unversehrt. Weil er weder zu Hamas noch zu Fatah gehörte, ginge es ihm allerdings schlecht. Kobi veranstaltete unter Freunden eine Sammlung für Said, man übergab ihm das Geld am Checkpoint Eretz: “Wir sind früher in Gaza einkaufen gegangen, oder zum Baden an den herrlichen Strand – einen der schönsten Strände in der ganzen Region. Wieso machen die nichts draus? Das könnte ein Paradies sein.”

Motti Numan ergänzt verschmitzt, Juden hätten an den Strand längst ein Casino gebaut: “Aber diese Leute schießen mit Raketen sogar noch auf das Kraftwerk in Ashkelon, das Strom auch für sie erzeugt – weil es mit seinen Kaminen ein gutes Ziel abgibt. Das ist doch irre.”

Kategorien: Israel, Palästina
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Woher haben die Raketenbauer denn das Geld?

    • 13. Februar 2012 um 16:19 Uhr
    • FreeSpeech
  2. 2.

    @ FS: Iran. Die bekommen ganze Bausätze von dort. Syrien dito, aber das wird nun eng.

    • 13. Februar 2012 um 16:24 Uhr
    • Jörg Lau
  3. 3.

    Manche versuchen Ihnen das seit Jahren zu erklären.

    • 13. Februar 2012 um 16:52 Uhr
    • marriex
  4. 4.

    @ marriex

    Die Bemerkung kann man auf sehr verschiedene Arten verstehen. Präzisierung wäre hilfreich.

    • 13. Februar 2012 um 16:54 Uhr
    • FreeSpeech
  5. 5.

    @ FS

    Ich denke der Jefe wird schon verstehen.

    • 13. Februar 2012 um 16:58 Uhr
    • marriex
  6. 6.

    Motti Numan ergänzt verschmitzt, Juden hätten an den Strand längst ein Casino gebaut: “Aber diese Leute schießen mit Raketen sogar noch auf das Kraftwerk in Ashkelon, das Strom auch für sie erzeugt – weil es mit seinen Kaminen ein gutes Ziel abgibt. Das ist doch irre.”

    Kollektiver Hass war schon immer irre – was ich nur nicht verstehe ist, dass so viele für diese Bande Verständnis haben.

    • 13. Februar 2012 um 20:09 Uhr
    • Zagreus
  7. 7.

    Qassam rocket fired at Israel’s Ben Gurion International Airport?

    http://www.youtube.com/watch?v=JEwPmu462BY

    Etwas Raketengeschichte vom Sderoter Kanal für eintreffende Projektile und mehr: youtube.com/user/sderotmerdia23

    hxxp://en.wikipedia.org/wiki/Palestinian_domestic_weapons_production

    Die Asymmetrie von Bedrohung und Selbstschutz ist so tückisch.

    Israel kann seine Menschen schützen, aber nur zum Preis einer Daueralarmbereitschaft von x+15 Sekunden. Das zermürbt natürlich und als Breitenwirkung und das soll es ja wohl auch.

    Die Bedrohung sieht aus, wie subversives Heimwerkerbasteln in einer Seyfriedkarikatur aus der Berliner Spontizeit (abgesägte Laternen mit Alltagschemie gefüllt in der Anfangszeit) und Robin-Hood-Streichspielen.

    Der Selbstschutz ist ein nervlich zermürbender Alltagsdauerstreß.

    Gezielte Gegenwehr auf erkannte Ziele wirkt bubenstreich-psychologisch immer unverhältnismäßig-übermächtig-monströs.

    Wer selber den Bedrohungsstreß hatte, der mag sich freuen über die Gegenwehr; wer ihn nicht hatte, wird sie als “unverhältnismäßig” erleben.

    Die Glaubenssaussage, dass der unverfügbare Wert des menschlichen Lebens bei der Zahl “Eins” beginnt, ist wahrnehmungspsychologisch nicht so optimal repräsentiert.

    Deswegen wirkt ein Treffer auf eine Feuerstellung, deren Rakete “vermutlich” daneben gegangen wäre, namentlich für den kriegerisch unerfahrenen und umso mehr Mitfühl-Gewillten notorisch unverhältnismäßig.

    Das Wegwerfverhältnis zum eigenen Leben und dem Mittuenden, sowie Unbeteiligten auf der Gegenseite, wirkt dagegen oft subjektiv nicht so asozial-anstößig, wie es ist.

    Es ist die Dichotomie von Vietcong-Schwarzweißbildern vs. Napalm im Dschungel mutwillig und kalkuliert auf die Spitze getrieben.

    • 13. Februar 2012 um 20:46 Uhr
    • Thomas Holm
  8. 8.

    @ Holms

    Gezielte Gegenwehr auf erkannte Ziele wirkt bubenstreich-psychologisch immer unverhältnismäßig-übermächtig-monströs

    Das ganze ‘Verhältnismäßigkeits-Gequatsche’ ist sowieso nur unsinnig – man bekommt ja denn eindruck, es ginge hier um einen fairen Wettstreit oder ein sportliches Ereignis.

    Diese Raketen werden gebaut und eingesetzt um zu töten. Von daher ist auch eine entsprechende Gegenwehr, die halt nicht auf selbstgebastelte Baukastenraketen, sondern halt auf die Technik und Mittel setzt, die halt dieser Seite zur Verfügung stehen, genau richtig. Es geht nicht um Fairness, sondern darum zu gewinnen – und das tut der, der überlebt und es schafft die andere Seite kampfunfähig zu machen bzw. zu töten.

    Die Israelis sollten einfach aufräumen mit den Spinnern – das Gejammer, wie unfair sie doch sind mit Gewehren, panzern und Hubschraubern gegen Raketenattacken vorgegangen zu sein, legt sich schon wieder nach einer Weile.
    Wenn ich jemand stärkeren Angreife, muss ich halt gegenwärtig sein, dass ich eine kräftig aufs Maul bekomme.

    • 13. Februar 2012 um 21:20 Uhr
    • Zagreus
  9. Kommentar zum Thema

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