Ein Blog über Religion und Politik

Korane verbrennen – schlimmer als Kinder erschießen?

Von 15. März 2012 um 14:09 Uhr

So sieht es jedenfalls bisher aus, wenn man die Reaktionen in Afghanistan zugrundelegt – einmal der tagelange Demo-Rausch wegen der Koranverbrennungen vor einigen Wochen, und ein andermal die relative Ruhe nach dem Massaker des amerikanischen Soldaten an ganzen Familien.

Rod Nordland geht in seinem Stück für die New York Times dieser Frage nach.

“How can you compare the dishonoring of the Holy Koran with the martyrdom of innocent civilians?” said an incredulous Mullah Khaliq Dad, a member of the council of religious leaders who investigated the Koran burnings. “The whole goal of our life is religion.”

That many Americans are just as surprised that what appears to be the massacre of 16 people at the hands of an American soldier has not led to mass protests or revenge killings speaks volumes about a fundamental disconnect with their Afghan partners, one that has undermined a longstanding objective to win the hearts and minds of the population. After more than 10 years, many deaths and billions of dollars invested, Americans still fail to grasp the Afghans’ basic values. Faith is paramount and a death can be compensated with blood money.

“To Muslims, and especially to Afghans, religion is much higher a concern than civilian or human casualties,” said Hafez Abdul Qayoom, a member of Afghanistan’s highest clerical body, the Ulema Council. “When something happens to their religion, they are much more sensitive and have much stronger reaction to it.”

The attack by a still unidentified United States Army soldier near his base in the Panjwai district, in southern Kandahar Province, has certainly infuriated Afghans and added to already strained relations. But the anger has been more polemical than violent — at least so far.

Hoffen wir, dass es auch so bleibt. Allerdings stellt sich auch hier wieder die Frage, ob es sinnvoll ist (war), mit der stärksten Armee der Welt in einem Land mit derart anderen Vorstellungen von Ehre, Schuld und Sühne derart lange Zeit zu vebringen in der Hoffnung, einen Wandel zu bewirken. Ob man sich, kurz gesagt, nicht besser schon früher auf Terrorbekämpfung bzw. Containment und Entwicklungshilfe hätte beschränken sollen.

Spilt milk.

Kategorien: Afghanistan, Außenpolitik
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Von den 16 Getöteten waren nur drei männlich, damit kann man keinen Islamo wirklich schocken.

    Sich gegenseitig umzubringen gehört bei den Islamos zum Way of Life, Koranverbrennung ist dagegen ein echtes Tabu.

    Man fragt sich nur, was ist daran so schwer zu verstehen ?

    • 15. März 2012 um 14:27 Uhr
    • Flex
  2. 2.

    Seit Uthman, dem Dritten Kalifen, ist es unter bestimmten Voraussetzungen OK, den Koran zu verbrennen.

    http://www.salafyink.com/quran/Mushaf.pdf

    Außerdem ist es verboten im Koran rumzukritzeln*:
    hxxp://qa.sunnipath.com/issue_view.asp?HD=1&ID=3334&CATE=141

    * Der Mißbrauch der Korane zum Nachrichtenschmuggel, war Anlass für die Verbrennung.
    hxxp://www.nytimes.com/2012/03/03/world/asia/5-soldiers-are-said-to-face-punishment-in-koran-burning-in-afghanistan.html?_r=1

    • 15. März 2012 um 14:52 Uhr
    • Serious Black
  3. 3.

    Lange haben Leute im Westen geglaubt, dass man islamische Gesellschaften wie die in Afghanistan oder dann auch Irak, “zivilisieren” könnte. Ihnen von außen Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und damit letztlich Wohlstand zu ermöglichen. In dem Glauben sie würden all das verlangen und willig annehmen, wenn sie nur von ihren Diktatoren, egal ob Taliban oder Saddam befreit wurden.
    Aber das war ein großer Irrtum, genauso wie es ein Irrtum ist zu glauben überzeugte Moselms hier bei uns, ließen sich tatsächlich im Sinne einer gemeinsamen Gesellschaft erfolgreich integrieren.
    Islam ist eben mehr als eine Religion, es ist letztlich eine alles bestimmende Ideologie. Die, wie an diesem konkreten afghanischen Beispiel zu sehen ist, zu der Situation führt, dass die Ideologie und ihre “heilige” Schrift wichtiger ist, als das Leben von Menschen.

    Wer im angesicht solcher Beispiele, und der vielen anderen in anderen Bereichen, zu dem undifferenzierten Schluß kommt: “Der Islam gehört zu Deutschland” dem ist nicht mehr zu helfen.
    Der aktuelle Versuch einen grundgesetz- und demokratiekompatiblen Islam an deutschen Hochschulen zu etablieren wird genauso scheitern wie das Nationbuilding in Afghanistan. Beides musste (muss) man versuchen, aber man muss auch aus den gewonnen Erkenntnissen die Konsequenzen ziehen.

    • 15. März 2012 um 15:08 Uhr
    • Bellfruta87
  4. 4.

    Hoffen wir, dass es auch so bleibt. Allerdings stellt sich auch hier wieder die Frage, ob es sinnvoll ist (war), mit der stärksten Armee der Welt in einem Land mit derart anderen Vorstellungen von Ehre, Schuld und Sühne derart lange Zeit zu vebringen in der Hoffnung, einen Wandel zu bewirken. Ob man sich, kurz gesagt, nicht besser schon früher auf Terrorbekämpfung bzw. Containment und Entwicklungshilfe hätte beschränken sollen.

    @ Jörg Lau

    Entwicklungshilfe wäre so in Taliban-Paschtunistan nicht im Ansatz möglich gewesen. Ein halbwegs konsistenter rückblickender Alternativ-Plan würde darin bestehen bzw. hätte darin bestanden, die Taliban nur in Grund und Boden zu bomben und die Nordallianz ohne Hilfe amerikanischer Bodentruppen massiv aufzurüsten, so dass sie im Norden Geländegewinne hätte erzielen können. Die Folge wäre aber gewesen, dass OBL wahrscheinlich noch heute frei herum liefe.*

    Wohlgemerkt geht ein Großteil des Ärgers in Afghanistan von Gebieten mit paschtunischer Bevölkerungsmehrheit und von Gebieten mit “Paschtu-Pockets” aus. 90% der Taliban bzw. der mit ihnen assozierten Kräfte sind Paschtunen.

    Abgesehen davon hat der Irak-Krieg ab 2003 jahrelang für Afghanistan benötigte militärische Kapazitäten gebunden. Insofern ist die Binse, “der Krieg in Afghanistan kann (nur) militärisch nicht gewonnen werden” eine Halbwahrheit. Ohne den Irak-Krieg hätte früher und umfassender auf wiedererstarkende Taliban reagiert werden können. So wäre die heutige Lage zumindest besser.

    * Für die Zukunft könnte das unter Umständen bedeuten, Paschtunisch-Afghanistan Paschtunisch-Afghanistan sein zu lassen und so etwas wie eine neue Nordallianz in nicht paschtunisch dominierten Gebieten des Landes zu unterstützen. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass die Bevölkerung von Kunduz mehrheitlich nichts an dem Bombardement der örtlichen Taliban und der Benzin-Diebe auszusetzen hatte, weil es sich um Angehörige der (dortigen) paschtunischen Minderheit handelte.

    • 15. März 2012 um 15:25 Uhr
    • N. Neumann
  5. 5.

    Ein Leben in Hingabe an das Gesetz der Fehde hatte bisher den Vorzug, jedweder Behelligung durch unliebsame Verpflichtungen der Zivilisation widerständig-sieghaft zu trotzen.

    Dem Anschein nach zumindest, aber auf den kommt es ja an, wie wir von Schopenhauer wissen.

    Im “Grab der Imperien” haben viele Eroberer gewütet und sie haben alle erst dann damit aufgehört, wenn ihnen klar wurde, dass dort kein Blumentopf zu gewinnen war. Dann waren die Afghanen wieder unter sich und gingen weiter nach alter Sitte ihren blutigen Ehrenhändeln nach.

    Mit dieser Lebensweise geht ein Lebensgefühl einher, dass im Westen immer wieder auch seine Bewunderer gefunden hat.

    Pakistanische Geheimdienstkreise rissen das Land – nach dem sowjetischen Experiment – ein zweites Mal gewaltsam in die Moderne, indem sie der Saudischen Putschistensekte der Al Kaida in Afghanistan ein Refugium unter allerlei Täuschungen und Verbandelungen beschafften.

    Der von pakistanischen Kreisen gedeckte Saudische Putschistentrick vom Angriff auf “den fernen Feind” liess Afghanistan als eine Stätte von weltumstürzlerischer Ambitionierung erscheinen – nichts konnte falscher sein – und als ein Land erscheinen, das in einem dringenden Bedarf nach “Nation building” stehe – keine Annahme konnte fataler sein.

    Die Archaik der afghanischen Lebensweise hat einen Superislam zum Deckmäntelchen; dieser ist in Afghanistan das Vehikel, um nicht als das gelten zu müssen, was man ist. Insofern bieten vorgebliche Entweihungsakte sakraler Gegenstände einen hochwillkommenen Anlaß, um sich als respektable Zeitgenossen und Teil einer nach Milliarden zählenden Weltgemeinde zu präsentieren.

    Die Erregung über die Koranverbrennungen (ein legitimes Verfahren zur Aussonderung von z.B. durch Schmierereien entweihten Exemplaren) soll einen glaubenseiferden Identitätsanschein bekräftigen, der zur Verdeckung des tatsächlichen Traditions-Regimes aus Fehdegebot, Kindsheirat und Knabenschändung gerade unverzichtbar ist.

    Die vergleichsweise mindere Erregung über den Rauschmord des US-Feldwebels ist Symptom einer mangelnden Basis zur Verwunderung vor solch einem Phänomen.

    “Hoffen wir, dass es auch so bleibt.” ? … Nun ja, …

    (etwas weiter gedacht, ist dieser Wunsch nicht im vollen Sinne liberal-koscher)

    Hätte es eine Alternative zu dem Anti-Terrorkrieg gegen die Taliban gegeben*, so wäre diese auf einen Krieg gegen mächtige pakistanische Kreise hinausgelaufen, welche den Taliban – vermittels Osama bin Laden – Bestrebungen angehängt hatten, die dem Afghanischen Traditionalismus, inkl. seiner supermuslimischen Tarnkappe, eher fremd waren.

    *etwa durch Putsch eines anti-pakistanisch orientierten Talibanführeres

    Dies wäre in einem höheren Sinne gerechter gewesen – aber auch in einem handfesten Sinne furchtbarer. Die betreffenden pakistanischen Kreise und die US-Aussenpolitik haben es verstanden, bzw. vorgezogen, sich eine solche Abrechnung zu ersparen; und die Saudis natürlich auch.

    Doch mit dem nunmehr wohl noch mehr beschleunigt kommenden Abzug der Amerikaner scheint auch eine “Stunde des Gerichtes” zwischen Afghanistan und Pakistan heranzunahen, an deren Anfang die Klärung der Frage steht, wieviel von dem Geschehen seit 9/11 eigentlich die Talibanführung selbst zu verantworten hat und bei wievielen Dingen ihr die Hand geführt wurde – und von wem genau.

    Politisch inkorrekt, aber sachlich nicht falsch; Friedrich Engels:

    “Die Afghanen sind ein tapferes, zähes und freiheitsliebendes Volk; sie … meiden Handel und Gewerbe, die sie voller Verachtung den Hindus und anderen Stadtbewohnern überlassen. Der Krieg ist für sie ein erregendes Erlebnis und eine Abwechslung von der monotonen Erwerbsarbeit. … diese Ziellosigkeit und Unbeständigkeit im Handeln machen sie zu gefährlichen Nachbarn, die leicht vom Wind der Laune aufgewühlt oder durch politische Intriganten, die geschickt ihre Leidenschaften entfachen, in Erregung versetzt werden können. Die beiden Hauptstämme sind die Durrani und die Ghildschi, die in ständiger Fehde miteinander liegen”

    http://www.mlwerke.de/me/me14/me14_073.htm

    • 15. März 2012 um 15:26 Uhr
    • Thomas Holm
  6. 6.

    es ist vollkommen sinnlos den Islam mit westlicher Rationalität beikommen zu wollen. Der Islam basiert auf Intuition, Gefühlen und Ängsten. Der Tod der Kinder mag tragisch sein, er berührt aber nicht den Kern des Islam – nämlich die Angst vor Allah.

    Genau das passiert aber bei der Koranverbrennung.
    Die Frevler die den Koran verbrennen zeigen offen das sie Allah nicht fürchten. Aus westlicher (rationaler) Sicht ist die logische Konsequenz daraus das man Allah nicht fürchten muss, ERGO ist Allah nicht existent. Der Islam ist damit als Humbug enttarnt.

    Aus islamischer Sicht sieht die Sache aber völlig anders aus. Hier hat Scheitan seine Hände im Spiel, die Muslime müssen den Frevlern entgegentreten denn sonst gewinnt der Teufel die Oberhand und auch die Seelen der Gläubigen sind verloren. Die ewige Wahrheit des Koran muß mit allen Mitteln verteidigt werden.

    Es kommt also immer auf die Perspektive an (und die kann auch mal irrational sein).

    • 15. März 2012 um 16:56 Uhr
    • Bravoleser
  7. 7.

    @ Bravoleser

    Das Dilemma allein am Islam festzumachen greift zu kurz. Selbst wenn das alles Christen oder Hindus wären, man würde sich dennoch gegenseitig an die Gurgel gehen.

    • 15. März 2012 um 17:22 Uhr
    • Serious Black
    • 15. März 2012 um 17:43 Uhr
    • Serious Black
  8. Kommentar zum Thema

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