Ein Blog über Religion und Politik

Was Günter Grass vom israelischen Immobilienmarkt lernen könnte

Von 7. April 2012 um 12:53 Uhr

Vor einigen Wochen traf ich in Tel Aviv den Psychoanalytiker und Journalisten Carlo Strenger, eine der klügsten Stimmen der israelischen Linken. Sein englischsprachiges Blog bei Ha’aretz mit dem schönen Titel “Strenger than Fiction” gehört zur Pflichtlektüre für jeden, der wissen will, wie das liberale Israel über die Lage des Landes – und über die Misere der Linken – denkt.

Es war ein schöner warmer Februartag, man konnte im Hemd im Straßencafé sitzen. Wir trafen uns in der Nähe von Strengers Wohnung in Nord-Tel Aviv. Wir sprachen über alles Mögliche – den scheiternden Friedensprozess, die Spannungen zwischen Ultrareligiösen und Säkularen im Land, die Netanjahu-Regierung (für die Strenger, der einmal Wahlkampfberater der Arbeitspartei war, natürlich wenig übrig hat), die Siedler, die Hamas. Aber es war eine private Auskunft, an die ich mich nun erinnere, da Günter Grass Israel zur Gefahr für den Weltfrieden umgedichtet hat.

Strenger ist bemerkenswert unter den Linken insofern als er immer versucht hat, einen Dialog mit den Rechten und den Ultraorthodoxen zu führen. Er hat immer wieder auch öffentliche Debatten mit prominenten Siedlerführern geführt und ihnen zu vermitteln versucht, warum ihre Politik den Zionismus ruiniert und dessen Ziel – einen jüdischen, demokratischen, souveränen Staat – gefährdet. Bis heute tut Carlo Strenger das weiterhin. Es widerspräche seinem wissenschaftlichen, aber auch seinem Ethos als engagierter Bürger, die andere Seite einfach nur zu verdammen und ihre Motive nicht einmal verstehen zu wollen. In jüngster Zeit ist er in seinen Kolumnen sehr selbstkritisch mit den Errungenschaften der politischen Linken umgegangen. Dass die israelische Linke das Volk und seine Ängste, Hoffnungen und Sicherheitsbedürfnisse immer weniger versteht, ist der Kern seiner Analyse. Nicht nur die israelische Linke.

Ich fühlte mich durch die Debatte um Günter Grass’ Gedicht an diese Begegnung mit Carlo Strenger erinnert. Strenger, Spross orthodoxer Einwanderer aus der Schweiz, ist ein Mann von trockenem Witz. Die Art, wie er von seiner Wohnungssuche erzählte, hat sich mir eingeschärft.

Es war nicht einfach gewesen, einen Termin für unser Treffen zu finden. Strenger und seine Frau ziehen um und es gibt viel zu organisieren. Ein wichtiges Kriterium für jede Wohnung, die man in Betracht zog, war die Qualität des Schutzraums. “Als erstes guckt man, ist da ein Bunker in der Wohnung, wie groß, wie stark ist er, und dann kommt die Frage nach Küche, Schlafzimmer und Balkon.” Das sei schlichtweg der Standard bei allen neuen Wohnungen, die in den letzten Jahrzehnten gebaut wurden.

Wohlgemerkt: Wir redeten hier nicht über Sderot, sondern über die besseren Wohnviertel im Tel Aviver Norden: “Heute sitzen wir hier entspannt in der Sonne, aber in ein paar Monaten kann es sein, dass wir alle nicht ohne Gasmasken aus dem Haus gehen.” So sei es damals schon gewesen, als Saddam Hussein Tel Aviv mit Raketen bedrohte während des Golfkriegs, und dann wieder als die Amerikaner den Irak 2003 angriffen: Man hatte seine Gasmaske dabei, wenn man einkaufen oder einen Kaffee trinken ging.

Im Fall eines Krieges gegen den Iran könnte es schnell wieder so weit sein. Strenger ist alles andere als ein Kriegstreiber, was den Iran angeht. Im Gegenteil, er hat immer wieder Stimmen wie den ehemaligen Mossad-Chef Meir Dagan zitiert, die vor einem Schlag gegen die iranischen Atomanlagen warnen. Aber auch einer wie er sucht sich seine Wohnung heute nicht zuletzt nach der Qualität des Bunkers aus. Die Deutschen, zumal in der Generation der ehemaligen “Flakhelfer”, der Grass angehört, sollten eigentlich einen Zugang zu diesem prekären Lebensgefühl haben. Warum haben sie ihn nicht, wie unsere Meinungsumfragen zeigen?

In Tel Aviv hat man mit Bunker und Gasmaske leben gelernt, als wären das Selbstverständlichkeiten. Mit einem Leben in Reichweite iranischer Atombomben, gegen die kein Bunker hilft, können sich auch die meisten derjenigen nicht anfreunden, die einen Krieg mit Iran um beinahe jeden Preis vermeiden wollen.

Kategorien: Iran, Israel
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Herr Lau,

    der höchst unlogisch viel heraufbeschworene atomare Erstschlag durch den Iran ist ein billiger Vorwand, um sich nicht mit den Fakten auseinander setzen zu müssen.

    Nach wie vor ist Israel auch ohne Deutsche Uboote zu einem “Zweit”schlag fähig, und in diesem Fall auch zurecht willig, der den Iran von der Landkarte tilgen würde.

    Ein Szenario, in dem Israel den Iran angreift, und damit den Iran zwingt Gegenangriffe auszuüben, ist aber realitätsnah und keine Fiktion. Das nun dadurch unter der Israelischen Bevölkerung eine Vielzahl von Opfern entstehen kann, und Israel als Vergeltung dann Atomwaffen einzusetzen bereit ist, ist zwar nicht so wahrscheinlich, aber um ein vielfaches dem Iran unterstellen zu wollen, mit einem Sinnbefreiten Angriff gegen Israel die eigene Existenz auslöschen zu wollen.

    Grass, sofern er diese Gedanken hatte, bewegt sich damit weit näher an realen Gefahren, als all jene , die zur Erhaltung einfältiger Meinungen diesen fiktiven Iranischen Kollektivselbstmord bemühen. Ein Angriff auf den Iran würde zwar selbst im Fall der zu erwartenden Eskalationen nicht werden, aber wir wären definitiv Mittäter bei den durch Israel verursachten Morden bei so einem Angriff, da wir Israel bei allem(!) unterstützen, mit Geld und sonstigem Beistand.

    Israelische Sicherheit ist auch bedingt durch den Willen Israels, mit Waffengewalt Willkür und Völkerrechtsbruch durchzusetzen. Man kann nun alle, die das erwähnen, mit hilflosen und billigen Antisemitismusverleumdungen überschütten, aber so werden die Fakten höchstens von der sehr eingeschränkten eigenen Wahrnehmung verdrängt.

    Ob Grass wusste, was er geschrieben hat, weiß man natürlich nicht. Aber der Inhalt seiner Zeilen ist in den meisten Punkten deutlich näher an der Realität, als der Wahn, Israel alle Freiheiten in der Ausübung von Gewalt zur Durchsetzung der nicht Völkerrechtskonformen Politik Israels geben zu wollen.

    Dieses Verhalten hat sogar eine große Ähnlichkeit mit der Haltung derer, die auch meinen, hier Gesetze nicht achten zu müssen, um loyal zur “Familie” Zwangsverheiratugen zu tolerieren zu können. Die Pfeiffen auf die Gesetze genauso wie vermeintliche Israelunterstützer, die israelische Aggressionen über das Völkerrecht stellen.

    • 7. April 2012 um 13:43 Uhr
    • Erol Bulut
  2. 2.

    @Jörg Lau

    “Die Deutschen, zumal in der Generation der ehemaligen “Flakhelfer”, der Grass angehört, sollten eigentlich einen Zugang zu diesem prekären Lebensgefühl haben. Warum haben sie ihn nicht, wie unsere Meinungsumfragen zeigen?”

    Weil seit Jahrzehnten eine palästinensich/arabisch/islamische Propagandaschlacht gegen Isreal und die Juden gefahren wird. Viele westliche, vornehmlich linke Medien nehmen diese Propaganda willig und unkritisch auf und verbreiten sie und werden damit auch in dieser konkreten Frage zu einem Werkzeug islamischer Kräfte und Interessen. Dieses sehr sehneswerte Video zeigt ein Stück dieser Propaganda. http://www.youtube.com/watch?v=Rc9v5gLXP4w

    • 7. April 2012 um 14:05 Uhr
    • Bellfruta87
  3. 3.

    @Erol Bulut

    Wie finden Sie eigentlich den hier? http://www.youtube.com/watch?v=d-fukddJfSs

    • 7. April 2012 um 14:09 Uhr
    • Bellfruta87
  4. 4.

    … zu erwartenden Eskalationen “nicht zu einem Weltkrieg” werden …

    • 7. April 2012 um 14:11 Uhr
    • Erol Bulut
  5. 5.

    @ ”

    Der Typ in dem Video versucht eine gleichermaße kranke Hassideologie zu verbreiten, wie Sie es auch versuchen. Immerhin hat er es auf ein Video gebracht und kann als Vorbild für Sie dienen. Haben Sie es auch schon mal mit Videos versucht?

    • 7. April 2012 um 14:17 Uhr
    • Erol Bulut
  6. 6.

    @Bulut

    Das Video mit ihrem Glaubensbruder geht exakt 13 Min und 16 Sek. Da Sie schon nach 8 min antworteten, haben Sie also das Video nicht gesehen, dabei würde es gerade mental stark beeinflussten Leuten wie Ihnen neue Horizonte eröffnen. Und Sie würden vielleicht begreifen warum Isreal so reagiert wie es reagiert, denn diese Art islamischer Vorbeter findet man überall in der islamischen Welt und sie haben sehr sehr viele gläubige Muslime auf ihrer Seite. In Ägypten etwa 70% der Bevölkerung, wie die Parlamentswahlen gezeigt haben.

    • 7. April 2012 um 14:38 Uhr
    • Bellfruta87
  7. 7.

    Zum diesem Blogeintrag, zu Grass Gedicht und auch zur Reaktion vieler Leser passt perfekt dieser Videobeitrag von Pat Condell. Der Mann fasst es in einer Art und Weise zusammen, wie es besser kaum geht. Das Video sei echt jedem ans Herz gelegt: http://www.youtube.com/watch?v=LeGYAfh9A1k

    • 7. April 2012 um 14:42 Uhr
    • Bellfruta87
  8. 8.

    @Möchtegernhassprediger

    ich muss mir nicht mehr als 10% bei dem von ihnen verlinkten Hassprediger anhören, genauso wie ich auch nicht mehr als 10% ihrer Worte durchlesen muss, um zu erkennen, wie eingeschränkt die Kapazität ist, um selbst einfachste Zusammenhäge erfassen zu können.

    Die einen Menschen hetzen gegen Juden, die anderen gegen Moslems und andere gegen jene, die israelische Politik bezüglich der Propaganda auseinandernehmen. Das zumeist um irgendwelche Morde und Unterdrückung schönzureden. Traurigerweise ist hier die Medienlandschaft so gestaltet, dass auch die meisten Reporter die geistlose Antisemitismusverleumdung vorziehen, als sich der eigenen Einfältigkeit kritisch zu stellen. Wenn es eine sachlichere Debattenkultur hier in diesem Land gäbe, also genau wie Grass sagt, weniger heuchlerisch, würden sich nicht so viele von Ihrer Sorte trauen auf die gleiche billige Art Hass säen zu wollen, wie der von Ihnen verlinkte Hassprediger es in Ägypten tut.

    • 7. April 2012 um 15:02 Uhr
    • Erol Bulut
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)