Ein Blog über Religion und Politik

Ägyptens Revolution: It’s All Over Now, Baby

Von 19. Juni 2012 um 09:21 Uhr

Die Fragen aus meinem Post der letzten Woche über die Lage in Ägypten scheinen vorerst beantwortet: “Wieviel Freiraum wird das Militär dieser Entwicklung gewähren? Wird sich Ägypten mehr in Richtung der Türkei oder mehr in Richtung Pakistan entwickeln?”
Erstens: Keinen Freiraum. Zweitens: Eine Kombination von beiden: Die Auflösung des Parlaments und die folgende Verkündigung über die beschränkten Kompetenzen des kommenden Präsidenten lassen erkennen, dass das ägyptische Militär die Technik des “Soft Coups” türkischer Provenienz beherrscht, um wie das pakistanische Militär (“Military Inc.”) seine massiven (auch wirtschaftlichen) Interessen abzusichern. Klar ist jedenfalls, dass die Generäle beabsichtigen, das Land nicht zu demokratisieren.

Militärs halten seit vielen Jahrhunderten die Macht in den Händen am Nil – mal unter fremder Oberherrschaft, mal als Autokraten – warum sollten sie jetzt freiwillig die Macht abgeben?

Die ägyptische Revolution scheint vorerst abgebrochen. Ob sie auch schon gescheitert ist, weiß man noch nicht. Aber etwas ist zuende gegangen.

Als ich hier zuerst vor 5 Jahren über den ägyptischen Blogger Sandmonkey schrieb, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass er heute, im Sommer 2012, auf eine Revolution zurückblicken würde, die zwar den Diktator Mubarak hinweggefegt hatte, am Regime aber nichts grundsätzlich hat ändern können. Unvorstellbar schien so etwas damals. 2009 besuchte ich mit einer kleinen Delegation des damaligen Innenministers Schäuble Ägypten. Das einzige interessante politische Thema damals war, ob Omar Suleiman Mubarak nachfolgen würde – oder doch Gamal Mubarak, und ob sich damit also auch in Ägypten eine  Diktatorendynastie bilden würde, wie man sie aus Syrien kannte (und wie man sie bald, so vermutete man, in Libyen erleben würde). Die Ägypter, mit denen wir sprachen, schauderten bei der Vorstellung: “Wir sind nicht Syrien!” Das war für die stolzen Ägypter extrem wichtig: Nicht ein Land zu sein, in dem die Menschen sich vor angemaßter Legitimität einer Fake-Dynastie beugen. Es ist eine Sache – und schlimm genug –, von Generälen oder Ex-Generälen regiert zu werden, und eine andere: von deren Söhnen. Vielleicht ist es das, was von der Revolution bleibt?

Sandmonkey, dessen wahren Namen Mahmoud Salem wir seit der Revolution kennen (immerhin, es gibt weniger Angst in der Gegenöffentlichkeit!), hat nun in einem bewegenden Blogpost das erste Kapitel der Revolution für beendet erklärt.

We went into the revolution with the same thinking that people like me had back in 2005: we must remove Mubarak, stop his son from inheriting us, and get democratic elections. All of us had those goals and not a single vision on what to do afterwards, because the removal of Mubarak was such a pipedream. So, you successfully dethrone a tyrant, and you have neither plan nor vision on what to do afterwards, and no real understanding of the regime itself, then, quite naturally, you fall flat on your face, and we have been doing that for the past 18 months.

Sandmonkey schreibt in seinem Post auch, dass er einen ungültigen Wahlzettel abgegeben hat. Unter den Revolutionären, auch bis in säkular-liberale Zirkel hinein, hatte es vor der Wahl eine Debatte gegeben, ob man dem Muslimbruder Mursi nicht doch den Vorzug vor Achmed Schafik geben müsse, dem letzten Premierminister Mubaraks, und damit einem Kandidaten des Alten Regimes. Sandmonkey weigert sich, sich eine solche Alternative aufzwingen zu lassen.

I invalidated my vote, mainly because I refuse to succumb to fear-politics and thinking that they both suck as candidates. That being said, I have been under continuous attack from many of the revolutionaries for not supporting Morsy. Well, my dear friends, I am sorry that you are a bunch of cowards that let your fear control your political choices. I am not that kind of man. If I attacked Morsy, it’s because I don’t want him being dubbed the revolution’s candidate, because he simply isn’t, and will never be in my eyes. Our revolution called for a civil state: nonreligious, non-military, and this guy will try to form a religious military state. The people who supported Morsy, believing that the MB will change or be democratic, are really 3 groups: 1) People pissing in their pants out of fear, 2) People who made deals with the Brotherhood (…), and 3) people who are stupid enough to believe that the MB will change or not betray them the first chance they got.

Bemerkenswert ist nicht zum ersten Mal die Selbstkritik des Revolutionärs Mahmoud Salem. Er weist seine Freunde darauf hin, dass die “revolutionäre Legitimität” aufgebraucht ist. Die Menschen wollen Ergebnisse sehen:

If you are a revolutionary, show us your capabilities. Start something. Join a party. Build an institution. Solve a real problem. Do something except running around from demonstration to march to sit-in.

Interessanter Weise ist Sandmonkey “weder deprimiert noch demotiviert”, und er zählt die Errungenschaften des letzten Jahres auf:

      • Hosny Mubarak, his son and his VP are not ruling us.
      • The NDP is broken into many different pieces
      • The next President is chosen through fair, competitive and democratic elections, not matter what the outcome.
      • Freedom of Expression, press and speech.
      • The weakening of the MB, the salafis, the end of using religious speech for political gains (Notice how Morsy didn’t say a single Sharia thing in the past 2 weeks)
      • Serious understanding to the nature of the state we live in and the roots of its problems, which we never really knew before.
      • Interlinking between individuals all over the governorates that would’ve never taken place otherwise.
      • Serious weakening of classism in a classist society
      • Incredible amount of art, music and culture that was unleashed all over the country
      • Entire generations in schools and universities that have become politicized, aware and active.
      • A serious evaluation of our intelligentsia and why they suck.
      • Discovering the difference between symbols and leaders, and our need for the latter than the former.

 

Sandmonkey hat sich seinen sarkastischen Humor bewahrt. In einem seiner Tweets von gestern schreibt er, diejenigen, die sich über die neiden Kandidaten beunruhigt haben – der Islamist gegen den Büttel der Militärs – könnten sich abregen, denn die Militärs hätten dafür gesorgt, dass jeder neue Präsident nicht mehr als ein Grüßonkel sein werde.

Kategorien: Ägypten
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Sehr guter Artikel!

    Was das anbelangt:
    “die zwar den Diktator Mubarak hinweggefegt hatte, am Regime aber nichts grundsätzlich hat ändern können”

    In meinen Augen strotzten solche Ansichten vor einer naivität sondersgleichen – denn kein Diktator, egal, wer es auch immer sei, hat als ein einzelner mensch die möglichkeit viele andere Menschen zu unterdrücken – er ist immer auf die Hilfe anderer dabei angewiesen.
    Das heisst, dass es bei jeder Diktatur vielleicht der Diktator im Rampenlicht steht, er aber immer von sehr vielen menschen, in der regel von ganzen institutionen und Bevölkerungsschichten, unterstützt wird und er auch auf diese rücksicht nehmen muss 8sie stellen seine machtbasis ja dar).
    Ob ein Hitler, talin, ob ein Kim in Nordkorea oder eben ein Mubarak – all diese Leute präsendierten im grunde nur diverse Gruppierungen (arteien, ideologien, militär, bestimmte klassen [wie großgrundbesitzer] – und sind persnlich nur insoweit am mächtigsten, als sie es schaffen einige dieser gruppierungen gegeneineander auszuspielen, so dass sie sich gegenseitig blockieren. Ansonsten dürfen sie innerhalb eines relativ unbedeutenden rahmens machen was sie wollen – und bei den wichtigen sachenmüssen sie sich absprechen oder zumindest rücksicht auf diverse interessenlagen im eigenen lager nehmen.

    Wie auch immer: mubarak war nur eine personifizierung des eigentlichen regimes – und das ist anscheinend in Ägypten vor amllem das Militär – das nicht nur eine Militärmacht darstellt, sondern aufgrund militäreigener btriebe in einem größerem Umfang, auch eine Wirtschaftsmacht – was wiederum bedeutet, dass das Miliär dort relativ unabhängig von politischen und gesellschaftlichen strukturen ist, da es sich slebst mit geld und gütern versorgen kann (und nicht von außerhalb des Militärs stehenden kräften auf zulieferungen und geldbewilligungen [wie über das haushaltsrecht eines parlamentes] angewiesen ist).

    Von daher kann man ruhig sagen, dass in ägypten die revolution gescheitert ist bzw. war als klar wurde, dass die machtbasis des Militärs nicht aufgelöst wurde – und mubarak als person oder amtsinhaber spielte dabei nur eine symbolische rolle als ‘Gesicht’ oder ‘personifizierung’ dieses machtapparates.

    • 19. Juni 2012 um 10:11 Uhr
    • Zagreus
  2. 2.

    Passend zum Artikel stelle ich meinen Kommentar aus dem Nachbarthread nochmal ein

    • The weakening of the MB, the salafis, the end of using religious speech for political gains (Notice how Morsy didn’t say a single Sharia thing in the past 2 weeks)

    Das ist eher taktisches Kalkül. Ich halte es für sehr gefährlich, dies als ein Zeichen von Schwäche zu interpretieren.

    Mit einer soliden islamistischen Mehrheit(75%) im Parlament, fühlte sich die MB schon als sicherer Sieger im Machtkampf um Ägypten. Immerhin hatte der SCAF schon mehrfach die direkte Konfrontation mit der MB gescheut (beispielsweise, als die Parlamentswahlen zu Lasten der anderen Parteien vorgezogen wurden).

    Offenbar wurde die MB vom knappen Wahlergebnis der Präsidentenwahl, der Streichung diverser Präsidentschaftkandidaten und schließlich dem Kassieren der Parlamentswahl eiskalt erwischt.

    Die harte Notbremse des Gerichts (sicherlich im Auftrag des SCAF) zeugt von einer dramatischen Einschätzunug der Lage. Der SCAF sah sich wohl vor der Wahl zwischen Skylla (als konterrevolutionär wahrgenommen zu werden, was bislang möglichst vermieden wurde) und Charybdis (Ägypten dem islamistischen Monster zum Fraß vorzuwerfen).

    Das alles hat die Muslimbruderschaft auf dem Weg zur Machtergreifung zwar ein gutes Stück zurückgeworfen, aber geschächt hat es sie keineswegs. In gewisser Weise hat der Coup sogar Munition gegen den SCaF und Schafiq geliefert.

    Nun bleibt abzuwarten, ob die MB davon profitieren kann, zumal (… the clash with the state and the MB is inevitable and coming …)
    sich das Ganze sogar Richtung Algerien (200.000 Tote) oder auch Iran (islamistisches Terrorregime) entwickeln könnte.

    Sandmonkeys Verweigerungshaltung finde ich naiv und irgendwo auch symptomatisch.

    Natürlich ist die Wahl zwischen Mursi und Schafiq, eine zwischen Pest und Cholera.
    Aber deren Anhänger werden gültige Stimmzettel abgeben. Statt sich schmollend in die Ecke zu stellen, müßte angepackt und den Ägyptern eine glaubwürdige politische Alternative gegeben werden
    (Die MB hat mit ihrer jahrzehntelangen Basisarbeit einen nahezu uneinholbaren Vorsprung).

    • 19. Juni 2012 um 10:23 Uhr
    • Serious Black
  3. 3.

    Ägypten ist am Arsch, wenn sich einige europäischen Staaten nicht mal selbst ernähren können, wie soll das ein 82 Millionen Arab Volk ohne Öl schaffen können.

    Spannend wird es, wenn sich ein paar Millionen ausgehungerte Arabs auf die israelische Grenze zubewegen, dann wird es lustig werden oder auch nicht

    • 19. Juni 2012 um 12:12 Uhr
    • cem.gülay
    • 19. Juni 2012 um 13:08 Uhr
    • Bulut darf
  4. 5.

    Marriex

    Friedmann

    Man kann doch nochmal träumen dürfen.

    Sie Stänker.

    Intelligenz und logische Denken ist heute einfach nicht mehr gefragt.

    Finden Sie sich damit ab, als aussterbende Spezies

    • 19. Juni 2012 um 13:17 Uhr
    • cem.gülay
  5. 6.

    ““Wir sind nicht Syrien!” Das war für die stolzen Ägypter extrem wichtig”

    Und das wollen sie auch heute erst recht nicht werden.

    Ägypter (und Libyer) wollten keine Sohnemänner, obwohl die betreffenden Stammhalter sich bereits mit Investmentbanking befasst hatten. Statt dessen läuft der syrische Sohn Amok und das Vorbild des “Modell Türkei” schrumpft zu einer vagen Hoffnung, dass der Islamismus zu einer demokratischen Karikatur an der Kette der Militärs sich zurück-degenerieren möge, damit die Knute bitteschön im Sack bleiben kann.

    Diese kleinmütige Hoffnung dürfte eine (un)heimliche Mehrheit in den ägyptischen Hinterköpfen haben; jedoch spielen dabei nicht mit:

    Innenpolitisch: Die Salafisten und die Facebook-Aktivisten.

    Außenpolitisch: Teherans Anspruch auf eine antizionistische Herrschaft über die Sunniten nach Art der Hisbollah. Teheran will, dass Friedhofsruhe von Beirut bis Basra herrscht – und dann den Konflikt mit Israel eskalieren. Alles jeweils bis zum letzten Sunniten; falls erforderlich.

    Die Rationalität eines Burgfriedens zwischen SCAF und der MB könnte es sein, Ägypten von diesem Programm fernzuhalten.

    Doch für ein solches klammheimliches Stillhalteprojekt ist die ökonomische und soziale Basis zu wackelig, oder besser: abwärts-rutschig.

    Ein “Modell Pakistan” wäre eine Vision, zu der im Falle Ägyptens der Financier fehlt. Selbst wenn der Sinai gar kein schlechtes Terror-Waziristan abgibt; der Financier hat keinen Bock und kein Geld mehr; ein ägyptischer Musharaff bräuchte gar nicht erst geboren zu werden.

    Ein “Modell Türkei” wäre eine Vision, zu der die Vorgeschichte fehlt und bei welcher: Ökonomie, Geographie und Demographie nicht mitspielen.

    Den Ägyptern fehlt das Talent, sich eisern über Fragen des Befindens hinwegtäuschen zu können, wie halt Türken dies etwa – namentlich auch hinsichtlich ihrer Beliebtheit – vermögen.

    Wasserwirtschaftlich befindet sich das regenarme Ägypten in einer ‘syrisch-irakischen’ Lage, mit: statt der Türkei als Land der Quellen: afrikanischen Nachbarn im Süden, zu deren Verpflichtungen Rücksichtnahmen auf ägyptische Vitalinteressen nicht mehr gehören.

    Das Management von: Suezkanal (wer darf durch ?) des Sinai (wer darf was wann doch nicht ?) und des Südens (ab wie wenig Wasser: ist Krieg ?) wäre für keinen demokratischen Souverän ein gern genommenes Geschenk.

    • 19. Juni 2012 um 13:38 Uhr
    • Thomas Holm
  6. 7.

    @ Cem

    Spannend wird es, wenn sich ein paar Millionen ausgehungerte Arabs auf die israelische Grenze zubewegen, dann wird es lustig werden oder auch nicht

    Es wird eher unlustig.
    Zum Glück ist einiges an Wüste zwischen Israel und Ägypten.

    Trotzdem scheinen die Israelis schon mal ein paar Panzer Richtung Grenze zu verlegen.

    http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4243969,00.html

    • 19. Juni 2012 um 13:39 Uhr
    • Serious Black
  7. 8.

    Politisch sinnvoll und zeithistorisch richtig profiliert Sandmonkey die Grenze zwischen Demokratie und Islamismus aus der kurzen Geschichte der ägyptischen Aufstandsbewegung heraus, an die sich ja die MB erst nach immer offenbarer werdenden Massenteilnahme opportunistischerweise angeschlossen hatte, und bringt politisch nochmal die Ideale, die die jungen Menschen auf die Straße brachten, in Erinnerung <Our revolution called for a civil state: nonreligious, non-military, and this guy will try to form a religious military state.

    • 19. Juni 2012 um 14:45 Uhr
    • Publicola
  8. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)