Ein Blog über Religion und Politik

Die Not christlicher Flüchtlinge aus Syrien

Von 24. September 2012 um 12:10 Uhr

Midyat war das alte Zentrum des syrisch-aramäischen Christentums in der Türkei. Ich verbringe dort einige Tage auf der Recherche nach den Spuren der Süryani, wie die Türken sie nennen, beziehungsweise der Aramäer oder schlicht “Syrer”, wie sie selbst sich nennen – der ca. 2000 verbliebenen syrisch-orthodoxen Christen im Südosten der heutigen Türkei.

Vor hundert Jahren hat hier über eine halbe Million Christen gelebt, auf dem Hochplateau des “Tur Abdin” (Berg der Gottesknechte) zwischen Tigris und  mesopotamischer Tiefebene. Der Völkermord von 1914/15, der bei uns immer noch allein mit den ermordeten Armeniern in Verbindung gebracht wird, hat Hunderttausende in den Tod oder außer Landes getrieben. Die folgende Entrechtung der Christen in der Türkei hat eine der ältesten christlichen Gemeinschaften der Welt nahezu ausgelöscht. Ich bin hier unterwegs, um den gefährdeten Resten nachzuspüren.

Im Kloster Mor Abraham in Midyat treffe ich die vierköpfige Familie A., die seit fünf Wochen hier im Pilgerheim untergekommen ist.  Sie kommen aus Al-Kamischli, der nächstgelegenen syrischen Stadt, in der viele syrisch-orthodoxe Christen leben. Der Vater, ein Mittfünfziger, will seinen Namen nicht nennen, aus Angst vor Repressalien durch das Regime. Er ist Rechtsanwalt, seine Frau Mariana ist Lehrerin. Die beiden Töchter Randa (17) und Yara (19) sind mit der Schule fertig. Die beiden Abiturientinnen wollen gerne in Deutschland studieren, die Jüngere Medizin, die Ältere interessiert sich für Management.

Die türkischen Behörden wollten die Familie in ein Lager aufnehmen. Dem konnte sie entgehen, weil der Vater behauptete, man habe Verwandte in Midyat, die sich kümmern könnten. Verwandte gibt es auch, aber die sind zu arm zum Helfen. So kam man bei der Kirche unter.

Blick vom aramäischen Kloster Mor Augin auf die mesopotamische Ebene, nach Syrien hinein.      Foto: J. Lau

In Kamischli haben die Spannungen zugenommen, sagt der Vater. Es sei vereinzelt schon geschossen worden, wenn auch noch keine Kriegshandlungen wie in anderen Städten Syriens zu beobachten waren. “Ich hätte mich alleine noch getraut zu bleiben, aber ich habe Todesängste wegen meiner Frau und meinen Töchtern ausgestanden. Darum sind wir gegangen.”

Der syrische Staat habe de facto der kurdischen Miliz der PKK die Herrschaft über die Grenzregion überlassen, wohl wissend dass die Kurden bis zum Tod gegen eine eventuelle türkische Invasion kämpfen würden.

Der Vater sagt, er habe nichts übrig für das Regime Assad, obwohl Assad die Christen geschützt hat. Von den Rebellen erwartet er aber auch nichts Gutes: “Da sind zu viele Al-Kaida-Typen darunter.” Für die Christen werde ein Umbruch wahrscheinlich schrecklich: Man werde sie als Nutznießer des Regimes angreifen, und weil sie einer Islamisierung des Landes im Weg stehen. Es drohe der gleiche Exodus wie im Irak nach dem Fall Saddam Husseins.

Die Wohnung hat man abgeschlossen, den gesamten Besitz zurückgelassen. Ein Cousin kümmert sich darum. Wie lange der noch bleiben kann, ist unklar.

“Wir wollen Demokratie und Rechtsstaat, wie auch manche andere, die die Rebellen unterstützen. Aber in Syrien wird es eine lange Übergangsphase brauchen, bis wir gelernt haben, was das heißt. Ich rechne mit 5 Jahren Chaos und Rechtslosigkeit. Für die Minderheiten im Land wird das eine Zeit der Angst. Ich will nicht, dass meine Töchter unter solchen Umständen aufwachsen. Wir können nicht zurück.”

Das Tragische für diese Familie, wie für viele andere ist, dass sie auch nicht weiterziehen können. Es gibt kaum eine Chance für syrische Flüchtlinge, in Europa aufgenommen zu werden, wenn sie erst einmal in einem “sicheren Drittland” wie der Türkei sind.

Nach der Rückkehr führe ich Gespräche mit Flüchtlingsorganisationen. Die ersten Auskünfte sind ernüchternd. Man werde wohl nicht helfen können. Viele syrische Flüchtlinge befinden sich im Fegefeuer der Lager in Jordanien, in der Türkei, im Libanon. Das ist richtig. Ich denke aber, man muss im Auge behalten, ob sich die Lage in Syrien für die Christen dahingehend verändert, dass eine Rückkehr nur unter Lebensgefahr möglich ist. Dann müsste Europa handeln und Kontingente von diesen Menschen aufnehmen, wie es im Fall des Irak ja auch geschehen ist – nur damals leider zu spät und zu zögerlich.

Das ist eine ambivalente Politik, die nur durch äußerste Not zu rechtfertigen wäre: Hilfe für Menschen wie die Familie A. bedeutet nämlich, den Exodus der orientalischen Christen von den ältesten Städten zu beschleunigen. Und Hilfe nur selektiv Christen zukommen zu lassen würde auch das Vorurteil bestätigen, die Christen dort seien eine “Fünfte Kolonne” des Westens.  Was abseitig ist: Syrische Christen sind gegenüber den später gekommenen türkischen und arabischen Muslimen, und auch gegenüber den Kurden und Jeziden und den zig anderen Volksgruppen der Region eine Art Urbevölkerung.  Ihre Sprache, das Aramäische, reicht tief in vorchristliche Jahrtausende zurück. Sie gehören nicht zum Westen, sie gehören in diese Region, und man kann nur hoffen, dass sich dieser Gedanke noch verbreitet, bevor es zu spät ist.

 

Kategorien: Syrien, Türkei
Leser-Kommentare
  1. 1.

    “und man kann nur hoffen, dass sich dieser Gedanke noch verbreitet, bevor es zu spät ist.”

    Sehr unwahrscheinlich. Selbst dann, wenn man “nur” mit einem Machtübergang zu konservativen Muslims rechnet, also nicht mit einem Salafistenstaat. Selbst dort würden Christen immer nur Menschen zweiter Klasse sein, jeden Tag gefährdet durch zornige, gehirnlose Männer in ihrer Nachbarschaft.

    Wie bei den erzwungenen ethnischen Entmischungen in Europa bedeutet der Übergang von Staaten in die Neuzeit erst einmal ethnische, in Arabien religiöse, Reinheit. Erst danach kann man vielleicht wiederentdecken, dass auch Menschen anderer Hautfarbe oder anderer Religion Menschen sind, mit denen man zusammenleben kann.

    Obwohl Breiviks, NSU und deren Gesinnungsgenossen selbst den Gedanken wie eine noble Illusion aussehen lassen. Schon interessant, dass NACH dem “Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit”seine Mündigkeit immer zuerst dazu genutzt wurde, den nachbarn zu massakrieren oder vertreiben.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • 24. September 2012 um 12:49 Uhr
    • ThorHa
  2. 2.

    Furchtbar schön das Foto; schön furchtbar der Artikel; gemeint ist sein Gegenstand !

    Menschen gehören dorthin, wo sie überleben können – überall dort, wo das ein Thema ist.

    Der ethnische Purifizierungswahn, der von einem kruden ‘Nachholbedürfnis’ gegenüber der Europäischen Geschichte in der Region nach sich gezogen wurde, mündete für Millionen – in Europa – in einem Überleben weit westlich der Landschaften der Familienherkunft.

    Wenn das Erbe dieses Purifizierungswahns jetzt von politisiertem Islam angetreten wird, dann hält sich die existenzielle Bedrohung wohl so auf der Höhe unserer ach so modernen Zeit.

    “Ich will nicht, dass meine Töchter unter solchen Umständen aufwachsen.”

    Für yezidische und muslimische Töchter ist es sogar auch in Deutschland immer wieder gefährlich. Wer überleben will, sollte bereit sein, einen Bruch mit den Traditionen, die die Gefährdung des Überlebens mit ausgemacht haben, zu vollziehen.

    “Sie gehören nicht zum Westen, sie gehören in diese Region …”

    Diesen Halbsatz an dieser Stelle zu zitieren klingt polemisch; deswegen meine Einschränkung, warum ich ihn hier anbringe:

    Man muss den Menschen sehr offen sagen, was ein (Über-)Leben im Westen zum Preis hat: das Opfer von so manchen sehr hoch gehaltenen kollektiven Bevormundungsansprüchen im Zeichen von ‘Ehre’ – auf dem Altar persönlicher Selbstbestimmung und individuell verstandener Freiheit.

    Ist die Furcht vor der Grausamkeit dieser Anforderung der Vater des fragenden Gedankens: “ob sich die Lage in Syrien für die Christen dahingehend verändert, dass eine Rückkehr nur unter Lebensgefahr möglich ist.” ?

    • 24. September 2012 um 13:10 Uhr
    • Thomas Holm
  3. 3.

    Schon komisch dieser Beitrag. Diese christliche Familie aus Syrien kommt in die Türkei, um sich in Sicherheit zu bringen, reden tuen sie aber angeblich so, dass man denkt, nicht der Assad in Syrien, sondern die demokratische Türkei würde der Flüchtlingsfamilie schaden wollen. Die türk. Flüchtlingscamps sind laut H.Clinton und A.Jolie die besten, die sie jemals gesehen haben. Die Türken geben sich ganz schön viel Mühe, um diese grosse Aufgabe zu meistern und das ganze ohne fremde finanz. Hilfe. Es hört sich aber so an als ob die Familie ins KZ musste, aber Gott sei Dank(!) doch noch wo anders unter gekommen sind.Warum geht man in ein Land, wo man angeblich verfolgt wird “nur” weil man ein Christ ist? Das ist doch widersprüchlich hoch zehn!
    Wird hier wieder versucht die Türkei schlecht zu machen? Das scheint ja in Mode gekommen zu sein. Nur noch Islam-und Türkei-Bashing in dt. Medien! Da werden schnell wieder die Armenier erwähnt um der Sache die nötige Brisanz zu geben. Alles kleine faule Tricks für die Meinungsmache. Die alte säkuläre faschist.Militärkemalisten-Elite hat mit den Christen,Alewiten,Kurden AUCH die gläubigen Muslime unterdrückt.Gestern wurde ein Urteil gefällt und anstatt sich darüber zu freuen,dass die Übeltäter ihre gerechte Strafe bekommen haben,wird wieder die Sache(von dt.Medien) auf den Kopf gestellt und man wird auf die angebliche Islamistische Gefahr von Erdogan hingewiesen!! Das ist alles verlogen und peinlich! Die Dummen kaufen einem ja anscheinend auch alles ab! Leute informiert euch nicht immer einseitig! Die jetzige angeblich Islamistische Regierung ist die freundlichste Regierung zu den Christen,Kurden etc. Ihr bekämpft die falsche Seite!!!

    • 24. September 2012 um 13:47 Uhr
    • Supertalent
  4. 4.

    @ Supertalent

    “reden tuen sie aber angeblich so, dass man denkt, nicht der Assad in Syrien, sondern die demokratische Türkei würde der Flüchtlingsfamilie schaden wollen.”

    Tut sie nicht, die Familie, auch nicht angeblich. Allein Skepsis gegenüber neuen Machtverhältnissen in Syrien wird zitiert …

    “Für die Christen werde ein Umbruch wahrscheinlich schrecklich: Man werde sie als Nutznießer des Regimes angreifen, und weil sie einer Islamisierung des Landes im Weg stehen.”

    … und das auch noch verbunden mit einem Hinweis, genau zu gucken, ob wirklich alles so dicke kommt:

    “man muss im Auge behalten, ob sich die Lage in Syrien für die Christen dahingehend verändert, dass eine Rückkehr nur unter Lebensgefahr möglich ist.”

    “Warum geht man in ein Land, wo man angeblich verfolgt wird “nur” weil man ein Christ ist?”

    Und schon sind Sie bei einer durch nichts in dem Artikel zu begründenden Fragestellung angelangt; super.

    “Alles kleine faule Tricks für die Meinungsmache.”

    Supertricks, die ein Superimage nach sich ziehen !

    “Ihr bekämpft die falsche Seite!!!”

    Das sagen alle; dabei will es der Westen allen Recht machen, was aber irgendwie nicht geht. Denn jede Seite sagt, dass die andere Seite durchaus die böse Seite sei. Und das will der Westen natürlich auch wieder nicht glauben – was zweifelsohne eine Respektlosigkeit ist.

    Echt punkig geht es zu in der Türkei: “Is Angelina Jolie a CIA agent?”

    http://www.hurriyetdailynews.com/is-angelina-jolie-a-cia-agent-.aspx?pageID=238&nID=30713&NewsCatID=411

  5. 5.

    Der Artikel ist nicht komisch, zeigt er doch die Probleme, die vor allem durch religiös ausgelöste Migrationsbewegungen entstehen.
    Ich kann Salman Rushdie nur zustimmen, wenn er “die Rückkehr der Religionen” beklagt. Das wird für unsere Gesellschaft noch sehr gefähliche Züge annehmen.

    • 24. September 2012 um 14:20 Uhr
    • nanina
  6. 6.

    @ Supertalent: Die Türkei tut sehr viel für syrische Flüchtlinge. Absolut anzuerkennen.
    Das ändert nichts daran, dass die aramäische Kultur unterdrückt wird. Es ist verboten, die Sprache zu unterrichten. Es gibt keine Genehmigung zur Reparatur von Kirchen und Klöstern, von Neubauten zu schweigen. Die Aramäer sind als Minderheit nicht anerkannt und haben keine Rechte. Das Kloster Mor Gabriel, gegründet 397, wird mit Prozessen überzogen, die ihm seine Lebensgrundlage entziehen. Es wird absurder Weise behauptet, dort habe vorher (!) eine Moschee gestanden. Die jetzige türkische Regierung ist nicht verantwortlich für die Massaker der Jungtürken und die folgende Unterdrückung. Aber es ist nicht in Ordnung, dass die Anerkennung für die Opfer fehlt. Fahren Sie mal hin und hören sich die Geschichten an: Jedes Dorf ein killing field. Die Armenier haben einen Staat und eine Lobby. Die Assyrer habe nur ihre Kirchen und Klöster, und sie haben das berechtigte Gefühl, dass man ihnen das auch noch nehmen will.
    Ich setze mich für das Recht der Muslime ein, hier Moscheen zu bauen. Aus dem gleichen Impuls setze ich mich für Christen ein, die das Recht haben müssen, Kirchen zu bauen, ihre Kinder in ihrer Sprache zu unterrichten und ihre 1600 Jahre alten Klöster zu erhalten.
    Wenn Sie das als Anti-Türken-Propaganda abtun, dann zeigt sich, dass auch die Freunde der islamischen Regierung Erdogan wie Sie dem Ungeist des türkischen Nationalismus nicht entronnen sind.

    • 24. September 2012 um 14:20 Uhr
    • Jörg Lau
  7. 7.

    @ Jörg Lau

    “Es wird absurder Weise behauptet, dort habe vorher (!) eine Moschee gestanden.”

    Wir lachen über einen Salafisten, der behauptet, Jesus sei Muslim gewesen; aber:

    “Das Kloster Mor Gabriel, gegründet 397″ könnte nach islamisch durchaus diskutabler Auffassung eben sehr wohl ein Ort der Niederwerfung vor Gott gewesen sein – mithin eine Moschee – und nach der Nichtunterwerfung unter die Botschaft des Propheten Mo.: aufgehört haben, eine Moschee zu sein.

    “Es gibt keine Genehmigung zur Reparatur von Kirchen und Klöstern, … Das Kloster Mor Gabriel, gegründet 397, wird mit Prozessen überzogen, die ihm seine Lebensgrundlage entziehen.”

    Nach keineswegs nur extremistisch-islamistischer Auffassung sind solche Orte dazu bestimmt, vor sich hin zu gammeln bis zum allfälligen bausubstanzlichen Ende. Die Lebensgrundlage wird nicht von radikalen Muslimen entzogen, sondern vom Zahn der Zeit (no pun intendet !).

    Verlaufen nicht immer wieder Diskussionen gerade um solche Punkte herum ?

    Nur der Zahn der Zeit ist intolerant; der Islam gebiete – und das doch wohl nach Mainstreamauffassung – allein sich ihm nicht durch Wiederbelebung (Reparatur) zu widersetzen.

    Ich finde Ihre prompte und deutliche Reaktion sehr erfreulich; nur: ich fürchte, Sie sind hinsichtlich des innersunnitischen Diskussionsstandes zum Thema ‘Reparaturarbeiten an Kultgebäuden der nichtmuslimischen Völker des Buches’ auf einem nicht wirklich realistischem Stand.

    Aus Teheran und Damaskus wird man dagegen jede Reparatur-Toleranz erwarten können – Sie wissen, warum.

  8. 8.

    das einzige was diese minderheiten in der türkei machen ist GEGEN den staat zu arbeiten,dauernd irgendwelche sachen anzuklagen,man kann es ihnen nie recht machen,vllt aber wenn wir den teil des landes an armenian für ein großarmenien abgeben,dann sind alle still und zufrieden ;=)

    • 24. September 2012 um 14:48 Uhr
    • tuerke
  9. Kommentar zum Thema

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