Ein Blog über Religion und Politik

Syriens Endspiel hat begonnen

Von 13. Dezember 2012 um 15:35 Uhr

In Syrien nähert sich das Regime dem Ende, wie jetzt auch die russischen Freunde zugeben. Ein informierter deutscher Kenner der Lage brachte es kürzlich auf die Fußballmetapher “80. Minute, mit möglicher Verlängerung”. In weiten Teilen des Landes kontrolliert der bewaffnete Widerstand mit seinen ca. 60.000 Kämpfern den Boden. Das Regime hat durch die Luftwaffe und Artilleriewaffen (die dem Widerstand fehlen) immer noch die Möglichkeit, großen Schaden anzurichten. Die Widerstandskräfte führen dagegen einen Abnutzungskrieg mit Kleinwaffen, die vor allem aus der Türkei, aber auch über die irakische und jordanische und libanesische Grenze ins Land gebracht werden. Die Motivation und Leidensfähigkeit der Widerstandskämpfer sind hoch einzuschätzen, sie haben hohe Verluste erlitten glauben, das Ende des Regimes mit Händen greifen zu können. Umgekehrt motiviert das auch das Regime: Assad ist nun der “Bewahrer der Alawiten”, und es gibt immer noch keine nennenswerten Brüche im inneren Kreis. Die regierenden Alawiten, aber auch die für das Regime kämpfenden Sunniten, haben keine Alternative und werden bis zum Ende kämpfen.

Die wirtschaftliche Lage ist prekär. Assad lässt Geld drucken. Diesel wird knapp, die letzte Ernte war nicht gut, nötige Importe zehren an den Reserven. Iran hält noch zu Assad, aber zunehmend verzweifelt. Man “hätte es selber besser gemacht”, so die Analyse in Teheran über Assads ungeschickt-brutalen Umgang mit dem Widerstand. Iran droht durch den Verlust Syriens der Zugang zum Mittelmeer, die schiitische Achse Teheran-Damaskus-Beirut steht vor dem Aus. Über den Abgang der Hamas aus Damaskus ins sunnitisch-muslimbrüderliche Lager (Katar, Ägypten) ist man in Teheran verbittert. Was, wenn man nun auch noch Hisbollah über Assads Untergang verliert? Eine schlimme Schwächung des so wichtigen Störpotenzials: Hatte doch Teheran zuletzt, über Hisbollah und Hamas, über Krieg und Frieden in Nahost (mit)entschieden.

Innerhalb oder neben dem vielgestaltigen Widerstand gibt die Jabhat al Nusra besonders Anlass zur Sorge. Sie wird als syrische Al-Kaida-Filiale bezeichnet, aber das ist nicht korrekt. Es handelt sich um eine eigenständige, sehr effektive Terrororganisation, die der Kaida ideologisch verwandt ist und auch Wurzeln bei der Kaida im Irak hat. Ihr Unterstützernetzwerk reich tief in die Türkei, was es für reisende Dschihadistenkader leicht macht, dazu zu stoßen.  Sie verfolgt aber Ziele in Syrien und zielt auf ein groß-syrisches Emirat (das dann auch das “befreite Israel” beinhalten würde). Weite Teile des Widerstands sehen das Problem, das mit der JaN nach dem Fall Assads erwächst: Wird diese sich dann gegen die Versuche wenden, einen neuen syrischen Nationalstaat zu errichten, weil der ja ihren Emiratsplänen entgegensteht? Derzeit aber wird sehr wohl bei Anschlägen kooperiert. Mit ihren auf bis zu 1.000 geschätzten Kämpfern hat die JaN bereits über 500 Anschläge verübt, und dies seit der Gründung vor eineinhalb Jahren. Die Gefahr, dass diese Dschihadisten die Chemiewaffen Assads nutzen könnten, ist dennoch gering, weil das Knowhow zum Einsatz nahezu vollständig in den Kreisen der alawitschen Militärelite bewahrt wird. Wegen der Todfeindschaft der Dschihadisten gegen die Alawiten ist ein Wissenstransfer auszuschließen.

Während das Ende näher rückt, stellt sich die Frage, was dann kommt? Es gibt keine “große Idee” des Widerstands, auch keine charismatische Figur, die die über 200 Gruppen vereinen könnte. Die wesentlichen Akteure der Opposition haben viele Jahre im Exil verbracht und sind kaum im Lande bekannt. Immerhin gibt es seit jüngstem ein militärisches Oberkommando des Widerstands aus Soldaten, die im Land gekämpft haben. Klar ist, dass in Syrien die Muslimbrüder eine wesentliche Rolle spielen – und spielen werden. Möglich, dass sie auch hier, wie in Tunesien und Ägypten, nach dem Ende am meisten Konzentration und Disziplin aufbringen, um das Machtvakuum zu füllen. Sie werden sich dann einer hochaggressiven, überaus erfolgreichen dschihadistischen Truppe gegenübersehen, die keine syrische Republik will, in der Alawiten, Sunniten, Christen und Kurden friedlich miteinander leben.

Dann wird sich die Frage stellen, ob das besondere syrische Selbstbild einer arabischen Republik über den Wechsel halten kann – einer Republik, die es geschafft hat, die verschiedenen Ethnien und Religionen friedlich miteinander oder wenigstens nebeneinander leben zu lassen. Oder ob danach die Zeit der Rache kommt und das Chaos regiert, das für alle Minderheiten unerträglich wird.

Kategorien: Syrien
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Dann wird sich die Frage stellen, ob das besondere syrische Selbstbild einer arabischen Republik über den Wechsel halten kann – einer Republik, die es geschafft hat, die verschiedenen Ethnien und Religionen friedlich miteinander oder wenigstens nebeneinander leben zu lassen.

    ***hüstel***

    Wie war das nochmal mit Hama?

    • 13. Dezember 2012 um 17:06 Uhr
    • MRX
  2. 2.

    @ Jörg Lau

    “Assad ist nun der “Bewahrer der Aleviten””

    Da ich vermute, dass Sie doch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Alawiten meinen, lege ich nahe zu korrigieren.

  3. 3.

    “das besondere syrische Selbstbild einer arabischen Republik … die es geschafft hat, die verschiedenen Ethnien und Religionen friedlich miteinander oder wenigstens nebeneinander leben zu lassen.”

    Ein ‘habe’ statt eines ‘hat’ hätte die Sache besser getroffen, da es ja gerade um das Selbstbild gehen soll. Das Selbstbild betreffend wäre allerdings die Einschränkung: “oder wenigstens nebeneinander leben zu lassen” nicht nur nicht erforderlich, sondern gleichsam herabwürdigend, da man es ja durchaus fertig bringt miteinander zu beten.

    Gerade in einem blog über Religion und Politik sollte man diesen bemerkenswerten Umstand – von dem man halten mag, was man will – gleichwohl nicht klein reden.

    Man hatte eine nationale Regime-Religiösität geschaffen, die sich zu einer Hintanstellung der Real-Differenzen der (großen proselytierenden) lokalen Monotheismen empor geschwungen hatte.

    Etwas, was auch theologischer Sicht übrigens gelegentlich mit dem kritischen Begriff der ‘Religionsvermischung’ belegt wird. Hier Festzustellen, dass man sich möglicherweise – sozusagen gemeinsam – in die Hölle beteten könnte, ist keineswegs eine atheistische Boshaftigkeit, sondern eine theologische Position.

    Soviel religiöse Alphabetisiertheit sollte noch sein (dürfen).

    Für jeden, der die Dimension von Dem ermessen möchte, was da am Abgrund steht, ist das keineswegs eine Haarspalterei.

  4. 4.

    Libanon:

    Wie lange soll das noch gehen? Bab al-Tabbaneh gegen Jebel Mohsen, Sunniten gegen Alawiten?

    »Bis Assad gestürzt ist«, sagt der Scheich, »und der Iran in die Knie gezwungen ist.«

    http://www.zeit.de/2012/47/Libanon-Fussball-Theo-Buecker/seite-3

    • 13. Dezember 2012 um 17:43 Uhr
    • Serious Black
  5. 5.

    @ Jörg Lau

    Seien Sie doch der Erste, der die Äußerungen Bogdanovs komplett zur Kenntnis nimmt:

    “Mr. Bogdanov offered a dark view of how the conflict would unfold from this point, saying that it took two years for the rebels to control 60 percent of Syria’s territory, and they will control it all in a year and a half.

    “If up until now 40,000 people have died, then from this point forward it will be crueler, and you will lose dozens or many hundreds of thousands of people,” he said. “If you accept this price to topple the president, what can we do? We of course consider this totally unacceptable.”

    Bogdanov sagt NICHT, dass sich das Regime halt dem Ende nähere; sondern er sagt – muss man das übersetzen ? – dass das Regime nicht fallen wird, bevor nicht über die NÄCHSTEN 18 Monate drei bis X mal soviel Menschen umgekommen sein werden.

    Und dass: Irgendjemandem dies egal sei, stellt er in den Raum – und dass Russland da leider auch nichts mehr machen könne, wo das jemandem egal sei.

    Aus der Ecke des Regime-stützenden Russland ist diese Äußerung eine flagrante Erpressung. Man ist im Westen inzwischen so weit, eine Erpressung nicht mehr verstehen zu können. Immerhin verhindert das, dass man sich den Hinweis als ‘Warnung’ schönredet.

    @ SB

    Danke für das – telling – Fundstück aus dem Fußball.

  6. 6.

    Die Gefahr, dass diese Dschihadisten die Chemiewaffen Assads nutzen könnten, ist dennoch gering, weil das Knowhow zum Einsatz nahezu vollständig in den Kreisen der alawitschen Militärelite bewahrt wird.

    Was heißt das genau?

    • 13. Dezember 2012 um 18:48 Uhr
    • Regenbogen68
  7. 7.

    6 regenbogen
    Das soll wohl heißen, das die alawitische militärelite nach einem eventuellen erfolg der dschihadisten, auch unter zu erwartender folter, ihr knohow nicht preigeben wird.
    Es muß sich also niemand sorgen machen.

    • 13. Dezember 2012 um 20:05 Uhr
    • ernsthaft
  8. 8.

    @ Jörg Lau

    Was kann man Positives sagen ?

    Immerhin: der Artikel trägt nicht die Überschrift: Assads Endspiel hat begonnen.

    Fußballanalogie:

    “Ein informierter deutscher Kenner der Lage brachte es kürzlich auf die Fußballmetapher “80. Minute, mit möglicher Verlängerung”.”

    Machen Sie Ihren Gewährsmann auf die ganze Bogdanov-Aussage aufmerksam.

    Noch mal 18 Monate bedeutet: Halbzeit hat angebrochen.

    Ihre Variante: Noch zehn Minuten; plus 30 Minuten Verlängerung = 40 Min. – Wenn wir 80 Minuten schon haben; dann also 50 % = Neun Monate.

    Bogdanov wird es besser wissen, als Ihr Gewährsmann, vermute ich mal.

    Wichtiger aber ist, dass in der kommenden Spielphase erst richtig aufgedreht werden soll: Hunderttausende von Toten …

    mit Verlaub, aber das habe ich hier vor gut einem Jahr gesagt und das galt als “manisch”, etc. Jetzt sagt es der Mann, der das Zielwasser kennt, was da eingeschenkt wird.

    Sie schreiben von 60.000 Leichtbewaffneten.

    Dagegen steht immer noch eine Armee mit erheblichen personellen Reserven aus der Tiefe von nicht zu Unrecht sich existenziell bedroht fühlenden Ethnien, Konfessionen und Parteigänger-Gruppierungen. Assad verheizt wehrpflichtige Sunniten und Kurden; das macht dann Überläufer; wobei die Kurden woanders hin überlaufen, als die Araber.

    Aber ca. fünf Millionen Menschen sind qua Herkunft und unveränderlichen Merkmalen (inkl. Religion gerechnet) kompromittiert.

    Oder sollte der Westen im Rahmen seiner humanitären Bemühungen vielleicht Beschneidungsbesteck zu den Christen senden ?

    (Das war jetzt ein Schnellschuss, vielleicht sind die syrischen Christen ja sowieso, oder halt vorsichtshalber beschnitten; wäre aber mal eine interessante Frage).

    Die Rebellen zerfallen in schlecht bis gar nicht koordinierte Gruppierungen; AJE berichtete von einer pro-salafistischen Jugendrevolte in Aleppo gegen die FSA-Gangarten.

    Umgekehrt gibt es Stimmen bei der FSA, sich der Extremisten zu entledigen; und wenn es ganz Bellfruta87-mäßig wird, dann schießen sich die Extremisten sogar untereinander darum, welcher Suren-Fall nun eingetreten ist, oder doch noch nicht.

    Der Suren-Fall mit der menschlichen Beute z.B. – da gibt es durchaus auch Extremisten, die meinen es sei noch nicht so weit, und dann schießen sie sich untereinander.

    Lange Rede, kurzer Sinn: es steht gar nicht gut um den Aufstand.

    Syrien ist als Staat aus der Nationalliga heraus gefallen – bis auf weiteres ins Bodenlose – und befindet sich dabei an der Schwelle einer zweiten Halbzeit, in der es erst richtig zur Sache gehen soll.

    Dass man Bogdanovs Erpressungs-Dialektik so gar nicht versteht, das ist schon ein böses Trauerspiel. Ich habe Ihre Kollegen mit den drei ZON-Artikeln darauf aufmerksam gemacht.

    Schreiben Sie den ersten Artikel, der der Sache gerecht wird.

  9. Kommentar zum Thema

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