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Another Brick in The Wall. Antisemitismus und Pop-Kultur

Von 28. Januar 2013 um 12:52 Uhr

Cartoon-Sunday-Times

Dieser Cartoon ist am Sonntag in der Londoner Sunday Times erschienen – am internationalen Holocaust-Gedenktag, mit dem der Befreiung des Lagers Auschwitz gedacht wird.

Benjamin Netanjahu baut eine Mauer, in der arabisch aussehende Menschen elendig zugrunde gehen. Der Zement dieser Mauer ist das Blut dieser (palästinensischen?) Opfer. Die Darstellung des wahrscheinlich auch nächsten israelischen Premiers erinnert an alte antisemitische Klischees.

Es ist schockierend, dass eine einstmals seriöse Zeitung wie die Times ein solches Stück Hasspropaganda veröffentlicht. Nachdem einige jüdische Organisationen protestiert haben, verteidigt sich die Times mit dem merkwürdigen Argument, es handele sich zwar um eine “typisch robuste” Karikatur von Gerald Scarfe, aber ihr Erscheinen am Holocaust-Gedenktag sei “rein zufällig”. Schwer zu glauben, denn die Times enthält einen anderen Beitrag zum Gedenktag (in dem der Antisemitismus des Holocaustleugners David Irving kritisiert wird). In Wahrheit sei das hier ein Beitrag zu den israelischen Wahlen in der Vorwoche.

Es gibt aber überhaupt keinen Bezug zu den Wahlen. Dass Netanjahu durch das Ergebnis geschwächt hervorgeht und eine neue Koalition bilden muss, ist nicht Thema. Nein, er baut eine Mauer mit dem Blut der Palästinenser. Das ist eine kranke Verdrehung der Tatsachen: Die israelische Sperrmauer ist errichtet worden, um nach der Erfahrung der “Zweiten Intifada” das Einsickern palästinensischer Terroristen nach Israel zu verhindern – ganz offenbar erfolgreich, wie die Bilanz der letzten Jahre zeigt. Dass der Verlauf dieser Mauer auch teilweise problematisch ist, weil sie palästinensisches Gebiet durchkreuzt (“land grab”) ist wohl wahr. Aber auch das ist hier nicht Thema.

Nein: Das Thema “Mauerbau” wird hier mit einer der ältesten antisemitischen  Legenden vermischt, mit dem Ritualmordmythus vom  ”Blut in den  Matzen”. Die Times hätte diese Karikatur nicht drucken dürfen.

Gerald Scarfe ist ein Promi unter den Karikaturisten. Er ist weltberühmt durch die Cover Art für Pink Floyds “The Wall”. Offensichtlich hat er hier seine eigene Ideenkiste geplündert : “Another Brick in the Wall”, ein Emblem der Popkultur, ist nun verschmolzen mit antisemitischer Propaganda. Man kann hier musterhaft sehen, wie “linker” Antizionismus mit schierem, altmodischem Antisemitismus fusioniert.

Roger Waters, der Pink-Floyd-Kopf, hat in den letzten Jahren seinerseits durch ein Spiel mit antisemitischen Symbolen auf sich aufmerksam gemacht, das natürlich im Geiste politisch korrekter Israelkritik daherkam. Die Animation zum Lied “Goodbye, Blue Sky” aus “The Wall” zeigte Flugzeuge, die (neben anderen totalitären oder religiösen Symbolen) Davidsterne und Dollarzeichen als Bomben abwarfen.

Ich muss sagen, dass ich “The Wall” immer abstoßend und dumm fand, und die Animationen von Gerald Scarfe abscheulich. Die Glorifizierung der unschuldigen Kindheit, das krude anti-zivilisatorische Ethos (“education=thought control”), die primitive Faschismustheorie (mother built a wall around me), das Schillern zwischen Faszination durch den Totalitarismus und primitiv-anarchistischer Ablehnung jeglicher Autorität: ein unerträglich pompöses, humorloses und dämliches Machwerk des Art Rock in seiner Spätphase.

Gerald Scarfes Entgleisung mit seiner Netanjahu-Karikatur bestätigt diese Abneigung. Aber was heißt schon Entgleisung? Eigentlich war der Hass schon in seiner Arbeit für Pink Floyd angelegt. Antizivilisatorisches Ressentiment endet allzu oft im Antisemitismus.

Kategorien: Israel, Judentum
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Erinnert im Stil an die antisemitischen Karikaturen in arabischen Zeitschriften, die man während der Diskussion des Karikaturenstreites ab und an bewundern konnte.

    • 28. Januar 2013 um 12:57 Uhr
    • Mamas Liebling
  2. 2.

    @ Lau

    guter Artikel – ja, sehe es genau so (obwohl ich einmal Fan von Pink Floyd war und gerade auch den Animaionsfilm zu ‘The Wall’ sehr schätzte – so mit 18-20 aus einem Elternhaus stammend wo die Mutter schon sehr, sehr ‘fürsorglich’ war, wurde ich damit damals sehr angesprochen).

    Ich denke, wir haben es hier auch mit einem lebensgefühl einer bestimmten gesellschaft zu tun, die sich im Rebellischen, im Auflehnen und daraus auch im Auflehnen gegen jegliche ‘autorität’, staatlichkeit etc. empfindet. Israel als Staat quasi wie eben die repräsentanz der Autorität udn die Palästinenser als ‘die kleinen Opfer’ – und dabei wird jede fraghe nach schuld und verantwortung, ursahce ausgeklammert – ähnlich wie bei pubertierenden und Jugendlichen, die irgendwie ‘nur’ sehen oder sehen wollen, wie SIE gedrückt udn kontrolliert werden, und dabei nicht wahrhaben wollen,d ass es auch an ihren Taten und verhaltensweisen liegen könnten, dass sie selbst auch unrecht begehen.

    Man denke nur, wie sich dies:
    “Die israelische Sperrmauer ist errichtet worden, um nach der Erfahrung der “Zweiten Intifada” das Einsickern palästinensischer Terroristen nach Israel zu verhindern – ganz offenbar erfolgreich, wie die Bilanz der letzten Jahre zeigt.”
    ihre völlig richtige anmerkung zumr Ursache des Mauerbaus gewandelt hat darin, wie die mauer angesehen wird: nämlich als ein gefängnis, als ‘einsperren’ der armen Palästinenser und nicht ein aussperren vpon selbstmordattentätern eben aus diesen reihen.

    • 28. Januar 2013 um 13:09 Uhr
    • Zagreus
  3. 3.

    @ Zagreus: Die Mauer nimmt halt ein paar merkwürdige Kurven.

    • 28. Januar 2013 um 13:37 Uhr
    • Jörg Lau
  4. 4.

    Sehr guter Artikel.

    • 28. Januar 2013 um 13:49 Uhr
    • Joerg J.
  5. 5.

    Beachtlich, wie manche Leute nach ein paar Schienbeintritten zu alter Form zurückfinden…

    • 28. Januar 2013 um 13:52 Uhr
    • MRX
  6. 6.

    Im November und Dezember 2012 hat Roger Waters vor den UN Israel mal wieder mit den Nazis verglichen und behauptet, dass die Hamas permanenten Frieden mit Israel anböte.
    Irgendwie hat R.W. wohl zuviel Hatedope genommen.

    • 28. Januar 2013 um 13:53 Uhr
    • Roland
  7. 7.

    @ JL

    Die isr. Rechte war übrigens gegen den Sperrzaun, weil er die Teilung vorwegnimmt.

    Ansonsten: Ein wirklich guter Artikel!

    • 28. Januar 2013 um 13:59 Uhr
    • Serious Black
  8. 8.

    erinnert mich irgendwie auch an die mohammed-karikaturen

  9. Kommentar zum Thema

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