Ein Blog über Religion und Politik

Ein Abend in der Iranischen Botschaft

Von 26. Februar 2013 um 17:37 Uhr

Ich habe ein Geständnis zu machen: Ich war in der Botschaft der Islamischen Republik Iran in Berlin. Ich habe mich einladen lassen. Anlass war der  Jahrestag der Islamischen Revolution. Das ist jetzt schon wieder mehr als zwei Wochen her, aber ich denke gelegentlich an diesen Abend, der doch sehr lehrreich war.

Ich finde eigentlich nicht, dass das Revolutionsjubiläum ein Grund zum Feiern ist. Es ist ein Unglücksdatum für die Welt, und mehr noch für die iranische Nation. Ich bin dennoch zu der Diskussionsveranstaltung hingegangen, bei der es um “Iran – anders betrachtet” gehen sollte. Mal sehen, wie die das machen: Propaganda unter schwierigsten Bedingungen. Sanktionen, die nächste Runde Atomverhandlungen droht, Assad begeht Völkermord unter kräftiger Hilfe der Revolutionsgarden, Hisbollah sieht sich wegen Terrors in Europa an den Pranger gestellt. Läuft alles nicht rund zur Zeit.

Nach der obligatorischen Koran-Rezitation eröffnete der Boschafter Sheikh Attar den Abend mit dem Bekenntnis: Es soll hier keine Propaganda geben, wir wollen offen diskutieren. Der ist gut, dachte ich. Mal sehen, wie “keine Propaganda” sich anhört. (Nach einer Weile wurde mir klar, er hatte wohl “keine westliche Propaganda” gemeint.)

Das beruhigende Ergebnis des Abends vorweg: Sie können es einfach nicht. Das iranische Regime ist vollkommen unfähig darin, einem westlichen Publikum irgend etwas vorzumachen. Sie wissen einfach nicht, wie unsere Öffentlichkeit funktioniert. Sie haben keine Kontakte, und sie haben keine Ahnung, wie so eine Veranstaltung wirkt. Es war die Mutter aller Rohrkrepierer. Beruhigend mag das einerseits sein, andererseits liegt in der Blindheit des Regimes für die Außenwahrnehmung auch eine Gefahr.

Der Saal in dem neuen Botschaftsgebäude an der Podbielskiallee in Dahlem war voll. Als der Botschafter die Gäste auf dem Podium vorzustellen begann, ahnte ich schon, das wird nichts. Sadegh Tabatabai, ein Veteran der Revolution und erster Sprecher der Regierung, ist eine interessante Persönlichkeit. (Er verlor sich aber in lauter Anekdoten.) Irmgard Pinn, eine deutsche Konvertitin und Islamwissenschaftlerin, sollte zur Lage der Frau im Iran sprechen.

Eine so absurde Rechtfertigungslitanei für Frauen-Unterdrückung habe ich noch nie gehört. Frau Pinn lobte in ihrem endlos mäandernden Vortrag den Familiensinn der iranischen Frau, die gar nicht unbedingt Karriere machen wolle, weil sie eben anderen Werten verpflichtet sei als die dekadente Westlerin. (Zugleich sagte Frau Pinn, dass die Emazipation der iranischen Frau viel weiter vorangeschritten sei als im Westen, ohne freilich diesen Befund mit dem anderen abzugleichen.) So etwas in der Iranischen Botschaft vorzutragen, der Repräsentanz eines Regimes, das Geschlechter im öffentlichen Leben trennt wie einst die Südstaaten die Rassen – das ist schon sagenhaft. Reisende wie Frau Pinn werden im Iran nicht wegen “bad hijab” belästigt und eingesperrt – Iranerinnen sehr wohl. Was ist mit denen? Haben die es sich redlich verdient?

Nicht besser Udo Steinbach, der ehemalige Leiter des Deutschen Orient Instituts: Er hielt einen Vortrag zu strategischen Lage im Nahen Osten hielt, den das iranische Außenministerium sich wahrscheinlich einrahmen lassen wird. Steinbach erging sich im “Scheitern” der amerikanischen Nahostpolitik, das er genüsslich ausbreitete. Die “Atomfrage” sieht Steinbach als Teil des Machtspiels im Nahen Osten: Weil sowohl Bush als auch Obama gescheitert sind, rückt nun Irans Atomprogramm in den Fokus. Steinbach gibt im Grunde der iranischen Sicht Recht, dass der Westen dem Land die Atomtechnik nur darum nicht geben will, damit es klein gehalten werden kann.

Zum Thema syrischer Bürgerkrieg sagte er, “Iran hat seine Rolle noch nicht gefunden, das sehen wir in Syrien”. Iran sei “noch nicht auf die neue Welle der Demokratisierung (in der arabischen Welt) eingegangen”. Wirklich? Mir scheint, die Rolle ist sehr klar: Unterstützung für Assad um jeden Preis, bis in die letzten Stunden des Führerbunkers in Damaskus.

Die Atomfrage, befindet Steinbach, sei in einer Sackgasse: “Über Sanktionen wird es nicht gelöst.” Es müssen Angebote des Westens her, und zwar umfassende. Obama wolle den Krieg nicht, “die israelische Politik schuf die Gefahr eines Krieges”. Damit hätte der iranische Botschafter eigentlich sehr zufrieden sein können. Steinbach machte ja seinen Job. Aber Sheikh Attar setzte noch einen drauf, was vielleicht etwas über die Stimmung im Regime sagt: Er forderte eine Absage an regime change, eine Sicherheitserklräung für Iran, und schließlich müssten sowohl die Atomfrage als auch die Palästinafrage “im Kontext der Gerechtigkeit” diskutiert werden. Dass den Palästinensern ein Staat verwehrt wird und dem Iran die Bombe (Pardon: das friedliche Atomprogramm), sieht der Botschafter als Teil der gleichen westlichen Weltverschwörung, gegen die nur der tapfere Iran Widerstand leistet.

Es ist eine Schande, dass sich Steinbach für so etwas hergibt – ohne ein Wort über die Menschenrechtslage im Iran zu sagen, ohne auch nur eine Bemerkung über Irans Rolle in Syrien und im Libanon zu verlieren. Eine Bankrotterklärung, so ein Auftritt.

Dann sprach der vierte Gast: “Dr”. Yavuz Özoguz, der Betreiber von Muslim-Markt, vorgestellt als Publizist und Theologe, verbreitete sich über “Islam und Demokratie”. Es war eine so plumpe Apologie des theokratischen Systems des Iran als Erzdemokratie, dass ich dann doch lieber meinen Kram packte und aufbrach. Unerträglich.

Ein Regime, das eine solche plumpe Propagandaveranstaltung als Teil eines gewagten “Outreach-Versuchs” begreift – wie isoliert muss es wohl sein? Nicht nur von außen her, sondern von innen her abgeschottet. Ich würde mir nach wie vor wünschen, man könnte eine diplomatische Lösung des Atomstreits finden. Nach diesem denkwürdigen Freitagabend geht meine Hoffnung gegen Null.

Kategorien: Iran
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Natürlich wird es eine diplomatische Lösung des Atomstreits geben, da der Iran m.E. blufft. Nichtsdestotrotz muss das Regime verschwinden. Die Hoffnung besteht, dass nach dem Sieg der Revolution in Syrien und dem daraus zu erwartenden Niedergang der libanesischen Hisbollah auch das iranische Volk aufstehen wird und die verratene Revolution von 1979 endlich vollendet. Hierbei ruhen meine Hoffnungen aber mehr auf dem iranischen Volk als auf dem Westen, der schon vor einigen Jahren seine Untätigkeit gezeigt hat bei der Grünen Revolution.

    • 26. Februar 2013 um 17:57 Uhr
    • Ahmad Ali
  2. 2.

    Ohje Herr Lau, dass Sie sich sowas angetan haben. Ich werde jedes Jahr eingeladen. Die Einladungen landen immer in den Müll. So eine Veranstaltung ist reine Zeitverschwendung; dann kann man sich genauso gut hinsetzen und stundenlang Press-TV anschauen oder Irananders.de durchlesen. Alles billige Propaganda. Das konnten die Mullas nie gut.

    • 26. Februar 2013 um 18:03 Uhr
    • docaffi
  3. 3.

    Auch Negativerkenntnisse sind Erkenntnisse. Weshalb es immer richtig bleibt, sich auch in den Zentren menschenrechtsfeindlicher Staaten kundig zu machen, solange man sich dabei nicht vereinnahmen lässt.

    Was ich an dem Bericht wirklich gruselig finde, ist die nicht einmal vorhandene Kenntnis der Knöpfe, auf die man drücken muss, um im Westen wenigstens eine Chance auf Gehör zu finden. Das hat nur Steinbach richtig gemacht, die von ihm vertreten Auffassung ist in den Kommentarbereichen der Onlinemedien sowie in der taz durchaus mehrheitsfähig.

    Kleine Anekdote aus einer anderen Zeit: Nach der Bundesvorstandswahl des RCDS 1988 sprach uns der sowjetische Botschafter an, ob wir uns wohl einen Studentenaustausch vorstellen könnten. Gerne, war unsere Antwort, allerdings nicht gruppenweise unter Aufsicht, sondern nur als Einzelgäste bei Familien in beiden Ländern. Das war das Ende der Gespräche, die auch nur ein (etwas besser getarnter) Versuch propagandistischer Einflussnahme waren.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • 26. Februar 2013 um 18:10 Uhr
    • Thorsten Haupts
  4. 4.

    @ Haupts

    Das hat nur Steinbach richtig gemacht, die von ihm vertreten Auffassung ist in den Kommentarbereichen der Onlinemedien sowie in der taz durchaus mehrheitsfähig.

    Da muss man die taz dann vielleicht doch verteidigen. Für das Neue Süddeutschland würde ich aber nicht garantieren.

    • 26. Februar 2013 um 18:16 Uhr
    • MRX
  5. 5.

    Bald kommt der zweite Teil vom Film 300.

    Argo hat auch schon den Oscar gewonnen, überreicht von Mrs Obama.

    • 26. Februar 2013 um 18:39 Uhr
    • cem gülay
  6. 6.

    “lobte … den Familiensinn der iranischen Frau, die gar nicht unbedingt Karriere machen wolle”

    Asiatische Familienwerte; die werden im UK aber wohl besser vertreten.

    “ohne freilich diesen Befund mit dem anderen abzugleichen”

    Das ist die Kunst.

    “Steinbach erging sich im “Scheitern” der amerikanischen Nahostpolitik, das er genüsslich ausbreitete”

    Wer kann dieser Versuchung widerstehen ?

    “damit es klein gehalten werden kann.”

    Das reklamiert jeder für sich, von der Türkei bis Pakistan. Und wie fällt dann der Widerspruch aus ?

    “Iran hat seine Rolle noch nicht gefunden, das sehen wir in Syrien”

    Das stimmt auch; ein Geflecht von Milizen ist anspruchsvoller zu managen, als mit einem Regime zu kooperieren.

    “Unterstützung für Assad um jeden Preis, bis in die letzten Stunden des Führerbunkers in Damaskus.”

    Zu Euro-zentristisch gesehen, siehe oben.

    “Obama wolle den Krieg nicht, “die israelische Politik schuf die Gefahr eines Krieges””

    Da haben die sich drauf geeinigt; das sagt selbst Hörstel bei KenFM.

    “Sheikh Attar … forderte eine Absage an regime change, eine Sicherheitserklräung für Iran”

    Realpolitik muss auch sein, obwohl sie etwas plump klingt.

    “und schließlich müssten sowohl die Atomfrage als auch die Palästinafrage “im Kontext der Gerechtigkeit” diskutiert werden.”

    Und wer sagt da: “Vergesst es !”

    “Teil der gleichen westlichen Weltverschwörung, gegen die nur der tapfere Iran Widerstand leistet.”

    Sich als missbrauchter Teil einer üblen Weltverschwörung zu sehen, ist aber nicht un-hipp – im Westen.

    “gegen die nur der tapfere Iran Widerstand leistet.”

    Da mag es dann mal Widerspruch von anti-rassistischer Seite geben.

    “ohne ein Wort über die Menschenrechtslage im Iran zu sagen”

    Wo wird das nicht als Heuchelei abgetan ?

    “ohne auch nur eine Bemerkung über Irans Rolle in Syrien und im Libanon zu verlieren.”

    Die Dronen UND Assad nicht zu mögen, das schaffen aber nur ein paar alt-heilige Romantiker von ganz gestern.

    “eine so plumpe Apologie des theokratischen Systems des Iran als Erzdemokratie”

    Seit neuerem empfiehlt sich der Iran aber auch mit total menschlichen Skandalen.

    “Unerträglich”

    Sie unterschätzen das: der Subtext ist der eines Kleineren Übels, kleiner übel als die Saudis – und wir.

    “wie isoliert muss es wohl sein?”

    Wenn wir böse sind, dann schaffen es so manche, da als etwas weniger schlimm durchzukommen.

    “Nach diesem denkwürdigen Freitagabend geht meine Hoffnung gegen Null.”

    Auch hier gilt es Prioritäten zu setzen: Gegen Null geht die Hoffnung für Syrien, den Libanon, den Irak … und weil die Jihadisten so hässlich sind, geht die Hoffnung für den Iran noch lange nicht gegen Null.

    • 26. Februar 2013 um 18:46 Uhr
    • Thomas Holm
  7. 7.

    @ lau

    wissen die wirklich nicht, wie ‘schlecht’ ihre propagandamaßnahmen wirken? (Propaganda machen immer nur die anderen, man selbst sagt nur die wahrheit^^).

    Und wer war genau das angesprochene Publikum – waren das wirklich die teilnehmer? Und wer von denen? gab es zum beispiel eine vorauswahl die eine bestimtme tentenz erkennen lassen könnte?
    Und könnte manches davon nicht auch als Propaganda-maßnahme für die muslimische welt, speziell vielleicht minderheiten und konveriten und dann muslimische Bevölkerung, vieleicht gar im iran slebst, gedacht gewesen sein?
    Ich weis es definitiv nicht und kenne mich mit solchen arten von ‘Veranstaltungen’ nicht aus – darum sindd as sehr ernst gemeinte fragen an sie.
    Zudem, nur so am rande – könnte es sein, dass sie mittlerweilen etwas zu ‘kritisch’ geworden sind und möglicherweise die ein oder dandere kröte nicht (mehr) so recht schlucken wollen, die vielleicht einige ihrer gutgläubigen kollekten durchaus noch fleissig schlucken?
    Manchmal lassen sich menschen so jeden Dreck aufschwätzen, solange es der Dreck ist, denn sie hören wollen (Dreck = offensichtlich faktisch udn logisch falsch, beschönigend und einseitig).

    • 26. Februar 2013 um 18:49 Uhr
    • Zagreus
  8. 8.

    @ Jörg Lau, Zagreus

    Zagreus hat recht. Die Veranstaltung wurde so “kritisch” verrissen, dass gar kein Gespür mehr für den Subtext aufkommt.

    Zum einen richten sich solche Veranstaltungen auch sehr stark nach innen. Als Ex-Pressesprecher einer Bank, die es nicht mehr gibt, habe ich das erlebt und vorher auch so nicht geahnt.

    Ein an sich gesundes Misstrauen: ‘Die wollen MICH verarschen’, geht manchmal genau in die falsche Richtung.

    “der Dreck ist, denn sie hören wollen”

    Wer will denn hören, dass die Chance nach dem Sturz von Saddam von den regionalen Akteuren ausgeschlagen und sabotiert worden ist ?

    Wer will denn nicht hören, dass der Westen alles falsch gemacht hat ?

    • 26. Februar 2013 um 19:07 Uhr
    • Thomas Holm
  9. Kommentar zum Thema

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