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Bundeswehr: Probleme an der Sinnfront

 

Mein Leitartikel aus der ZEIT vom vergangenen Donnerstag, 16. Januar 2014:

Deutsche Soldaten haben eine Menge auszuhalten, und das nicht nur in Kampfeinsätzen: An der Heimatfront verunsichern der Umbau zur Berufsarmee, eine Drohnenaffäre und vier Verteidigungsminister in fünf Jahren die Truppe.

Sie wird zudem seit Langem mit doppeldeutigen Botschaften traktiert: Es ist Krieg, da müsst ihr kämpfen und tapfer sein, und ja, auch töten und sterben! Was genau ihr auf dem Schlachtfeld tut und was das mit euch anstellt, wollen wir dann lieber nicht wissen. Oder auch: Professionalisiert euch, werdet eine Berufs- und Einsatzarmee – wenn wir diese auch künftig nicht mehr losschicken wollen, weil das politisch kaum noch durchsetzbar ist. Helden seid ihr, aber bitte kommt nicht in die Schulen, um den Kindern vom Krieg zu erzählen!

Thomas de Maizière, der letzte Minister, trieb die Zwiespältigkeit gegenüber den Bürgern in Uniform mit paradoxen Appellen auf die Spitze: Soldaten, seid stolz auf euren Dienst, begreift euch als Teil der Gesellschaft – aber um Himmels willen »giert nicht nach Anerkennung«.

Was denn nun? Die neue Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist angetreten, mit dieser systematischen Verunsicherung zu brechen. Ihre erste Botschaft, verbreitet durch eine ganze Welle von Interviews, lautet: Ich mag euch, ich will es für euch leichter, normaler machen. Die ehemalige Familien- und Arbeitsministerin spricht über die Truppe im Jargon der Sozialpolitik: »Die Bundeswehr soll einer der attraktivsten Arbeitgeber in Deutschland werden.«

Von der Leyen will darum die Familienfreundlichkeit der Armee vorantreiben: Sie verspricht den Soldaten verlässlichere Karriereplanung, weniger sinnlose Versetzungen, mehr Teilzeitarbeit, und sie will in den Kasernen »in Randzeiten sehr viel mehr mit Tagesmüttern arbeiten«. Es soll keine Lehrgänge mehr in den Schulferien geben und natürlich die bestmögliche Kinderbetreuung. Kein Wunder, dass das Begeisterung auslöst. Vertreter der Soldaten haben seit Langem diese und andere Erleichterungen gefordert. Niemand wird sie ihnen missgönnen, wenn sie denn finanzierbar sind.

Dennoch ist etwas Verstörendes an diesem ersten Auftritt der Ministerin. Sie spricht von der Bundeswehr wie eine erfahrene Sozialingenieurin, die sich nun eben daranmacht, nach Familie und Arbeitsmarkt den nächsten Gesellschaftsbereich umzubauen. Die Kaserne als riesiges, nachhaltiges Dreigenerationenhaus, mit ganz vielen olivgrünen Stramplern und idealer Fight-Life-Balance? Bessere Vereinbarkeit von Krieg und Familie? Schön und gut, aber wozu eigentlich?

Wie es mit den Auslandseinsätzen in Zukunft weitergeht, welche Rüstungsprojekte darum sinnvoll sind (und welche nicht) und, ganz grundsätzlich, wofür Deutschland überhaupt Streitkräfte braucht: Dazu verliert von der Leyen kein Wort. Es liegt ein gewisser Unernst darin, wie die Ministerin von der Bundeswehr als einem Arbeitgeber wie jedem anderen spricht, der sich vor allem darum reformieren muss, weil er auf dem Arbeitsmarkt nun mal um die besten Kräfte konkurriere. Ursula von der Leyen weicht der nötigen Debatte um den Zweck des Militärischen in postheroischen Zeiten aus, die unter den Soldaten, vor allem den in Auslandseinsätzen erfahrenen, längst geführt wird.

Denn was es heißt, Soldat zu sein, das verändert sich in diesen Tagen radikal, und zwar aus zwei Gründen: Unsere Uniformierten sind erstens selbst das Spiegelbild einer Gesellschaft, die immer bunter, weiblicher und individualisierter wird. Zweitens haben sich Bedrohungen und damit mögliche Einsätze verändert – statt um Abschreckung und Landesverteidigung mit Panzerkolonnen und Raketen geht es bei den heutigen Interventionen darum, eine Welt voller scheiternder Staaten und unberechenbarer Gewaltakteure zu stabilisieren. Im Kosovo ist das gelungen, in Afghanistan nicht. Die Bundeswehr beendet in diesem Jahr Deutschlands längsten Kriegseinsatz. Was folgt denn nun aus dieser Erfahrung?

Zweifellos: Auch Männer in Uniform (nicht nur die immer zahlreicheren Soldatinnen) wollen häufiger bei ihren Kindern sein, und sie haben oft anspruchsvolle Partner mit einem eigenen Lebensentwurf. Viele von ihnen sind wache, kritische Zeitgenossen und übrigens instinktiv meist gegen den Krieg – schon weil sie es sind, die ihn im Zweifel führen und erleiden müssen. Aber sind sie im Ernstfall – ein kleineres, netteres Wort gibt es dafür nicht – zum Opfer bereit? Das unterscheidet ihren Beruf von jedem anderen. Soldaten wollen heute wissen, warum sie eingesetzt werden, wo sie unter Umständen ihr Leben verlieren können. Sie fragen, warum die Ausrüstung nicht zum Auftrag passt und die Auftraggeber – in der Demokratie sind das wir alle – sie bestenfalls mit Desinteresse behandeln. Sie brauchen eine strategische Debatte vielleicht noch dringender als ein Lebensarbeitszeitkonto. Das Hauptproblem liegt an der Sinnfront.

Oder ist etwa dies der heimliche Sinn hinter all den widersprüchlichen Si-gna-len: Eine Armee, die ohnehin nicht eingesetzt werden soll, kann sich auch ganz auf ihre innerbetrieblichen Sorgen konzentrieren?

Ursula von der Leyen hat schon gezeigt, dass sie als Politikerin sehr vieles kann. Sie hat Courage und Durchsetzungskraft. Jetzt müsste sie sich dieser Frage stellen: Wo kann die neue Bundeswehr in einer hochkomplexen Welt mit modernen, selbstbewussten Soldaten ein Instrument der Friedenssicherung sein?

Und wo nicht?

185 Kommentare

  1.   Cem gülay

    Herr Lau

    Im Bundeskanzleramt dachte man,auch
    die Armee braucht eine Mutti.
    Nach Frau von der Leyens reichlichen
    Erfahrungen als Soldatin
    oder Polizistin, war es eine kluge
    Entscheidung,sie zu benennen.

    Guter Artikel, weil auch Sie die Kompetenz
    unserer Politiker anzweifeln und mit ihrer
    Analyse recht haben

    Hoffentlich,werden Sie nicht irgendwie,
    aus den Weg geräumt.

    Erst Steinmeier, jetzt Leyen

    Schmidt hat Sie schon auf der
    Schwarzen Liste.
    Bald ruft Bundes-Mutti bei Lorenzo an

  2.   Cem gülay

    Seien wir ehrlich, mindestens 90
    Prozent der Soldaten denken,
    In welchen falschen sie sind wir eigentlich.

    Man kann es ,mit der Umerziehung
    der Gesellschaft auch übertreiben.

    Wäre ich Soldat oder Offizier, würde ich
    meinen Dienst sofort quittieren

  3.   Cem gülay

    falschen Film…

  4.   ernsthaft

    Bekommen nicht Schulen Preise wenn sie der Bundeswehr den Zugang verweigern ? Gibt es auf Kirchentagen nicht Infostände mit „Soldaten sind Mörder “
    Transparenten ? Werden Soldaten nicht in Öffentlichen Verkehrsmitteln und auf der Straße angepöbelt weil sie Soldaten sind ? Die Bundeswehr hat, wie auch die Polizei, in einem Teil der Bevölkerung, der Parteien und Medien keinen Rückhalt.
    Friedenssicherung ? Auslandseinsätze in Zentralafrika ? Man lese die Kommentare der ZON Leser, Stichworte : Wirtschaftsinteressen, Bodenschätze , Rüstungsindustrie. Das ist das Image der Bundeswehr in weiten Teilen der Bevölkerung und das ist doch auch gewollt.

  5.   Cem gülay

    Ernsthaft

    Kämpfe wie ein Weichei, damit keiner
    aus dem Establishment das Gefühl
    bekommt, hier würden,die Enkel
    der ehemaligen SS Elite Krieger
    am Werk sein.

  6.   ernsthaft

    Cem
    Solange es wie von mir beschrieben ist kann man auch keine deutschen Soldaten z.B nach Zentralafrika schicken. Dann muß man sich halt Bilder wie im Heutejournal ansehen. ( Ein christlicher Mob will zwei Muslime lynchen. Französische Soldaten verhindern das, nicht aber das man die beiden Muslime wegschleppt. Wenig später wurden die verkohlten Leichen gefunden. Gruselig, aber wohl an der Tagesordnung. Im Südsudan massakrieren sich Dinka und Nuehr. Irgendwas klappt da mal wieder nicht….)

  7.   Cem gülay

    Ernsthaft

    Ein christlicher Mob lyncht zwei Muslime

    Gibst denn sowas?Was sagt Papst
    Franziskus dazu.

  8.   Thorsten Haupts

    Aber sind sie im Ernstfall – ein kleineres, netteres Wort gibt es dafür nicht – zum Opfer bereit?

    Hoffentlich nicht! Nachdem sich die deutschen Eliten mental, geistig und physisch dem Krieg vollständig entzogen haben und Deutschland eindeutig, nachweislich und sichtbar bequemlichkeitspazifistisch geworden ist, lässt sich Opferbereitschaft auf keine Weise mehr begründen. Sie ist ebenso dumm wie dysfunktional geworden.

    Daran hatte die ZEIT ihren gerüttelten Anteil. Die leise Beschwerde über das eingetretene Ergebnis ist ein wenig seltsam – vdL und ihr Stil sind das natürliche, erwartbare und zwangsläufige Ergebnis eines mehr als dreissig Jahre währenden Umerziehungsergebnisses.

    Hat geklappt. Und jetzt schaun wir mal, ob Deutschland der bisher unausweichlichen historischen Logik entrinnen kann, die aus der Verteidigungsunwilligkeit eines Volkes noch immer dessen Untergang destilliert hat. Aber vielleicht haben wir ja Geschichte 2.0 – da kann das nicht mehr passieren.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  9.   MM

    Das Hauptproblem liegt an der Sinnfront.

    Ein Luxusproblem, das andere nicht haben?