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Ehrensache

 
Illustration: Beck

Muss ich meine Mitschüler abschreiben lassen? Darf ich andere beleidigen? Müssen Minister die Wahrheit sagen? Alles Fragen der »Ehre«. Aber was ist das eigentlich?

Von Josef Joffe

Ehre ist wie ein iPhone mit seinen vielen Apps: ein ganzes Bündel von Begriffen und Bedeutungen, die hier fett gedruckt hervorgehoben werden. Fangen wir einfach an mit dem Ehrenwort. »Ich gebe dir mein Ehrenwort« bedeutet: »Darauf kannst du dich wirklich verlassen. Ich flunkere und lüge nicht.« Das heißt: Ich setze mir selber Grenzen; ich verzichte auf den Vorteil, den mir die Lüge vielleicht bringen würde.

Das bekräftige ich mit dem Ritual des Handschlags (der nie durch gekreuzte Zeige- und Mittelfinger hinter dem Rücken »abgeleitet«, also aufgehoben werden darf). Der Handschlag ähnelt dem Schwur, wo man zur Bekräftigung die Hand hebt, die andere manchmal auf eine Bibel legt, um Menschen und Gott zu zeigen, wie ernst man es meint. Sozusagen: Mein Wort ist heilig.

Hinter dieser öffentlichen Bekräftigung steckt ein zweiter zentraler Bestandteil der Ehre: Alle, die es sehen – meine Freunde, meine Gruppe –, haben das Recht, mich zu ächten oder zu bestrafen, falls ich doch lüge oder mein Versprechen breche. Dann dürfen sie mich verachten, mich aus der Gruppe ausschließen. Dann bin ich nämlich unehrlich und ehrlos gewesen.

Nehmen wir den Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Über ihn wurde in den vergangenen Wochen in Deutschland viel gestritten. Guttenberg hat den eigenen Vorteil sehr ausgiebig genutzt, indem er weite Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben und so »geistigen Diebstahl« begangen hat. Und er war auch danach nicht ehrlich.

Als Erstes hat er geflunkert: Nein, er habe nicht abgekupfert, deshalb seien die Vorwürfe »abstrus«, also unsinnig. Die Unwahrheit zu sagen ist schon mal der eine Schlag gegen die Ehre. Dann hat Guttenberg auch die persönliche Verantwortung abgestritten, was ein weiterer Schlag ist.

Er hat behauptet, dass er unter dem Druck seiner vielen Verpflichtungen – im Bundestag, in seiner Familie – nicht gemerkt habe, was er tat. Folglich waren die Umstände schuld. Ein klares Bekenntnis der eigenen Schuld hat er nicht ausgesprochen, stattdessen sprach er von »gravierenden Fehlern« und dem »Blödsinn«, den er verzapft habe. Unter dem wachsenden Druck der Beweise hat er schließlich seinen Doktortitel zurückgegeben. So kam die Wahrheit stückweise an den Tag, aber »Ehre« hat eben mit »ehrlich« zu tun. Das schonungslose Bekenntnis – sozusagen die Selbstbestrafung – ist der erste Schritt zur Wiederherstellung der Ehre.

Aber jetzt das wirklich Erstaunliche: Die überwältigende Mehrheit der Deutschen meinte lange Zeit, Guttenberg müsse nicht zurücktreten, wie er es dann doch tat. Daraus darf man schließen, dass wir es heute mit der Ehre nicht mehr so genau nehmen. Die Gesellschaft unterscheidet zwischen Charakter, der nicht so toll sein mag, und der hohen politischen Befähigung. Sie glaubt, dass das eine mit dem anderen wenig zu tun habe. Wichtiger sei die gute Amtsführung.

In früheren Zeiten – sagen wir: bis vor etwa 50 Jahren – hätte man den Charakter, der eng mit dem Begriff der Ehre verknüpft ist, als Voraussetzung der Amtsbefähigung verstanden. Also: Man muss nicht bloß klug und erfahren, sondern auch anständig sein. Das ist wichtig bei einem Politiker, den wir ja wählen, weil wir ihm unser Vertrauen schenken. In früheren Zeiten hätte auch die Gruppe – der Adel im Falle des Freiherren zu Guttenberg – auf ehrbares Verhalten geachtet, denn Adel kommt von edel. Der Minister wäre wohl von seinen eigenen Leuten zum Rücktritt überredet worden, um so die Standesehre zu retten. Das machen übrigens auch Kaufleute, Anwälte, Ärzte und Handwerker. Täuschung, Pfusch und Schund führen zum Ausschluss aus der Gilde.

Sehr gut lässt sich Ehre am Western-Film erläutern. Der Gute muss tapfer und treu sein. Er darf den Unbewaffneten nicht erschießen, er muss das Unrecht bekämpfen und den Schwächeren beschützen. In der eigenen Stärke liegen also auch Pflicht und Verantwortung. Auf keinen Fall darf die überlegene Kraft bis zum Letzten ausgespielt werden. Auch hier scheint wieder ein Kern der Ehre auf: sich selber zügeln, den Vorteil nicht gänzlich ausschöpfen. Rücksichtslosigkeit wäre unanständig.

Gerade Kinder verstehen den Begriff der Ehre sehr gut. Kinder werden wütend, wenn jemand sie, ihre Freunde oder ihre Eltern beleidigt. Als ich noch Schüler war (das ist lange her), kam es in solchen Fällen oft zur »Keilerei«, zum »Duell« auf dem Schulhof. Oder zur »Klassenkeile«. So wurde das unehrenhafte Verhalten eines Mitschülers geahndet. Aber auch hier hieß es, Ehre zu bewahren. Blutete der andere oder lag er auf dem Boden, durfte man nicht weiterprügeln. Die Ehre forderte auch, ihm die Hand zu reichen, ihm zu vergeben. Gerechtigkeit, nicht Rache oder Erniedrigung war das Ziel. Man durfte auch Kleinere und Schwächere nicht schlagen, das war unfair und gemein.

Wie steht es heute um die Ehre in der Schule? In Amerika und England werden Schummeln und Abschreiben geächtet – von den Schülern wie von der Schule. In Deutschland herrscht noch immer ein anderer Ehrbegriff. Hier ist es häufig unehrenhaft (oder unkameradschaftlich) den Mitschüler nicht abschreiben zu lassen. Wer sich weigert, ist ein »Streber«, ein »Schleimer«. Ehre bringt es dagegen, dem Pauker ein Schnippchen zu schlagen. Ehre hat also viel mit der Gruppe zu tun, zu der man gehören will. Verletzt man die Moral der Gruppe, ist das eine Schande, die auf alle zurückfällt.

Aber aufgepasst: Das Ehrverständnis von Gruppen ist nicht immer bewundernswert. Bei der Mafia zum Beispiel: Im Namen der »Ehre« werden Gesetze gebrochen, Abtrünnige grausam bestraft oder gar ermordet. Gruppenzusammenhalt ist wichtiger als Gesetz und Moral.

Die vielen fett gedruckten Wörter zeigen, wie kompliziert die Sache ist. Aber in einem Satz heißt Ehre: immer fair, geradlinig und wahrhaftig sein, nie egoistisch, selbstgerecht und gemein.

5 Kommentare

  1.   EJ

    In [Deutschlands Schulen] herrscht noch immer ein anderer Ehrbegriff.

    Der im drittletzten Absatz (im Unterschied zum amerikanischen und englischen) beschriebene deutsche schulische Ehrbegriff hat sicher etwas mit der langen Tradition des deutschen Obrigkeitsstaats bzw. mit dem langen Mangel an Demokratie in Deutschland zu tun. Diese Ehre kennt – selbstverständliche – Solidarität und Opposition gegen die Obrigkeit.

    Welche häuslische und/ oder schulische pädagogische Obrigkeit fordert (Weimar nicht mitgerechnet) nach mehr als einem halben Jahrhundert Demokratie diese oppositionelle Solidarität noch immer in unseren Schulen heraus? Und: Macht das Beharren auf pädagogischer Obrigkeit – gesteigert deutsch: pädagogischer Obrigkeitlichkeit 😉 – womöglich einen erheblichen Teil unserer Bildungsmisere aus?

  2.   Hans

    Wunderschön, einfach und verständlich formuliert… Danke

  3.   angie g

    Lieber Herr Joffe,
    Sie schreiben, „In früheren Zeiten – sagen wir: bis vor etwa 50 Jahren – hätte man den Charakter, der eng mit dem Begriff der Ehre verknüpft ist, als Voraussetzung der Amtsbefähigung verstanden.“ Meinen Sie damit auch die Zeit zwischen 1930 und 1950? Oder die Kaiserzeit? Glauben Sie, die Katastrophen in der deutschen Geschichte sind so passiert, weil die Politiker so anständig und ehrenhaft waren und als solches erkannt wurden? Auch Kindern sollte man die Wahrheit erzählen.

    mfG,
    ag

  4.   vera

    Lieber Josef Joffe,

    das wäre doch ein guter Punkt für die nächste Folge:

    Wichtiger sei die gute Amtsführung.

  5.   gregoa

    Danke, einfach schön!