Man merkt, dass die Welt sich wandelt (I)
…wenn eine im Bundestag residierende Partei ernsthaft darüber nachdenkt, in Computerspielen Wahlkampf zu machen und entsprechende Werbung zu schalten. Nicht in Fifa09 oder in Pferdegames, sondern in Counterstrike und ähnlichen.
Kein Scherz, bei Bündnis90/Die Grünen hat man überlegt, Geld für Ingame-Werbung auszugeben, um Gamer an die Urnen zu holen. Nicht wie die Piraten als Spraylogos, die von Fans verbreitet werden. Sondern ganz offiziell über Vermarkter, die die Banner auf den Servern der großen Onlinespiele platzieren sollten. Einige tausend Euro hätte das gekostet.
Sie haben es dann doch nicht gemacht, Angst vor der eigenen Courage, oder so. Aber immerhin, das ist ein Anfang. Gelten Gamer doch nicht nur als unpolitisch und daher für Parteien uninteressant, sondern ihre Spiele in der Politik auch noch als gefährlicher Schund.
Ist das vielleicht gar ein Trend, die Entdeckung einer bislang unentdeckten Zielgruppe? Immerhin hatte selbst die Junge Union einen Stand bei der Gamescom in Köln. Was schon erstaunlich ist, beherbergt die gleiche Partei doch auch Mitglieder, die “Killerspiele” gern mit Netzsperren bekämpfen würden, oder Gemeinderatsfraktionen, die Intel Friday Night Games aus ihrer Stadt jagen. Wenn das kein Kulturkampf ist.
Das ist bemerkenswert, dass der Eröffnungstext hier im “Kulturkampf” Blog mit Parteien aufmacht. Carl Schmitt meinte, Politik sei immer dort wo es heißt “Wir gegen die”. In dem Sinne hat es das Kulturkampf-Blog ja gleich mit zwei politischen Dimensionen zu tun. Zuerst jene, die sich außerhalb des Digitalen jenen anderen gegenüberstehen und das Digitale für ihren Kampf gegen jene nutzen.
Zum anderen – und das scheint mir ja wohl eher der Fokus des Blogs zu sein – gibt es jenen Kampf der Kulturen zwischen den Verfechtern der Vor-Digitalen-Welt und ihrer Vorzüge und Stärken und jene Verfechten des Netzes und seinger Geschwister, die jetzt aus dem Netz herausdrängen, Meinungen ändern wollen, Gestze ändern wollen, Wirtschaften ändern wollen und eben Kultur ändern wollen.
Soviel Freude mir auch die Kampfes-Metaphern bereiten: Schon bei Carl Schmitts These war ich von anfang an skeptisch. Da bleibt mir zuviel außen vor. Und auch der eigentlich erste seit wenigen Monaten höchstens Jahren, so richtige tobende Kulturkampf ums Netz scheint mir an der Sache vorbeizugehen. Denn das Websites und MP3s und Games und Ipods und Handys sind nur Kondesationsflächen für eine Kultur ihrer Verwendung, für einen gesellschaftlichen Bedarf, für Sehnsücht. So wie alle, alle, alle Medien zuvor. Und dies sind Entwicklungen – keine Kämpfe.
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