Jürgen Habermas twittert (nicht)
Es wäre zu schön gewesen: Am Wochenende ging ein kleiner Aufschrei durch die twitternde Wissenschaftler-Welt: Twittert der deutsche Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas? Ein Twitter-Account mit dem Namen @jhabermas schaffte mit nur wenigen Tweets innerhalb von 48 Stunden mehr als 6000 Follower. Zahlreiche Twitter-Nutzer rätselten, ob der Account echt sei.
Das wäre eine kleine Sensation, denn Habermas wurde vor allem durch seine Habilitation über den “Strukturwandel der Öffentlichkeit” weltberühmt, fremdelte allerdings in den letzten Jahren mit den im Netz entstehenden neuen Öffentlichkeiten.
Der Journalist Jonathan Stray löste das Rätsel, er fragte ihn einfach. In seinem Blog schildert Stray, wie Habermas reagierte:
No, no, no. This is somebody else. This is a mis-use of my name.
Dazu erklärte Habermas demnach, dass seine Mailadresse nicht öffentlich sei, was Stray zu der Vemutung Anlass gab, dass der Philosoph das Anliegen Strays nicht wirklich verstand. Stray hat den Telefon-Dialog als MP3 online gestellt.
Der Fake-Account wurde bereits gelöscht (Zumindest Montag Abend war der Account mal weg, nun ist er wieder da). Wenigstens aber lebt Habermas auf Facebook weiter: Gleich zwölf Accounts bieten einem das Gefühl, mit ihm befreundet zu sein.
Hätte mich auch gewundert. Hochgeistig und Twitter, verträgt sich das?
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woher eigentlich die zwingend überzeugung, dass der name “jhabermas” nur highlandermässig einem gehören könnte?
_was_ der mensch da getwittert hat, hat uns der autor ja vorenthalten … recherche und fundierte berichterstattung sind was anderes …
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Ach du meine Güte! Jürgen Habermas.
In meinen Augen ist er der größte Denker und Philosoph, den die Welt je gesehen hat.
Ein Gigant des Geistes; die Personifizierung des Weltgeistes; ein geisteswissenschaftliches Genie, der Mozart der Geisteswissenschaften, der Philosophie, der Wissenschaftstheorie.
Habermas leistet scheinbar spielerisch die Anstrengung des Begriffs.
Meinen ersten Kontakt zu diesem einzigartigen Denker bekam ich Anfang der 70er Jahre in meinem Germanistik- und Philosophiestudium an der Universität zu Düsseldorf.
In meinen ersten Semesterferien stürzte ich mich wissbegierig auf seine Bücher und Texte. „Kultur und Kritik“, „Theorie und Praxis“, später dann sein Hauptwerk „Erkenntnis und Interesse“. Die Lektüre war geistige Schwerstarbeit für mich; ich schaffte kaum mehr als 20, höchsten 30 Seiten in 8 Stunden; immer mit 2 oder 3 philosophischen und geisteswissenschaftlichen Lexika griffbereit daneben. Danach war ich restlos erschöpft; die Gedankenfülle und das Abstraktionsniveau seiner Texte wirkten überwältigend auf mich.
Seit damals bin ich unsterblich verliebt in diesen Titan des Geistes.
In jeder Diskussion, an der er sich beteiligt oder in die er eingegriffen hat, hat er wesentliche Akzente gesetzt, ja er hat sie letztlich mit seinen Theoremen und Argumenten beherrscht.
Habermas hat mit seinen Beiträgen in den 60ger Jahren zu Gadamers „Wahrheit und Methode“ die Hermeneutik-Diskussion angestoßen und auch im Positivismusstreit – ebenfalls in den 60ern – hat er einzigartige Akzente gesetzt.
Beide Diskussionen, der Positivismus- wie der Hermeneutikstreit haben letztlich Ende der 60er Jahre zu einem überaus fruchtbaren Paradigmenwechsel in den Geistes- und Sozialwissenschaften geführt.
Diese beiden erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Diskussionen sind auf allerhöchstem Niveau geführt worden. In keinem anderen Sprach- und Kulturraum auf dieser Erde sind auch nur annähernd solche wissenschaftlichen Auseinandersetzungen auf diesem Niveau geführt worden. Die deutschen Geistes- und Sozialwissenschaften sind weltführend!
Aber das ist kein Wunder. Wir Deutschen können auf eine unvergleichliche Ahnenreihe von Philosophen und Intellektuellen zurückblicken, die den geistigen Boden und den erfahrungsreichen Horizont der deutschen „Humanities“ bereitet haben. Von Kant über Hegel, Fichte, Schelling, Schopenhauer, Nietzsche, Husserl, Max Weber, Wittgenstein, Popper, Heidegger, Adorno, Gadamer, Luhmann bis zu Habermas. Alle diese Denker sind letztlich Achttausender Gipfel, die kein anderes Volk oder kein anderer Sprach- und Kulturraum vorweisen kann.
Habermas ist derjenige, der eine 2500jährige Geistes- und Denkgeschichte – von den Vorsokratikern bis zu den Problemstellungen in der Jetztzeit – kennt wie kein anderer. Er setzt die Sinn-, Begriffs- und Theoriefülle der Tradition meisterhaft referierend und argumentierend ein; und das in einer sehr eigenständigen Begriffssprache. Eine unglaubliche und faszinierende Leistung.
Jürgen rules.
Steppenwolf alias Bakwahn
Charly
Hamburg Bangkok Düsseldorf
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Gewiss, Habermas twittert nicht auf Twitter.
Was soll er da auch? Allein die Idee ist aberwitzig.
Er wäre dort ein Gigant unter dummschwätzenden Staubkörnern.
Unser Philosoph meidet ja sogar das wohl wichtigste Massenmedium: das Fernsehen. Er weigert sich beharrlich bei einer dieser „fabelhaften Damen“ (so H. wörtlich in einem seiner letzten Aufsätze über die Fernsehjournalistinnen Christiansen, Will, Maischberger etc. Ob diese Betitelung ironisch gemeint ist, ist dem Text nicht zu entnehmen. Nehmen wir es also als ernst gemeintes Kompliment.) in einer ihrer Sendungen dabei zu sein.
Habermas wirkt im Hintergrund als überragender Intellektueller. Er veröffentlicht gelegentlich im Jahr wichtige und ausführliche Aufsätze zu tagesaktuellen politischen Themen in der deutschen Qualitätspresse (FAZ, Zeit, Cicero etc.) oder er hält Vorträge auf Kongresse. Diese Artikel und Reden werden gesammelt und später unter dem Titel „Kleine politischen Schriften“ bei Suhrkamp in Buchform veröffentlicht. Das jüngste Buch aus dieser Reihe mit dem Titel „Ach, Europa“ stammt aus dem Jahre 2008 und trägt den Untertitel „Kleine politischen Schriften XI.“
Mit seinen weltanschaulich-politischen Ansichten und Einsichten bin ich sehr häufig nicht nur nicht einverstanden, sondern ich vertrete oftmals eine dezidiert andere Position. Aber was macht das schon? Ich bin im Vergleich zu diesem hochkarätigen Intellektuellen (Achttausender!) auch nur ein Staubkorn; na gut, im besten Falle vielleicht ein kleiner Maulwurfshügel.
Auch hier rules Jürgen.
Steppenwolf alias Bakwahn
Charly
Hamburg Bangkok Düsseldorf
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Es twittert hier niemand sonst über Habermas. Also fahre ich frisch, fromm, fröhlich, frei, wie ich bin, einfach mal fort:
Habermas beginnt sein berühmtes und wirkungsmächtiges Buch „Erkenntnis und Interesse“ aus dem Jahre 1968 im Vorwort mit folgenden Worten:
„Wollte man die philosophische Diskussion der Neuzeit in Form einer Gerichtsverhandlung rekonstruieren, wäre diese zur Entscheidung der einzigen Frage einberufen worden: wie zuverlässige Erkenntnis möglich sei.“
Die ersten Zeilen des ersten Kapitels, das den Titel trägt „Die Krise der Erkenntniskritik“, lauten:
„Ich unternehme den historisch gerichteten Versuch einer Rekonstruktion der Vorgeschichte des neueren Positivismus in der systematischen Absicht einer Analyse des Zusammenhangs von Erkenntnis und Interesse. Wer den Auflösungsprozeß der Erkenntnistheorie, der an ihrer Stelle Wissenschaftstheorie zurücklässt, nachgeht, steigt über verlassene Stufen der Reflexion.“
Solche Sätze kann nur verstehen, wer sich in der Philosophie und hier besonders in der Erkenntnistheorie und auch in der Wissenschaftstheorie bereits auskennt, wer über gute Grundkenntnisse in diesen so zentralen philosophischen Disziplinen verfügt.
Einem jungen Studenten im 2. oder 3. Semester bleibt das Verständnis solcher Sätze verschlossen. Man versteht nur Bahnhof. Mir schossen damals folgende Fragen durch den Kopf:
Was ist und was heißt Positivismus? Was hat dieser ominöse Positivismus mit Erkenntnis und mit Interesse zu tun? Erkenntnis sollte objektiv und völlig wertfrei sein und daher sollte Erkenntnis mit Interesse doch überhaupt nichts zu tun haben dürfen! Jedenfalls sollte Erkenntnis und damit ja Wahrheit völlig wertfrei, neutral, eben objektiv sein. Ja, und was zum Teufel hat denn Erkenntnis überhaupt mit Interesse zu tun? In welchem Verhältnis stehen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie?
Diese Fragen entstammen einem philosophisch und erkenntnistheoretisch nicht aufgeklärten Bewußtsein, eben dem durchschnittlichen Alltagsbewusstsein.
Kurze Zeit später wurde mir klar, dass Positivismus keineswegs positiv gemeint ist, sondern genau das Gegenteil. Hier ist Habermas Hegelianer; er übernimmt eine Reihe zentraler Begriffe und Denkmotive, die ihre Herkunft aus der hegelschen Philosophie nicht verleugnen können. Bei Hegel haben viele Begriffe, die aus unserer Alltagssprache stammen und mit denen wir eine feste bestimmte Bedeutung verbinden, eine gegenteilige Bedeutung. Das Negative, die Negation, die Negativität meinen bei Hegel eigentlich etwas Positives, weil die Negation ein wichtiger Schritt in der dialektischen Erkenntnis ist. Durch die Negation erscheint das in einem Positiven enthaltende Falsche, wird von diesem Falschen gereinigt und damit auf eine höhere Stufe der Erkenntnis gehoben.
Umgekehrt ist die Positivität in Hegelschem Sinne etwas Negatives, weil in diesem Positiven noch etwas Falsches gegeben ist, das durch die Reflexion noch nicht als Falsches entlarvt ist.
Die Negation, die Negativität reinigt das Positive vom Falschen!
Mir wurde recht schnell klar, dass der Begriff “Positivismus” ein Kampfbegriff von Horkheimer, Adorno und Habermas ist, der sich gegen die ausgefeilteste und ambitionierteste Wissenschaftstheorie unserer Zeit richtet, nämlich den Kritischen Rationalismus, wie er von Karl Raimund Popper entwickelt worden ist (Logik der Forschung).
Worum geht es?
Eine winzigkleine Einführung für philosophische sowie erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Laien. Ich werde versuchen, mit einem philosophisch unaufgeklärten Bewusstsein, mit dem normalen Alltagsbewusstsein also, gemeinsam „über verlassene Stufen der Reflexion“ zu steigen. Ich bitte dabei zu beachten, dass ich nicht über die intellektuellen Möglichkeiten eines Achttausender Gipfels verfüge; ich bin allenfalls ein kleiner grauer Maulwurfshügel, irgendwo am Fuße des Everest.
Ich werde jetzt die Frage „Wie ist Erkenntnis möglich?“ in Form einer Gerichtsverhandlung diskutieren. Allerdings befinden wir uns lediglich in einem Amtgericht; vielleicht in dem berühmten königlich-bayerischen Fernsehamtsgericht. Das Bundesverfassungsgericht, wo die letzten und wichtigsten Fragen verhandelt, diskutiert und entschieden werden, überlassen wir Habermas & Co.
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Die Diskussion entzündet sich immer wieder an folgenden Fragen:
“Wie ist Erkenntnis möglich?” und “Wann ist eine Aussage wahr?”
Das Erkenntnisproblem, wie es sich dem Alltagsbewusstsein darstellt:
Das Alltagsbewusstsein sieht sich einer Welt, Wirklichkeit, Realität gegenüber, die es zu erkennen gilt. Das Subjekt sieht sich einem Meer von Tatsachen, von Fakten gegenüber, die es zu erkennen gilt.
Unser Erkenntnisapparat besteht aus unseren Sinnesorganen und dem Verstand. Es gilt nun für das erkennende Subjekt, will es zu richtiger Erkenntnis gelangen, die Sinne und den Verstand zu schärfen. Genau hinzuschauen, mit technischen Hilfsmittel genaue Messungen etc. vorzunehmen; präzise, klare und widerspruchsfreie Begriffe zu verwenden; streng nach den Regeln der klassischen Logik zu denken. Dabei muß das erkennende Subjekt sich emotionslos, frei von Interessen, unvoreingenommen und vorurteilsfrei dem zu erkennenden Objekt zuwenden. Dann kommt es zu richtigen, objektiven und wahren Erkenntnissen.
Beispiele:
Das ist das beigefarbene Brandenburger Tor.
Das ist das Lied von Nick P. und DJ Ötzi: Ein Stern, der deinen Namen trägt.
Das ist eine Spargelcremesuppe.
Dieses Auto ist in dieser Kurve 120 km gefahren (statt der erlaubten 70 km).
75 – 8 x 9 = 3 etc. usw.
Die Erkenntnisse sind richtig. Aber die Auffassungen des erkennenden Subjekts über sich selbst sind größtenteils unhaltbar, falsch.
Es glaubt, es habe einen direkten, unvermittelten, theoriefreien Zugang zur Wirklichkeit.
Schon eine Ausstattung mit anderen Sinnesorganen würde zu völlig anderen Ergebnissen führen.
Jede Beobachtung, jede Feststellung von etwas als etwas, ist immer schon Beobachtung im Lichte von Theorien, von etwas Allgemeinem. Jedes Feststellen von etwas als etwas geschieht immer im Lichte und unter der Voraussetzung von etwas Allgemeinen (Popper). Wir haben leider keinen direkten, unverstellten, unvermittelten Zugang zur Wirklichkeit. Wirklichkeit ist immer auch von uns etwas Konstruiertes, etwas Konstituiertes, nämlich konstituiert im Lichte der unausgesprochenen und auch ungewussten, vorbewussten, nicht reflektierten und unbewussten Annahmen, unter denen der Gegenstand uns in den Blick gerät, befragt, betrachtet, eben konstituiert wird. Ohne ein Vorwissen, ohne Vorannahmen, ohne Erfahrungen – wie diffus diese auch immer sein mögen – könnten wir keine Tatsachen wahrnehmen oder feststellen. Ja selbst die sinnliche Wahrnehmung ist an ihrer sinnlichen Basis durch Allgemeines vermittelt!
Wirklichkeit und ihre sogenannten Tatsachen und Fakten sind also abhängig von dem Wissens- und Erfahrungshorizont des erkennenden Subjekts. Realität und ihre Fakten sind etwas Derivates, Abgeleitetes, Nachgeordnetes. Das Subjekt und seine Bewusstseinsinhalte, seine Erfahrungen sind immer schon das Vorgängige. Dieses „immer schon“ heißt so viel wie a priori, transzendental; also die Bedingung der Möglichkeit für Erfahrung und für Erkenntnis überhaupt, die Bedingung der Möglichkeit, Wirkliches, Fakten überhaupt feststellen zu können, und zwar im Lichte dieser Voraussetzungen. Dieses Vorverständnis präjudiziert damit auch das Ergebnis unserer Erkenntnisbemühungen. Jedes Wissen ist immer vermitteltes Wissen. Jede Erkenntnis ist eine vermittelte Erkenntnis! Jede Feststellung von etwas als etwas ist abhängig vom Vorverständnis des Subjekts.
Beispiel: War das Ding an der innerdeutschen Grenze ein „antifaschistischer Schutzwall“ oder ein „menschenverachtendes Bauwerk aus Mauer, Stacheldraht und Selbstschußanlagen“?
Kants Entdeckung der kategorialen Ausstattung des transzendentalen Bewusstseins, Hegels Kritik der sinnlichen Erkenntnis, Adornos vernichtende Kritik der Ursprungsphilosophie, Poppers Untersuchungen, welche Rolle Allgemeinbegriffe für die Erkenntnis spielen, haben von verschiedenen Standpunkten aus den Nachweis erbracht, dass es unvermitteltes Wissen nicht gibt. Es gibt für uns Menschen keinen unmittelbaren direkten Zugang zur Wirklichkeit
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Ach du meine Güte! Der Text läuft mir aus dem Ruder. Ich kürze stark!
Diese grundlegende erkenntnistheoretische Einsicht hat auf unser Wissenschaftssystem unter wissenschaftstheoretischen Überlegungen weitreichende Auswirkungen.
1. Überlegungen zu den Naturwissenschaften:
Alle naturwissenschaftliche Theoriebildung ist in ihrem innersten Kern, in ihrem eigentlichen Wesen darauf ausgerichtet, Wissen von prognostischer Evidenz zu erzeugen. Die NW konstituieren ihren Gegenstand unter einem technischen Erkenntnisinteresse. Die Forschungsstrategie, die gesamte entwickelte Begrifflichkeit, die eingesetzte Logik und angewandten Methoden zielen darauf ab, Wissen zu erzeugen von prognostischer Evidenz, das sich in technische Nutzanwendungen umsetzen läßt. Das Ziel ist die technische Beherrschung von Natur und natürlichen Vorgängen; genau das ist das erkenntnisleitende Interesse der NW.
Horkheimer entwickelt in den 30ger Jahren seine Ideen über traditionelle und kritische Theorie (also traditionelle und kritische Wissenschaft). Er entwickelt folgenden Gedanken: Der Gelehrte und seine Wissenschaft sind in den gesellschaftlichen Apparat eingespannt. Die Hervorbringungen und Leistungen von Wissenschaftlern und Wissenschaft sind ein Moment der Selbsterhaltung, der fortwährenden Reproduktion des Bestehenden, gleichviel was die beteiligten Forscher sich selbst für einen Reim machen. Sie müssen nur ihrem „Begriff“ entsprechen, das heißt Theorie in dem Sinne herstellen, der den allgemeinen Erwartungen entspricht.
Sie (die Wissenschaft und die Wissenschaftler) haben kein Bewusstsein darüber, dass beide in die Praxis eines gesellschaftlichen Lebenszusammenhanges eingebettet sind, von dem sie auch erkenntnislogisch abhängig sind. Dem herkömmlichen theoretischen Denken dagegen gelten sowohl die Entstehung und Entwicklung von Theorien und wissenschaftlichen Einsichten als auch die praktische Anwendung und der Einsatz im gesellschaftlichen System als äußerlich.
Im Jahre 1999 führt Habermas diesen Gedanken etwa so fort:
Als Kritik durchschaut die Kritische Theorie diese Abhängigkeit von einem Kontext, dem die sich unabhängig dünkende Theorie unbewusst verhaftet geblieben ist. Die kritisch gewordene Theorie, die ihre gesellschaftlichen Wurzeln erkennt, wird auf zweifache Weise reflexiv: im Spiegel ihres eigenen historischen Entstehungszusammenhangs entdeckt sie zugleich den Adressaten, der sich durch ihre kritischen Einsichten zur befreienden Praxis anspornen lassen soll. Die Philosophie als Kritische Theorie kann die Kolonialisierung einer Lebenswelt kritisieren, die durch den Zugriff von Wissenschaft und Technik, Markt und Kapital, Recht und Bürokratie zunehmend ausgehöhlt wird. So etwa Habermas.
Hier geht Wissenschaftstheorie über in Gesellschaftstheorie. Es ist ein Denken, dass an dem Anspruch der gesellschaftlichen Totalität festhält, auch an dem Anspruch, Antworten darauf zu finden, was ein gutes, gelungenes und erfülltes menschliches Leben sein kann.
Ja …
Vielleicht folgt noch eine Fortsetzung zu den Geistes- und Sozialwissenschaften; den Humanities.
Mal sehen. Ich weiß, es interessiert sowieso keine Sau.
Ich mache das auch nur, um zu sehen, ob ich es noch „draufhabe“.
Außerdem ist das Wochenende vorbei, und damit auch meine Zeit.
Steppenwolf alias Bakwahn
Charly
Hamburg Bangkok Düsseldorf
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Leseempfehlungen:
Jürgen Habermas: Erkenntnis und Interesse. In: Wissenschaft und Technik als Ideologie. Edition Suhrkamp 287.
Es handelt sich hierbei um seine Antrittsvorlesung in Frankfurt vom 28.6.1965. Einfach Weltklasse! H. entwickelt auf wenigen Seiten eine Wissenschaftslehre. Pflichtlektüre für jeden, der sich für Wissenschaft überhaupt interessiert. Insbesondere für den in seinen TV-Sendungen herumlabernden Astro-Physiker Harald Lesch. Was Lesch in seinen Sendungen an „wissenschaftstheoretischen“ Überlegungen absondert, ist dummschwätzerisches Gerede. Als Astrophysiker und damit als Naturwissenschaftler ist er von hohem Range, aber von Wissenschaftstheorie und Erkenntnistheorie hat dieser Mann keine Ahnung; wie die meisten Naturwissenschaftler!
Jürgen Habermas: Erkenntnis und Interesse Suhrkamp STW 1
Jürgen Habermas: Zur Logik der Sozialwissenschaften. Suhrkamp
Zwei epochemachenden Werke.
Jürgen Habermas: Philosophisch-politische Profile. Suhrkamp
Jürgen Habermas: Vom sinnlichen Eindruck zum symbolischen Ausdruck. Bibliothek Suhrkamp
Diese beiden Bände umfassen Aufsätze über Philosophen, Denker, Geisteswissenschafter so verschiedener Provenienz wie Adorno, Heidegger, Arnold Gehlen, Jaspers, Wittgenstein und vielen anderen. Hier zeigt Habermas seine Kennerschaft und absolute geistige Souveränität im Umgang mit seinen Kollegen. Seine Kommentare und Einschätzungen, sein souveräner intellektueller Umgang mit dem wissenschaftlichen Werk seiner Vorgänger zeugt von der einzigartigen Stellung des habermasschen Geistes in der Wissenschaftsgeschichte.
Wer es gar nicht mehr abwarten kann: hier ist ein Link mit einem kleinen Aufsatz aus neuerer Zeit: Jürgen Habermas: Zwischen Naturalismus und Religion
Hier eine kleine Leseprobe beim Cicero. Happy Reading!
http://www.cicero.de/97.php?ress_id=1&item=824
Zusatz 1:
Max Horkheimer: Traditionelle und kritische Theorie. Vier Aufsätze. Fischer Taschenbuch Verlag. Daraus den programmatischen und wirkungsmächtigen Aufsatz: Traditionelle und kritische Theorie.
Der Uraufsatz aller kritischen Theorie und Wissenschaft.
Zusatz 2:
Wer sich den Begriff „Gerede“ (= Getwittere, Chatterei, Quatscherei etc.) einmal näher ansehen möchte, der lese den § 35 ‚Das Gerede’ aus Heideggers „Sein und Zeit“.
Zusatz 3:
Wer sich über die von mir genannten beiden wissenschaftstheoretischen Auseinandersetzungen, den Positivismusstreit und die Hermeutik-Diskussion, wirkungsmächtig bis heute, besorge sich folgende Bände:
* Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. (Mittlerweile bei verschiedenen Verlagen; Herausgeber: Adorno. Hier waren die Kampfhähne Popper und Adorno sowie Hans Albert und Habermas.
* Hermeneutik und Ideologiekritik. Bei Suhrkamp. Gadamers Hermeutikentwurf aus seinem Buch „Wahrheit und Methode“ wird hier diskutiert. Beiträge von Gadamer, Habermas, Apel u.a.
Zusatz 4:
Wer sich mit dem Autor und Schöpfer des Kritischen Rationalismus bekannt machen möchte, hier ein paar Lesehinweise:
Karl Raimund Popper: Die Logik der Forschung
Karl Raimund Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. 2 Bände UTB Francke
Unser Altbundeskanzler Helmut Schmidt ist ein exzellenter Kenner dieser Bände. Er ist ein echter „Popperianer“.
Hier noch ein Popperschüler und kritischen Rationalisten:
Hans Albert: Traktat über kritische Vernunft. J.C.B. Mohr Verlag
Ein hochintelligenter Mann (wenn ich das sagen darf; soll keine Anmaßung sein), aber leider doch ein flacher Denker.
Steppenwolf alias Bakwahn
Charly
Hamburg Bangkok Düsseldorf
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