Wikileaks, OpenLeaks und die Folgen

Existenzängste, Kasernenhöfe und die Stasiakte von Angela Merkel

Von 21. April 2011 um 13:34 Uhr

Der Streit war spektakulär. Daniel Domscheit-Berg, die mutmaßliche Nummer 2 bei WikiLeaks, brach Ende letzten Jahres öffentlich mit WikiLeaks-Gründer Julian Assange.
Was folgte, war die Ankündigung einer neuen Leakingplattform: OpenLeaks.org. Die Ankündigung ist mittlerweile alt geworden. Aber OpenLeaks.org ist im Netz bisher nicht mehr als eine schlichte digitale Visitenkarte. Ein Interview mit Daniel Domscheit-Berg über die Schwierigkeiten beim Neustart, die Psyche von Julian Assange, persönliche Exitenzängste und die Stasiakte von Angela Merkel.

Leaks-Blog:
Ihr Buch trägt den Untertitel „Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt”. Was waren denn die Momente der Angst?

Daniel Domscheit-Berg:
Dieser Untertitel ist eigentlich ein Wortspiel, weil er auf verschiedenen Ebenen funktioniert. Ist eine offene Frage, die ich stelle. Für wen ist das eigentlich die gefährlichste Website der Welt? Für die, die exponiert werden? Für die die beteiligt sind oder vielleicht auch die, die Materialien dort abgeben?
Ich persönlich hatte nicht viele Momente, in denen ich mich bedroht gefühlt habe. Und die Bedrohung kam dann, wenn überhaupt, aus den eigenen Reihen. Da habe ich mich natürlich schon gefragt, auf was habe ich mich hier eingelassen?

LB:
Wie sah eine solche Bedrohungen aus den eigenen Reihen aus?

DDB:
Die beginnt damit, dass man in dem Moment, in dem man vermeintlich aus der Spur schießt, mit der Polizei bedroht wird. Was natürlich keine besonders vertrauensvolle Grundlage für eine Zusammenarbeit ist.

LB:
Was heißt denn aus der Spur schießen? Gab es bei WikiLeaks etwa ein Kasernenhofreglement, das vorsah, wann wer was wie zu tun hatte?

DDB:
Es gab von Julian Assange aus zumindest eine sehr klar definierte Hackordnung, die sich danach richtet, wer wem überlegen ist. Und er ist da an der Spitze. Weil er erfahrener ist als alle anderen und intelligenter. Und er fühlt sich aus diesen Gründen auch immun gegenüber der Kritik anderer. Ist natürlich keine gute Basis. Das ist dann irgendwas zwischen Kasernenhof und Sekte.

LB:
Wie fällt, in aller Kürze, aus Ihrer Sicht, die Charakterisierung von Julian Assange aus?

DDB:
In aller Kürze: Er ist ein Mensch der Extreme. Extrem positive Eigenschaften. Hochintelligent, einer sehr systemischer Denker. Auf der anderen Seite hat er Extreme Schwächen. Zum Beispiel was das Zwischenmenschliche betrifft.

LB:
Viele werfen Ihnen vor, Sie seien nur neidisch auf den enormen Erfolg von Julian Assange.

DDB:
Ich bin eigentlich froh, wenn ich nicht so oft in den Medien präsent bin. Es lässt sich nicht vermeiden, da das was wir tun, eine Relevanz für die Medien hat. Aber ich kann mit tausend andere Dinge vorstellen, die wichtiger sind.

LB:
WikiLeaks ist zwar noch in allen Medien präsent, aber es passiert ziemlich wenig. Zumindest was neue Leaks angeht. Rechnen Sie mit einem Comeback von WikiLeaks?

DDB:
Tja, das ist eine schwierige Frage. Es scheint momentan ziemlich viel um Ankündigungen zu gehen. Es gibt ja viele Drohungen, die ausgesprochen werden. Gegenüber amerikanischen Banken oder dem Murdoch Empire. Aber es passiert halt nichts. Warum nichts passiert, weiß ich nicht. Ich habe zu niemandem mehr Kontakt. Aber ich glaube, man hat sich mit den letzten Veröffentlichungen etwas übernommen. Die Frage ist, was kann da noch kommen? Nach Weltrekorden und so viel Aufmerksamkeit. Interessiert sich da eigentlich noch jemand für die kleinen Geschichten?

LB:
Jetzt haben Sie ja auch bereits vor Monaten den Start von OpenLeaks in Aussicht gestellt. Zwischenzeitlich wurden ja sogar die Screens ihrer Seite geleakt. Auch da passiert nichts.

DDB:
Ich bin manchmal wohl etwas zu optimistisch und habe Dinge in Aussicht gestellt, die wir so nicht halten konnten. Uns ist es wichtig, die Dinge richtig zu machen. Und gerade wenn man einen neuen Ansatz verfolgt, ist es nicht so einfach die Dinge richtig zu machen. Der neue Ansatz ist nicht ganz so trivial umzusetzen. Das braucht einfach Zeit. Es passiert viel. Vor allem im Hintergrund. Auch wenn man das nicht sieht. Ich hoffe, dass jetzt auch in den nächsten Wochen dazu was sichtbar wird. Wir sind dran!

LB:
OpenLeaks hat kein konventionelles Geschäftsmodell. Die Leaks sollen nicht monetarisiert werden. Da fragt man sich, wie soll sich das tragen? Wie trägt es sich aktuell. Bei so einer langen Entwicklungsphase. Wovon leben Sie?

DDB:
Es ist so, wie es auch jahrelang bei WikiLeaks war. Momentan wird alles aus unseren privaten Taschen finanziert. Es gab über den Spendendienst flattr 600 Euro, es gab 1500 Euro in Form von Geldspenden. Aber das ist natürlich nicht besonders viel Geld.

LB:
Wie groß ist denn das Team von OpenLeaks momentan?

DDB:
Wir sind fünf, sechs Leute, die momentan quasi Vollzeit daran arbeiten. Und insgesamt sind wir 12 oder 13.

LB:
Haben Sie da keine Existenzängste? Da investieren Sie über Monate Arbeit in ein Projekt, das nicht einmal ein Geschäftsmodell hat? Wie machen Sie das? Was sagt denn da eigentlich Ihre Familie?

DDB:
Wir haben ein Geschäftsmodell. Wir haben eine Idee, wie das alles finanziert werden soll. Die Partner werden ja auch dazu angehalten, unsere operativen Kosten zu senken. Damit kommt es zu weniger Kosten, für die ich jetzt ein Risiko eingehen müsste. Uns geht es zum Beispiel um Serverkapazitäten die Sie als Partner bereitstellen müssten, wenn Sie mitmachen wollten.

LB:
Und was ist mit den Existenzängsten?

DDB:
Nein, habe ich eigentlich nicht. Ich habe schon immer ohne große Sicherheiten geplant. Ich habe immer versucht, das zu machen, von dem ich überzeugt war, dass es richtig ist. Auch wenn das immer ein gewisses Risiko mit sich bringt. Und bei dem, was wir momentan aufbauen, habe ich wesentlich weniger Bedenken, als ich bei WikiLeaks hatte. Wir haben einen ganz klaren Plan. Ich bin sicher, dass das funktioniert. Da habe ich keine Existenzängste. Ganz im Gegenteil.

LB:
Ihre Familie macht da auch einfach mit?

DDB:
Auch meine Familie steht voll hinter mir. Meine Frau hat mich lange gestützt. Da habe ich das Glück, dass sie alle voll hinter mir stehen.

LB:
Zum Schluss ein Blick nach vorn. Es kommen immer mehr Leakingportale auf. Ist das für Sie Konkurrenz oder sagen Sie, ja das genau ist es. Es braucht mehr Portale die ins Lokale, Regionale gehen oder sich thematisch spezialisieren?

DDB:
Wir müssen möglichst viele Lösungen entwickeln. Es ist wie so oft, wir brauchen Vielfalt.

LB:
Gibt es eigentlich irgendein Geheimnis, dass Sie unbedingt mal lüften wollen?

DDB:
Da wüsste ich gar nicht, wo ich anfangen sollte.

LB:
Drei reichen.

DDB:
Es gibt extrem viel. Gerade was die Umweltthemen angeht. Hier bedarf es extremer Transparenz. Gerade was die wirtschaftlichen Zahlen angeht.
Es gibt ganz profane Dinge, wie zum Beispiel die Stasiakte von Frau Merkel. Ich bin davon überzeugt, dass sie öffentlich sein sollte. Das widerspricht sich. Wir schenken dieser Person viel Vertrauen, aber wissen nichts über diesen Teil ihrer Vergangenheit.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Dieser Bursche war für Assange so wichtig wie der Pizzalieferant! Er ist weder der IT-Krack noch der PR-Superman. Hauptsächlich hat er Botengänge erledigt und jetzt versucht er, auf den letzten 100 Meter, etwas Kohle zu machen. Unser Monnemer depp!

    • 21. April 2011 um 19:15 Uhr
    • Glasnost
  2. 2.

    Wie wärs statt dessen mit 3 Widersprüchen betreffend DDB?

    1. Warum hetzt jemand, der von sich behauptet, dass er nicht im Scheinwerferlicht stehen will, ständig von einer Medienkonferenz zur nächsten?

    2: Wie sieht es denn mit der versprochenen Transparenz bei Openleaks aus? Wo bleibt ein Offenlegen ALLER finanziellen Mittel für das Projekt (inkl. der Einküfte von DDB`s Wikileaks Buch u.-Filmrechteinnahmen)? Wo ist die Mitgliederliste von Openleaks und wo eine Auflistung der 6 Partner, mit denen man starten möchte?

    3. Wo sind die demokratischen Strukturen, deren Fehlen DDB bei WL immer kritisiert hat? DDB ist nach außen hin der EINZIGE, der für OL spricht, obwohl die Organisation mit Snorrason noch über einen weiteren Sprecher verfügt. Selbst bei WL gab es zu jederzeit mindestens 2 Sprecher!

    • 21. April 2011 um 19:26 Uhr
    • susi2
  3. 3.

    DDB und der Frust.Mittlerweile tut das doch ganz schön weh:Auf der einen Seite Julian Assange,ein intelligenter Kopf,schillernd und selbstsicher.Auf der anderen Seite DDB:neidvoll und unsicher,ein Möchtegern-Konkurent.Während Wikileaks trotz vieler Attaken nach wie vor täglich Depeschen veröffentlicht und im Gespräch ist,ist Openleaks auf dem gleichen Stand wie bei Ankündigung zu einem neuen Leak.DDB`s Vorwürfe gegen Julian sind derart kindisch das sie nicht mehr kommentiert werden brauchen.Er sollte langsam begreifen,dass er Julian Assange niemals das Wasser reichen kann.

  4. 4.

    Eigentlich wollte ich zu DDB nichts mehr schreiben, aber dass er angeblich “neidvoll” sein soll, ist eine ganz üble Unterstellung, wahrscheinlich geschrieben von den wahren Neidern. DDB ist genau und Perfektionist. So, wie ich ihn kenne, gibt er nichts frei, was nicht problemlos funktioniert. Es geht sicher nicht eher online, ehe die Partnerredaktionen alle Möglichkeiten irgendwelcher Attacken durchgespielt haben.
    Und was die Medienpräsenz betrifft: Er wird zu den Konferenzen eingeladen, von Institutionen, die wirklich an DDBs Arbeit interessiert sind. Und er hat dort auch immer etwas Neues zu berichten. Ich weiss es, weil ich mehrere dieser Konferenze besucht habe. Das ist der kleine Unterschied zu den Neidern, die hier wahrscheinlich im Auftrag eines bestimmten Journalisten posten, der seit letztem Herbst keine Gelegenheit auslässt, Herrn Domscheit-Berg oder dessen Familie unter der Gürtellinie treffen zu wollen.

    • 21. April 2011 um 23:05 Uhr
    • Wolf
  5. 5.

    Jemand ,der dem anderen den Erfolg gönnt, ist nicht so verbissen daran interessiert, diesen in den Dreck zu treten.DDB wollte doch nichts anderes als sich im Erfolg von Wikileaks sonnen und den Platz von Julian einnehmen.Das hat dann nicht wirklich geklappt.Und die Buch-und Öffentlichkeits-Kampagne zeigt doch ,dass er an WL und Julian kein gutes Haar läßt.Wenn das kein Neid ist könnte es natürlich auch Wut oder Hass sein.Julian Assange hat etwas geschaffen worauf er stolz sein kann.WL war und ist,trotz enormer Widrigkeiten in aller Munde.Da kann Herr DDB nichts wegreden.Wenn er ein solcher Perfektionist sein sollte,sollte er einfach nur seine Energie darauf verwenden,Openleaks endlich Leben einzuhauchen.Bis dahin ist er nichts weiter als ein Schwätzer.

  6. 6.

    Von welchem Journalisten sprichst du? Mir fällt da spontan keiner ein! Und bis auf eine kurze Bemerkung, dass die Frau von DDB früher für Microsoft gearbeitet hat, was im Angesicht der Anti-Establishment-Haltung von WL vielleicht etwas problematisch ist-, wurde zu seiner Familie NIE etwas negatives erwähnt!

    PS: FAST alle Interviews von DDB sind auf youtube abrufbar (dutzende). Schau mal, in wie vielen davon er NICHT über Assange und/oder WL herzieht! Kleiner Tipp: vielleicht in einem od. 2 maximal! Traurig wenn er glaubt, sich so profilieren zu müssen!

    PPS: Seine Position hätte er auch in enem Zeitungsinterview darlegen können und in weiteren Interviews darauf verweisen können! Ich schätze mal, die Alternative war in jedem Fall lukrativer (sowohl für die Medien-Einschaltquoten als auch für DDB-Buch-u. Filmrechte, Gagen für Auftritte?)

    • 22. April 2011 um 17:12 Uhr
    • susi2
  7. 7.

    So wenig wird ein weltweit vermarktetes Buch sowie der Filmrechteverkauf an Hollywood schon nicht einbringen, dass Existenzsorgen angebracht wären.
    Sollte er das nicht auch offenlegen und nicht nur die paypal und flattr Spenden? Wird ja von wikileaks immer gefordert.

    • 23. April 2011 um 06:06 Uhr
    • area
  8. 8.

    Dank für die Kommentare. Dass Domscheit-Berg in die Medien drängt würde ich nur teilw bestätigen. Die Medien, wir Medien fordern ihn auch ständig zu Interviews etc. auf. Und in diesen Interviews wird natürlich auch ständig nach Julian Assange gefragt. Was OpenLeaks angeht ist Domscheit-Berg bisher tatsächlich einiges schuldig geblieben. Aber vielleicht muss man der Seite auch Zeit geben. Eine Beurteilung von OpenLeaks wird man dann erst vornehmen können. Und sie wird auch hier geben. Kritisch, nur am der Sache orientiert.

    • 23. April 2011 um 12:07 Uhr
    • markus heidmeier
  9. Kommentar zum Thema

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