Wikileaks, OpenLeaks und die Folgen

Das 12 Millionen Pfund Dilemma

Von 12. Mai 2011 um 23:32 Uhr

Die einen sprechen von einer möglichen Fälschung. Die anderen von einer Falle. Viele aber von einem peinlichen Leak und einem Blick in einen unerwarteten Abgrund. In jedem Fall geht es um schlappe 12 Millionen Pfund. So hoch soll angeblich die Vertragsstrafe für WikiLeaks-Mitarbeiter sein, wenn sie Geheimnisse der Leakingplattform verraten. David Allen Green, Law-and-Poltics-Blogger beim Onlinemagazin New Statesman, veröffentlichte gestern ein Confidential Agreement das nach erstem Augenschein alle WikiLeaks-Mitarbeiter unterzeichnen mussten. Der Inhalt: Jede unautorisierte Weitergabe von WikiLeaks-Dokumenten wird mit der Zahlung einer Konventionalstrafe von 12 Millionen Pfund belegt. Was für jeden Julian-Assange-Mitstreiter der blanke Ruin sein dürfte. Die Begründung: Alle Dokumente sind Eigentum von WikiLeaks.

Das eigentliche Thema aber sind nicht die fragwürdige Vorgehensweise, der rüde Ton der Erklärung und der diskutable Besitzanspruch, sondern der Hinweis auf das zentrale Dilemma jeder Leaking-Plattform. Der Konflikt der geforderten Transparenz und der zwangsläufig praktizierten Intransparenz.

Um Informanten zu schützen, muss jede Leaking-Plattform mit einem gewissen Grad der Intransparenz arbeiten. Informationen über Whistleblower sind hochsensibel, ihre Aufdeckung können gravierende Folgen haben, wie der Fall Bradley Manning zeigt. Aber auch mögliche Hinweise auf Art und Umfang noch unveröffentlichter Dokumente oder Standorte von Servern und eingesetzter Technologien können die Arbeit der Leaking-Plattformen gefährden.

Um eine glaubwürdige Auswahl, ein nachvollziehbares Timing der Publikation und vor allem eine breite Veröffentlichung von Whistleblowerdokumenten zu ermöglichen – unabhängig von der Lukrativität ihrer Publikation oder der Gefälligkeit bestimmten Partnern gegenüber – wäre ein transparentes, nachvollziehbares Entscheidungsverfahren der Macher einer Leakingplattform wichtig. Idealerweise könnte ein solches Entscheidungsverfahren von einem pluralen Gremium durchgeführt werden. Was jedoch in der Praxis kaum realisierbar scheint. Wie sollte sich ein solches Gremium zusammensetzen? Etwa Vertreter von Zeitungen und Medienhäusern? Oder Funktionäre des Presserats? Noch besser wären vielleicht Emmissäre unterschiedlicher staatlicher Stellen in Kombination mit Deligierten der Kirchen, Krankenkassen und Gewerkschaften. Cablegate und die War-Logs hätte es nie gegeben. Eine Lösung ist also nicht in Sicht. Und wie schwierig allein die Aufrechterhaltung einer intakten Infrastruktur ist, demonstriert das Beispiel WikiLeaks. Der Upload liegt seit Monaten brach. Trotz aller Erfolge.

Dieses autoritär wirkende Dokument verweist auf eine strenge Hierarchie und ein Business das ziemlich humorfrei funktioniert. Äußerer Druck erzeugt inneren Druck. Es belegt aber vielleicht auch, mit welch harten Bandagen man in den Ring steigen muss, wenn man sich auf der Weltbühne behaupten will.

Update: Im Guardian wird gerade die Echtheit des Dokuments bestätigt.

Kategorien: Assange, Guardian, Infowar, Medien
Leser-Kommentare
  1. 9.

    Klar muß bei Wikileaks alles geheim bleiben, denn
    …Staaten sehen Wikileaks als Feind an,
    …Banken sehen Wikileaks als Feind an.
    Informationen, die an Wikileaks weitergegeben werden und dann bei z.B. einem Erpresser landen? Undenkbar.
    Also alles im grünen Bereich.

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  2. 10.

    Jeder liebt den Verrat, keiner den Verraeter !

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    • 13. Mai 2011 um 15:30 Uhr
    • Neon
  3. 11.

    @Zw.ischen.durch

    Genau da ist das Problem. Nicht jede Information ist für die Öffentlichkeit bestimmt, zumindest nicht in der Welt in der wir gerade leben.
    BMW hat genauso wie viele andere das Recht auf vertrauliche Informationen, auch Wikileaks, aber das zeigt doch, dass am Prinzip Leaking noch gearbeitet werden muss.
    Und genau deshalb sind solche Artikel und Kommentare jetzt wichtig; damit eine öffentliche Meinung und Lösung(!) entsteht.

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    • 13. Mai 2011 um 15:34 Uhr
    • Lee
  4. 12.

    natürlich wirkt es stark zweigleisig, wenn Wikileaks aus der einen Seite Daten der Regierung veröffentlicht, auf der anderen Seite die eigenen Daten geheimhält.

    Man muss aber beim leaken sehr stark differenzieren: Was ist im öffentlichen Interesse, und was nicht? Es gibt Informationen, die Regierungen lediglich geheimhalten, um ihre eigene Weste nicht zu beschmutzen. Gleichzeitig ist es vollkommen richtig, wenn Daten zu Geheimoperationen eben genau dass bleiben: geheim. Man muss beim leaking die Vor- und Nachteile einer Veröffentlichung genau abwägen.

    Was aber das Problem der Zweigleisigkeit von Wikileaks angeht:
    Der große Unterschied zwischen Regierungen und Wikileaks ist, dass die Regierungen als gewählte Vertreter des Volkes agieren und als solche auch eine große Verantwortung tragen. Wenn ich einen Politiker wähle, möchte ich doch bitte auch erfahren, was er entscheidet.

    Wikileaks ist jedoch weder gewählt noch eine öffentliche Institution. Man kann von einer privaten Organisation nicht die gleiche Transparenz fordern wie vom Staat.

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  5. 13.

    Diese Verträge, um die es hier geht.
    Galten sie schon für Domscheit-Berg ?
    Oder sind sie nach seiner Schmutzkampagne gegen WL eingeführt
    worden?

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    • 13. Mai 2011 um 16:10 Uhr
    • chamsi
  6. 14.

    Ich denke schon, dass man als Leaker ja eben (wie Kommentar #12 hier vortrefflich ausführt) auch eine gewisse, und nicht geringe, Verantwortung hat.

    Dem Rechnung zu tragen, durch gewisse Regeln, halte ich nicht für falsch.

    Eine gutes Leak-Portal ist ja nicht als Daten-Mülltonne oder Gossip-Schleuder gedacht, sondern als “5. Gewalt” (die “4.” leckt ja nur noch die Hand, die sie füttert), und als solche muss man dann als Leaking-Group selbstverständlich auch in einem gewissen Rahmen geschlossen auftreten.
    Um nicht zur belanglosen Chaos-Truppe zu avancieren.

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    • 13. Mai 2011 um 17:24 Uhr
    • dbx
  7. 15.

    P.S.:

    Schließlich soll ein Leak-Portal ja kein weiteres Propaganda-Instrument der Herrschenden sein, die dort ja auch einfach irgendwelche Fakes und Falschmeldungen hinschicken können, die sie gern in der Zeitung stehen haben wollen.

    Deshalb ist Kontrolle der Daten bzw. deren Veröffentlichung auch dort nicht ganz unnotwendig.

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    • 13. Mai 2011 um 17:29 Uhr
    • dbx
  8. 16.

    Wie kommen Sie darauf, daß ‘Selbstschutz’ allem widerspricht, wofür Wikileaks steht?!? – Schmarren.

    Im Gegenteil: um den selbstgestellten Aufgaben und Ansprüchen zu genügen, muß es gegenüber den potentiel unterwandernden Schlapphüten und gegenüber den Cooperationspartnern entsprechende Abwehr-Strategien geben. Nur wenn sich alle Beteiligten an die zugrundeliegenden Regeln halten, kann das Gesamtkonzept durchgesetzt werden. Wikileaks ist nur als funktionierende Plattform interessant für Whistleblower … und für uns Bürger. Nur wenn jeder Mitarbeiter solch eine Erklärung unterschreibt, macht es Sinn auch die Pressekontakte einer solchen Selbstverpflichtung zu unterziehen. Darum geht es vor allem.

    ZITAT Vorredner: “Die Idee war gut, doch scheitert es wie so oft an den Menschen die es umsetzen.”

    Diese Aussage ist natürlich Nonsens!
    Richtig müßte es heißen: Die Idee ist immer noch gut, doch die beteiligten Menschen sind eine Schwachstelle, die es abzudichten gilt. Wikileaks läßt sich nicht nur auf Basis von Servern und Übersetzungsroboter führen – aber Menschen haben Schwächen und sind erpressbar (vor allem wenn diese Familie haben und Abhängig sind … von z.B. Einkommen).

    Wer sonst soll Wikileaks schützen, wenn nicht Wikileaks-Macher es selbst tun?!!

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    • 13. Mai 2011 um 17:46 Uhr
    • -Ziet-
  9. Kommentar zum Thema

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