Wikileaks, OpenLeaks und die Folgen

Wie man aus Versehen zum Märtyrer wird

Von 15. Juli 2011 um 00:03 Uhr

Helden sind bekanntermaßen eine eher schwierige Gruppierung. Sie leiden an massiven Profilneurose und seit der französischen Revolution, aber spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts, sind sie moralisch sowieso diskreditiert. Versorgte uns die Geschichte des Altertums noch mit halbwegs brauchbaren Heldenfiguren wie Herkules, Iphikles oder David, wird das Thema Helden spätestens im 20. Jahrhundert dann eher unappetitlich. Den Heldentoten der Weltkriege folgen die Helden der Arbeit. Später geistern die Che Guevaras, Hồ Chí Minhs und Maos durch die Jugendzimmer. Neben diesem Panoptikum des Grauens wirken Operettenfiguren wie Superman oder Batman fast schon sympathisch.

Ein ganz anderer Held passt in keiner Weise in diese Muster historisch-theologischer Überhöhung, politischer Verklärung oder comichafter Überzeichnung. Dennoch muss man ihn thematisieren, will man aktuell überhaupt noch über Begriffe wie Held oder Märtyrer nachdenken. Zwar ist mittlerweile fast alles über ihn schon geschrieben, ist sein Fall ebensso offenkundig, wie sein vermeintlicher Heldenstatus.  Aber trotzdem sorgt jede nähere Betrachtung weiterhin für Irritationen. Es geht um den mutmaßlich ungewöhnlichsten Held der Gegenwart: Bradley Manning. Diesen einen Obergefreiten der US-Armee, der als einziger von vielen tausend Befugten erkannte (oder handelte er naiv?), dass ihm durch schlichtes Kopieren von Datensätzen, eine Art Revolution light möglich würde. Zwar beinhalteten die mutmaßlich durch Manning kopierten Datensätze nichts anderes als das, was der US-amerikanische Militär- und Botschaftsapparat tagtäglich kommunizierte, ohne größtmögliche Geheimhaltungsstufen zu praktizieren, dennoch war ihre plötzlich Veröffentlichung durch WikiLeaks eine Sensation.
Eigentlich aber war nichts von dem, was im Zuge dessen bekannt wurde, eine Sensation. Alles war längst in der Diskussion. Eine Sensation war es dagegen aber, dass die kursierenden Debatten derartig leicht Belege erhielten: für die Schmutzigkeit der Kriege im Irak und in Afghanistan, für den Spott und den Hochmut der Botschafter, den staatlich sanktionierten Wirtschaftsprotektionismus etc. pp.
Eine noch viel dramatischere Sensation aber ist es, dass es nur diesen einen Obergefreiten gab, der auf die Idee kam, mit einem eher unterkomplexen Akt wie dem einfachen Kopieren von Daten politisch aktiv zu werden. Was dachten die anderen zehn-, fünfzig oder hunderttausend Befugten all die Jahre über?
Was ihm, diesem Märtyrer wider Willen, in den nächsten Jahren drohen wird, ist noch offen. Das Verfahren läuft. Die Drohgebärden der verletzten Nation USA deuten aber nicht gerade darauf hin, dass es irgendeine Form der Milde geben wird. Auch das ist am Ende eine bittere Sensation. Dieses große Land, diese mächtige Nation stürzt sich auf Figuren wie Bradley Manning oder Julian Assange, um die Wut über das eigene Unvermögen zu kompensieren.
Kein Wunder, dass einige unverzagte amerikanische Medien unermüdlich versuchen, mit neuen Texten und Publikationen der Figur Bradley Manning auf die Spur zu kommen. Das WIRED-Magazin hat beispielsweise gerade den kompletten Chat zwischen Manning und dem Ex-Hacker Adrian Lamo veröffentlicht. Nach langem Zögern. Denn es legt auch das Privatleben eines Verletzbaren frei. Denn anders als im Leben konventioneller Helden von der Stange ist die Existenz des Bradley M. kein reines Vergnügen gewesen. Es ist übrigens jener Chat, der Manning zum Verhängnis wurde und auf dem vieles fußt, das vor Gericht als Beweis der Anklage dienen soll. Aber auch der New Yorker portraitierte vor einigen Tagen eine der traurigsten Helden der Gegenwart. Es geht um die Einsamkeit von Bradley Manning’s Army of One. Ganz nebenbei stellt übrigens auch Glenn Greenwald auf Salon.com eine hervorragende Analyse zur Verfügung.

Watch the full episode. See more FRONTLINE.

Am Ende ist es immer simpel über die große Ungerechtigkeiten dieser Welt zu schwadronieren. Dennoch sind weiterhin massive Zweifel an der Vorgehensweise der USA angebracht. Wenn ein elender Obergefreiter den Druck einer ganzen gedemütigten Nation ertragen muss, während andere, wie zum Beispiel die Piloten des berühmt-berüchtigten Hubschraubereinsatzes im Irak auf freiem Fuß sind, muss man von asymmertrischer Rache sprechen. Stichwort Collateral Murder. Auch dieses Video soll Manning an WikiLeaks lanciert haben. Sonst keiner der vielen Tausend, die Zugriff hatten.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    und das alles unter präsident obama der ja für die auflösung von guantanamo und die vollständige aufklärung über die dortigen geschehnisse war. die betonung liegt übrigens auf “war”, denn nun ist man anscheinend anderer meinung. als begründung für die weitere inhaftierung wird angeführt, dass ein viertel der gefangenen wieder zu den waffen greift (artikel dazu: http://www.tagesschau.de/ausland/guantanamo424.html). ich bin ja der meinung, dass viele davon erst wegen dem, was sie durchmachen mussten zur waffe greifen.

    aber ich scheife ab. worauf ich eigentlich hinaus wollte ist, dass man in den usa einerseits über alles aufgeklärt sein möchte, was in der welt passiert und alle methoden dazu als legitim angesehen werden. trifft dieses vorgehen aber einen selbst, ist man hier zu tiefst schockiert und sieht darin einen schweren eingriff bzw. angriff. und wie im artikel sehr schön dargestellt fehlt es hier völlig an verhältnismäßigkeit, wenn möder frei rumlaufen und menschen, die moralisch richtig handelten, wie schwerverbrecher behandelt.
    aber moral ist ja sehr subjektiv und doppelmoral weit verbreitet.

  2. 2.

    Das soll nicht zur Gewohnheit werden – aber ich erlaube mir erneut Widerspruch zu Ihrem Artikel. Noch vor historisch gar nicht allzu langer Zeit wurde in vielen Staaten dieser Erde Hoch- oder Landesverrat mit dem Tode bestraft. Nicht im Strafmass – die Todesstrafe ist abzulehnen – aber im Grundsatz zu Recht! Wenn ein Staat damit rechnen muss, dass jemand (aus welchen Motivern auch immer) unterschiedslos alles, was er an vertraulichen Dokumenten in die Finger bekommt, veröffentlicht (genau das hat Manning getan) UND damit straffrei davonkommt, kann sich dieser Staat auch gleich selbst auflösen. Denn die real existierende Welt ist eben nicht die Friedensinsel der pazifistischen, anständigen und ethisch hochstehenden Seligkeit, die man bräuchte, um solche Aktionen nicht mehr unter Strafe zu stellen.
    Noch ein Wort zu dem collateral murder Video. Ein Krieg ist mörderisch und dreckig, umso mehr ein solcher, in dem der Widerstand aus den reihen (und damit auch aus der Deckung) von Teilen der Bevölkerung kommt. In einem solchen Krieg sind Vorfälle wie die des genannten Videos unvermeidbar. Wer das nicht will, führe bitte keine Kriege, so einfach ist das. Einen sauberen krieg gibt es nicht, hat es nie gegeben und wird es nie geben. Und solange den Piloten nicht der vorsätzliche Mord an auch für sie klar als solche erkannte Zivilisten anzulasten ist, gibt es keinen grund für eine Verurteilung. Denn im Krieg gilt völlig zu Recht der Grundsatz der amerikanischen Marines – wer als erster schiesst, stirbt als zweiter. Das mag Sie als Autoren noch so sehr empören – jede Forderung an Soldaten, anders zu werden, ist eine Aufforderung, Selbstmord zu begehen.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • 15. Juli 2011 um 15:54 Uhr
    • ThorHa
  3. 3.

    Die Evolution schreitet voran und die demokratische Öffentlichkeit hat ein Recht auf staatliche Transparenz. Ihre Vorstellungen von Staatsgeheimnissen sind im finstersten Teil des 18./19. Jahrhundert angesiedelt und lassen erkennen, dass Sie Demokratie als Staatform nicht wirklich verstanden haben.
    Was nun das Hubschraubervideo angeht: In der Tat, da gibt es nichts besonderes zu sehen, nur die üblichen Menschenschlächter bei der Arbeit. Als jemand, der Indochina ein wenig “von innen” kennt, kann ich sagen: Seht euch dieses Video an. Es zeigt das eigentliche Gesicht der amerikanischen Armee. Wilde, böse, gemeingefährliche Tiere.

  4. 4.

    Ich bleibe dabei:
    Die USA sind alles andere als eine freiheitlich denkende,demokratische Nation.
    Die USA sind nichts weiter als eine inhumane,verkrustete,engstirnige Nation,die sich nicht von den absurden Vorstellungen ihrer Ahnen verabschieden kann.
    Die Besiedlung Amerikas durch die Weißen,den Vorfahren der heutigen Generation,erfolgte durch das Abschlachten der indigenen Bevölkerung,der man nicht zugestand,Menschen zu sein.
    Dann wurden u.a.aus Afrika Menschen verschleppt,von der weißen Bevölkerung als Sklaven gehalten.In den Augen der Bürger waren das keine Menschen.Diese schreckliche Zeit ist noch gar nicht so lange her.
    Tja,dann wären da noch die Kommunisten,die mußten auch liquidiert werden,weil sie anders waren.
    Und dann erdreistet sich ein US-Bürger,dieser falschen Demokratie den Spiegel der Unmenschlichkeit vorzuhalten.
    Nichts anderes hat Bradley Manning getan:er hat die sadistische Konsequenz des Krieges in Bildern veröffentlicht.
    Die Wahrheit ist für die USA scheinbar so unerträglich,dass sie wie in alter Zeit nur die Folter als Möglichkeit sehen,diesen jungen Mann zu bestrafen.
    BM hat die Tragweite seines Handelns sicherlich falsch eingeschätzt.Ihn zu bestrafen weil die Wahrheit unangenehm ist,ist jedoch nicht hinnehmbar.Der USA hätte es besser zu Gesicht gestanden,den Mief der vergangenen Jahrhunderte aus dem Land zu fegen und Verantwortung für die Greueltaten seiner Militärs zu übernehmen.Doch die foltern lieber die Wahrheit.

  5. 5.

    “In einem solchen Krieg sind Vorfälle wie die des genannten Videos unvermeidbar. Wer das nicht will, führe bitte keine Kriege, so einfach ist das.”

    Herr Haupts, nichts anderes soll das collateral murder-Video zeigen! Die (amerikanische) Bevölkerung wird mit einem Narrativ gefüttert, nach dem die US-Soldaten heldenhafte Befreier einer unterdrückten irakischen Bevölkerung sind – nicht aber, dass im Verlauf des Krieges Kinder zu Tode gefoltert oder vor den Augen ihrer Eltern erschossen werden, von den Soldaten im Bericht dann als “collateral damage” erwähnt. Das passt nicht zum schwarz-weißen Befreierbild. In diesem Krieg gibt es keine Helden, die ihre Waffe auf Menschen richten, aber das scheint zu den Amerikanern noch nicht restlos durchgedrungen zu sein.

    Ansonsten empfehle ich: http://www.youtube.com/watch?v=3adw9oLBkBI

    • 17. Juli 2011 um 12:02 Uhr
    • Sarah
  6. Kommentar zum Thema

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