Offene Daten – offene Gesellschaft

Der Beginn eines alternativen Internets

Von 9. Dezember 2010 um 10:14 Uhr

Es ist derzeit viel die Rede von einem Krieg, dem ersten wirklichen “Infowar”. Der Chaos Computer Club beispielsweise, das Urgestein der deutschen Hackerszene, rief unlängst in einer Erklärung zu den Fahnen: “Der Kampf um Wikileaks ist eine wichtige Auseinandersetzung um die Zukunft der Meinungs- und Informationsfreiheit im Netz. Wir rufen daher dazu auf, Wikileaks alle technische Unterstützung zukommen zu lassen, um diese Schlacht zu gewinnen.”

Besagte Unterstützung – und darunter verstehen einige offenbar auch die DDoS-Angriffe auf Firmen wie Mastercard – ist bereits im vollen Gange – über 1200 gespiegelte Instanzen, so genannte Mirror der Whistleblowing-Plattform, finden sich mittlerweile im Netz. Eine Übersicht darüber vermittelt eine Weltkarte (siehe oben).

Dieses Netzwerk von Spiegeln ist aber nur ein Vorgeschmack auf das, was ein zweites, ein alternatives Netz werden könnte. Diverse Aktivisten bereiten derzeit den Start einer dezentralen Netzstruktur vor. Nicht zuletzt wegen der Sperrung von wikileaks.org will man nicht mehr auf die offensichtlich politisch beeinflussbaren Webadressen-Kataloge von ICANN angewiesen sein.

Auf dot-p2p.org wird das Vorhaben vorbereitet. Ähnlich der Peer-to-Peer-Netzwerke (P2P), über die Daten getauscht werden, soll jeder, der ein kleines Programm auf seinem Rechner installiert, Domains erreichen können, die als Endung .p2p haben – also etwa www.zeit.p2p.

Das Rückgrat des Internets sind derzeit weltweit 13 Server (Root Nameserver), von denen ein großer Teil in den USA steht. Sie verwalten in letzter Instanz das so genannte Top-Level-Domain-System (TLD), sorgen also dafür, dass IP-Adressen wie 213.251.145.96 unter dem Namen wikileaks.org erreichbar sind. Für das P2P-Internet wären solche zentralen Rechner nicht mehr nötig. Ein alternatives DNS-System (Domain Name Server) entstünde.

Unklar ist bislang noch, wie in dem System Domainnamen vergeben werden sollen. Organisieren soll das jedenfalls OpenNic, eine selbstorganisierte Vereinigung von “Hobbyists”, wie es in der Selbstbeschreibung heißt. Jeder, der eine Domain mit einer Endung wie .org, .com oder .de besitzt, kann dann bei ihr die entsprechende .p2p-Adresse beantragen. Wie die in der Regel gut informierte Website TorrentFreak schreibt, könnte die erste Version des “Decentralized Open Domain Systems” in Kürze veöffentlicht werden.

Die Idee scheint schon lange virulent zu sein. Das Abschalten von rund 80 Domains durch US-Behörden im vergangen Monat war der Auslöser. Die Websites wurden verdächtigt, als Knotenpunkte für den illegalen Tausch von Musik und anderen Mediendateien gedient zu haben.

Mit dem Konflikt um Wikileaks bekommt die Idee eines alternativen Internets Dringlichkeit. So wundert es nicht, dass auch Leute wie Peter Sunde, ehemaliger Sprecher der Bittorentplattform The Pirate Bay und Mitbegründer des Bezahldienst Flattr, ein selbstorganisiertes Web unterstützen.

Die Vorgänge der letzten zehn Tage stellen tatsächlich eine Eskalation einer Reihe schwelender Konflikte um die Kontrollierbarkeit des Netzes dar. Während in Deutschland der Irrsinn von “Sendezeiten” (JMStV) für das Web sich offenbar kaum noch verhindern lässt,  ist in den USA ein Gesetz namens “Protecting Cyberspace as a National Asset Act” heftig umstritten. Es würde laut seinen Kritikern sogar das Abschalten eines Teils des Internets per “Kill Switch” ermöglichen.

Noch im Januar dieses Jahres sagte US-Außenministerin Hillary Clinton große Worte zum Thema Freiheit im Internet: “We stand for a single internet where all of humanity has equal access to knowledge and ideas.” Inzwischen aber scheint sich einiges gewandelt zu haben.

Evgeny Morozov, ein Medienjournalist, der für seine netzpolitischen Analysen bekannt ist, merkte vor Kurzem in einem Interview an: “Ich glaube, dass WikiLeaks im Besonderen und Julian Assange im Speziellen als Leitfiguren einer neuen politischen ‘Geek’-Bewegung verstanden werden. Die wird auf den Prinzipien absoluter ‘Internetfreiheit’, auf Transparenz und laxen Copyrightgsetzen und so weiter fußen.” Das könnten tolle Neuigkeiten sein, meint der Journalist, wenn die Radikalisierung der jungen Leute in ein gewaltfreies Streben für ein wie immer geartes Verständnis von Internetfreiheit mündete. Allerdings befürchtet Morozov, dass es zu gewalttätigen Protesten kommt, sollte Assange an die USA ausgeliefert oder gar als Terrorist angeklagt werden. Wofür es derzeit allerdings keine Hinweise gibt.

Aggressive Proteste allerdings gibt es bereits. Seit Tagen werden Websites von Unternehmen angegriffen, die Wikileaks Infrastruktur entzogen haben oder Spendenzahlungen verunmöglichten. Über die Sinn- und Rechtmäßigkeit solch einer Protestform – halbstarke kontraproduktive Aktion versus virtuelle Sitzblockade – wird derzeit noch gestritten.

Immerhin scheint der Bezahldienst PayPal, der Spendengelder von Wikileaks eingefroren hatte, aufgrund der Angriffe eingeknickt zu sein. Das Wikileaks-Konto bleibt gesperrt, die dort eingegangen Gelder dürfen aber transferiert werden. Ein Ende des “Krieges” ist nicht in Sicht.

Kategorien: Datenpolitik, Datenzukunft
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Das Internet ist im Mittelalter und darf nicht verbindlich bleiben, es muss offen und Transparenz bleiben.

    • 9. Dezember 2010 um 11:06 Uhr
    • X-Master
  2. 2.

    Solange die Hoheit z.B. über Domains zentral in den USA liegen, ist das Netz und die ungeheure Menge an Informationen letztlich in der Hand eines einzelnen Landes. Das Internet muss schleunigst dezentralisiert werden. Denn nur so kann der freie und unzensierte Zugang zu Informationen erreicht werden.

  3. 4.

    Die Idee existiert seit dem internet. Freenet (nicht der Anbieter, sondern ein Projekt) war wohl das erste p2p, von dem ich hörte. Die Probleme einer dezentralen Struktur auch für die Ebene DNS bleiben. Was sich aber geändert hat, das ist die Leistungsfähigkeit von Computern. Heute kann fast jeder eine Seite wie wikileaks auf einem eigenem server, notfalls einem normalen PC betreiben. Allein der Datenfluss oder die Zahl der Zugriffe beschränken noch. Damit ist aber eigentlich klar, dass dieses alternative internet in irgend einer Form kommen wird. Wir sind nicht vorbereitet. Die Folgen sind zum Teil gravierend. Die einzige Alternative wären rigide Zugangsschranken, eine Abschottung auf nationaler Ebene – das steht im Widerspruch zum alten internet und den hier etablierten, wirtschaftlichen Interessen, erst recht bezüglich zu den hochgehaltenen Idealen der westlichen Demokratien. Beide Entwicklungen sind beobachtbar und es findet bereits ein Krieg konservativer Ansichten gegen neue Möglichkeiten statt. Doch – wie stets – werden wohl die Besitzstandswahrer gegen die Modernisierung verlieren, wenn sie keine Diktatur etablieren. Letztlich wird dies aber scheitern an den nationalen Interessen, die einerseits Unterschiede betonen, andererseits aber weltweite Freiheit, etwa für Handel, haben möchten. Die Vorstellung, es verhindern zu können, ist etwa wie das Vorhaben, Rauschgifte nicht ins eigene Land kommen zu lassen. Man kann die Ware verbieten, den Handel sanktionieren und immer mehr Kontrollen aufbauen – es kommt weiterhin etwas hier an. Das dezentrale internet kommt, einfach weil es möglich ist. Und es hat noch einen mächtigen Mitstreiter auf Seiten der Verteidiger alter Gewohnheiten: Diese Struktur ist preiswerter gegenüber jedem wirtschaftlich aufgestellten Zentralanbieter. Nur bei den Kosten für den Datenverkehr werden solidarische Mehrausgaben notwendig werden – aber das wird auch passieren, weil niemand auf bessere Möglichkeiten verzichten will.

  4. 5.

    [...] siehe da: es wird bereits an einem “alternativen Internet” gebastelt, das nicht einmal mehr von den wenigen, vornehmlich in den USA stehenden DNS-Servern [...]

  5. 6.

    Das bestreben das Internet frei zu halten von jeglicher Zensur ist absolut und uneingeschränkt zu unterstützen. Insbesondere in hinblick auf die obamasche New World Order und den leider Hirntoten Stümpern die dem Folgen.

    Mfg Selberdenker

  6. 7.

    Ein wichtiger und überfälliger Schritt, ganz im Geiste des alten Freenet-Projektes. Ich bin guter Dinge.

    Es bleibt aber an zu merken, dass man nüchtern betrachtet auf lange Sicht keine Chance haben wird. Die Netzprovider und die nationalen Knotenpunkte werden dann eben früher oder später per Gesetz gezwungen, mit Whitelists zu arbeiten, also nur noch Verkehr zu freigegebenen URLs oder IPs zu zu lassen. Gewinnen können wir nicht… Wenn die Regierungen der Welt gegen “uns” arbeiten, wird ein freies Netz nur noch in den Geschichtsbüchern zu finden sein.
    Traurige Vorstellung…
    Bleibt also nicht zu vergessen, die Regierungen der Welt durch Regierungen aus zu tauschen, die auf “unserer” Seite sind.
    Aber dezentrales DNS und P2P-Hosting verschafft uns wenigstens etwas Luft.;-)

  7. 8.

    Danke für diese Informationen!
    Auch bei diesem Artikel würde ich gerne den Flattr-Button drücken – es gibt bei ZEITonline und auch bei den ZEITblogs keinen.. warum, lieber Herr Matzat, warum liebe Redaktion? :)

    • 9. Dezember 2010 um 12:54 Uhr
    • Ullrik
  8. Kommentar zum Thema

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