Offene Daten – offene Gesellschaft

“Verkehrsunternehmen sollten Fahrplandaten öffnen”

Von 7. Juni 2011 um 17:14 Uhr

Stefan Wehrmeyer über Nahverkehrsdaten,
Berliner Gazette (Creative Commons | sa | by | nc)

Stefan Wehrmeyer studiert in Potsdam am Institut für Softwaresystemtechnik. Sein Projekt Mapnificent stellt Fahrpläne zahlreicher Städte weltweit dynamisch auf einer Karte dar; vor kurzem appellierte er an die Berliner und Brandenburger Nahverkehrsbetriebe, ihre Fahrplandaten zu öffnen. In der Simulation TransitPulse gibt Wehrmeyer einen Ausblick darauf, was mit solchen Informationen möglich wäre.

Herr Wehrmeyer, Sie versuchen seit einiger Zeit, Verkehrsunternehmen zu bewegen, ihre Fahrpläne über offene Schnittstellen anzubieten. Wie ist die Resonanz?

Stefan Wehrmeyer: Die Resonanz derjenigen, die am Nahverkehr interessiert sind, war sehr positiv. Die Forderung nach offenen Fahrplandaten leuchtet den meisten ein. Nur die Verkehrsunternehmen selbst reagieren eher reserviert.

Speziell in Berlin scheint es Probleme zu geben. Worum geht es dabei?

Wehrmeyer: Der Verkehrsbund Berlin Brandenburg (VBB) reagierte auf den Appell mit Unverständnis: die Daten seien doch da, man müsse nur fragen. Allerdings gab es keinen Bereich auf der Website der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) oder des VBB, der überhaupt die Herausgabe von Daten an Entwickler erörtert. Der VBB hat nun eine Seite für Entwickler angelegt und das ist ein guter erster Schritt. Die dort veröffentlichten Bedingungen schränken aber leider die Nutzung sehr ein.

Was stört Sie an den Nutzungsbedingungen?

Wehrmeyer: Mich stört einiges. Zum Beispiel, dass die Daten nicht unter einer freien Lizenz veröffentlicht werden. Auch die Verknüpfung mit anderen Daten, ein sogenanntes Mashup, muss explizit erlaubt werden. Die Erhebung statistischer Daten zur Qualität des Nahverkehrsangebots ist gleich ganz verboten. Außerdem ist in den Bedingungen die Rede von Geheimhaltung, von Wirtschaftsprüfung und von Prüfung von Sicherheitssystemen. Da hat es die Rechtsabteilung definitiv zu gut gemeint. Durch solche Bedingungen steigt die Hürde enorm, etwas mit den Daten zu erstellen. Auf Nachfrage beteuerte der VBB, alles nicht so strikt zu meinen, aber leider lesen sich die Nutzungsbedingungen wie ein Knebelvertrag.

Wie ist insgesamt ihr Eindruck? Können Verkehrsunternehmen mit dem Konzept Open Data etwas anfangen?

Wehrmeyer: Leider noch nicht. Der Anteil der Daten, die offen sind, steigt langsam. Aber bevor das Ganze tatsächlich “open” wird, muss sich noch das Selbstverständnis der Nahverkehrsunternehmen in Bezug auf ihre Daten ändern.

Könnte die Politik helfen?

Wehrmeyer: Hoffentlich! Die Verträge der Städte sollten nicht nur ein funktionierendes Nahverkehrssystem, sondern auch offene Fahrplandaten und Schnittstellen zum Ziel haben. Nahverkehrsunternehmen erhalten immerhin viel Geld von den Städten. Laut der Berliner Zuwendungsdatenbank flossen 2009 über 100 Millionen Euro an die BVG, unter anderem für das “Auskunfts- und Informationssystem”.

Inwieweit benötigen Sie solche Fahrplandaten für Anwendungen wie Mapnificent? Das scheint ja für Berlin auch ohne Open Data zu funktonieren?

Wehrmeyer: Die Berliner Nahverkehrsdaten musste ich mir aufwändig und teilweise per Hand zusammensuchen. Mapnificent wird von der VBB toleriert, weil es als ein innovatives Studentenprojekt ohne kommerzielle Absichten gesehen wird. Wie die Lage aussieht, wenn ich anfange kommerzielle Dienstleistungen mit Mapnificent zu verbinden, ist unklar.

Viel einfacher wäre es, würden Berlin und andere Städte das maschinenlesbares Standardformat für Fahrplandaten verwenden: GTFS (Genereral Transit Feed Specification). Google nutzt es, um Nahverkehrsnavigation auf Google Maps anzubieten und die meisten großen Städte in den USA stellen GTFS-Daten bereit. Durch das Standardformat konnte ich mit einem Schlag meine Anwendung für eine Vielzahl von Städten anbieten.

Was wird in Zukunft mit offenen Verkehrsdaten möglich sein?

Wehrmeyer: Ich könnte mir beispielsweise eine komfortable, länderübergreifende Nahverkehrsnavigation für Touristen vorstellen. Aber die spannendste App ist immer die, an die man selbst nicht denkt.

Disclaimer: Stefan Wehrmeyer ist genau wie der Autor Mitglied des OpenData Network e.V.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Gute Sache! Sollte mal an junge* Politiker kommuniziert und dann zu einem breiten Thema gemacht werden.

    *Sorry, aber die Alten haben nicht so richtig den Bezug dazu.

    Wach bleiben!

    • 7. Juni 2011 um 18:38 Uhr
    • Wach bleiben
  2. 2.

    “Verkehrsunternehmen sollten Fahrplandaten öffnen” « Dateninterview, Datenquelle « Open Data Blog…

    Open Data Blog Offene Daten – offene Gesellschaft “Verkehrsunternehmen sollten Fahrplandaten öffnen” Stefan Wehrmeyer über Nahverkehrsdaten, Berliner Gazette (Creative Commons   Stefan Wehrmeyer studiert in Potsdam am Institut für Softwaresystemtechn…

  3. 3.

    Ein toller Vorstoß! Fahrplandaten sind ein öffentliches Gut, und sollen daher für jeden frei zugänglich sein. Hier ist der Gesetzgeber gefragt, GTFS zum Standard bei jeder Form staatlich/kommunal regulierter Verkehrsleistungen zu machen.

  4. 4.

    Klingt ja ales ganz gut … allerdings habe ich da gewisse Erfahrungen. San Francisco ist ja sicherlich nicht das schlechteste Beispiel was oeffentliche Verkehrsmittel angeht, aber die Zeiten die Mapnificent hier fuer (aufgrund der zur Verfuegung stehenden Daten) innerhalb eines Zeitradius ermittelt sind reine Fantasie. Da braucht man oft leicht das Doppelte an Zeit … Lebe seit Jahren in der Bay Area und weiss wovon ich rede. Und damit spreche ich noch nicht mal die (mangelnde) Zuverlaessigkeit der Angaben und Dienste an. DIe Amis sind halt Blender … Aber das geht ja dann am Thema vorbei. Die Idee ansich ist fantastisch. Alles andere wird sich geben – und durch die Schaffenskraft und Kreativitaet der Entwickler und Ideengeber werden sich auch hier innovative und revolutioneare Konzepte heraus kristallisieren.

  5. 5.

    Als ich vor ca 3 Jahren bei der KVB (Köln) nachfragte, erhielt ich zuerst einmal die Antwort “Es liegt nicht in unserem Intereese, dass eine eigene Visualisierung in welcher Form auch immer stattfindet.” http://fly.ingsparks.de/2008-05-02/ein-20-interface-fuer-den-oepnv-und-die-10-denke-der-kvb/
    In einer zweiten Mail wurde das etwas relativiert. Trotzdem malt das ein schlechtes Bild…

    • 8. Juni 2011 um 08:17 Uhr
    • Tobias
  6. 6.

    [...] Zeit.de: “Wenn Fahrpläne als offene Daten vorliegen, sind spannende Anwendungen möglich. Nicht alle V… [...]

  7. 7.

    Da kann ich meinem Vor-Poster nur zustimmen: wir leben in Dunkelland… Ich hatte dem Stuttgarter Verkehrsverbund vorgeschlagen, ihre Fahrplandaten per GTFS zuveröffentlichen, dann könnten Anwendungen wie Google Maps darauf zurück greifen. Antwort war, dass das nicht nötig sei, da sie ja ihr eigenes Auskunftssystem EFA hätten. In der Tat kann dieses System auch Fußwege zur und von der Haltestelle berücksichtigen. Aber schön wäre es schon, wenn man zumindest informativ in einer Anwendung wie Google Maps nicht nur eine Autofahranleitung sondern auch die Öfi-Alternative dazu bekäme.

    • 8. Juni 2011 um 15:56 Uhr
    • MCBuhl
  8. 8.

    Ich kann auch nicht verstehen, wieso sich ÖPNV-Unternehmen so dagegen sträuben! Schließlich verdienen sie nicht mit den Daten Geld, sondern mit der Dienstleistung “Fahrt von A nach B”! Daher sollte es doch in deren höchstem Interesse sein, so vielen Fahrgästen wie möglich die Information zukommen zu lassen, wann man als nächstes diese Dienstleistung in Anspruch nehmen könnte.

    Ein weiteres Video zum Thema:
    http://www.youtube.com/watch?v=kf2Kx5HhkGg

    Unter Android gibt es dafür ja auch das praktische App Öffi:
    https://market.android.com/details?id=de.schildbach.oeffi

    • 8. Juni 2011 um 17:10 Uhr
    • jmk
  9. Kommentar zum Thema

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