Offene Daten – offene Gesellschaft

Unschuldige müssen zahlen, um ihren Ruf zu retten

Von 18. Juli 2012 um 13:03 Uhr
Screenshot vom mugshots.com – gepixelt von ZEIT ONLINE

Screenshot vom mugshots.com – gepixelt von ZEIT ONLINE

Offen zugängliche Datenbanken können Probleme mit sich bringen. Zum Beispiel, wenn sie Namen und Polizeifotos von Festgenommenen, die sogenannten mugshots enthalten.

In den USA sind solche Informationen häufig öffentlich zugänglich, das Bundesgesetz Freedom of Information Act oder gesetzliche Regelungen in den einzelnen Bundesstaaten machen dies möglich. Auf ihrer Grundlage werden die Aufnahmen von den Strafverfolgungsbehörden ins Netz gestellt. Genutzt werden die Namen und Bilder dann zum Beispiel von Apps wie Offender Locator, die verurteilte Sexualstraftäter anzeigen, die sich in der Nachbarschaft befinden.

Einige Websites haben sich sogar darauf spezialisiert, die von den Behörden herausgegebenen Namen und Fotos automatisiert und gesammelt noch einmal zu veröffentlichen. Mugshots.com ist so eine Seite. Solche Angebote führen aber mitunter zu ernsthaften Problemen – für unschuldig festgesetzte Menschen.

So haben etwa die Open-Government-Gesetze von Florida zur Folge, dass prinzipiell alle mugshots veröffentlicht und dadurch von Anbietern wie mugshots.com gesammelt und archiviert werden können. Das passiert sehr schnell nach der Verhaftung und gilt auch für Fotos von Menschen, die sich später als unschuldig herausstellen. Mugshots.com sammelt die Bilder ein, noch bevor jemand vor Gericht gestellt wird.

Zwar verweist die Seite auf den Grundsatz, dass jeder solange als unschuldig gilt, bis seine Schuld bewiesen ist. Aber die mugshots werden nicht von der Seite gelöscht, wenn das Urteil gefallen ist. In der Datenbank befinden sich also Fotos von nachweislich Unschuldigen. Die Betreiber weisen einfach nur darauf hin, dass alle Daten von den Behörden kommen und nicht verändert oder ergänzt werden.

Wie das Unternehmen SafeShepherd nun festgestellt hat, muss ein Unschuldiger viel Geld bezahlen, wenn er sein Foto von der Seite entfernen lassen will. Dazu muss er einen Drittanbieter beauftragen, der die Löschung dann veranlasst.

SafeShepherd ist eine noch junge Firma, die sich auf diese Art von reputation management (“Ruf-Reparatur”) spezialisiert hat. Im Auftrag ihrer Kunden recherchiert sie, welche Informationen über ihre Auftraggeber im Netz zu finden sind und kontaktiert gegebenenfalls die Seitenbetreiber, damit Informationen gelöscht werden, die dem Ruf des Kunden schaden könnten.

Im Fall von Mugshots.com fand Noah Sidman-Gale von SafeShepherd heraus, dass nur zwei Drittanbieter namens Unpublishmugshots.com und Unpublisharrest.com dafür sorgen, dass Namen und Fotos von mugshots.com entfernt werden. Diese Drittanbieter machen daraus ein Geschäft: Das Entfernen eines Datensatzes aus der Datenbank kostet stolze 399 US-Dollar.

Natürlich drängt sich der Eindruck auf, dass hinter Mugshots.com und den beiden anderen Firmen dieselben Macher stecken, die ein Geschäftsmodell entdeckt zu haben glauben. Auf Mugshots.com heißt es allerdings, die beiden Unternehmen seien “independently owned and operated vendors“, hätten also unabhängige Besitzer und Betreiber. Keine der Websites hält allerdings Informationen über ihre Betreiber bereit. ZEIT ONLINE hat Mugshots.com und Unpublishmugshots.com per Webformular kontaktiert und um ein Statement gebeten, eine Antwort steht noch aus. Unpublishmugshots.com hat inzwischen geantwortet und teilt mit, es gebe keine Verbindung zwischen den beiden Firmen, außer dass Unpublishmugshots.com ein anerkannter Anbieter zur Löschung von Daten auf mugshots.com und 47 ähnlichen Seiten sei. Man stelle außerdem das In-House-Call-Center für Anfragen zur Löschung von Daten bei Mugshots.com.

Mugshots.com ist nicht die einzige Seite ihrer Art. Eine Initiative, die eine Sammelklage gegen solche Anbieter auf den Weg bringen will, listet mehr als zwei Dutzend Mugshot-Seiten auf. In vielen Fällen, so heißt es bei der Initiative, betrage die Gebühr zum Entfernen eines Fotos zwischen 100 und 400 Dollar.

Ein erster Kongressabgeordneter namens Roger Bruce hat das Problem mittlerweile erkannt und fordert eine gesetzliche Regelung, mit denen die dauerhafte Veröffentlichung von Fotos unschuldiger Menschen gestoppt wird.

Ein Gutes aber hat der Service von Unpublishmugshots.com und Unpublisharrest.com: Wer zwei oder mehr Fotos von der Seite entfernen lassen will, bekommt Mengenrabatt.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Die ZEIT pixelt die Bilder und weist natürlich gleich darunter hin, wo man die unverpixelten sieht. So ist es richtig. Was mich eher wundert: haben die amerikanischen Rechtsanwälte das noch nicht als Einnahmequelle entdeckt?

  2. 2.

    Ich habe Familie in den USA und habe das selber erlebt. Als mein Cousin eines Nachts nichts aufgetaucht ist, war der erste Lösungsansatz erstmal im Netz schauen ob er festgenommen wurde…

    Ziemlich krank. Aber die USA ist und bleibt ein Polizeistaat.

  3. 3.

    “Ziemlich krank. Aber die USA ist und bleibt ein Polizeistaat.” Das Veröffentlichen mag unverhältnismäßig sein, aber mehr Polizeistaat als Deutschland sind die USA auch nicht. Nur mal im Internet nach prügelnden Polizisten suchen – da findet sich jede Menge. Prozesse in denen die Polizisten dafür belangt werden dagegen fast nicht.

  4. 4.

    Ich war hier in Deutschland einmal einer Straftat beschuldigt und wurde fotografiert. Das Verfahren wurde nach kurzer Zeit eingestellt und die Sache war für mich erledigt.

    Etwa zwei Jahre später wurde ein Freund als Zeuge eines Überfalls vorgeladen. Er bekam mehrere Bilder mit möglichen Tätern vorgelegt – darunter meines.

    So weit sind wir also davon gar nicht entfernt, was wir hier bei den ach so schlimmen Amis kritisieren.

  5. 5.

    Also die Whois-Infos von allen 3 Domains laufen alle auf (3 verschiedene) Privacy-Anbieter, die man dann einsetzt wenn man über das Domain-Whois nicht gefunden werden will.

    Wer einen solchen Anonymisierungsservice nutzt ist in der Regel kein seriöser Anbieter…

  6. 6.

    Ich lach mich tot. Man merkt, dass Sie noch nie in den Staaten waren…

    • 18. Juli 2012 um 16:05 Uhr
    • Dakra
  7. 7.

    “mehr Polizeistaat als Deutschland sind die USA auch nicht”

    Das würde ich aber nicht ganz so sehen.

  8. 8.

    Es ist ja wohl ein riesiger Unterschied, ob eine einzelne Person in einem geschlossenen Raum massenweise Bilder ohne Name und weitere Daten vorgelegt bekommt oder ob diese Bilder als Teil kompletter Datensätze jederzeit für Jeden im Internet abrufbar sind.

    Bitte realistisch bleiben.

  9. Kommentar zum Thema

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