Offene Daten – offene Gesellschaft

Was macht unser Leben teurer?

Von 17. September 2012 um 10:23 Uhr

In keinem Land ist die Angst vor Inflation so ausgeprägt wie in Deutschland. Mit großer Sorge wird reagiert, wenn wie im August die Verbraucherpreise weiter ansteigen. Die Jahresinflationsrate erhöhte sich von 1,7 Prozent im Juli auf 2,1 Prozent und liegt damit wieder über der Marke von zwei Prozent, bis zu der die Europäische Zentralbank von stabilen Preisen spricht. Haben wir eine grundsätzlich drastische Verteuerung von Gütern oder gibt es besondere Preistreiber?

Grundlage für die Berechnung des Verbraucherpreisindex ist ein Warenkorb, bestehend aus rund 700 Gütern. Für jedes Element – also zum Beispiel für Nahrungsmittel, Zugfahrten oder für Benzin – wird die Preisentwicklung erfasst. Die Statistiker errechnen daraus einen gewichteten Mittelwert. Die verwendeten Gewichte gelten als repräsentativ für einen durchschnittlichen Haushalt.

Wir haben einzelne Preisentwicklungen ausgehend vom Jahr 2005 ausgewählt und die Daten des Statistischen Bundesamtes im Kurvenverlauf bis August 2012 dargestellt.


Es wird deutlich, dass in diesem Achtjahreszeitraum vor allem Nahrungsmittel (+19,3 Prozent), Verkehr (+24,8 Prozent) und Wohnen (+17,9 Prozent) teurer geworden sind. Die Preise für Wohnraum und Verkehr wurden maßgeblich von den steigenden Energiekosten in die Höhe getrieben. Hinter der Lebensmittelinflation stecken mehrere Faktoren – die Energie ist einer davon.


Splittet man die wichtigsten Posten rund ums Wohnen auf, wird noch einmal die Rasanz der Verteuerung im Energiebereich deutlich. Hier machen sich stark steigende Heizölpreise und ganz besonders der Strompreisanstieg (45,2 Prozent) bemerkbar. Der Anteil steigender Mieten fällt eher moderat aus (ein Plus von neun Prozent seit 2005 entspricht einem jährlichen Anstieg von rund 1,1 Prozent).


Im Bereich Mobilität haben die Preise für Flugreisen um satte 53,1 Prozent zugelegt. Auch Bahnfahren ist in Zeiten steigender Energiepreise teurer geworden. Preise für Bahntickets legten um 25,1 Prozent zu. Die Kosten für die Anschaffung von Neuwagen haben sich hingegen in den letzten Jahren kaum erhöht. So blieb das Preisniveau bei Neuwagen seit der letzten Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes ab Januar 2007 konstant. Zu Zeiten der sogenannten Abwrackprämie gaben die Preise für Gebrauchtwagen Anfang 2010 merklich nach, pendelten sich danach aber wieder auf das vorherige Niveau ein.

Um alle Lebensumstände zu erfassen, wird im statistischen Warenkorb auch die Entwicklung für Dienstleitungen wie “Essen auf Rädern” beobachtet. In der Entwicklungskurve zeigt sich, dass die Kostensteigerungen für Nahrungsmittel und Benzinpreise (plus 49,6 Prozent seit 2005) moderat an die Kunden weitergereicht wurden. Die Belieferung der Senioren zu Hause gehörte zu traditionellen Tätigkeiten junger Zivildienstleistender. Mit der Aussetzung der Wehrpflicht und somit auch des Zivildienstes zum Juli 2011 fiel diese günstige Beschäftigungsmöglichkeit weg. Zwischen Januar und August 2011 wurden die dadurch gestiegenen Personalkosten mit einem Anstieg von vier Prozent an die Kunden weitergegeben.


Für Entlastung im Geldbeutel haben unter anderem sinkende Preise für Festnetztelefonie und Mobilfunk gesorgt (-15,2 Prozent).

Im Warenkorb finden sich zudem einzelne Grundnahrungsmittel. Interessant ist der Blick auf zwischenzeitlich stark unterschiedliche Preisentwicklungen bei Frischmilch und Butter. Während die Erzeuger mit dem Einzelhandel für Frischmilch häufig an langfristige Verträge gebunden sind, lassen sich bei anderen Milchprodukten kurzfristige Preisanhebungen durchsetzen.

Die von Martina Schories visualisierten Daten haben wir in einem GoogleDoc zusammengefasst. Den kompletten Datensatz mit allen Einträgen des Warenkorbs gibt es kostenlos es in der GENESIS-Datenbank des Statistischen Bundesamtes.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Man kann es nicht oft genug wiederholen!

    Verkehr, Nahrungsmittel und Wohnen sind alle etwa 20% teurer geworden.

    Und das sind Dinge, auf die man nicht verzichten kann….

    Wer hat denn bitteschön in den letzten 8 Jahren 20% oder auch nur 10% mehr Geld bekommen?

    Der Aufschwung ist wie immer spurlos an den Menschen vorbeigegangen – Erhöhungen von 2-3% nach jahren des Verzichts werden sogar noch medial als “satte Erhöhung” oder gleich als “Schluck aus der Pulle” beschrieben.

    Mit ein paar Reichen Säcken kann man keine entwickelte Volkswirtschaft am laufen halten.

    Der Wohlstandsausgleich mit sich entwickelnden Ländern kann sich ja auch mal in sinkenden Preisen niederschlagen, nicht nur in sinkenden Löhnen!

    Aber bei den Existenzgrundlagen kann man nicht auf den Konsum verzichten – deshalb holt man den letzten Cent aus uns raus und setzt uns dann auf die Straße!

    • 17. September 2012 um 14:17 Uhr
    • Klüger
  2. 2.

    Wieso darf ich solche Analysen nur im Zeit Blog bewundern.

    Wie sagte es Frau Merkel so schön:

    “Der Aufschwung ist für alle da”

    • 17. September 2012 um 14:26 Uhr
    • xNCx
  3. 3.

    Die Deutschen und ihre fast schon pathologische Angst vor Inflation. Gut, Wohnen, Energie und Nahrung sind teurer geworden. Knappe Güter steigen im Preis, dass kann man überall nachlesen. Aber was hat das jetzt mit dem Euro zu tun? Glaubt denn in Deutschland jemand wirklich, nur weil die EZB Staatsanleihen kauft und den Markt mit Geld flutet, erhöhen Unternehmen ihre Preise. Wo ist da der Zusammenhang? Zumal das Geld ja nicht wirklich im Markt ist, es ist nur in Aussicht gestellt und kann entweder gar nicht in den Markt kommen oder wenn im Markt, schrittweise auch wieder eingesammelt werden.

    Zu einer wirklichen Inflation auf breiter Basis gehören Vollbeschäftigung, ausgelastete Fabriken und knappe Rohstoffe. Davon kann, bis auf Letzteres, keine Rede sein. Insofern ist die Angst in Teilen nichts als Panikmache und alleine das treibt schon die Preise, denn u.a. steigen die Immobilienpreise gerade rasant. Und all das nur, weil ständig von Inflation gefaselt wird.

    Knappe Güter verteuern Preise, aber das hat eben auch seine guten Seiten. Man weiß, wo Mangel herrscht und kann entsprechend intervenieren. Nur tut der Staat nichts oder zu wenig. Denn Wohnungen sind nach wie vor knapp und der Staat tut nichts dagegen. Dass Öl und Gas knapper werden, wissen wir schon lange, aber auch hier hat sich in der Vergangenheit wenig getan. Also steigen auch hier die Preise. Und wenn dann noch eine FDP mitregiert, die die Stromkonzerne schützen möchte, wird sich eben auch da nicht viel tun.

    Übrigens, die USA und Japan fluten schon seit Jahren ihre Märkte mit Geld, nur herrscht da in Sachen Inflation Fehlanzeige. In Japan herrscht sogar Deflation. Noch Fragen?

    • 17. September 2012 um 14:32 Uhr
    • Infamia
  4. 4.

    Bis zu 2% Inflation spricht die EZB von “stabilen Preisen”. Soso. Nach Faustregel entspricht das einer Preisverdopplung ungefähr alle 36 Jahre. Damit ist die EZB also zufrieden, das nennt sie “stabil”.
    Warum wir damit zufrieden sein müssen, und warum wahrhaft stabile Preise in unserem Geldsystem offensichtlich gar nicht vorstellbar sind, das fragen sich die zuständigen Herrschaften offensichtlich niemals.

    Ceterum censeo, dass unser eigentliches Problem sowieso die Deflation sein wird. Wir werden uns noch nach der Inflation sehnen.

    • 17. September 2012 um 14:35 Uhr
    • Konrad L
  5. 5.

    >Verkehr, Nahrungsmittel und Wohnen sind alle etwa 20% teurer geworden.

    Dazu muss aber auch gesagt werden, das besonders auch Nahrungsmittel immer noch spottbillig in Deutschland sind und selten dem wirklichen Wert dieser elementaren Komponente entsprechen. Leider kommt die Preissteigerung nicht einmal den Erzeugern (z.B. Bauern) zu gute, sondern resultiert lediglich aus höheren Spritkosten.

  6. 6.

    Kaufen Sie mal die relevanten Sachen und zahlen Sie mal Miete beim Neueinzug – dann wissen Sie, dass die Inflation längst über 5% liegt ! Oder was halten Sie davon, wenn für das Volltanken eines lausigen alten Fiesta plötzlich 70 Euro auf den Tisch zu legen sind, entsprechend 140 Mark ? Dann sehen Sie, dass die Rohstofflieferanten auf die kanonenweise verschossenen Papierbildchen des Herrn Draghi und seine Kommastellenversetzungen nicht hereinfallen.

    Schreiben Sie Klartext, dann können Sie bei Ihren Lesern vielleicht Vertrauen aufbauen.

    • 17. September 2012 um 14:50 Uhr
    • kronenberg
  7. 7.

    Zu 2,: Sie liegen in meinen Augen fast richtig!
    Nur bei dem Satz “Zu einer wirklichen Inflation auf breiter Basis gehören Vollbeschäftigung, ausgelastete Fabriken und knappe Rohstoffe. Davon kann, bis auf Letzteres, keine Rede sein.” bin ich der Meinung rein auf Deutschalnd betrachtet kann man, von einer Voll- bzw. Überbeschäftigung sprechen.
    Denn die Unternehemn werben mittlerweile nach Fachkräften im Ausland! Sie würden dass nicht machen wenn es genügend Arbeitskräfte gäbe, bzw. die Auftragsbücher nicht voll sind!

    Ansonsten kann ich ihnen nur Zustimmen!
    Eigentlich müsste man keine Angst vor der Inflation haben, denn jedem Unternehmer muss klar sein wenn er die Preise erhöht, muss er auch die Löhne anpassen, denn letztlich sind es die Arbeitnehmer die in irgendeiner Art und Weise die erhöhten Preise bezahlen müssen!

    Nur in unserem Staat braucht der Unternehmer nur laut nachzudenken, dass er nicht die Löhne erhöhen kann, schon knickt die Gewerkschaft und die Politk ein und ist mit einer Minusrunde = 0% erhöhung einverstanden!

    Mein Wunsch an die Politik sind keine Mindestlöhne sondern dass eine Nullrunde gleichzusetzen ist mit einem Inflationsausgleich!

    D.h. 2- 3 % Erhöhung ist 2- 3 % über dem Inflationsausgleich!

    • 17. September 2012 um 14:52 Uhr
    • P_S
  8. 8.

    Dem Autor und einigen Kommentatoren sind die Unterschiede zwischen marktbedingten Preissteigerungen, Teurung und Inflation nicht bekannt, was nicht verwundert, da aus Gründen der Verschleierung, alles im veröffentlichen Sprachgebrauch gleichgesetzt wurde. Teurung ist nicht Inflation, sondern die Folge von Inflation.

    • 17. September 2012 um 14:53 Uhr
    • Jaques LeMouche
  9. Kommentar zum Thema

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