Offene Daten – offene Gesellschaft

Bahn droht Open-Data-Aktivist mit Klage

Von 28. September 2012 um 13:44 Uhr

Die Bahn ist nicht amüsiert. Der Programmierer Michael Kreil hatte sämtliche Fahrplandaten der Bahn von einer CD-ROM extrahiert und im September veröffentlicht, damit andere daraus eigene Anwendungen basteln können. Die Initiative heißt openPlanB, Untertitel “innovation without permission” – Innovation ohne Erlaubnis. Nun stellt die Bahn klar: Das war illegal. Und im Wiederholungsfall behalte sich die Bahn vor, ihn zu verklagen. Immerhin, erst im Wiederholungsfall. Das Unternehmen wählt dafür die Form des offenen Briefs, also auch eine Art von Open Data.

Die Bahn befürchtet nach eigener Aussage Qualitätseinbußen, wenn jemand auf Basis dieser Daten eigene Anwendungen entwickelt und der Allgemeinheit zur Verfügung stellt. “Fahrplandaten verändern sich spätestens mit jedem Fahrplanwechsel. Drittapplikationen, die mithilfe der von Ihnen rechtswidrig verbreiteten Daten entwickelt werden, veralten schnell und werden daher … jede Erwartung der Menschen … früher oder später enttäuschen”, heißt es im heute veröffentlichten Brief der Bahn.

Vor eineinhalb Wochen hatte das Unternehmen eine Kooperation mit Google vorgestellt. Der US-Konzern erhält exklusiven Zugriff auf die Fahrplandaten und integriert sie in seine Dienste Google Transit und Google Maps.

Da die Bahn ihren Fahrplan in der Regel jeweils im Dezember ändert, dürften die Daten von Kreil auch tatsächlich bald veraltet sein. Programmiert bis dahin aber jemand eine nützliche Anwendung mithilfe dieser Daten, wäre sein Projekt – neben PR in eigener Sache – vor allem eine Art proof of concept, ein Machbarkeitsnachweis. Es würde der Bahn zeigen, wie sinnvoll es wäre, ihre Fahrplandaten in einem offenen Datenformat und mit einer offenen Lizenz anzubieten.

Ob es aber jemand wagt, aus den offensichtlich unrechtmäßig erworbenen Daten eine App zu basteln, ist fraglich. Zwar hat Kreil die Daten unter einer Open Database License (ODbL) veröffentlicht. Aber die Bahn schreibt unmissverständlich: “Indem Sie jetzt die Fahrplandaten unter die ODbL gestellt haben, maßen Sie sich die Position des Rechteinhabers an, der Sie nicht sind.” Und weiter: “Ihr Vorgehen versetzt zudem Drittentwickler in den falschen Glauben, sie dürften die Daten weiterverwerten: ‘Lizenznehmer’, die über die Herkunft der Daten keine Kenntnis haben, verlassen sich auf die Erteilung einer angeblich wirksamen Lizenz gemäß Ziffer 3 der ODbL auch zur kommerziellen Verwertung, begehen aber tatsächlich selbst Rechtsverletzungen in erheblichem Ausmaß, wenn sie mit der Datenbank und dem Datenbankwerk arbeiten.”

Der Brief endet mit dem Satz: “Sie werden sicherlich Verständnis dafür haben, dass die Deutsche Bahn nach Ihrer illegalen Aktion im Rahmen von möglichen Open-Data-Initiativen auf Ihre Mitarbeit verzichten wird. Wir werden das Gespräch mit anderen Open-Data-Förderern suchen.” Den letzten Satz kann man ja auch positiv sehen: Vielleicht werden die Bahndaten ja doch noch irgendwann für alle offen zugänglich.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Die Bahn sollte in Anbetracht der selbst gepflegten Fahrplantreue mit der Argumentation “und werden daher … jede Erwartung der Menschen … früher oder später enttäuschen” den Fahrbetrieb einstellen … oder sich einfach nicht so haben. Wenn das keine “Monopolbehörde” wäre würden sie froh sein, dass jemand was für ihr Produkt tut, für lau zumal.

  2. 2.

    Die Bahn ist (wenn ich das richtig sehe) ein Unternehmen, dass sich zu 100% im Besitz des Staates befindet. Damit gehören die Daten quasi dem Staat. Der Staat sind nunmal alle Bürger des Staates. Man könnte deshalb quasi auch sagen, dass allen Bürgern die DB gehört und damit auch die Fahrplandaten.
    Sollte man zumindest denken, in unserem Staat wird der Bürger ja meistens nur noch mit Füßen getreten.
    Ich habe keine Ahnung, wo das Problem sein soll, die Daten in einem offenen Format zu veröffentlichen, die Daten wären dann ja auch immer aktuell und alle hätten einen Nutzen davon. Google bekommt die Daten ja auch zur Verfügung gestellt, wieso dann nicht auch alle anderen Menschen / Unternehmen?

    • 28. September 2012 um 15:43 Uhr
    • Sebastian Brandt
  3. 3.

    Es ist wirklich ein Unding, dass die Fahrpläne nicht frei zugänglich sind.

  4. 4.

    Werden in dieses Google-Transit eigentlich auch die Pläne von (bald verstärkt anzutreffenden) überregionalen Linienbussen mit eingepflegt werden? Oder gibt es dafür eine Plattform?

    • 28. September 2012 um 16:24 Uhr
    • espressoboy
  5. 5.

    “Der US-Konzern erhält exklusiven Zugriff auf die Fahrplandaten”
    und irgendwann dann der deutsche Fahrgast nur noch Aukunft gegen Geld?,
    oder nur noch, wenn er sich durch die Google Werbewelt gezapt hat?

    • 28. September 2012 um 16:46 Uhr
    • futolapi
  6. 6.

    DB gibt die Daten nicht einfach so her, weil sie sehr wertvoll sind und man bei selektiver Weitergabe noch die Bedingungen der Nutzung diktieren kann (z.B. Konkurrenzangebote auf der gleichen Auskunftsplattform ausschließen etc.). Das hat für die Bahn viele Vorteile. Für die Gesellschaft aber nicht.. deshalb sollten die Datenbanken sofort für jedermann zugänglich gemacht werden. Das Problem der “Enttäuschung durch veraltete Daten” ist schon eine Beleidigung für den Leser – sollen sie doch die aktuellen herausrücken, dann ist alles gut.

    • 28. September 2012 um 16:48 Uhr
    • jkluge
  7. 7.

    die Fahrpläne SIND frei zugänglich, dummerweise nicht in elektronischer Form, also nur in ungeeigneten Datenformaten. Das ist doch die Krux.

    Ich jedenfalls wäre an Stelle der Bahn ebenfalls glücklich, wenn jeder die Daten in der Form verwenden könnte, die ihm zum Wohlgefallen gereicht. Sollen sie doch machen. Die Menschen bekommen recht schnell raus, welche Datenquelle die einfachste und zuverlässigste ist.

    Ich würde im GEgenteil auch noch andere Informationen wie Verspätungslagen usw. öffentlich zur Verfügung stellen, am besten auch als App für Smartphones, das reduziert den Frust, wenn man mal wieder im Bahnhof auf den Zug wartet, erheblich. Man könnte die Zeit nutzbringender für z.B. einen Imbiss oder vergleichbares nutzen.

    [x] für Veröffentlichung des gesamten Fahrplan-Datenmaterials
    [x] für Eröffnung eines Wunschstreckenportals, welches dann neben anderen Quellen zur Verbesserung der Fahrpläne führen könnte

    • 28. September 2012 um 17:04 Uhr
    • Statist
  8. 8.

    nö, die bahn ist eine ag und der staat hat die aktienmehrheit.

    • 28. September 2012 um 17:12 Uhr
    • Max
  9. Kommentar zum Thema

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