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Wo Amerikaner hassen

Von 13. Mai 2013 um 12:23 Uhr
Hate Map - Verteilung von homophoben Tweets zwischen Juni 2012 und April 2013 in den USA

Hate Map – Verteilung von homophoben Tweets zwischen Juni 2012 und April 2013 in den USA

Islamistischer Terrorismus ist nicht der einzige, den die USA fürchten. Mindestens ebenso bedrohlich sind sogenannte Hate Groups, religiöse und rechte Gruppierungen, die sich als Patrioten betrachten und deren Ziel es ist, den amerikanischen Staat und alles, was ihnen fremd erscheint, zu bekämpfen. Ihre Zahl ist in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen, als Barack Obama 2009 Präsident wurde, stieg die Zahl noch einmal stärker.

Eine auf Twitter basierende Studie zeigt nun, wie sich homophobe, rassistische und beleidigende Äußerungen gegenüber Menschen mit Behinderungen in den USA verteilen. Die Daten können zumindest ein Indiz dafür sein, wo solche Organisationen aktiv sind.

Die Forschergruppe, die die Karte erstellt hat, nennt sich Floating Sheep. Es sind fünf Geographen, die an verschiedenen Universitäten in den USA und in Großbritannien arbeiten und die sich immer wieder die Verteilung diverser Phänomenen anschauen und visualisieren.

Ihre Hate Map untersucht, wo bestimmte Worte wie Schwule oder illegaler Einwanderer (Wetback) in einem negativen Kontext getwittert werden. Beobachtet haben sie insgesamt zehn solcher Begriffe.

Die Daten dafür stammen aus einem Projekt namens DOLLY (Data On Local Life and You), das seit Dezember 2011 geocodierte Tweets sammelt, um sie für eine spätere Auswertung zu speichern. Im Rahmen von DOLLY werden täglich ungefähr acht Millionen Tweets registriert, insgesamt ist die Datenbank inzwischen mehr als drei Milliarden Tweets groß.

Für die Hate Map wurden Tweets ausgewertet, die in den Vereinigten Staaten innerhalb eines knappen Jahres verschickt wurden und in denen mindestens eines der ausgewählten Schimpfwörter stand.

150.000 Hass-Tweets handsortiert

Wichtig ist die Anmerkung, dass nur ein kleiner Teil aller Tweets von Nutzern mit einem Geocode versehen wird. Die Forscher schätzen, dass es zwischen einem und fünf Prozent aller Tweets sind. Die Auswahl stellt daher nur eine Stichprobe dar, deren Verteilung nicht unbedingt der Bevölkerung entspricht. Trotzdem kann sie immerhin Anhaltspunkte für die Haltung in der gesamten Bevölkerung geben.

Die Tweets wurden dann von Hand sortiert, nicht mit automatischen Verfahren. Durch die Untersuchung von Worthäufigkeiten und Wortbeziehungen versucht die sogenannte Sentiment Analysis Aussagen darüber zu treffen, ob ein Begriff positiv oder negativ gemeint ist. Allerdings ist dieses Verfahren noch nicht sehr zuverlässig und die Forschergruppe wollte sich darauf nicht verlassen. Daher haben Studenten der Humboldt State University alle Tweets gelesen und als positiv oder negativ einsortiert. Das ergab mehr als 150.000 Hass-Tweets aus dem Zeitraum zwischen Juni 2012 und April 2013.

Anschließend wurde die Häufigkeit der negativen Äußerungen ins Verhältnis gesetzt zu der Menge aller Tweets aus dieser Region. Als Basis dienten die Counties, die Landkreise der Bundesstaaten. Kreise mit überproportional vielen negativen Tweets erscheinen blau bis rot. Besonders schwulenfeindlich sind Amerikaner demnach beispielsweise in Iowa oder Alabama, besonders rassistisch in Indiana oder Virginia.

Die Verteilung auf der Karte wirkt dabei auf den ersten Blick einseitig. Vor allem im Osten der USA befinden sich viele rote Flecken, der Westen ist eher hell, genau wie der Mittelwesten. Doch deckt sie sich zumindest teilweise mit anderen Untersuchungen zu dem Thema. Hier ist eine Karte, die die New York Times veröffentlicht hat. Darauf verzeichnet sind Orte, an denen Rassisten im Jahr 2007 Henkersschlingen (noose) aufhängten, um Schwarze zu bedrohen.

Interessanterweise fehlt in der Twitterkarte ein Bundesstaat, dessen Auftauchen nach anderen Forschungen zu erwarten gewesen wäre: Montana. Denn in Montana und in Mississippi gibt es die meisten sogenannten Hate Groups pro Einwohner. Sie konzentrieren sich vor allem im alten Süden der USA und in den nördlichen Präriestaaten wie Idaho, Wyoming und eben Montana. Eine Karte ihrer Verteilung hat der Atlantic veröffentlicht, die Daten dazu wurden vom Southern Poverty Law Center (SPLC) erhoben.

Ob die Daten der Twitterkarte im Gegensatz zu früheren Untersuchungen zu Rassismus und Homophobie stehen oder sie stützen, sagen die Forscher von Floating Sheep nicht. Erst in einer späteren Phase des Projektes sollen die Twitterdaten mit Daten der Bevölkerungsstatistik verglichen werden, um Erklärungen für die Verteilung zu finden.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    “Was man zu verstehen gelernt hat, fürchtet man nicht mehr.” Marie Curie (1867 – 1934).
    Leider (!) haben sich unsere Freunde auf der anderen Seite des großen Teiches im Laufe ihrer – besonders jüngeren – Geschichtsschreibung noch nie besonders dadurch hervorgetan, das sie bemüht sind anderen besondere Empathie entgegen zu bringen oder gar sie verstehen zu wollen.
    Tröstlich finde ich beim betrachten der “Hate Map” das scheinbar die Hälfte der Amerikaner etwas liberaler und “open minded” zu sein scheint …. oder einfach weniger twittert.

  2. 2.

    Gerade aus Texas soll also fast nichts kommen?
    Tut mir leid, aber ich persönlich habe da komplett andere Erfahrungen gemacht. Deswegen ist diese Statistik für mich nicht aussagekräftig.

  3. 3.

    Oops, da habe ich nicht richtig geschaut. Bitte meinen vorherigen Kommentar löschen/missachten. :)

  4. 4.

    Interessant, dass es besonders rötlich ist um die generell stark und anteilsmäßig stark von Afroamerikanern besiedelten Gegenden. Der Melting Pot hat offensichtlich auch seine schlechten Seiten.
    Was mich aber ein wenig verdutzt ist, dass der mittlere Westen, der stark republikanisch geprägt ist so gut wie keine Färbung erhalten hat.

    Könnte die ZeitOnline Redaktion das Bild in höherer Auflösung hochladen? Es fällt mir ehrlich gesagt schwer die Legende zu lesen und es hat sicher nicht jeder Lust dazu extra auf die Homepage der Ersteller zu gehen.

  5. 5.

    Mich wuerde mal interessieren, ob dieser Karte anhand der geografischen Verteilung der Bevoelkerung oder allgemeiner Twitternutzung normiert wurde. Vielleicht kommt aus Montana kaum ein rassistischer Tweet weil da fast keiner wohnt bzw. twittert?

    Zum ersten Kommentar: Was hat wohl mehr Aussagekraft, die persoenlichen Erfahrungen einer einzelnen Person, oder mehrere Millionen aggregierte Daten? Die Statistik ist nicht auf Ihrer Seite.

    • 13. Mai 2013 um 15:54 Uhr
    • mko
  6. 6.

    Und woran erinnert diese Karte noch, die nicht über- oder unterdurchschnittlich viele Tweets, sondern die absolute Zahl zeigt (“total amount”)? RIchtig, an die Bevölkerungsdichte der jeweiligen Region.

    http://xkcd.com/1138/

  7. 7.

    Hmm die Karte korreliert auffälig gut mit der Bevölkerungsdichte [1]. Schon fast zu gut!. Entweder es gibt hier auch eine gemeinsame Kausalität, also in Ballungsräumen tatsächlich überproportional viel Hass. Oder Rassismus ist in der Bevölkerung gleichverteilt und die Autoren haben “vergessen”, auf die Bevölkerungsdichte zu normalisieren. In diesem Fall haben wir einfach eine sehr unkonventionelle Art, die relative Bevölkerungsdichte zu messen (unter der Annahme, dass Twitternutzung und “Hass” tatsächlich keiner weiteren Struktur folgen und in der bevölkerung gleichverteilt sind).
    Dass die Karte der Hategroups/Bevölkerung [2], die auch im Artikel verlinkt ist, eine entgegengesetzte Verteilung hat – mit Mississippi und Montana an der Spitze – macht umso mehr misstrauisch.

    [1] http://www.mapofusa.net/us-population-density-map.htm
    [2] http://www.theatlantic.com/national/archive/2011/05/the-geography-of-hate/238708/

    • 13. Mai 2013 um 16:10 Uhr
    • fhfi
  8. 8.

    Die Heat-Map listet die absoluten Vorkommen, nicht die relativen (z.B. rassistische Tweets je 1000 Einwohner). Wenig überraschend, daß die Karte stark mit der Bevölkerungsdichte in den USA korelliert.

    (siehe z.B. Abbildung 2 hier:)
    > http://www.fs.fed.us/wildflowers/rareplants/howmany.shtml

    Spontan finde ich nur auffällig, daß Californien und Florida keine Hot Spots zu sein scheinen.

  9. Kommentar zum Thema

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