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155.965 Datensätze für eine Abgeordnetenbilanz

 

bundestag-4-540x304Im Deutschen Bundestag ist es ruhig geworden: Die Sitzungstage sind vorbei, nur noch ein paar Ausschüsse werkeln vor sich hin. Die meisten Abgeordneten sind in der Sommerpause oder bereits im Wahlkampf. In gut sechs Wochen, am 22. September, wird der nächste Bundestag gewählt.

Was bleibt von dieser 17. Legislaturperiode? Wie hart haben die Fraktionen gearbeitet? Wie aktiv oder untätig waren die einzelnen Abgeordneten? Hat sich das Engagement der Oppositionspolitiker von denen der Spitzenpolitiker unterschieden, was machen die unterschiedlichen Spitzenpolitiker, und was eigentlich die Hinterbänkler?

Diese Fragen haben uns – Sascha Venohr als Head of Data Journalism, die Entwicklungsredakteure Martina Schories und Paul Blickle und die Politikredakteurin Lisa Caspari – beschäftigt. Auf der Grundlage Zehntausender Daten wollen wir eine Art finden, mit der sich die komplizierte und komplexe parlamentarische Arbeit von Parlamentariern verständlich und anschaulich darstellen lässt.

Die Aktivitäten der Abgeordneten sind öffentlich: Sie werden auf der Website des Deutschen Bundestags bis ins Detail protokolliert. Die Datenquelle heißt Dokumentations- und Informationssystem – kurz DIP. Jeder, der will, kann hier jede Information zu den 620 Abgeordneten erhalten. Theoretisch jedenfalls. In der Praxis ist es nicht nur schwierig, sich auf der Seite zurechtzufinden, sondern auch einen Überblick oder gar Vergleichsmöglichkeiten zu bekommen.

Um die Daten grafisch aufzuarbeiten, haben Martina Schories und Sascha Venohr die Dokumentation des DIP gescrapt. Scrapen bedeutet, dass ein kleines Programm so tut, als wäre es ein Benutzer, der verschiedene Suchanfragen an eine Website stellt und dabei die gewünschten Ergebnisse gesammelt abspeichert. Es wurden alle im DIP dokumentierten Aktivitäten von Abgeordneten zwischen dem 27. September 2009 und dem 28. Juni 2013 abgefragt, von der ersten bis zur letzten offiziellen Sitzungswoche. Wertvolle Ratschläge, das DIP zu verstehen, bekamen wir dabei vom Team von OffenesParlament, das schon länger Daten aus dem Dokumentationssystem des Bundestages auswertet und veröffentlicht.

Die Datenmasse, die ZEIT ONLINE durch die zahlreichen Anfragen an das DIP heruntergeladen hat, war riesig; das Laden der Daten dauerte manchmal mehr als eine Nacht. Insgesamt wurden 155.965 Aktivitäten ausgelesen, jede ist einem Parlamentarier zuweisbar. Zunächst arbeiteten wir mit CSV-Dateien, die zum Schluss für jede Aktivität eine Zeile enthielten. Danach wurden die Daten bereinigt, was an einigen Stellen anspruchsvoll war: Einige Abgeordnete hatten in dieser Legislaturperiode geheiratet und waren deswegen unter zwei verschiedenen Namen zu finden; herausgefiltert werden mussten außerdem Bundesratsmitglieder, die im Plenum tätig geworden waren.

Auch nach dem letzten Sitzungstag trug die Bundesverwaltung noch Daten zur Legislaturperiode nach. Erst am 19. Juli 2013 war die Dokumentation vollständig. Die Größe des Datensatzes sprengt jedes Google-Doc, daher können wir nur eine abgespeckte Version veröffentlichen. Sie ist hier einzusehen. Generell gilt: Die Daten spiegeln ausschließlich die Arbeit der Abgeordneten im Plenum des Bundestages wider. Die Arbeit in den Ausschüssen verzeichnet das DIP hingegen leider nicht.

Politikredakteurin Lisa Caspari hat schließlich die Daten aufgearbeitet und inhaltlich gewichtet. Zum besseren Verständnis bildete sie fünf Oberkategorien für die insgesamt 24 vom DIP erfassten Sorten von Aktivitäten. Die Kategorien heißen Rede, Wortbeitrag, Gruppeninitiative, Frage an die Bundesregierung und Antwort der Bundesregierung.

Rede
Eine im Plenum vorgetragene oder aus Zeitgründen zu Protokoll gegebene Rede eines Abgeordneten wurde als Rede kategorisiert.
Wortbeiträge

Ein Beitrag eines Abgeordneten im Plenum, der keine ausformulierte Rede ist, wird als Wortbeitrag definiert. Dazu gehört ein Antrag zur Geschäftsordnung, eine Zwischenfrage bei einer Rede, eine Zusatzfrage in einer Fragestunde an die Bundesregierung, eine Kurzintervention im Parlament, eine Erwiderung auf die Antwort eines Abgeordneten sowie die Persönliche Erklärung gemäß §32GOBT, die Mündliche Erklärung zur Abstimmung (§31GOBT) und die Schriftliche Erklärung zur Abstimmung (§31 GOBT), in denen Abgeordnete ihre abweichende Meinung zum Thema kundtun. Sowie die mündliche Erklärung gemäß §91 GOBT, die (Mündliche) Erklärung zur Aussprache gemäß §30 GOBT und die Erklärung zum Plenarprotokoll.

Gruppeninitiativen
Ein Gesetzentwurf mehrerer Abgeordneter oder einer Fraktion sowie ein Antrag, Entschließungs- oder Änderungsantrag werden als Gruppeninitiative definiert. Damit eine dieser Vorlagen angenommen wird, muss sie mindestens von fünf Prozent aller Abgeordneten unterschrieben sein. Für seine Fraktion berichtet zumeist ein Abgeordneter im Bundestag aus dem Ausschuss. Auch das wurde als Gruppeninitiative kategorisiert, weil der Abgeordnete stellvertretend für seine Fraktionskollegen spricht.

Frage
Die Opposition kann schriftliche Fragen an die Bundesregierung stellen, die diese zu beantworten hat. Es wird unterschieden zwischen kleinen Anfragen zu Sachthemen und großen Anfragen zu zentralen politischen Debatten. Zudem kann jeder Abgeordnete pro Sitzungswoche bis zu zwei Fragen an die Bundesregierung einreichen, die in den Fragestunden jeden Mittwoch an den Sitzungstagen beantwortet werden.
Antwort
In der Fragestunde gibt ein Mitglied der Bundesregierung, meist die Parlamentarischen Staatssekretäre, einen mündlichen Bericht zum Thema der Kabinettssitzung ab und beantwortet die Fragen der Abgeordneten. Diese Tätigkeit ist in den Plenarprotokollen als “Berichterstattung und Beantwortung” und “Antwort” dokumentiert. Im Oktober 2009 kamen noch 28 Antworten von ehemaligen SPD-Staatssekretären und Ministern der großen Koalition.

Mithilfe der Oberkategorien erstellte Infografiker Paul Blickle ein visuelles Konzept zur Aufarbeitung des Datenwusts. Jeder Tätigkeitskategorie wurde eine Farbe zugeordnet und für jeden Abgeordneten eine farbliche Übersicht angefertigt. Sichtbar ist nun ein Kalender mit gefärbten Kästchen für jeden Monat der 17. Legislaturperiode.

So lässt sich auf einen Blick erkennen, in welcher der fünf Kategorien der Abgeordnete seine Arbeitsschwerpunkte setzte. Je intensiver der individuelle Farbwert erscheint, desto aktiver war der Abgeordnete in diesem Monat; Beiträge in verschiedenen Kategorien führen zu Mischfarben. Die fünf Kategorien, die wir für die Einordnung der Arbeit im Bundestag verwenden, finden sich auch als Sortierkriterium wieder. Beispiel: Durch einen Klick auf die Kategorie “Reden” werden die Politiker mit den meisten Reden am Anfang der Liste angezeigt. Durch den Klick auf eine Partei kann der aktivste Redner aus deren Fraktion herausgefiltert werden.

Die zentralen inhaltlichen Ergebnisse unserer Daten-Aufarbeitung hat Lisa Caspari in ihrem Artikel “Die große Abgeordneten-Bilanz” zusammengefasst. Verwiesen sei auch auf den Artikel “Sichtbare und unsichtbare Promis”, der sich mit den Aktivitätsunterschieden zwischen Peer Steinbrück und Angela Merkel befasst. In den kommenden Tagen folgen Interviews mit Spitzenreitern in den verschiedenen Kategorien.

Trotz all der schönen Spitzenwerte und Ranglisten – absolute Aussagen über das politische Engagement der Politiker kann unsere Aktivitätsbilanz nur bedingt treffen. Viele Politiker, die im Parlament im Vergleich zu anderen nicht allzu aktiv waren, hatten dafür gute Gründe: Manche haben ein hohes Parteiamt inne, andere konnten gesundheitsbedingt weniger leisten, als sie wollten. Eine schwächere Farbe oder ein längerer weißer Zeitraum im Kalender eines bestimmten Abgeordneten bedeutet also nicht automatisch, dass er faul war.

Technisch bietet unsere Grafik die Möglichkeit, einzelne Politiker “auszuschneiden”, um sie in andere Websites einzufügen. Den Embed-Code können Sie der Grafik entnehmen. Die Adresszeile im Browser ändert sich, wenn mit der Grafik interagiert wird, wenn also Filter eingestellt werden.  Zum Beispiel gelangen Sie mit diesem Link zur Liste aller Angehörigen der Linkspartei im Bundestag. Die Liste zeigt zudem ein Ranking nach der Anzahl der Fragen an die Bundesregierung – gefiltert lediglich für Linke-Abgeordnete. Wolfgang Nešković — der einzige Politiker im Bundestag, der keiner Fraktion angehört — ist nur über diesen Link zu erreichen. Die Navigation beinhaltet keinen Weg zu ihm.

In der Infografik ist zudem jede der 155.965 Aktivitäten eines Abgeordneten verlinkt – auf die jeweiligen Protokolle in der Bundestagsdokumentation. Schauen Sie sich einmal um!

10 Kommentare


  1. […] Zum Original: Data Blog: 155.965 Datensätze für unsere Abgeordnetenbilanz […]


  2. […] interessante “Bilanzen” für jeden einzelnen Abgeordneten ergeben. Insgesamt wurden 155.965 Datensätze ausgewertet und […]

  3.   Guenther Wehlan

    > “Die Größe des Datensatzes sprengt jedes Google-Doc, daher können wir nur eine abgespeckte Version veröffentlichen. Sie ist hier einzusehen.”

    Und es war den Erstellern und Auswertern der Daten, sowie der Redaktion, _NICHT_ moeglich, einen anderen Speicherort als Google-Docs fuer die Rohdaten zu finden? Z.b. der sogenannte Webserver der u.a. blog.zeit.de zur Verfuegung stellt? Im Ernst, das Veroeffentlichen “eine[r] abgespeckte[n] Version” ist wohl als schlechter Schertz gemeint?

    Erst wenn die Quell- oder Rohdaten einem solchen Artikel auch zugrunde liegen, ist es moeglich die gefaellten Aussagen zu verifizieren. Es taete mich sehr freuen, wenn der Datenauszug vervollstaendigt wird. Gerne auch ueber diesen Webserver.


  4. Antwort zum Kommentar von Guenther Wehlan:

    Die Aussagen in den Artikeln basieren auf Auswertungen, die mit Hilfe unserer Grafik statt fand. Diese bietet einen übersichtlichen Zugang zu den Daten, die im DIP (Dokumentations- und Informationssystem für Parlamentarische Vorgänge) angeboten werden. Das ist unsere Quelle und somit die beste Möglichkeit, Datensätze zu überprüfen.

    Die Datenstruktur hinter der Visualisierung ist nicht einfach tabellarisch darstellbar, daher haben wir vor, die Daten zusätzlich zum Google Dokument noch einmal zu konsolidieren und gebündelt anzubieten.

    Viele Grüße aus der Redaktion,

    Paul Blickle

  5.   Horst Schäfer

    Hochinteressante Statistik! Aber wieso werden die “Antworten” der Bundesregierung durch ihre Minister und parlamentarischen Staatssekretäre als Aktivitäten der jeweiligen Abgeordneten gezählt? Die Antworten auf die Fragen der Abgeordneten werden doch wohl in den Ministerien erarbeitet und von den Regierungsmitgliedern nur vorgetragen. Die Statistik wäre um einiges realistischer, wenn die etwa 40 offiziellen Regierungs-Beantworter das nächste Mal nicht gezählt würden. Das bedeutete im jetzigen Fall allerdings, dass der parlamentarische Staatssekretär im Finanzministerium, Hartmut Koschyk (CSU), nicht den Spitzenplatz hätte, sondern zurecht die Linken-Abgeordnete Ulla Jelpke – gefolgt nicht von einem weiteren Unions-Staatssekretär, sondern von mehreren Grünen-Parlamentariern.++


  6. […] aus den Wahlperioden 16 und 17 gibt es bei OffenesParlament.de. Damit hat ZEIT Online eine schöne Abgeordnetenbilanz gebastelt. Zur Zahl der Kleinen Anfragen hat Spiegel Online eine schöne Grafik […]

  7.   Marcus Schmidt

    Ein ganz großes Lob an die fleißigen Redakteure und Techniker. Das ist Datenjournalismus der Zukunft!

  8.   Lisa Caspari

    Lieber Herr Schäfer, vielen Dank für Ihren Hinweis. Unser Ziel war es, Aktivitäten im Parlament abzubilden. Dazu gehört auch, wenn ein Staatssekretär den Abgeordneten auf Fragen antwortet. Sie haben natürlich recht, nicht alle Antworten sind von ihm persönlich geschrieben, sondern von seinen Mitarbeitern. Genauso, wie übrigens auch nicht jede Frage von Abgeordneten selbst verfasst wird. Ich denke, wir haben die unterschiedlichen Aktivitäten transparent gemacht. Beachten Sie dazu bitte auch ein Interview mit Hartmut Koschyk, das morgen online geht. Bereits heute hat Ulla Jelpke ihre Arbeit hier näher erklärt. Viele Grüße, Lisa Caspari

  9.   Horst Testen

    Schöne Statistik, aber leider nicht so aussagekräftig wie es scheint.
    Die größte Anzahl der Aktivitäten sind die Befragung der Regierung mit 58707 Anfragen. Nicht unerwartet kommen hierbei 96% von den Oppositionsparteien. Die zweit meiste Anzahl der Aktivitäten sind die Gruppeninitiativen mit 52915 Initiativen. Auch hier kommen nicht unerwartet 86% von der Opposition.
    Da Initiativen und Befragung zusammen etwas 73% der hier erfassten Aktivitäten ausmachen, ist es klar, dass die Opposition aktiver erscheint als die Regierung. Die gesamte Arbeit der Regierung(sfraktionen), z. B. Gesetzesinitiativen, wird komplett ignoriert. Zudem ist es deutlich weniger Arbeit eine Frage zu stellen, als diese Frage zu beantworten oder eine Rede zu halten. EIne Gewichtung der Aktivitäten wäre also sicherlich zu überlegen gewesen.
    Insofern ein gutes Beispiel was der Unterschied zwischen Daten (Auflisten und Zählen der Aktivitäten) und Information (wer hat wie viel gearbeitet) ist. Ich würde mir mehr Informationsjournalsimus als Datenjournalismus wünschen.


  10. […] Online ist wird geschildert, wie die Nachrichtenwebsite aus vielen tausend Dokumenten eine Abgeordnetenbilanz erstellt […]