Offene Daten – offene Gesellschaft

Die Kolonialmächte des Internets

Von 8. November 2013 um 10:22 Uhr
Zahl der Internetnutzer weltweit. Die Ländergrößen werden proportional dazu dargestellt. Die Farben zeigen die "Durchdringung" der Netznutzung pro Land, also wie viel Prozent der Bewohner im Internet sind.

Zahl der Internetnutzer weltweit. Die Ländergrößen werden proportional dazu dargestellt. Die Farben zeigen die “Durchdringung” der Netznutzung pro Land, also wie viel Prozent der Bewohner im Internet sind.

Die Welt des Internets ist zweigeteilt. Es gibt die Sphäre der Nutzer und die Sphäre der Domaininhaber, also jener, die das Netz mit Inhalten füllen. Das Verhältnis der beiden ist ungleich verteilt, wie Karten zeigen, die das Oxford Internet Institute (OII) veröffentlicht hat.

Die Mehrheit der Domains im Netz ist in Nordamerika und in Europa registriert – fast ein Drittel aller Websites weltweit gehört Menschen und Organisationen in den USA, schreiben Mark Graham und Stefano De Sabbata vom OII.

Die Mehrheit der Internetnutzer hingegen lebt in China, das Land stellt die größte Internetpopulation der Welt. Gleichzeitig sind dort nur wenige Domains zu Hause.

Die Wissenschaftler nutzen als Vergleich den Wert User pro Domain, der sich ergibt, wenn man die Zahl der Nutzer eines Landes mit der Zahl der Domains dort ins Verhältnis setzt.

Weltweite Verteilung der Zahl registrierter Domains pro Land

Weltweite Verteilung der Zahl registrierter Domains pro Land

Weltweit errechneten sie den Durchschnitt von zehn Nutzern pro Domain. In den USA liegt dieser Wert bei drei. In China hingegen sind es pro Domain 40 Nutzer. Dort seien weniger Websites registriert als beispielsweise in Großbritannien.

Dieses Missverhältnis zeigt sich überall: Die Inhalte werden von Amerikanern und Europäern dominiert, der Rest der Welt schaut zu. Italien und Vietnam zum Beispiel haben nahezu die gleiche Zahl an “Netzbewohnern”, aber in Italien sind sieben Mal so viele Websites registriert wie in Vietnam.

Das beobachteten sie sogar in Japan. Dort leben zwei Mal so viele Netznutzer wie in Großbritannien, es sind dort aber nur ein Drittel so viele Websites registriert wie im Königreich.

Insgesamt sind 78 Prozent aller Domainnamen in Nordamerika oder Europa beheimatet. Asien kommt noch auf 13 Prozent der Domains, in Lateinamerika, Ozeanien und Afrika sind es jeweils weniger als fünf Prozent. Und so gibt es in Afrika mehr als 50 Nutzer pro Domain – viele Konsumenten, kaum Produzenten also.

Insgesamt leben inzwischen 42 Prozent aller Netznutzer in Asien. Und dort ist auch noch viel Wachstum möglich, da gleichzeitig die Durchdringung in Ländern wie Indien und China gering ist, also nur vergleichsweise wenige Bewohner des Landes auch im Netz sind.

Es gebe, schreiben Graham und De Sabbata, eine starke Korrelation zwischen dem Pro-Kopf-Bruttoeinkommen eines Landes (Gross National Income per capita) und der Zahl der Domains. Das Netz hat die Möglichkeit, Inhalte zu verbreiten, stark vereinfacht. Geld kostet das aber noch immer. Und so ergibt sich im Verhältnis von Produzenten und Konsumenten eine fast koloniale Struktur.

Zur Berechnung verwendeten die Wissenschaftler Zahlen aus dem Jahr 2013, die von Matthew Zook von der University of Kentucky zur Verfügung gestellt wurden.

Um das Ergebnis nicht zu verfälschen, wurden Domains von Ländern wie Tuvalu, Armenien oder Tokelau nicht berücksichtigt. Sie gehören zu denen, die weltweit gern registriert werden, weil ihre Domainendung so beliebt ist, oder weil die Registrierung nichts kostet. Domains mit .tv, .am oder .fm werden beispielsweise gern von Medienunternehmen aus aller Welt gebucht, .re von Réunion ist beliebt bei Immobilienmaklern, da es die englische Abkürzung für real estate ist.

Kategorien: Datenvisualisierung
Leser-Kommentare
  1. 1.

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  2. 2.

    Deutsche Domänen auf Platz 2!

    Wenn ich die Grafik richtig interpretiere, dann ist “de”, also Deutschland, die zweithäufigste registrierte Länderkennung weltweit. (das hatte ich bereits letztes Jahr aus anderer Quelle gelesen)
    Ist das nicht großartig? Das die Deutschen derart selbständig aktiv sind im Netz! Wäre das nicht sogar eine Überschrift wert? Und wieso wird diese Information selbst im Text völlig unterschlagen?
    Oder war das für den Autor eine zu patriotische Feststellung?

  3. 3.

    Der Autor fand den anderen Aspekt wesentlich beachtenswerter und hat ihn daher in die Überschrift geschrieben und zum Schwerpunkt des Textes gemacht. Und dass Deutschland eine Internetnation ist, ist mir nicht neu – Ihnen ja offensichtlich auch nicht. Nur ein paar Politiker tun so, als wäre es Neuland.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

    • 8. November 2013 um 13:03 Uhr
    • Kai Biermann
  4. 4.

    Herr Autor,
    ist ein Land mit sehr wenigen Rundfunkeinrichtungen, und somit Anteilig mit daran jeweils vielen Empfängern verbunden, eher Kolonialmacht oder kolonialistisch als eins das seinen Bewohnern möglichst viele solcher ermöglicht ?

    Nun wäre Italien mit einer ganzen Reihe staatlicher Rundfunkhäuser, die doch alle sehr zentralisiert gelenkt wurden oder werden, doch das Beispiel schlecht hin, das eine Analogie ermöglicht.

    Die Domians sind nun mal “Unix- und Tannenbaumartig” strukturiert.
    Das erleichtert Zensur und Kontrolle ungemein, wie Linuxpreiser ja wissen, also wer ist da wo und wie Kolonialisiert ?

    Das entspricht der einfachste Form von Strukturvertrieb. Sozusagen ein Schneballsystem ohne dynamischen Inhalt damit verbunden zu haben.
    Adressen pur, und weiter nichts.
    Also, was sagt denn das alles aus, was Sie mit der eigenwilligen Überschrift verziert haben ?
    Was sind denn Ihre “Nutzer” und “Produzenten” in einem Adresssystem ??

  5. 5.

    Die Herkunft der Domäne sagt noch nicht alles über die Dominanz der Inhalte aus.

    So laufen die Online-Angebote aller Zeitungen Indiens, die ich kenne (The Hindu, Telegraph India, The Statesman) über die .com-Top Level Domäne.

    Dominieren die USA daher die indischen Zeitungsinhalte? Ich hoffe, nicht.

    Gleiches gilt für die großen indischen Unternehmen (z. B. Tata: tatamotors.com, ein durch und durch indisches Unternehmen)

    Nach “Alexa”-Rankings sind über 80% der 100 beliebtesten indischen Webseiten unter .com registriert.
    Siehe http://siteonn.com/list-of-the-top-100-indian-websites/

    Interessanter wäre daher zu erfahren, warum die indischen Betreiber das “com” dem “.in” vorziehen, bevor man von “Kolonialismus” spricht.

    • 8. November 2013 um 13:54 Uhr
    • bapon1
  6. 6.

    Lieber Herr Bapon,
    ein durchaus interessanter Hinweis, allerdings relativiert das m. E. keineswegs den Kolonialismusaspekt. Dass gerade die Inder sich stark am anglophonen Internet orientieren hat natürlich was damit zu tun, dass Englisch nach wie vor eine Amtssprache in Indien ist. Dass dieser Zustand letztlich mit dem Kolonialismus zu tun hat und übrigens auch seit den letzten 50 Jahren bis heute in Dekolonialisierungsdebatten außerordentlich umfangreich diskutiert wird, spricht durchaus dafür, dass der Kolonialismusaspekt zu durchaus gewinnbringenderen Überlegungen anregt als ein brachiales Hurra, Deutschland auf dem zweiten Platz.

    • 8. November 2013 um 14:06 Uhr
    • bnt
  7. 7.

    Liebe(r) bnt,

    Ich meine, dass die Anglophonie zwar Einiges mit Kolonialismus, aber nicht zwingend etwas mit der Auswahl “.com” zu tun hat.
    Man kan auch unter “.in” auf Englisch schreiben.

    Im übrigen laufen britische Websites unter .co.uk.

    Es bleibt die Frage, warum ein indisches Unternehmen .com bevorzugt.

    Ich vermute, es gibt da ganz praktische Gründe (Preis, Verfügbarkeit etc.).

    • 8. November 2013 um 14:17 Uhr
    • bapon1
  8. 8.

    Liebe Redaktion,
    Ist es möglich die Grafiken so anzubieten, dass man sie vergrößern kann? Ich würde die Legend gern lesen können.

    • 8. November 2013 um 14:37 Uhr
    • noyd
  9. Kommentar zum Thema

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