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Neues Wissen aus alten (Telefonbuch-)Daten

 
Umzugskarte von Berlin, blaue Bezirke haben eine hohe Abwandererqoute, braune viele Zuzügler, Quelle: mappable.info
Umzugskarte von Berlin, blaue Bezirke haben eine hohe Abwandererqoute, braune viele Zuzügler, Quelle: mappable.info

Daten verbrauchen sich nicht. Mit neuen Fragen lassen sich auch aus alten Daten immer wieder neue Erkenntnisse gewinnen. Patrick Stotz und Achim Tack liefern dafür mit ihrem Projekt Mappable ein Beispiel.

Sie haben alte Telefonbücher aus den Jahren 2004 bis 2012 gekauft und die Daten aus Berlin genutzt, um darin nach Menschen zu suchen, deren Adresse sich im Laufe der Zeit geändert hat. 50.000 haben sie eindeutig identifizieren können, schreiben sie in ihrem Blog zu dem Projekt. Die Umzüge dieser 50.000 innerhalb der Stadt haben sie anschließend auf einer Karte visualisiert. Die Karte zeigt nun, wohin die Menschen in Berlin ziehen.

Das erzählt einiges darüber, wie die Stadt funktioniert.

Demnach ziehen aus den Bezirken Kreuzberg und Neukölln die meisten Menschen weg. Beide sind auf der Karte tiefblau, was für eine hohe Netto-Abwanderung spricht. Gleichzeitig schrumpft die Bevölkerung dort jedoch nicht und aus Berlin selbst ziehen wenige Menschen dorthin. Was bedeutet, dass beide so etwas wie ein Hafen für Einwanderer sind. Offensichtlich ziehen viele, die nach Berlin kommen, erst einmal dorthin. Kreuzberg und Neukölln gelten als spannend, bunt und zentral, die Mieten sind insgesamt trotzdem vergleichsweise niedrig. Entweder verdrängt der Zuzug viele der Alteingesessenen, oder die Neubewohner überlegen es sich später anders und wandern in andere Bezirke weiter.

Den größten Netto-Zuzug in Berlin hat Zehlendorf, ein reicher und ruhiger Bezirk im Südwesten. Die meisten Zuzügler kommen aus Wilmersdorf, Charlottenburg und eben aus Kreuzberg. Das würde die These des Einwanderer-Hafens stützen.

Das ist ein für viele Großstädte klassisches Muster: Junge Menschen ziehen in die Innenstadt, wenn sie für Beruf oder Studium kommen. Wenn sie älter werden, suchen sie ruhigere und auch teurere Bezirke am Rand. Mappable belegt diese Theorie. Und die Telefonbuchdaten erlauben es sogar, das genauer zu tun als die offizielle Statistik. Die kennt als kleinste Ebene nur den Stadtbezirk. Mappable bricht die Daten auch auf Ortsteile herunter und kann damit ein granulares Bild zeichnen.

Blaue Pfeile zeigen Menschen, die aus Kreuzberg wegziehen, braune Pfeile zeigen Zuzügler, Quelle: mappable.info
Blaue Pfeile zeigen Menschen, die aus Kreuzberg wegziehen, braune Pfeile zeigen Zuzügler, Quelle: mappable.info

Es ist nicht das erste Mal, dass Telefonbücher als Datenquelle genutzt werden, um soziologische Aussagen zu treffen. Aber die Umzugsanalyse ist ein interessanter Ansatz. Die beiden Entwickler sind optimistisch, dass sie mit ihrer Idee eine neue Datenquelle erschlossen haben. In ihrem Blog schreiben sie:
„To sum things up: we are quite enthusiastic about the potential of phone directories as a data source and there are definitely more research questions that can be answered with these data sets besides only migration patterns (e.g. monitoring gentrification processes, identifying ethnicity patterns).“

9 Kommentare


  1. […] Ein spannendes Beispiel, was man mit Daten machen kann. […]


  2. Und natürlich kann man mit Telefonbüchern auch prüfen, wie sich die Lebenssituation eines einzelnen im Laufe der Jahre verändert hat.

    Als Gesellschaft stehen wir erst am Anfang der Datenauswertung. In ein bis zwei Jahrzehnten hat jeder eine kleine NSA um sich anzusehen, was die Kinder so machen oder um abzuchecken, ob es sich lohnt eine Bekanntschaft zur Freundschaft auszubauen.

    Sphinxfutter

    P.S.: Wie in Berlin umgezogen wird ist natürlich auch ganz interessant.
    P.S.:

  3.   hNonhebel

    Ich finde die Auswertung methodisch problematisch, da viele, gerade jüngere, heute keinen Festnetzanschluss haben und nur auf ihr Handy zurückgreifen. Die Auswertung zeigt daher den Wegzug der älteren Menschen viel stärker als den Zuzug der jüngeren, der durch die Daten des Telefonbuchs nicht gezeigt wird.
    Im Artikel wird zudem genannt, dass gerade junge Menschen in die Mitte ziehen. Gerade Studenten hatten ihren vorherigen Wohnsitz meistens bei den Eltern, sodass kein Festnetzanschluss auf sie angemeldet war. Wenn nun junge Menschen aus den Randbezirken aus- und in die Bezirke in der Mitte einziehen, wird das durch diese Auswertung nicht gezeigt.
    Alles in allem bleibt dann nur die recht offensichtliche Erkenntnis, dass ältere Menschen eher in Randbezirke ziehen.

  4.   internetfuzzi

    Das „Facebook Data Science Team“ hat vor einiger Zeit etwas ähnliches gemacht, allerdings in anderem Maßstab: anhand der Angaben der facebook-Nutzer zu Geburtsort und aktuellem Wohnort wurden Migrationen auf globaler Ebene visualisiert.

    Mehr unter: https://www.facebook.com/notes/facebook-data-science/coordinated-migration/10151930946453859


  5. […] Neues Wissen aus alten (Telefonbuch-)Daten: Daten verbrauchen sich nicht. Mit neuen Fragen lassen sich auch aus alten Daten immer wieder neue Erkenntnisse gewinnen. Patrick Stotz und Achim Tack liefern dafür mit ihrem Projekt Mappable ein Beispiel. – by Kai Biermann – http://blog.zeit.de/open-data/2014/03/21/telefonbuch-daten-berlin-migratio/ […]


  6. […] Lesestoff: Ende März mit 25 Artikeln | Der Webanhalter bei Neues Wissen aus alten (Telefonbuch-)Daten […]


  7. […] Lesestoff: Ende März mit 25 Artikeln | Der Webanhalter bei Neues Wissen aus alten (Telefonbuch-)Daten […]


  8. hip hop producers

    Neues Wissen aus alten (Telefonbuch-)Daten « Datenquelle « Data Blog


  9. Na da frage ich mich aber wo die leeren Wohnungen in Kreuzberg sind. Ich meine, da stimmt was nicht.