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Personalisierte Propaganda

 
Gilad Lotans Analyse von Twitter-Accounts zum Thema Gaza-Konflikt. Proisraelische Twitterer (hellblau), propalästinensische Twitterer (grün) und internationale Medien (grau). Quelle: Medium
Gilad Lotans Analyse von Twitter-Accounts zum Thema Gaza-Konflikt. Proisraelische Twitterer (hellblau), propalästinensische Twitterer (grün) und internationale Medien (grau). Quelle: Medium

In Konflikten wie dem in Gaza geht die Meinung darüber, was bei den Kämpfen passiert, weit auseinander. Beide Seiten beschuldigen sich immer wieder der Desinformation und beide werfen Medien vor, parteiisch zu sein. Ursache dafür ist ein Phänomen, das Eli Pariser die Filter-Blase genannt hat – beide Seiten informieren sich aus unterschiedlichen Quellen und es gibt kaum Informationslieferanten, die von allen genutzt werden.

Das ist nicht überraschend und auch kein neues Phänomen. Spannend aber ist, wie eindeutig sich dieser Bias in den Daten sozialer Netzwerke beobachten lässt.

Gilad Lotan ist Chief Data Scientist bei Betaworks, einer Risikokapitalfirma, die auch eigene Projekte wie beispielsweise die GIF-Suche Giphy entwickelt. Lotan hat Daten von Twitter, Instagram und anderen Netzwerken analysiert und visualisiert, um diese Form der “personalisierten Propaganda”, wie er es nennt, zu zeigen. Dazu hat er bei Medium einen Text veröffentlicht.

Lotan untersuchte Twitterer, die im Juli 2014 in irgendeiner Form auf die Bombardierung der Schule des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNRWA) in Gaza reagierten. Der Inhalt der Reaktionen waren nicht entscheidend, vielmehr erstellte Lotan eine Karte, auf der die Accounts danach angeordnet wurden, wem sie folgen.

Die Größe der Punkte gibt an, wie viele Follower ein Account hat, je größer der Punkt, desto mehr Menschen folgen diesem Twitterer. Je enger zusammen zwei Punkte stehen, desto mehr gemeinsame Kontakte haben die beiden Accounts – folgen also denselben Quellen. Durch das zweite Kriterium ergaben sich mehrere Cluster oder Ballungen in den Daten. Innerhalb dieser Ballungen folgt man den gleichen Accounts. Dabei ging es nicht darum, was diejenigen twittern, sondern lediglich um die Analyse, wer wem folgt. Zwischen diesen Ballungen bestehen demnach kaum oder gar keine Verbindungen, sie sind deutlich voneinander abgegrenzt.

Lotan konnte so mehrere Gruppen in der Kommunikation über den Konflikt identifizieren. Die von ihm hellblau eingefärbte Wolke auf der linken Seite zeigt Cluster, die vor allem sich selbst und proisraelischen Accounts folgen, die von ihm hellgrün eingefärbte Wolke rechts die Twitterer, die sich vor allem bei (pro-)palästinensischen Quellen informieren. Dazwischen befinden sich – grau eingefärbt – internationale Medien. Am linken Rand oben in dunkelblau sortieren sich Konservative aus den USA und Anhänger der dortigen Tea-Party-Bewegung.

Das Bild legt nahe, dass zwischen diesen einzelnen Gruppen nahezu keine Informationen ausgetauscht werden. Jede kommuniziert vor allem innerhalb ihres eigenen Clusters, da die Accounts nur denen folgen, die ihre Interessen teilen. Das belegt die These von Pariser, dass Menschen in einer Filter-Blase leben, die durch die Werkzeuge des Internets noch verstärkt wird. Denn Netzwerke wie beispielsweise Facebook analysieren, wofür sich jemand interessiert und schicken ihm dann noch mehr solcher Inhalte in seine Timeline, um mehr seiner Aufmerksamkeit und damit mehr Klicks zu bekommen. Bei Twitter ist das anders, trotzdem scheint es die Tendenz zu geben, eher jenen zu folgen, mit denen man übereinstimmt.

In der Grafik von Lotan werden internationale Medien vor allem von der propalästinensischen Gruppe genutzt. Das erkläre, schreibt Lotan, warum in Israel die Überzeugung existiere, internationale Medien würden vor allem israelfeindlich berichten.

Außerdem ist zu sehen, dass es nur eine Quelle gibt, denen beide Fraktionen gleichermaßen folgen: die israelische Zeitung Haaretz. Sie scheint die einzige zu sein, die von beiden Lagern gleichermaßen akzeptiert ist.

Das alles sagt nichts darüber aus, wie Medien über den Konflikt berichten und welche Berichte nun richtig oder falsch sind. Es zeigt aber, dass diejenigen, die die Berichte lesen und kommentieren, sich in vollkommen unterschiedlichen Sphären bewegen. Was die Gefahr erhöht, dass sie kein Verständnis füreinander aufbringen und die andere Seite als Gegner erleben, den es zu bekämpfen gilt. Und es erhöht die Gefahr dafür, dass die Beteiligten auf jeder Seite anfällig für Propaganda sind. Der Krieg am Boden hat also offensichtlich leider auch im Netz zu einer klaren Front geführt.

Noch mal, das ist nicht neu. Aber es ist dank Lotans Analyse nun sichtbar.

24 Kommentare


  1. Was stellen denn die roten Punkte am unteren Rand der Grafik dar?

  2.   biggerB

    “Noch mal, das ist nicht neu. Aber es ist dank Lotans Analyse nun sichtbar.”

    Da möchte man doch HÄNDERINGEND mal um eine Lotans Analyse zur Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt bitten.

    MfG
    biggerB


  3. Das kann ich aus persönlicher Erfahrung bestätigen. Intelligente, sogar in Europa ausgebildete Israelis gehen gar nicht auf Gegenargumente ein, weil sie diese per se für unglaubwürdig halten.

    Sie haben in ihrer “Blase” noch nie von diesen Argumenten gehört, also beantworten sie meine Argumente gerne mit “Unsinn”, anstelle nach dem Sinn zu fragen, oder eine Widerlegung zu versuchen.

    Wir brauchen dringend eine Art Facebook, welche nicht es nicht nur erleichtert, ähnlich denkende Freunde zu finden, sondern gerade gegensätzliche Menschen. Eine Art Netzwerk, welches in der Software so programmiert ist, dass es hilft, einen Konsens zu finden.

  4.   Der dicke Heribert

    Was sind die zwei roten Cluster, die jeweils unter der blauen und grünen Wolke sind?


  5. Vor 20 Jahren, als das Internet noch in den Kinderschuhen war, hatte ich grosse Hoffnung, dass sich Menschen nun unabhängig informieren könnten, und dass das zur allgemeinen politischen Bildung beiträgt, und Konflikte entschärft.

    Das Gegenteil ist der Fall. Überall bilden sich eigene Blasen und eigene Welten, und man liest nun mal am Liebsten, was die eigenen (Vor)Urteile bestätigt. Das Internet vertieft die Gräben und Konflikte. Dazu kommt, dass durch die Anonymität die Aggressivität der Kommentare enorm zunimmt. Auch das färbt ins wirkliche Leben (die “real reality”) ab.


  6. Begrifflichkeiten, die der Sachlage nicht gerecht werden!

    Wenn man Pro-Israelisch bzw. Pro-Palästinensisch kategorisiert, entspricht das nicht einer disjunkten Ternnung, heißt, das vieler derer, die so unterteilt werden, sowohl als auch kategorisiert werden müssten.

    Was heißt den Pro-Israelisch bzw. Pro-Palästinensisch überhaupt?

    Wenn man sich dafür einsetzt, dass die Palästinenser ihre von Israel in einer 47 Jahre andauernden Völkerrecht brechenden Besatzung graubte Freiheit und Schutz vor Israelischen Völkerrechtsverbrechen endlich bekommen ist das sicher Pro-Palästinensisch.

    http://www.un.org/apps/news/story.asp?NewsID=11292&Cr=palestin&Cr1#.U-TvgKOZ3_I

    Ob es aber auch damit Anti-Israelisch ist, ist mehr als nur zu bezweifeln. Denn wenn man dafür ist, dass Israel weiter wie die letzten 40 Jahre Völkerrechtsverbrechen an Palästinensern begehen dürfen soll WAS JA DAS HAUPTMERKMAL an der hellblauen “Pro-Israel” Definition sein dürfte, sieht man Israel als VERBRECHERSTAAT.

    Ich bin der Definition nach Pro-Palästinensisch, akzeptiere es aber ganz und gar nicht, damit Anti-Israelisch eingestuft zu werden. Ich bin sicher nicht Pro-Israelisch in dem Sinne, Israel der Fortsetzung der nun seit 40 Jahren Landraub-&Menschenrechtsverbrechen wie die hellblaue Front ein Freibrief erteilen zu wollen, sondern sehe Israel NIcht zwingend als Verbrecherstaat, so wie es im Mauergutachten des IGH 2004 Rechtsbewertet ist, sondern hoffe noch, dass in Israel der Anspruch aufgegeben wird, Palästina und Palästinenser besrauben zu dürfen. Das nenne ich Pro-Israelisch!


  7. Das ist wirklich sehr interessant. Soziale Netzwerke bzw. die Theorie sozialer Netzwerke beschäftigt sich ja schon ausgiebig damit und ich habe da bereits in einem anderen Buch gelesen, dass das Internet maßgeblich dazu beiträgt, dass Leute sich ihre Informationen nach dem Filtern, was sie hören bzw. lesen wollen. Differenziertes Auseinandersetzen mit einer Thematik wird eben von der Notwendigkeit eines vergleichsweise hohen kognitiven Aufwandes begleitet, da keine Heuristiken, wie z.B. Vorurteile mehr sinnvoll genutzt werden können. Vorurteile, Stereotypen, etc. machen es aber sehr viel einfacher, sich ein Bild zu machen, das jedoch von der Realität (ob die jetzt objektiv oder relativ ist, sei mal dahingestellt) enorm abweichen kann.

    Man muss versuchen davon wegzukommen, eine eindeutige Einteilung in Gut und Böse erreichen zu wollen, wenn man schon (wie wir) emotional weitgehend unverwickelt ist in der ganzen Sache.

    BG

  8.   Puc

    Ausgezeichneter Beitrag der Zeit! Vielen Dank!


  9. War das früher anders?
    Ich denke nicht! Im Gegenteil, die Leute lebten und dachten noch viel stärker innerhalb ihrer eigenen kleinen Welt.
    Der Unterschied ist allerdings, dass sie heute mehr Informationen zur Verfügung haben, um ihre Ansichten zu rechtfertigen. Gleichzeitig scheint die Aggression zuzunehmen, da im Internet die eigene Position viel häufiger angegriffen wird.