Ostdeutschland ist anders. Wir schreiben drüber.

„Dieser Zug hält nicht in Weimar“

Von 11. Oktober 2012 um 09:36 Uhr

Erfurt und Jena, die beiden größten Städte Thüringens, pflegen ein seltsames Verhältnis zueinander. Man könnte es als demonstrative Geringschätzung beschreiben. Die drückt sich unter anderem darin aus, dass der Jenaer – es gibt hier eine feine Unterscheidung zwischen Jenaer und Jenenser, die irgendwie mit Umständen der Geburt zusammenhängt, auf deren Details ich aber an dieser Stelle nicht eingehen will – die etwa 40 Kilometer entfernte Landeshauptstadt in aller Regel Vieselbach nennt. Das ist ein Dorf am Rand von Erfurt. In Erfurt wiederum spricht man mit spitzen Lippen von Stadtroda, wenn man Jena meint.

Welchen Ursprungs diese im Alltag herzlich gepflegte gegenseitige Aversion ist, kann man nicht so recht erklären. Dafür sind ihre Auswüchse für den Außenstehenden umso erstaunlicher. Dass die Anhänger der beiden Fußballklubs Carl Zeiss Jena und Rot-Weiß Erfurt einander hassen, versteht sich von selbst. Als beide Vereine noch in derselben Liga spielten, gab es deshalb zweimal pro Saison höchste Alarmstufe für die Polizei.

Auch im Alltag findet oder hört man immer wieder Beispiele dieser herzlichen Abneigung. In der Jenaer Innenstadt gibt es einen Imbiss, wo man ziemlich leckere Thüringer Rostbratwürste verkauft. Dazu wird Senf eines sächsischen Herstellers gereicht. Auf meine erstaunte Frage, warum man hier denn ausgerechnet sächsischen Senf zu einer Thüringer Bratwurst anbietet, wo es doch auch eine recht bekannte Senfmarke aus Thüringen gebe, wurde mir erklärt, diese werde in Erfurt produziert und sei daher für eine in Jena verkaufte Wurst undenkbar.

Ich kenne Leute, die berufsbedingt von Jena nach Erfurt umziehen mussten. Sie haben Monate gebraucht, bis sie sich das erste Mal mit ihrem Auto, das dank Meldepflicht nun ein Erfurter Kennzeichen hatte, nach Jena trauten - aus Angst, als Verräter angesehen zu werden. Natürlich erzählten sie und auch andere Bekannte Geschichten von Autos mit Erfurter Kennzeichen, denen in Jena die Außenspiegel abgerissen wurden und von Autos aus Jena, denen in Erfurt selbiges widerfuhr. Ob diese Geschichten alle der Wahrheit entsprechen? Ich weiß es nicht. Sicher aber sind sie Ausdruck der traditionell gepflegten Aversion.

Und dann gibt es noch Weimar. Die Stadt von Goethe und Schiller liegt genau in der Mitte zwischen Jena und Erfurt. Sie, beziehungsweise ihre Einwohner, werden eigentlich von ihren Nachbarn als ziemlich borniert empfunden. Das hat mit dem kulturellen Erbe von Goethe, Schiller und Co. sowie den Stätten der Hochkultur wie dem Deutschen Nationaltheater und dem Bauhaus zu tun. Darauf bildet sich die Weimarer Elite ziemlich viel ein und hält die Erfurter und Jenaer eigentlich für Banausen. Diese wiederum belächeln Aktionen der Weimarer Kulturmenschen wie etwa deren ziemlich skurrilen Protest gegen die weitgehende Abkoppelung der Stadt vom ICE-Netz vor etwas mehr als einem Jahr. Da stellten sich dann Politik- und Kultur-Verantwortliche der Stadt auf den Bahnsteig und ließen einen ICE an sich vorbeirauschen. Ein anderes Mal gaben ein paar Musik-Professoren ein Protest-Kammerkonzert im Bahnhofsgebäude. Die Bahn zeigte sich von diesen fein ziselierten Aktionen völlig unbeeindruckt. Aber das mag auch an dem ziemlich unansehnlichen Bahnhof von Weimar liegen, auf dessen Bahnsteigen große Schilder mit dem Schriftzug "Kulturbahnhof" stehen. Das kann wirklich nur ironisch gemeint sein.

Sei es, wie es sei: Man pflegt also herzliche Aversionen gegeneinander. Ich habe einen Unternehmer in Erfurt kennengelernt, der mir im Gespräch über diese Aversionen erklärte – im Brustton der Überzeugung – seiner Gemahlin und ihm würde es nicht im Traum einfallen, etwa nach Weimar zu ziehen. Viel zu provinziell sei es da. Der Mann stammt übrigens aus Hessen. Ein anderer Erfurter, der Journalist und Autor André Kudernatsch, hat diese Aversionen in zwei Kolumnen-Büchern trefflich beschrieben. Der erste Band trägt den Titel Das Beste an Erfurt ist die Autobahn nach Jena und ist – dem Vernehmen nach – in Jena sehr gut angekommen, in Erfurt dagegen weniger. In diesen Tagen ist nun der zweite Band erschienen mit dem Titel Dieser Zug hält nicht in Weimar. Ob es einen dritten Band mit Geschichten über Jena geben wird, steht wohl noch nicht fest, ist aber anzunehmen.

Bohrt man aber etwas tiefer, so stellt man schnell fest, dass diese gegenseitige Abneigung der drei Städte eher witzig gepflegte Folklore ist. Zu Kultur- und Musikfestivals wie der Kulturarena in Jena, dem Spiegelzelt in Weimar oder den Domstufen-Festspielen in Erfurt fährt man selbstverständlich in die Nachbarstadt, ebenso zum Shopping, Kneipen- oder Restaurantbesuch. Im Grunde bilden diese drei Städte eine gewisse Einheit mit Erfurt als Landeshauptstadt, Weimar als Kulturhochburg und Touristenmagnet und Jena als Stadt der Studenten und Hochtechnologie. Offiziell will das natürlich niemand zugeben. Muss ja auch nicht sein. Ein bisschen Folklore braucht man schon.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Vielen Dank für diesen schönen Text, ich habe schallend gelacht. Ein paar kleine Ergänzungen noch: Der Jenaer spricht nicht einfach nur von Vieselbach, wenn er Erfurt meint, sondern von Vieselbach-West. Und der Erfurter revanchiert sich, indem er von der Stadt bei Kahla spricht. Was den Protest der Weimarer gegen den Wegfall der Fernverkehrshalte angeht, soll bitteschön das legendäre Protestfrühstück im BERLINER Hauptbahnhof nicht unerwähnt bleiben. Das fand sogar die Bahn stilvoll.

    • 11. Oktober 2012 um 10:09 Uhr
    • Sebastian
  2. 2.

    Ist es nicht mit Düsseldorf und Dortmund oder Köln genauso. Nach Bochum und Schalke möchte ich gar nicht fragen. Fürth und Nürnberg, Hannover und Wolfsburg, die Sechsziger und die Bayern ;) usw…
    Ist also der Osten wirklich so anders?

    • 11. Oktober 2012 um 11:13 Uhr
    • Matthias
  3. 3.

    Aber ansonsten ist die Gegend um Vippachedelhausen wirklich eine Reise wert. Ich bin gern dort.

    • 11. Oktober 2012 um 11:31 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  4. 4.

    „Ist also der Osten wirklich so anders?“

    In diesem Fall wohl nicht. Aber ich war vor zwei, drei Jahren einmal in Lauscha, auch in Thüringen. Dort war der Osten extrem anders, viel anders als in Erfurt oder Wuppertal, eher wie in Spirkelbach in der Pfalz, wo gerade die Schuhindustrie nach Asien abgewandert ist. Und wenn die Tannenbaumkugeln eines Tages auch aus Xiangcheng kommen und die Leute diese als Schnäppchen im Supermarkt kaufen, dann werden die jungen Menschen nach Süden abwandern und Bayern wird Osten, ger?

    • 11. Oktober 2012 um 11:51 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  5. 5.

    Die Beziehung zwischen Jena und Erfurt ist vor allem von gegenseitiger Neid geprägt.

    Jena, die wirtschaftliche Musterstadt im Osten, weltbekannt für Zeiss, Goethe und Schiller, auch Jena-Auerstedt, bedeutend als Wissenschaftsstandort (Uni, Beutenberg), glanzvolle Fußballgeschichte (Europapokalfinalist!!) beneidet Erfurt darum, dass es größer und baulich schöner ist (Altstadt, Dom) und mehr Freizeitwert hat (Zoo, Theater, Oper, Eishalle, Schwimmhalle, Seen), die Landesregierung und bessere Verkehrsanbindung.

    Erfurt hat gewisse Komplexe, dass es wirtschaftlich und wissenschaftlich im Vergleich mit Jena bedeutungslos ist. Als Landeshauptstadt hatten sie zunächst nicht mal eine Uni, die haben sie sich dann genehmigt und behaupten nun lächerlicherweise, dass sie ja eigentlich die älteste Uni Deutschlands haben (die nur mal eben 50 Jahre nicht existierte). Die vergleichsweise kleine Studentenanteil in Erfurt führt auch zu einem eher überschaubaren Angebot für die Jugend, Erfurt fühlt sich irgendwie vergreist an während Jena jugendlicher wirkt.

    Dagegen kann ich nicht bestätigen, dass Weimar ein besonderes Image in den beiden anderen Städten hat. Weimar wird von Einwohnern beider Städte gegenüber Bewohnern noch größerer Städte (Leipzig, Berlin) angeführt, wenn diese mitleidig auf mangelnde Kultur in Erfurt oder Jena schauen. „Ihr in Jena habt ja nicht mal ein Theater!“, „Aber wir sind in 20 Minuten in Weimar, so lange fährst du auch mit der U-Bahn von Neukölln nach Mitte“

    Viele Beispiele in dem Artikel sind auch etwas absurd und entsprechen nicht der Wahrheit, etwa, dass man sich mir Erfurter Kennzeichen nicht nach Jena trauen kann oder es absichtlich keinen Erfurter Senf am Jenaer Bratwurststand gibt (der sächsische ist einfach noch etwas günstiger).

    • 11. Oktober 2012 um 14:37 Uhr
    • rainer198
  6. 6.

    Kann es sein, dass das ganze Land (nicht Bundesland) nur deshalb eine Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke umstrittenen Nutzens durch Thüringer Mittelgebirge finanzieren muss, weil vor einigen Jahren mal die eine Seite der Erfurt-Jena-Rivalität politisch die Oberhand hatte und der anderen Seite, die bisher einen Halt an der Strecke Berlin-München hat, kräftig eins auswischen (und ihr also bahntechnisch das Weimar-Gefühl geben) wollte?

    • 11. Oktober 2012 um 15:07 Uhr
    • a.bit
  7. 7.

    Ich bin in Erfurt geboren und habe mehr als 18 Jahre dort gelebt, aber niemals auch nur ein einziges Wort ueber die im Artikel beschriebene Rivalitaet gehoert. Im Gegenteil, es war immer eine Freude, sowohl Weimar als auch Jena zu besuchen – auch fuer viele meiner Erfurter Bekannten, Freunde und Verwandten.

    Viele Menschen ziehen einfach nicht gerne um, und ich tendiere zu der Annahme, dass sich der „Durchschnittserfurter“ eher in Jena als in Hanau ansiedeln wuerde.

    • 11. Oktober 2012 um 15:29 Uhr
    • Joha
  8. 8.

    Wir reden in Bezug auf JXXX üblicherweise von Lobeda-West. Ansonsten ist der Artikel zutreffend. Beste Grüße aus der Blumenstadt Erfurt

    • 11. Oktober 2012 um 15:53 Uhr
    • bierus
  9. 9.

    Schon mal in Düsseldorf ein Kölsch bestellt, oder anderherum in Köln ein Alt? Auch Bremer und Hamburger lieben Ihre Feindschaft.
    Ich würde gar behaupten, dass diese Hasslieben zwischen bei einander liegenden Städten völlig normal ist und dazu gehört.
    Der Mensch braucht ein „Feindbild“ und sei es nur zum Spass

    • 11. Oktober 2012 um 16:11 Uhr
    • Sunrider
  10. 10.

    das beste an erfurt ist die autobahn nach jena * gruß aus weimar ;)

    • 11. Oktober 2012 um 16:29 Uhr
    • hsche
  11. 11.

    Einen deutlichen Unterschied zu dem Vergleich mit den Städten im Ruhrgebiet gibt es schon: dort gibt es eine gewisse Gleichberechtigung und Gleichbehandlung der Städte untereinander. In Thüringen ist das nicht so. Da rafft die Landeshauptstadt kraft ihrer Größe und Lobbymacht mehr oder weniger alles an sich, was politisch beeinflußbar ist. Behörden und Institionen, von der LEG aquirierte Unternehmen, große Infrastrukturinvestitionen, alles landet in Erfurt. Den Geraern wird der Goldene Spatz abgenommen, den Weimarern das Nationaltheater streitig gemacht, eine Konkurrenzuni zu Jena errichtet, der Flughafen Altenburg dichtgemacht, Jena und Weimar der Fernverkehr genommen usw. usf. Hier wäre der Vergleich mit der DDR und Ostberlin passender. Es war sicherlich ein Fehler, die größte Stadt des Landes anstelle der bekannteren und durch die Weimarer Republik eigentlich prädestinierten Klassikerstadt zur Landeshauptstadt zu machen, denn dann hätte man, geografisch wie funktionell, eine gewisse Gleichverteilung der Gewichte gehabt. So hat sich ein Epizentrum entwickelt, das alles ansaugt und die Gräben immer weiter vertieft. Wenn man, wie gerade jetzt, den Jenaern die eh schon völlig verlotterten Bahnhöfe mit Hilfe der Erfurter Regierung auf russisches Nebenbahnniveau zurückgebaut werden sollen, während in Erfurt mit Hilfe von Landesmitteln am schönen neuen ICE-Bahnhof auch noch eine Prunk-und-Protz-Hochhausssiedlung errichtet werden soll, für die nicht mal Bedarf da ist, fragt man sich schon, wo das noch hinführen soll. Da nur von witzig gepflegter Folklore zu sprechen greift dann doch etwas daneben.

    • 11. Oktober 2012 um 17:30 Uhr
    • Gerscher
  12. 12.

    Als gebürtiger Jenenser in Münchner Exil kenne ich alle diese Geschichten und sie bringen es genau auf den Punkt. Danke. Im übrigen ist diese gut gepflegte Rivalität mittlerweile nur deswegen so stark, weil Jena mit den ‚Gerschen Fettguschn“ 40 km östlich von Jena der vorhergehende Rivale in Folge von Bedeutungslosigkeit irgendwie abhanden gekommen ist. Deswegen kann man sich eben nun voll auf die Bezirksstadt westlich von Weimar konzentrieren ;)

    • 11. Oktober 2012 um 18:00 Uhr
    • André
  13. 13.

    In Metropolen wie Düsseldorf oder Köln kann man über solch kindische Provinzialität wirklich nur lachen…

    • 11. Oktober 2012 um 21:16 Uhr
    • Perdita Durango
  14. 14.

    Warum die Jenenser die Puffbohnen nicht so mögen und umgekehrt:

    (Für den Begriff „Puffbohne“ siehe hier: http://www.erfurt.de/ef/de/entdecken/tradition/puffbohne/)

    Nun hatte Jena seit jeher einiges Glück. Die Uni hat den Erfolg in Person von Schiller, Zeiss, Goethe, Schott, Abbe und anderen magisch angezogen.

    Grund für die Missgunst ist wohl hauptsächlich, dass Jena in der DDR deswegen über die Maßen bevorzugt wurde und sich dies seit der Wende in die andere Richtrung umkehrt.

    Der Fußball spielt dabei eine wichtige Rolle, weil dort die Bevorzugung Jenas vor Erfurt am deutlichsten wurde. Eine Dissertation aus dem Jahr 2010 zu diesem Thema verdeutlicht dies:
    http://opus.kobv.de/ubp/volltexte/2011/5106/pdf/kummer_diss.pdf

    Ich persönlich bin auf Erfurt neidisch, weil Erfurt, als fast schon traditionell judenfeindliche Stadt, im zweiten Weltkrieg ziemlich verschont blieb, während Jena wegen der Zeisswerke stark getroffen wurde.

    Eine Anmerkung noch zum sächsichen Senf:
    Wer sich mit dem künstlichen Gebilde Thüringen und der Geschichte der unterschiedlichen Landesteile beschäftigt, wird feststellen, dass Jena und Ostthüringen schon immer eher sächsisch waren – als preußisch oder „thüringisch“.

    • 11. Oktober 2012 um 23:05 Uhr
    • Stefan Montag
  15. 15.

    Erfurt wird bzw. wurde von fast ganz Thüringen belächelt, verspottet und als nicht-thüringisch betrachtet. Der Grund ist in der Geschichte zu suchen. Als Mainzer Gründung gehörte die Stadt Erfurt bis Anfang des 19. Jh. zu Mainz, anschließend wurde es preußisch und war bei der Gründung des Landes Thüringens 1920 auch nicht dabei. Landeshauptstadt war historisch und politisch zu Recht Weimar. Die Ernennung Erfurts als Landeshauptstadt im Jahre 1991 ist eine rein politische Entscheidung gewesen, die damals viele Thüringer damals wie heute nicht nachvollziehen können/konnten. Erfurt ist nie thüringisch gewesen und wird es auch im Herzen vieler Thüringer nie werden. Verstärkt wird die Aversion vieler Erfurt gegenüber auch durch die unverhältnismäßige starke Förderung Erfurts in vielen Bereichen. Übrigens gab es nie eine derartige Konkurrenz zwischen Weimar und Jena, eher im Gegenteil.

    • 11. Oktober 2012 um 23:30 Uhr
    • arva
  16. 16.

    Klasse! Und das Bild ist von Dresden? Gegen wen sind die nochmal? Euer Helmut

    • 12. Oktober 2012 um 08:27 Uhr
    • Helmut Kohl
  17. 17.

    Der Artikel ist dünn. Schlecht recherchiert und völlig verallgemeinernd. Hat der Autor da ein bisschen Langeweile gehabt? Lustig ist auf jeden Fall etwas anderes. Das hier ist reines Geschwafel und soll nur ein Buch anpreisen, das sonst niemand kauft.

    • 12. Oktober 2012 um 09:45 Uhr
    • QWERTZ
  18. 18.

    @ Nummer 9: jaaa auch in Düsseldorf gibt es Kölsch-Kneipen…

    • 12. Oktober 2012 um 12:12 Uhr
    • exilant
  19. 19.

    „Erfurt wird bzw. wurde von fast ganz Thüringen belächelt, verspottet und als nicht-thüringisch betrachtet.“

    Das zeugt eher von der Einfalt mancher Thüringer, denn im Mittelalter waren freie Städte suspekt, weil sie freigeistig waren und sich nicht dem Adel bedingungslos unterordneten. Erfurt war auch keine Mainzer Gründung, sondern wurde 1664 von Mainz gewaltsam unterworfen. Die Gründung Erfurts fand im Jahr 742 statt. Das ist durchaus beachtlich. Thüringen selbst bildete sich im 6. Jh. nach dem Zusammenbruch des römischen Imperiums heraus, allerdings nicht als einheitliches politisches Gebilde, sondern aufgespaltet in kleinere politische Herrschaftsgebiete. Erfurt entwickelte sich als Zentrum des thüringischen Raumes, ohne selbst politisch zu Thüringen zu gehören.

    Die Bedeutung Weimars entwickelte sich erst nach dem Mittelalter, und zwar als Herzogtum. Der heutige Freistaat Thüringen ist ein sehr junges Gebilde in unserer Neuzeit, gegründet 1993.

    • 12. Oktober 2012 um 12:50 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  20. 20.

    Einen hab ich auch noch, um das Niveau weiter zu senken. Als ich (in einem Kaff zwischen Weimar und Erfurt aufgewachsen), nach Jena zum Studieren ging, wurde ich aufs Feinste von meinem fußballbegeisterten Bruder aufgezogen:

    „In Jena gibt´s nur eine Frau – deine Mudder…“

    Man hat sich natürlich mit den Rückfragen zum „Dorf bei Vieselbach“ revanchiert. Allerdings halte ich die Sache mit dem Senf für unbewiesen. Und mit Ausnahme von begrenzt zurechnungsfähigen Fußballfans (die wirklich Streit suchen, mein Bruder ist in solchen Fällen gottlob brav aus der Schussbahn marschiert) bleibt diese Feindschaft eher auf anekdotischem Niveau. Von demolierten Autos habe ich bisher weniger gehört. Und natürlich habe ich als inzwischen sehr heimisch gewordener Jenaer auch ab und zu viel Freude an Sport gucken in Erfurt – allerdings nur Eishockey ;)

    Mit anderen Worten: What´s the point?

    • 12. Oktober 2012 um 13:48 Uhr
    • Calliope
  21. 21.

    @ Calliope: Die Sache mit dem Senf habe ich selbst erlebt – und das auch so im Text beschrieben. Viele Grüße, Dirk Reinhardt

    • 12. Oktober 2012 um 14:08 Uhr
    • Dirk Reinhardt
  22. 22.

    Mich hat der Artikel amüsiert, er trifft vieles sehr genau, und die Rivalität dürfte auch abseits des Fußballs jeder kennen und spüren. Da Erfurter Minderwertigkeitskomplexe, es trotz Landeshauptstadtsbonus nicht zu einer Stadt von Bedeutung geschafft zu haben. Dort Jenaer Wut über Erfurts stete Bevorzugung seitens der Politik. Nur in der Beurteilung von Weimar irrt der Autor, die Stadt bildet eher einen angenehm neutralen Puffer. Ja, kürzlich wurde gar das Millionengrab No.1, der dauerbezuschusste Flugplatz Erfurt gar in Erfurt-Weimar umbenannt, um die Gunst des geneigten Passagiers zu gewinnen und ein wenig vom Glanz des dreimal kleineren Goethestädtchens zu erhaschen.

    P.S. Bei jedem echten Thüringer kommt grundsätzlich kein Senf aus der Landessubventionshauptstadt auf den Tisch und das erwarte ich auch von jedem ernstzunehmenden Bratwurststand. Es gibt ja schließlich auch noch Altenburg!

    • 12. Oktober 2012 um 17:46 Uhr
    • Hanfried
  23. 23.

    Ach das ist doch alles nichts gegen Frankfurt ./. Offenbach

    • 12. Oktober 2012 um 22:48 Uhr
    • Mark
  24. 24.

    @ rainer198: Genauso ist ist es, das trifft es vollkommen.

    @ Perdita Durango: Auch Köln und Düsseldorf sind provinziell gegen Hamburg oder München ;). Alles nur eine Sache des Blickwinkels und für mich als Jenenser finde ich das ganz und gar nicht – die Kultur hier ist nur eine andere.

    Insgesamt gilt aber: Toller Artikel! Nur eine Korrektur: Weimar kommt (zumindest für uns Jenenser/Jenaer) nicht ganz so schlecht weg wie dargestellt.

    Übrigens arbeite ich ganz in der Nähe vom Subventionsloch „Flughafen Erfurt-Weimar“ (der Name ist natürlich Bullshit) und beklatsche immer jeden Start und jede Landung, die ich mitbekomme, nicht ohne Genugtuung hämisch ;).

    • 13. Oktober 2012 um 12:32 Uhr
    • Lutz Granert
  25. 25.

    Das kommt heraus, wenn man eine Anekdote zum Artikel aufpustet und den zu wichtig nimmt. Ich bin in Weimar geboren, habe in Jena studiert und arbeite in Erfurt. What’s up?

    • 14. Oktober 2012 um 14:18 Uhr
    • Leser
  26. 26.

    Also, endlich mal ein extrem „hochwertiger“ Artikel!
    Hab bis vor Kurzem in Jena gewohnt, in Erfurt studiert und gewohnt, meine Freundin hat unsere Kinder bewusst in Weimar geboren, jetzt wohnen wir in Stadtroda und in Kahla starten wir auch schon mal mit dem Schlauchboot auf der Saale…
    Zu keiner Zeit hat sich mir oder Freunden von uns ein Problem daraus erschlossen. Wir konnten über den Artikel nur schmunzeln und hoffen, er vermittelt kein falsches Bild von Thüringen und den Neuen Ländern.

    • 14. Oktober 2012 um 20:54 Uhr
    • Ebro
  27. 27.

    Also, Herr Montag, reden Sie doch nicht so einen Senf! ;o)
    Die meisten Kommentare lassen mich amüsiert schmunzeln. Aber ihre dreiste behaputung über Erfurt MUSS man richtig stellen.
    Sie lesen nicht all zu oft Zeitung, oder? Hinweis zur Bewerbung Erfurts zum UNESCO-Weltkulturerbe mit den SCHUM-Städten, der jüdische Schatz, die Migwe, erste jüdische Gemeinde in der ehem. DDR, etc. sprechen doch eher was anderes (sh. http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden_in_Erfurt#Die_moderne_j.C3.BCdische_Gemeinde)

    Musste ich als Thüringer ma klar stellen…!
    Sonst lassen mich die Kommentare über meine Heimat schmunzeln – SCHÖN! :o)

  28. 28.

    wieso gehört Erfurt nicht zu Thüringen? du erzählst vielleicht ne Scheisse. Wenn die Stadt auch von Mainz und später dann von Preussen zwangsweise regiert wurde,steht die Stadt immer noch auf Thüringer Boden.Und wieso und von wem wird Erfurt verspottet und belächelt? Sicher nur von Volltrotteln

    • 3. Dezember 2012 um 03:20 Uhr
    • thuringia70
  29. 29.

    Die Erfurter sind einfach nur neidisch auf Jenas großartige Entwicklung der letzten Jahre. Und Fußball spielen wir auch besser…

  30. 30.

    Ich bin Jenenser und bin in Erfurt hängengeblieben. Erfurt ist im Gegensatz zu Jena attraktiver. Man hat mehr Auswahl an allen möglichen dingen. Wenn man in Erfurt sagt, dass man in die Stadt geht, dann kann man einige Zeit etwas erleben.
    In Jena bedeutet das, dass man in gefühlten 3 Minuten das Stadtzentrum durchquert hat, um vom Holzmarkt in die Wagnergasse und anschließend vielleicht noch ins Grünowskie oder Theatercaffe zu gehen. Das war´s dann auch schon.

    Andererseits sind im allgemeinen die Leute von Erfurt, gerade EF Nord, von einem ganz anderen Schlag, der für Leute aus Jena oder Weimar alles andere als gebildet ist. Außerdem gibt es in Erfurt, explizit EF Nord viel zu viele Hund.
    Jeder Assi, von denen es da gefühlt sehr viele gibt, hält sich einen oder mehrere Drecksköter, die all Wege zuscheißen.

    Ich fahre jeden Tag von Erfurt nach Jena ins Büro. Dort arbeite ich mit mit Leuten aus Weimar zusammen.
    Ein oder zwei mal habe ich die Weimarer schon daran erinnern müssen, dass sie nicht kulturelle Mittelpunkt der Welt sind. Im allgemeinen begreift der Weimarer nur schwer, dass Weimar im Vergleich zu Städten wie Rom, Paris, London, …… trotz allem, kulturell sehr sehr bedeutungslos ist.

    • 9. Mai 2013 um 00:34 Uhr
    • LOG LOG
  31. 31.

    Der Artikel ist wirklich zum Schmunzeln, und als in Weimar Zugezogener finde ich vieles wieder, das mir hier begegnet – und ich gestehe, dass ich mich der nicht ganz ernst gemeinten Lokalkonkurrenz insbesondere zu Erfurt nicht ganz entziehe. Jena übrigens war anders als das preußische Erfurt stets Bestandteil des (Groß)Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach, ob deswegen der Riss eher westlich von Weimar verläuft? Ich bin gerne Weimarer, finde Erfurt wunderschön und bin auch gern in Jena. Im übrigen fühle ich mich bezüglich des Themas hier ganz wie zuhause, schließlich bin ich mit der unüberbückbaren Konkurrenz zwischen Braunschweig und West-Peine (vulgo Hannover) aufgewachsen.
    Eine Bemerkung noch zum Schluss: Ausgerechnet in der Deutschlandkarte, die sich im ZEIT-Magazin am 2.5.2013 mit „Münsteranern“ und anderen „-anern“ beschäftigt, ist ein schwerwiegender Fehler unterlaufen. Die Bewohner Weimars sind Weimarer, während Weimaraner elegante Rassehunde (Typ Jagdhund) sind. Der einzige, dem die Weimarer es nicht übelnehmen, dass er sie als Weimaraner bezeichnete, ist – Goethe.

    • 19. Mai 2013 um 15:36 Uhr
    • Weimarer
  32. Kommentar zum Thema

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