Ostdeutschland ist anders. Wir schreiben drüber.

“Dieser Zug hält nicht in Weimar”

Von 11. Oktober 2012 um 09:36 Uhr

Erfurt und Jena, die beiden größten Städte Thüringens, pflegen ein seltsames Verhältnis zueinander. Man könnte es als demonstrative Geringschätzung beschreiben. Die drückt sich unter anderem darin aus, dass der Jenaer – es gibt hier eine feine Unterscheidung zwischen Jenaer und Jenenser, die irgendwie mit Umständen der Geburt zusammenhängt, auf deren Details ich aber an dieser Stelle nicht eingehen will – die etwa 40 Kilometer entfernte Landeshauptstadt in aller Regel Vieselbach nennt. Das ist ein Dorf am Rand von Erfurt. In Erfurt wiederum spricht man mit spitzen Lippen von Stadtroda, wenn man Jena meint.

Welchen Ursprungs diese im Alltag herzlich gepflegte gegenseitige Aversion ist, kann man nicht so recht erklären. Dafür sind ihre Auswüchse für den Außenstehenden umso erstaunlicher. Dass die Anhänger der beiden Fußballklubs Carl Zeiss Jena und Rot-Weiß Erfurt einander hassen, versteht sich von selbst. Als beide Vereine noch in derselben Liga spielten, gab es deshalb zweimal pro Saison höchste Alarmstufe für die Polizei.

Auch im Alltag findet oder hört man immer wieder Beispiele dieser herzlichen Abneigung. In der Jenaer Innenstadt gibt es einen Imbiss, wo man ziemlich leckere Thüringer Rostbratwürste verkauft. Dazu wird Senf eines sächsischen Herstellers gereicht. Auf meine erstaunte Frage, warum man hier denn ausgerechnet sächsischen Senf zu einer Thüringer Bratwurst anbietet, wo es doch auch eine recht bekannte Senfmarke aus Thüringen gebe, wurde mir erklärt, diese werde in Erfurt produziert und sei daher für eine in Jena verkaufte Wurst undenkbar.

Ich kenne Leute, die berufsbedingt von Jena nach Erfurt umziehen mussten. Sie haben Monate gebraucht, bis sie sich das erste Mal mit ihrem Auto, das dank Meldepflicht nun ein Erfurter Kennzeichen hatte, nach Jena trauten – aus Angst, als Verräter angesehen zu werden. Natürlich erzählten sie und auch andere Bekannte Geschichten von Autos mit Erfurter Kennzeichen, denen in Jena die Außenspiegel abgerissen wurden und von Autos aus Jena, denen in Erfurt selbiges widerfuhr. Ob diese Geschichten alle der Wahrheit entsprechen? Ich weiß es nicht. Sicher aber sind sie Ausdruck der traditionell gepflegten Aversion.

Und dann gibt es noch Weimar. Die Stadt von Goethe und Schiller liegt genau in der Mitte zwischen Jena und Erfurt. Sie, beziehungsweise ihre Einwohner, werden eigentlich von ihren Nachbarn als ziemlich borniert empfunden. Das hat mit dem kulturellen Erbe von Goethe, Schiller und Co. sowie den Stätten der Hochkultur wie dem Deutschen Nationaltheater und dem Bauhaus zu tun. Darauf bildet sich die Weimarer Elite ziemlich viel ein und hält die Erfurter und Jenaer eigentlich für Banausen. Diese wiederum belächeln Aktionen der Weimarer Kulturmenschen wie etwa deren ziemlich skurrilen Protest gegen die weitgehende Abkoppelung der Stadt vom ICE-Netz vor etwas mehr als einem Jahr. Da stellten sich dann Politik- und Kultur-Verantwortliche der Stadt auf den Bahnsteig und ließen einen ICE an sich vorbeirauschen. Ein anderes Mal gaben ein paar Musik-Professoren ein Protest-Kammerkonzert im Bahnhofsgebäude. Die Bahn zeigte sich von diesen fein ziselierten Aktionen völlig unbeeindruckt. Aber das mag auch an dem ziemlich unansehnlichen Bahnhof von Weimar liegen, auf dessen Bahnsteigen große Schilder mit dem Schriftzug “Kulturbahnhof” stehen. Das kann wirklich nur ironisch gemeint sein.

Sei es, wie es sei: Man pflegt also herzliche Aversionen gegeneinander. Ich habe einen Unternehmer in Erfurt kennengelernt, der mir im Gespräch über diese Aversionen erklärte – im Brustton der Überzeugung – seiner Gemahlin und ihm würde es nicht im Traum einfallen, etwa nach Weimar zu ziehen. Viel zu provinziell sei es da. Der Mann stammt übrigens aus Hessen. Ein anderer Erfurter, der Journalist und Autor André Kudernatsch, hat diese Aversionen in zwei Kolumnen-Büchern trefflich beschrieben. Der erste Band trägt den Titel Das Beste an Erfurt ist die Autobahn nach Jena und ist – dem Vernehmen nach – in Jena sehr gut angekommen, in Erfurt dagegen weniger. In diesen Tagen ist nun der zweite Band erschienen mit dem Titel Dieser Zug hält nicht in Weimar. Ob es einen dritten Band mit Geschichten über Jena geben wird, steht wohl noch nicht fest, ist aber anzunehmen.

Bohrt man aber etwas tiefer, so stellt man schnell fest, dass diese gegenseitige Abneigung der drei Städte eher witzig gepflegte Folklore ist. Zu Kultur- und Musikfestivals wie der Kulturarena in Jena, dem Spiegelzelt in Weimar oder den Domstufen-Festspielen in Erfurt fährt man selbstverständlich in die Nachbarstadt, ebenso zum Shopping, Kneipen- oder Restaurantbesuch. Im Grunde bilden diese drei Städte eine gewisse Einheit mit Erfurt als Landeshauptstadt, Weimar als Kulturhochburg und Touristenmagnet und Jena als Stadt der Studenten und Hochtechnologie. Offiziell will das natürlich niemand zugeben. Muss ja auch nicht sein. Ein bisschen Folklore braucht man schon.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Vielen Dank für diesen schönen Text, ich habe schallend gelacht. Ein paar kleine Ergänzungen noch: Der Jenaer spricht nicht einfach nur von Vieselbach, wenn er Erfurt meint, sondern von Vieselbach-West. Und der Erfurter revanchiert sich, indem er von der Stadt bei Kahla spricht. Was den Protest der Weimarer gegen den Wegfall der Fernverkehrshalte angeht, soll bitteschön das legendäre Protestfrühstück im BERLINER Hauptbahnhof nicht unerwähnt bleiben. Das fand sogar die Bahn stilvoll.

    • 11. Oktober 2012 um 10:09 Uhr
    • Sebastian
  2. 2.

    Ist es nicht mit Düsseldorf und Dortmund oder Köln genauso. Nach Bochum und Schalke möchte ich gar nicht fragen. Fürth und Nürnberg, Hannover und Wolfsburg, die Sechsziger und die Bayern ;) usw…
    Ist also der Osten wirklich so anders?

    • 11. Oktober 2012 um 11:13 Uhr
    • Matthias
  3. 3.

    Aber ansonsten ist die Gegend um Vippachedelhausen wirklich eine Reise wert. Ich bin gern dort.

    • 11. Oktober 2012 um 11:31 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  4. 4.

    “Ist also der Osten wirklich so anders?”

    In diesem Fall wohl nicht. Aber ich war vor zwei, drei Jahren einmal in Lauscha, auch in Thüringen. Dort war der Osten extrem anders, viel anders als in Erfurt oder Wuppertal, eher wie in Spirkelbach in der Pfalz, wo gerade die Schuhindustrie nach Asien abgewandert ist. Und wenn die Tannenbaumkugeln eines Tages auch aus Xiangcheng kommen und die Leute diese als Schnäppchen im Supermarkt kaufen, dann werden die jungen Menschen nach Süden abwandern und Bayern wird Osten, ger?

    • 11. Oktober 2012 um 11:51 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  5. 5.

    Die Beziehung zwischen Jena und Erfurt ist vor allem von gegenseitiger Neid geprägt.

    Jena, die wirtschaftliche Musterstadt im Osten, weltbekannt für Zeiss, Goethe und Schiller, auch Jena-Auerstedt, bedeutend als Wissenschaftsstandort (Uni, Beutenberg), glanzvolle Fußballgeschichte (Europapokalfinalist!!) beneidet Erfurt darum, dass es größer und baulich schöner ist (Altstadt, Dom) und mehr Freizeitwert hat (Zoo, Theater, Oper, Eishalle, Schwimmhalle, Seen), die Landesregierung und bessere Verkehrsanbindung.

    Erfurt hat gewisse Komplexe, dass es wirtschaftlich und wissenschaftlich im Vergleich mit Jena bedeutungslos ist. Als Landeshauptstadt hatten sie zunächst nicht mal eine Uni, die haben sie sich dann genehmigt und behaupten nun lächerlicherweise, dass sie ja eigentlich die älteste Uni Deutschlands haben (die nur mal eben 50 Jahre nicht existierte). Die vergleichsweise kleine Studentenanteil in Erfurt führt auch zu einem eher überschaubaren Angebot für die Jugend, Erfurt fühlt sich irgendwie vergreist an während Jena jugendlicher wirkt.

    Dagegen kann ich nicht bestätigen, dass Weimar ein besonderes Image in den beiden anderen Städten hat. Weimar wird von Einwohnern beider Städte gegenüber Bewohnern noch größerer Städte (Leipzig, Berlin) angeführt, wenn diese mitleidig auf mangelnde Kultur in Erfurt oder Jena schauen. “Ihr in Jena habt ja nicht mal ein Theater!”, “Aber wir sind in 20 Minuten in Weimar, so lange fährst du auch mit der U-Bahn von Neukölln nach Mitte”

    Viele Beispiele in dem Artikel sind auch etwas absurd und entsprechen nicht der Wahrheit, etwa, dass man sich mir Erfurter Kennzeichen nicht nach Jena trauen kann oder es absichtlich keinen Erfurter Senf am Jenaer Bratwurststand gibt (der sächsische ist einfach noch etwas günstiger).

    • 11. Oktober 2012 um 14:37 Uhr
    • rainer198
  6. 6.

    Kann es sein, dass das ganze Land (nicht Bundesland) nur deshalb eine Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke umstrittenen Nutzens durch Thüringer Mittelgebirge finanzieren muss, weil vor einigen Jahren mal die eine Seite der Erfurt-Jena-Rivalität politisch die Oberhand hatte und der anderen Seite, die bisher einen Halt an der Strecke Berlin-München hat, kräftig eins auswischen (und ihr also bahntechnisch das Weimar-Gefühl geben) wollte?

    • 11. Oktober 2012 um 15:07 Uhr
    • a.bit
  7. 7.

    Ich bin in Erfurt geboren und habe mehr als 18 Jahre dort gelebt, aber niemals auch nur ein einziges Wort ueber die im Artikel beschriebene Rivalitaet gehoert. Im Gegenteil, es war immer eine Freude, sowohl Weimar als auch Jena zu besuchen – auch fuer viele meiner Erfurter Bekannten, Freunde und Verwandten.

    Viele Menschen ziehen einfach nicht gerne um, und ich tendiere zu der Annahme, dass sich der “Durchschnittserfurter” eher in Jena als in Hanau ansiedeln wuerde.

    • 11. Oktober 2012 um 15:29 Uhr
    • Joha
  8. 8.

    Wir reden in Bezug auf JXXX üblicherweise von Lobeda-West. Ansonsten ist der Artikel zutreffend. Beste Grüße aus der Blumenstadt Erfurt

    • 11. Oktober 2012 um 15:53 Uhr
    • bierus
  9. Kommentar zum Thema

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