Ostdeutschland ist anders. Wir schreiben drüber.

Das Eigentor vor dem Spiel

Von 25. Oktober 2012 um 23:15 Uhr

Fußball ist manchmal komisch. Spiele verlaufen kurios, Spieler, Trainer und oft auch Schiedsrichter machen Dinge, bei denen sich die Zuschauer an den Kopf fassen. Und Fans sind sowieso nicht zu verstehen. Mindestens genauso übel kann es werden, wenn dann plötzlich ein Vereinsboss oder einer seiner Büroangestellten eine Idee hat. Die nennen ihre unausgegorenen Einfälle oder Äußerungen dann vielleicht “innovativ”, “gegen den Strich gebürstet” oder “witzig” und denken, dass ihre Ideen dann nicht gleich als völlig doof auffallen.

Eine Idee von dieser Sorte hatte ein Verein aus Berlin-Hohenschönhausen in der vergangenen Woche geliefert: Fans des Berliner Oberligisten BFC Dynamo erinnerten sich wieder einmal ihrer staatlich gehätschelten Ost-Vergangenheit und warben damit. Nun war diese Vergangenheit in der Tat sportlich nicht so übel, wenn auch umstritten, weil die Siege in der Oberliga nicht immer ganz koscher zustande kamen. Oder weil diese Siege zumindest unter dem Verdacht standen, dass die Stasi durch Einflussnahme an allen möglichen Enden – immer dann, wenn es sportlich wackelte – schwer mitgearbeitet hatte an der Sicherung des nächsten und übernächsten Planziels: Dauer-Meister BFC. Aber naja, das ist nun mehr als 20 Jahre her.

Das Innovative und das Gegen-den-Strich-Gebürstete an dieser aktuellen BFC-Dynamo-Idee war nun aber, dass da einer der Vereinsfunktionäre offenbar Erich Mielke total lustig findet: “Diesen Weg musste schon Erich machen… Die Normannenstraße kommt ins Sportforum” lautete eine im Web verbreitete Parole, illustriert mit einem Mielke sehr ähnlichen Offizier in Ost-Uniform auf einer Stadiontribüne. Als allererstes könnte man sagen: “Fans eben, die müssen stänkern.” Aber: So ist das eben nicht, denn das war keine “Ick hab da mal ‘ne echt juhte Idee”-Aktion eines Ultras, nein: BFC-Vereinssprecher Martin Richter höchstpersönlich erklärte seine volle Unterstützung – offenbar auch noch stolz auf die Collage: “Das Medienecho war enorm. Jetzt wissen sehr viele Menschen, dass wir gegen Lichtenberg spielen.”

Zum Hintergrund für all jene, die das Problem nicht so richtig kennen: Der BFC Dynamo war Stasi-Chef Mielkes Liebslingsverein. Mielkes krakenhafter Apparat residierte an der Lichtenberger Normannenstraße und breitete sich rund um das Hans-Zoschke-Stadion aus, wo Lichtenberg 47 damals spielte und auch heute noch zuhause ist. Bis zur Wende war das 18.000-Zuschauer-Stadion vom Abriss bedroht, weil die benachbarte Stasi-Zentrale den Platz begehrte für weitere Garagen und Aktenschränke. Umzingelt von den Verwaltungsgebäuden der Stasi wurde im 47er-Stadion der Spielbetrieb immer stärker behindert durch Mauern und Zäune und Zuschauereinschränkungen.

BFC-Sprecher Richter verteidigte nun die “Mielke-fetzt”-Aktion als Idee der so genannten negativen Werbung mit dem Satz: “Wir werden 23 Jahre nach dem Fall der Mauer immer noch als Stasi-Club bezeichnet. Die Fans haben einfach mit dieser Bezeichnung gespielt.” Spielen? Richter weiß mit Sicherheit, dass viele BFC-Fans alles andere als “Spielen”. Jahrelang und auch heute gern wiederholt im BFC-Fanblock ist die Parole: “Wer soll unser Führer sein? – Erich Mielke.” Wer mit Erich Mielke wirbt, ist ein Stasi-Verein. Ganz einfach. Schade allerdings um die – in vielen Belangen – beispielhafte Nachwuchsarbeit, die durch die Hirngespinste von Funktionären ruiniert wird, traurig für alle Kinder- und Jugendmannschaften des BFC, die vorher und nun natürlich erst recht als Stasi-Mannschaften beschimpft werden. Der BFC hat bis runter zur G-Jugend Mannschaften in allen Alltagsklassen.

Die gerechte Strafe blieb leider aus. Oder zum Glück. Lichtenberg 47 und der BFC trennten sich ziemlich brüderlich 1:1. Auch wenn es platt klingt muss man sich für das Fazit auf das Niveau der BFC-Vereinsführung begeben: Planziel verfehlt, aber die Parole hat gestimmt. Ein Verein der Worthülsen. Oder zumindest eine Vereinsführung.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ganz großartiger Artikel! Die Zitate von Hr. Richter aus dem Zusammenhang gerissen. Er hat diese Aktion keinesfalls befürwortet. Ebenso wenig war der Verein oder ein Funktionär des Vereins daran beteiligt bzw. verantwortlich.
    Diese Aktion ist einzig und allein von fans entstanden. Diese sind auch keine Freunde von Mielke und verherrlichen ihn auch keineswegs oder ist in dem Slogan etwas zu finden, wie “Hurra, wir lieben Mielke”
    Sehr geehrter Hr. Stefan Ruwoldt, so wie sie über den Verein schreiben, waren sie noch nie vor Ort um sich selber ein Bild davon zu machen! Ich rate Ihnen dringend an, dieses einmal nachzuholen um endlich mal einen klaren Blick zu bekommen.

    wrw Grüße.
    W.

    • 25. Oktober 2012 um 12:23 Uhr
    • Tut nichts zur Sache
  2. 2.

    Ganz großartiger Artikel! Die Zitate von Hr. Richter aus dem Zusammenhang gerissen. Er hat diese Aktion keinesfalls befürwortet. Ebenso wenig war der Verein oder ein Funktionär des Vereins daran beteiligt bzw. verantwortlich.

    Diese Aktion ist einzig und allein von Fans entstanden und umgesetzt worden. Diese sind auch keine Freunde von Mielke und verherrlichen ihn auch keineswegs oder ist in dem Slogan etwas zu finden, wie “Hurra, wir lieben Mielke”

    Zu Ihrem letzten Absatz: Was wäre denn in Ihren Augen eine gerechte Strafe gewesen?

    Sehr geehrter Hr. Stefan Ruwoldt, so wie sie über den Verein schreiben, waren sie noch nie vor Ort um sich selber ein Bild davon zu machen! Ich rate Ihnen dringend an, dieses einmal nachzuholen um endlich mal einen klaren Blick zu bekommen.

    wrw Grüße.
    W.

    • 25. Oktober 2012 um 13:40 Uhr
    • W.
  3. 3.

    Für eine Zeitung, die im Untertitel “Ostdeutschland ist anders” propagiert, reagiert man hier auf ostalgische Anspielungen doch erstaunlich dünnhäutig. Zumal die Veröffentlichung des Plakats fast 10 Tage her und der mediale Aufschrei gar seit 6 Tagen abgeebbt ist. Schwarzer Humor ist eben nicht jedermanns Sache…

    • 25. Oktober 2012 um 13:40 Uhr
    • Oli Schulz
  4. 4.

    @ Oli Schulz

    Das dauert. Wir können nur froh sein, dass der Geburtstag von Erich Mielke nicht der 20. April ist.

    • 25. Oktober 2012 um 15:59 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  5. 5.

    Beim Lesen des Beitrages lässt es sich gut schmunzeln. Danke dafür…
    Doch warum nun die Überschrift “Ein Eigentor…” erschließt sich mir nicht ganz. Der Verein hat alles richtig gemacht. Außer das er mal wieder an die Toleranzgrenze gestoßen ist, ohne sie jedoch zu übertreten. Die mediale Präsenz ist ihm gewiss. Ihr schreibt ja nun nach mehr als 10 Tagen immer noch über diesen…eher zeigt dieser Artikel auf, dass der Verantwortliche für diesen wohl zu lange im immer selben Nasenloch bohrt und es nicht gelernt hat, mal die Seite zu wechseln. Von daher…schmeiße den Affen Bananen hin und sie zeigen eine sofortige Reaktion…

    • 25. Oktober 2012 um 21:04 Uhr
    • Lisa
  6. 6.

    Für die Kinder und Jugendlichen ist gar nichts traurig. Der Verein ist in der Republik landauf, landab, sehr beliebt. Viele Mannschaften sind auf großen nationalen und internationalen Turnieren sehr gern gesehene Gäste. Bitte mal den Ball flachhalten mit Plattitüden. Der Artikel ist doch arg aus der Sicht scheinbar besser wissenden Westlers verfasst.

    • 25. Oktober 2012 um 21:35 Uhr
    • sven christian schmidt
  7. 7.

    Sehr geehrter Herr Ruwoldt,

    wie kommen Sie dazu über gerechte Strafen im Fußball zu urteilen und warum sollte eine Mannschaft bestraft werden, wenn Fans einen Aufruf im Internet starten? Das macht doch keinen Sinn, oder verstehen Sie nicht viel vom Fußball?

    Des Weiteren würde ich Sie gerne bitten, sich demnächst über die Arbeit und das Niveau der Vereinsführung genauer zu informieren. Mit zwei zitieren Aussagen einer Person urteilen Sie über mehrere Personen. Sie vergessen, dass auch die von Ihnen hochgelobte Jugendarbeit, durch die Vereinsführung koordiniert wird. Daher kann das Niveau doch gar nicht so schlecht sein.

    Vielleicht schreiben Sie einfach demnächst nicht mehr über den Schmalz von letzter Woche und greifen aktuellere Themen auf bzw. versuchen sich mit Ihrer Berichterstattung von Ihren Kollegen zu unterscheiden.

    Freuen würde es mich sehr!

    • 26. Oktober 2012 um 00:36 Uhr
    • Martin Götz
  8. 8.

    …das Schreiberlein hat eine klitzekleine Sache über”sehen” , mitNICHTen warb der VEREIN damit, sondern FANS – defacto PRIVATPERSONEN . Ich will jetze ja nich über das Wissen von Fußballfanverhalten fabulieren, aber recherchetechnisch ein Berufshilfehinweis : auf KEINEN Fall (GUTER) Journalist werden wollen ,
    idS
    Sport frei!
    >copypaste*

    • 26. Oktober 2012 um 00:48 Uhr
    • Naglfar
  9. Kommentar zum Thema

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