Ostdeutschland ist anders. Wir schreiben drüber.

Arm und krank und doch zufrieden: Was “Studien” über Ostdeutsche aussagen

Von 7. November 2012 um 13:25 Uhr

“In den neuen Bundesländern verfügen 54 Prozent aller 18- bis 65-Jährigen über eigene Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit.” Dieser Satz steht im Sozialreport 2012, den die Volkssolidarität vor kurzem vorgestellt hat. Die etwas kryptische Formulierung soll wohl bedeuten, dass jeder zweite Ostdeutsche schon mal arbeitslos war. Oder dass zumindest jemand in seiner Familie schon mal arbeitslos war. Oder dass er schon mal von Arbeitslosigkeit gehört hat.

Erkenntnisse über die Menschen in Ostdeutschland gibt es zuhauf. Nahezu im Wochentakt wird eine Studie oder Untersuchung oder Statistik veröffentlicht, die ein bisschen mehr vom Wesen dieses Menschenschlags enthüllt. Mittlerweile dürften die Ostdeutschen zu den am besten erforschten Volksgruppen der Erde gehören. Die eine und die andere Studie sind in diesem Blog schon erwähnt oder behandelt worden. Doch sie haben nur Schlaglichter auf die Welt diesseits der Elbe zwischen Arkona und Zwickau geworfen.

Deshalb mache ich nun hier den Versuch, alle Studien mit Ergebnissen zu “dem Ostdeutschen” einmal zusammenzufassen:
Zunächst einmal ist er ein grundsätzlich zufriedener Mensch. Jeder zweite der für den schon erwähnten Sozialreport Befragten hat angegeben, mit seinem gegenwärtigen Leben zufrieden (43 %) oder sogar sehr zufrieden zu sein (7 %). Weitere 37 Prozent sind immerhin teilweise zufrieden. Und der junge Ostdeutsche ist auch ein recht optimistischer Mensch, optimistischer jedenfalls als der ältere Ostdeutsche. Dieser wiederum hat mit allerlei Problemen und Schwierigkeiten zu kämpfen, was auch seine grundsätzlich grummeligere Stimmung erklärt. So verfügt ein ostdeutscher Seniorenhaushalt laut Sozialreport nur über 73 Prozent des Nettoeinkommens eines westdeutschen Seniorenhaushalts.

Apropos Einkommen: Dass ostdeutsche Arbeitnehmer im Durchschnitt weniger Geld bekommen, ist ja nichts Neues mehr, auch wenn es nach wie vor ärgerlich ist. Laut DGB erhalten 40 Prozent der Vollzeit-Beschäftigten in Ostdeutschland einen Lohn unterhalb der Niedriglohnschwelle. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes ist der Anteil der schlechter bezahlten Ostdeutschen etwas niedriger, nämlich 25 Prozent. Dass man mit weniger Einkommen auch weniger Geld sparen kann, versteht sich. Da wundert uns dann auch die Mitteilung der Postbank nicht mehr, dass Ostdeutsche weniger auf der “hohen Kante” haben als Westdeutsche.

Dafür kostet ihre Gesundheit – oder besser: kosten ihre Krankheiten mehr. Laut dem vom Verband der forschenden Pharmahersteller veröffentlichten Arzneimittel-Atlas hatte Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2011 bundesweit die höchsten Pro-Kopf-Ausgaben für Medikamente, nämlich 494 Euro. Auf den nächsten Plätzen folgten Berlin, Sachsen und Thüringen. Wie aus dem Atlas weiter hervorgeht, liegen die neuen Länder vor allem bei den Ausgaben für Medikamente gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und rheumatische Beschwerden vorn, was wiederum mit dem höheren Altersdurchschnitt in Ostdeutschland korrespondiert. Etwas unsicher bin ich an dieser Stelle, ob ich eine weitere Studie zum Thema Gesundheit/Krankheit anfügen soll. Ich tue es dennoch: Das Deutsche Krebsforschungszentrum hat ermittelt, dass im Vergleich zu den 1970er- und -80er Jahren ostdeutsche Krebskranke mittlerweile fast so gute Überlebenschancen haben wie westdeutsche. “Na wenigstens etwas”, möchte man da rufen.

Dass angesichts all dieser ernüchternden Erkenntnisse die Menschen im Osten, vor allem die in Sachsen-Anhalt, nicht täglich vor glücklicher Ausgelassenheit schier explodieren, ahnt man irgendwie von selbst. Die Fakten dazu liefern uns die Deutsche Post mit ihrem Glücksatlas und die R+V-Versicherung mit ihrer Angststudie. Doch wie passen deren Ergebnisse mit denen der Volkssolidarität zusammen? Vielleicht ist mancher ja auch erst dann richtig zufrieden, wenn er unglücklich ist und die Gefahr überall lauert? Oder vielleicht liegt es nur daran, das so mancher Glücksatlas den wissenschaftlichen Wert eines chinesischen Glückskekses hat?

Man könnte irre werden ob all dieser Erkenntnisse. Da ist es irgendwie beruhigend zu wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen zu werden, im Osten geringer ist als im Westen.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Hmm, also ich wohne im Osten, bin da geboren. Und ich habe keine Ahnung wie Sie auf die Idee kommen der Ostdeutsche sei grundsätzlich zufrieden. Ich klammere mich hinsichtlich dessen mal aus, aber meine Umgebung singt da eine andere Melodie. Mal ehrlich, mit 800 bis 900 Euro netto fällts dem einen oder Anderem schwer zufrieden zu sein.Aber wahrscheinlich brauch man nur die “Richtigen” in Umfragen fragen und man kommt zu solchen Schlüssen.

    • 7. November 2012 um 15:46 Uhr
    • Tamalam
  2. 2.

    Millionen junge Ostdeutsche sind zum Jobben nach Westdeutschland gegangen, also folglich bleiben die Alten (Rentenbezieher) die wenig in der Tasche haben zurück. Damit erklärt sich auch die überdurchschnittliche Kostensteigerung für die Gesundheit.
    Gerne zweimal denken, bevor einfach Zahlen abgeschrieben werden!
    Logik bzw. verknüpftes Denken wäre angebracht.

    • 7. November 2012 um 15:53 Uhr
    • Überleger
  3. 3.

    Zufriedenheit ist eine sehr relative und in Umfragen eine rein subjektive Kategorie, die nichts darüber aussagt, ob Befragte aus einer “objektiven”, theoretischen oder wie auch immer gearteten übergeordeneten Sicht “zufrieden”, also mit ihre gegenwärtigen Lage “glücklich” sind. Zufriedenheit ist immer relativ. Man kann z.B. zufrieden sein, weil man z.B. genau das erreicht hat, was man immer angestrebt hat (“mein Auto, mein Haus, meine Frau, mein Pferd…”). Man kann aber genauso gut “zufrieden” sein, weil man angesicht der Handlungsmöglichkeiten, die man für sich ganz subjektiv sieht, sich einfach mit dem “zufrieden gibt” (“eigentlich gehts mir ja noch gut…”), was man hat. Und in der dritten Variante kann sogar der chronisch Kranke volle Zufriedenheit äußern, weil es ja immer noch andere gibt, denen es noch schlechter geht.
    Weil das so ist, sagen bei Umfragen auch jehe, von denen man glauben würde, sie müssten doch eigentlich unzufrieden sein, dass sie zufrieden sind. Meine Erfahrung aus Zufriedenheitsbefragungen hat mich gelehrt, dass bei etwa über 66% Zufriedenen die Welt noch einigermaßen in Ordnung ist und das bei über 80% alles super ist. Bei nur 50-65% hingegen ist erster Handlungsbedarf angesagt und bei 50% oder weniger ist die Situation kritisch. Das scheint sie nach den Zahlen oben im Osten zu sein. Ansonsten passt eigentlich alles.

  4. 4.

    “Man könnte irre werden ob all dieser Erkenntnisse.”

    Und was ist mit den Menschen aus dem Osten Deutschlands, die jetzt im Westen leben, in Skandinavien, in Amerika? Ich kenne sogar welche, die in Estland, in China und auf den Kanarischen Inseln leben. Wie werden diese in den Statistiken erfasst?

    • 7. November 2012 um 16:42 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  5. 5.

    Den Ostdeutschen gibt es im materieller Hinsicht gar nicht.
    In Ostdeutschland ist die sozialökonomische Mischung der “Deutschen” in etwa so weit wie in Westdeutschland. Da die zu etwas breiterer Wohlhabenheit (Stichwort Erbengeneration) führenden 40 Vorwendejahre fehlen und die Nachwendezeit auch ordentlich reingehauen hat, ist das Durchnittsniveau wohl etwas niedriger und die ganz fetten Spitzen fehlen. Aber beträchtliche Unterschiede, die eine Verallgemeinerung verbieten, gibt es gleichwohl.

  6. 6.

    Blühende Landschaften.
    Arm im Berufsleben, arm in der Rente, durchgängig auf Transferleistungen angewiesen, aber nicht unzufrieden. Ein Beispiel für den Westen. Da kann doch noch mehr umverteilt werden.
    Einnahmen des Staates durch Steuerhinterziehung, Rettungsschirme und Begünstigung der Oberschicht reduzieren und dann noch optimistisch in die Zukunft schauen. Traumtänzerei wird Politik.

    • 7. November 2012 um 17:44 Uhr
    • Buschgeld-Jäger
  7. 7.

    Ich denke, dass dem älteren “Ostdeutschen”, geprägt durch 40 Jahre Unrechtsstaat, ein gewisses Maß Unentschlossenheit, Skepsis und Ängstlichkeit innewohnt, welches sich auf das wirtschaftliche Handeln und somit auch auf den Wohlstand, die Zufriedenheit und letztlich die Gesundheit abbildet. Mit dem Ableben dieser Generation und dem Zuwachs an Weltoffenheit und Investitionsgeist (in jeglicher Hinsicht) wird es eine starke Annäherung an den Zustand im Westen der Republik geben. Die Ergebnisse all der Studien, die angesprochen wurden, finde ich nachvollziehbar und logisch – aber nicht überraschend.

    • 7. November 2012 um 18:10 Uhr
    • mgoy
  8. 8.

    Wie man darauf kommt, dass ein Ostdeutscher ( bin hier geboren)
    grundsätzlich zufrieden sein soll ist nicht nachvollziehbar.
    Wie soll es auch. Den zur Wendezeit 38 bis 40 jährigen wurde in sehr vielen Fällen durch die überwiegende Abwicklung ihrer Betriebe die ganze beruflicheKarriere verbaut. Auch ich musste “etwas machen” dass es überhaupt weiter ging ! Dass man da eben nicht zufrieden sein kann, liegt doch wohl auf der Hand. Wenn man dann auch noch in der “Provinz” wohnt und dort peu a peu in der gesamten Infrastruktur abgehängt wird, kommt sogar noch eine ganze Menge Wut über die eingetretene Entwicklung auf – und das geht bei weitem nicht nur mir so ! Offenbar wurde kein repräsentativer Schnitt der Ostdeutschen befragt. Bitte verschonen Sie uns mit solchen “Umfrageergebnissen”.

    • 7. November 2012 um 18:51 Uhr
    • G.Becker
  9. Kommentar zum Thema

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