Ostdeutschland ist anders. Wir schreiben drüber.

Pankower Regierung verbietet “Bie Dees”

Von 20. Januar 2013 um 11:13 Uhr

Ist Berlin noch Osten? – Ja, und wie.

Es ist zwar schon einige Jahre her, aber “lange” kann man das nun wirklich nicht nennen: Damals, so um die Jahrtausendwende, wurde in Berlin über Leerstand diskutiert. Natürlich auch woanders im Osten und auch ein bisschen im Westen, aber eben – und das erscheint heute unwirklich – in Berlin.

Es gab damals Konzepte über “Zwischennutzungen”, das Wort “Kiez” wurde wieder eingeführt, Kultur sollte zum Standortfaktor werden, es gab “Leuchtturmprojekte” und Experten sprachen davon, dass sich die Immobilienbesitzer schon aufgrund der Bevölkerungsentwicklung daran gewöhnen müssten, dass sie mit ihren “Objekten” kleinere Gewinnbrötchen backen. Das alles war damals.

Heute ist eine Wohnungsbesichtigung in Berlin eine Art Klassenfahrt für Erwachsene: Am Ende der Gruppenreise durch diese fernen neuen Räume bleibt die Erinnerung an eine Phantasiewelt, die man selbst Jahre später nie erreichen wird. Ein Jugendtraum.

Wahrscheinlich hat es Berlin ein wenig zu gut gemeint und die Leuchtturm-Strahler zu doll aufgedreht, jedenfalls ist die Stadt wohnungsmäßig ausgebucht. Und so denken einige: Lasst uns alles einfach so wie früher machen, als keiner mehr hier wohnen wollte. Und so hat Berlin jetzt beschlossen: “Neue sind scheiße!” Genauer gesagt hat das das Bezirksamt Pankow (eine Verwaltung, die auch das Gentrifikations-Epi-Zentrum Prenzlauer Berg mitverwaltet) noch schnell zum Jahresabschluss 2012 neue Immobilienregeln zusammengezimmert, die die Mietenhochtreiber fern halten sollen.

Hier ein paar Beispiele der neuen Anti-Immobilienhai-Paragraphen:
1. Einbau eines zweiten Bades – verboten
2. Änderung des Grundrisses der Wohnung – verboten
3. Einbau eines Kamins – verboten
4. Verbesserung der Wärmedämmung – kann das Amt verbieten

Das Ganze trägt die Überschrift: “Prüfkriterien für Anträge in den Erhaltungsgebieten” und soll dazu dienen, dass die Wohnungen in Pankow und Prenzlauer Berg bezahlbar bleiben.

Zusammenfassend könnte man vielleicht auch sagen: Unjewaschen, kleen und kalt is schick! Aber das ist natürlich Blödsinn, weil es nicht stimmt.

Statt Neubauten und Investitionen anzuregen und zu befeuern, verhängt Pankow das “Zweit-Bad-Verbot.” Hört sich an wie Osten. Ist es auch.

Ein Viertel kann man nicht mit Absicht ranzig halten, wenn die Leute es so ranzig nicht mehr wollen. Wer irgendwo wohnt, in diesem Fall in Pankow, geht arbeiten, spart, will davon dann in dem einen Jahr Laminat und im nächsten Parkett, zwei Jahre später einen Kamin und nach zehn ein “Bie Dee”. Und neue “Bie Dees” soll es in Pankow nicht geben? – Das ist doch …

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 41.

    @Adormidera:

    Können Sie keine Diskussion führen ohne beleidigende Unterstellungen anzuführen (“bipolar und übertrieben”?).

    Wenn mir die 85-Jährige Nachbarin erläutert, dass in ihrer mir bekannten Wohnung einst 14 Personen wohnten, kenne ich den Fall, ohne selbst die Dreissiger erlebt zu haben. Ich kenne aber auch aktuelle Fälle von dichter Belegung von Wohnungen. Der demographische Wandel der dazu führt, dass es viel mehr Haushalte aus einzelnen Personen und kinderlosen Paaren bestehen, wird in dieser Diskussion kaum berücksichtigt.

    1: Zwischen den 14 Personen auf 85 qm und den Parkett+Bidet gibt es selbstverständlich viele Möglichkeiten der Gestaltung, es ist aber keine Aufgabe der Behörden festzulegen, welcher davon den Leuten zugemutet werden kann oder muss.
    Wieso gerade kein zweites Bad und nicht direkt eine Podesttoilette für vier Familien? Dieses würde die Mietpreise noch niedriger halten.
    Ich kann Ihnen übrigens noch mehrere Gebäude in Berlin zeigen, in denen noch dieser Standard vorhanden ist. Dort bekommen Sie Ihren Mietpreis von 3,50 €/qm. Sie müssen sich aber mit einem Eimer in der Küche waschen oder in einer billigen Duschkabine die vermutlich irgendwann hausschwamm produziert. ist das Ihr Wunsch?

    Ich hätte auch nichts gegen eine vernünftige Sozialwohnungspolitik, aber der Versuch, die Mieten zu begrenzen, in den man die Freiheit der Eigentümer eingrenzt ist schlicht bescheuert und geht garantiert nach hinten los. Die Eigentümer solcher Immobilien werden irgendwann die Häuser lieber verfallen lassen, bis sie diese als Ruine erklären und abreissen lassen können. Das ist auch schon in anderen Städten und Ländern passiert.

    • 21. Januar 2013 um 01:23 Uhr
    • Bdaian
  2. 42.

    @ ernsthaft

    Sie haben das Thema nicht durchdrungen, es geht nicht darum das jeder eine Recht bekommt z.b wie sie sagen auf Sylt zu Wohnen, sondern darum, das Menschen das Recht genommen wird, dort zu Wohnen wo sie z.T schon ihr lebenlang wohnen.

  3. 43.

    Da gibts zwei Wege, entweder New York Manhattan oder Pankow, entweder ganz reich und ganz arm, oder ne Art Kiez. Was willste denn?

    • 21. Januar 2013 um 05:55 Uhr
    • Fritz
  4. 44.

    42 fidelio
    Das hab ich schon verstanden fidelio, das sit aber nur die eine seite (die ich in meinem beitrag zugegebenerweise nicht berücksichtigt habe)
    , die andere ist der anspruch in bestimmten vierteln eine preisgünstige wohnung zu bekommen. Das geht nunmal nicht. Daher meine spöttische forderung nach einer preiswerten wohnung auf sylt

    • 21. Januar 2013 um 15:04 Uhr
    • ernsthaft
  5. 45.

    Genau richtig machen die das in Berlin.

    • 21. Januar 2013 um 15:38 Uhr
    • Horst Rettelbusch
  6. 46.

    #9 Daß Sie ein zweites Bad oder eine Fußbodenheizung nicht brauchen sei Ihnen gern überlassen, aber diese ostdeutsche Haltung dies auch allen anderen überzuzwingen… ich weiß nicht, ob ich aus dem schwäbischen Exil heraus lachen oder weinen soll.

  7. 47.

    [...] Pankower Regierung verbietet “Bie Dees” [...]

  8. 48.

    Mir gerade so ergangen.

    1.5 Jahre nach ner Wohnung gesucht und nun endlich gefunden. Schlimmer als München, denn in Berlin wollen Sie dich richtig nackig machen. Man muss alles vorlegen, auch was aus Datenschutzgründen verboten ist. Denn…man bekommt sonst nicht die Wohnung.

    Warum in eine neue Wohnung? Weil das momentane Haus in dem ich wohne “umgestaltet” wird. Soll heißen, die Privateigentümer richten Ferienwohnungen ein.
    Das Ergebniss sind Hausbewohner die nen Scheiss auf Ihre Nachbar geben. Parties, Umzüge in der Nacht, dreckige Hausflure und jeden Monat/Woche neue Nachbarn. Nicht einmal Grüßen tun diese neuen Nachbarn, weil…ähm…kein deutsch können. Das sind keine Berliner…das sind explizit Spanier und andere Miteuropäer.

    Die Mieten gehen hoch, weil diese neuen Mieter Unsummen für eine Wohnung bezahlen.

    Mag sein, dass man das in Zeiten von EU und Euro gut finden muss…aber die Lebensqualität nimmt sichtlich ab.

    Tja, soviel zu Berlin ist sexy. Berlin ist scheisse!

    geb. Berliner

    • 21. Januar 2013 um 17:44 Uhr
    • Heinz
  9. Kommentar zum Thema

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