Ostdeutschland ist anders. Wir schreiben drüber.

Bauernland in Holdinghand

Von 28. Januar 2013 um 09:25 Uhr

Eigentlich war die Ackerkrume im Osten nie ein geeignetes Geschäftsfeld für die Geldanlagestrategien überkreativer Banker. Die großen Deals liefen in den Metropolen oder vielleicht noch in den eingestürzten Pferdeställen und Schuppen ehemaliger Kinderheime ab, die sich beim Abkratzen der Farbe als Gutshäuser entpuppten.

Wenn dann doch mal einer kam und einfach nur Grund und Boden wollte, dann tat er dies, weil er vorher in der Brigitte gelesen hatte, um wie viele Jahrzehnte man jünger werden kann, wenn man täglich ohne Sattel über die Wiesen bei Ragösen oder Müggen reitet. Dieses unverdorbene Wohlfühlvergnügen in der Ostprovinz war nicht nur “völlig ursprünglich” sondern auch noch “unbeschreiblich günstig”. Kurz: An Grund und Boden gab es dort wenig finanzstarkes Interesse.

Nun aber ist die Scholle im Osten ernsthaft in Gefahr. Das Beitrittsgebiet wird als Investitionsfläche entdeckt. Aufgedeckt hat das Ganze jetzt die Märkische Allgemeine. Unter dem Aufreger-Titel “Ausverkauf märkischer Agrarflächen” schickte die Redaktion ihre Aufreger-Story über die Dörfer.

In klarer Nachrichtensprache erfährt der Brandenburger im zweiten Satz: “Immer häufiger kaufen sich auswärtige Investoren in märkische Agrarbetriebe ein.” Als hätte hier der SED-Chefideologe Kurt Hager höchstpersönlich getextet. Nach dem vorangegangenen eher emotionalen Leadsatz (“Brandenburger Bauern schlagen Alarm”) sind damit auch gleich Täter und Opfer klar: die Auswärtigen gegen die Brandenburger.

Das Schlimme, das hier gerade passiert, ist in einer Kurzzusammenfassung folgendes: Holdings, also eher an der Geldanlage denn am Geschäftszweig interessierte Firmen, kaufen sich in Agrarbetriebe ein und profitieren dabei unter anderem von Investitions- und Bewirtschaftungssubventionen der EU. Die kommen damit aber nicht dem Erhalt der ländlichen Struktur zugute, sondern fließen dorthin ab, wo diese Holdings eingetragen sind. Die im Beitrag genannten Firmen sitzen im Westen, genauer: in Hamburg und Niedersachsen.

Das Ganze ist reichlich kompliziert, weil es gerade an einer Stelle passiert, wo sich in den letzten Jahren ohnehin eigene Gesetze entwickelt haben. Wo der einzelne Bauer schwach, die großen ehemaligen LPG (Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften) aber stark sind, wo die Bodenpreise günstig waren und wo die großen ehemaligen LPG diese Preise auch noch bestimmten, wo der einzelne Grundbesitzer sich diesem Diktat des örtlichen Monopolisten unterordnen musste und … und … Diese Markt-Unegalitäten rächen sich jetzt, denn die Böden werden immer wertvoller. Sie sind vielfältiger nutzbar – für die Landwirtschaft, für die Energiebranche und zur Erholung. Die Strukturen entstammen aber aus einer anderen Zeit.

Die Märkische Allgemeine hat hier zwar ein wichtiges Thema aufgegriffen, aber höchst ostzonal berichtet. Keine Agrargenossenschaft und kein Bürgermeister und kein Entwicklungsplaner kommt zu Wort: Bauernverband, ein Einzelbauer, Vertreter der Holdings und Landeslandwirtschaftsministerium werden befragt – die Guten, die Bösen und die hilflose Behörde.

Und das Artikelbild zeigt einen Bauern mit Schippe. Bei so viel Propaganda statt Beschreibung und Analyse ist der Osten selbst Schuld, wenn er diese Schippe dann auch noch abbekommt.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Anscheinend hat der Autor den Ernst der Lage nicht erkannt.
    Dass agarfremde Investoren im großen Stil Land kaufen und damit die Bodenpreise in die Höhe treiben, ist eine ernstzunehmende Entwicklung der letzten Jahre. Begünstigt durch den Boom der Biogasanlagen.
    Normale landwirtschaftliche Betriebe können im Bieterwettkampf nicht mehr mithalten und haben zusehends das nachsehen, wenn es um den Erwerb von Flächen geht. Besonders problematisch ist das, wenn die Pachtverträge mit der BVVG auslaufen und diese die Äcker lieber verkaufen als weiter verpachten möchte. Da stehen Bauern schon mal ganz plötzlich ohne Acker da. Und können nichts dagengen tun, weil ihnen schlicht das Geld fehlt, die Flächen zu kaufen.
    Woher die Investoren kommen, ist dabei völlig egal. Es ist auch blödsinnig, da irgendein Ost-West-Ding draus zu machen.
    Aber der Spott, der in obigem Artikel mehr als deutlich mitschwingt, ist absolut nicht angebracht. Das Thema ist wichtig und eine gewisse Aufregung mehr als verständlich.

    • 28. Januar 2013 um 12:02 Uhr
    • RoH
  2. 2.

    Nachtrag:

    Es handelt sich nicht um ein “Ost-Problem”.
    Der folgende Bericht vom Bodenforum vergangene Woche nennt auch Bayern und Nordrhein-Westfalen als Hot Spots bei den Bodenpreisen: http://www.agrarheute.com/10-bodenforum

    • 28. Januar 2013 um 12:19 Uhr
    • RoH
  3. 3.

    Da kann ich 1. (RoH) nur zustimmen. Seinen Spott über einen Artikel der Märkischen zu ergießen und das mit SED-Vergleichen zu garnieren ist zudem nicht gerade sportlich, wenig zeitgemäß und gehört (meiner Ansicht nach) auch nicht zum guten journalistischen Ton. Zumal die eigene Recherche von Hr. Ruwoldt zu diesem Thema auch nicht gerade sehr tief geht.

    • 28. Januar 2013 um 12:26 Uhr
    • NonDec
  4. 4.

    Stimmt, ein Ost-Problem ist es nicht, aber gemessen an früheren Entwicklungen der Sozialpsyche des Ostens (sage ich mal so grob), spricht es schon Bände, wenn nicht nur unbekannte Holdings, sondern auch selbsternannte Großbauern ihr Werk tun. Weiterführend geht das sogar in die Tourismusecke, wo z.B. auf Rügen Einheimische kein Bauland erhalten, reiche Leute aber schon (Rügen wird langfristig wohl so wie Sylt, was nicht sehr schön ist).
    Das soll aber nicht heißen, dass man hier irgendwelche Klauseln machen müsste, die Ossis bevorzugen – eher Einheimische bevorzugen, wohl, also egal in welchem Bundesland. Doch davon abgesehen, ist eine Lösung der Sache nicht im Ost-West-Ding zu suchen, sondern mal wieder in einer wichtigsten Frage dieser Tage: Wie beschränkt man den Dauerzugriff des Kapitals?

  5. 5.

    Erstens finde ich die herablassende Art des Autors unangepasst.

    Zweitens gibt es auch gute Artikel über dieses Thema (sowohl aus Ost und West) bzw. schlechte Artikel über jedes Thema in jeder Zeitung.

    Drittens, was hat der Autor in diesem Artikel besser gemacht?

    • 28. Januar 2013 um 12:55 Uhr
    • Jan
  6. 6.

    der Autor hat leicht die Lügendecke angehoben. Es ging nie um Wiedervereinigung sondern um einen Beitritt, Anschluß. Ostzonal wird berichtet, in der Ostprovinz. Jetzt regen sich diese Jammerossis auch noch auf wenn das Land, was nicht durch die Bodenreform unrechtmäßig an die Bundesrepublik ging, an Investoren verkauft wird, wie undankbar. Aufschwung Ost war Vermögensbildung West und jetzt hat das Kapital eben erkannt das da noch Land ist was man verschleudern kann. Da kann Herr Ruwoldt nur mit der eigenen Propaganda Keule zuschlagen, sollte aber mal die eigene Psyche reflektieren. Danke an die ‘Zeit’ wo steht Ihr eigentlich ? “Ost-Blog Ostdeutschland ist anders wir schreiben darüber“ besser ist es das wir anders sind !!

    • 28. Januar 2013 um 14:03 Uhr
    • helmut köhlchen
  7. 7.

    Völlig anachronistisch: Die Bewirtschaftung von Flächen im großen Stil beschleunigt die Degradierung der Böden und ist nicht zukunftsfähig. Leider ist die Politik noch nicht soweit dies zu erkennen und zu handen. Ansonsten wird es so kommen dass die Böden erst völlig zerstört werden, dann haben wir den Dust bowl, und dann will sie von den Geldsäcken niemand mehr haben. Und dann fangen wir von vorne an.

  8. 8.

    Der Artikel zeugt von reichlich Ahnungslosogkeit und Naivität, wenn er einzig einen anderen Artikel zum Thema als Ausgangspunkt nimmt.
    Fakt ist, dass sich mehr und mehr Industrieholdings am Bieterwettkampf um die letzten großen verfügbaren Agrarflächen in Deutschland, die allesamt im Osten der Republik angesiedelt sind, beteiligen. Ebenso unbestritten ist, dass dies in keiner Weise ein neues Phänomen darstellt, sondern in verstärkter Weise schon seit gut zehn Jahren zu beobachten ist. Seitdem haben sich die Bodenpreise vervielfacht. Und auch aus so manchem “roten Junker”, der als ehemaliger LPG-Funktionär zu Spottpreisen an im Westen undenkbare Flächen von 1.500 ha und mehr gekommen ist, ist ein Multimillionär in Gummistiefeln geworden.Allein die Fördersumme pro Hektar beläuft sich noch vor jeder möglichen Bewirtschaftung auf Euro 300 – einfach so auf die Kralle und darüber hinaus auch noch weiter absetzfähig, falls doch noch jemand eingestellt wird, zumeist ohnehin nur in Teilzeit und im Winter natürlich Jobcenter.

    Nach der Wende haben bekanntlich gut 90% der in Ostdeutschland in der Landwirtschaft Beschäftigten ihre Arbeit verloren.
    Die BVVG verpachtet ihre Flächen nicht mehr an kleinere oder mittlere Biobetriebe, die expandieren wollen. Stattdessen werden die letzten arrondierten Flächen an jene vergeben, die schon in der Vergangenheit es verstanden, sich ihre Pfründe zu sichern. Die ehemalige PDS, heute Linkspartei, hat damals gleich nach der Wende alles dafür getan, gerade in Brandenburg einen neuen roten Agraradel zu schaffen, bei dem das Gros der LPG-Beschäftigten zugunsten der ehemaligen und neuen Dorfkaiser nur noch durch die Finger blicken konnte.Es sind diese ansässigen Neo-Großagrarier, die nun noch mehr Flächen haben wollen – und zwar wie gewohnt zu Vorzugspreisen,weniger als die ach bösen Holdings von “außerhalb” in den deutschen Steuertopf zu zahlen bereit sind.

    • 28. Januar 2013 um 14:30 Uhr
    • F. Siebert
  9. Kommentar zum Thema

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