Ostdeutschland ist anders. Wir schreiben drüber.

Landräte wollen Thüringen auflösen

Von 5. Februar 2013 um 09:28 Uhr

Dass Menschen aus Ostdeutschland vor allem aus wirtschaftlichen Gründen in den Westen abgewandert sind und weiter abwandern, ist ja schon ausgiebig erörtert worden. Wer im Osten keine Arbeit findet oder keine Ausbildungsstelle, versucht sein Glück im Westen.

In Thüringen droht nun eine neue, politisch motivierte Abwanderungswelle, die den Fortbestand des Bundeslandes gefährden könnte. Weil das Land im Jahr 2050 voraussichtlich nur noch 1,8 Millionen Einwohner haben wird (heute sind es noch rund 2,2 Millionen) und die Einnahmen der Staatskasse spätestens nach dem Auslaufen des Solidarpakts auch geringer werden, diskutiert man über eine Verwaltungs- und Gebietsreform. Größere Landkreise und eine schlankere Verwaltungsstruktur sind zwei wesentliche Vorschläge, die jetzt eine vom Land eingesetzte Expertenkommission vorgelegt hat.

Das sorgt für Empörung – vor allem in den Landratsämtern. Weil so manche Landrätinnen und –räte um keinen Preis mit dem – jeweils angeblich ärmeren – Nachbarkreis fusionieren wollen, drohen sie mit kollektivem Übertritt ins westdeutsche Nachbarland. So schwadronierte der Landrat des Eichsfeldkreises, Werner Henning, über eine Abwanderung nach Niedersachsen, während die Landräte der Südthüringer Kreise Hildburghausen und Sonneberg, Christine Zitzmann und Thomas Müller, mit dem Wechsel ihrer kleinen Reiche nach Bayern liebäugeln. Denn sie wollen auf keinen Fall, wie von den Experten vorgeschlagen, die derzeit noch kreisfreie und ziemlich hoch verschuldete Stadt Suhl als Kreisstadt aufgedrückt bekommen.

Wenn das so weitergeht, droht Thüringen der Zerfall. Der Wartburgkreis könnte nach Hessen wechseln, der Kreis Nordhausen nach Niedersachsen und noch einige weitere Landkreise nach Hessen beziehungsweise Bayern. Der Kyffhäuserkreis und das Altenburger Land hätten schlechtere Karten. Ihnen steht nur der Weg nach Sachsen-Anhalt beziehungsweise Sachsen offen (wobei die Altenburger ohnehin mal Sachsen waren). Es sei denn, es fände sich ein westdeutsches Bundesland, das diese Kreise sozusagen als Exklave übernehmen würde. Hamburg zum Beispiel.

Diese Absetzbewegungen lassen die von Thüringer Touristikern gerne beschworene Identität der Menschen im “grünen Herzen Deutschlands” in einem anderen Licht erscheinen. Wenn’s um Geld geht, hört der Spaß am Thüringer-Sein schnell auf. Bloß nicht die Schulden des Nachbarn mitbezahlen. Allerdings sollten die abwanderungswilligen Landräte vielleicht mal ihre Wunschnachbarn im Westen fragen, ob die wirklich Bock auf ihre Ost-Nachbarkreise haben. Bayern will immerhin die “Asylanträge” aus Südthüringen wohlwollend prüfen. Aber warum wandern die Landräte eigentlich nicht allein aus? Man muss doch nicht gleich einen ganzen Landkreis mitnehmen, nur weil man um seinen Posten fürchtet.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Abwandern nach Bayern, was in der Gegend Franken ist, Hessen, Sachsen-Anhalt und Sachsen: Was haben die Thüringer für Möglichkeiten, ihre Identität zu verkaufen! Ein Hoch auf die mittelalterliche Kleinstaaterei!

    In Mecklenburg-Vorpommmern ist im Norden die Ostsee, im Osten Polen und im Süden viel Brandenburger Wald. So muss man sich selbst helfen. Oder auswandern und das Heimweh ertragen. So geht es uns schon über 1000 Jahre.

    • 5. Februar 2013 um 10:03 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  2. 2.

    Es tut mir leid, aber ihr habt nicht begriffen. Die Sonneberger waren immer Franken. zu DDR-zeiten wurden andere bevorzugt und Sonneberg war bis 1972 Sperrgebiet. Sonneberg löst sich von einer anerzogenen ostdeutschen Jammer-Identität und bekennt sich zu seinen Wurzeln. Lasst das Volk abstimmen. Die fränkische Bevölkerung ist für den Übertritt. Eine Verunglimpfung der Landräte zeigt nur , welchen Geistes Kind der Autor ist: Er hat nicht begriffen und schreibt über eine Gegen die er nicht kennt!

    • 5. Februar 2013 um 11:48 Uhr
    • Franke
  3. 3.

    @ Franke: Der Autor kennt die Gegend sehr gut, er stammt aus Thüringen und hat schon die letzte Gebietsreform in Thüringen in den 1990er Jahren, als einige Landkreise zusammengelegt wurden, als Journalist begleitet. Damals bekam der Landkreis Sonneberg ja eine Extrawurst gebraten, obwohl er schon damals eigentlich nicht groß genug war für eine weitere Eigenständigkeit. Viele Grüße, Dirk Reinhardt

    • 5. Februar 2013 um 12:08 Uhr
    • Dirk Reinhardt
  4. 4.

    Nun, der wohlhabende Bräutigam muss auch Ja sagen und eine Mitgift der heiratswilligen Braut in Form von Schulden ist nicht gerade optimal, ihren Stolz in allen Ehren. Und die Bayern, die das Frankenland verwalten, sind auf neue Bettler aus dem Osten gerade nicht gut zu sprechen. Ihnen liegen schon Berlin und Sachsen schwer im Magen. Am Ablegen der ostdeutschen Jammermentalität muss wohl noch etwas gearbeitet werden.

    • 5. Februar 2013 um 15:20 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  5. 5.

    Warum sollten die Altenburger einmal “Sachsen” gewesen sein? Das Gebiet gehörte zwar während der DDR zum Bezirk Leipzig, war davor aber als ernestinisches Gebiet “Sachsen-Altenburg” Gründungsstaat des Landes Thüringen. Natürlich kann man argumentieren, dass das heutige Sachsen, die ehemalige preußische Provinz Sachsen und Thüringen als wettinische Gebiete zusammengehören. Das beträfe dann aber längst nicht nur Altenburg…

    • 5. Februar 2013 um 16:09 Uhr
    • haggard
  6. 6.

    lol…Mensch Siegfried, in deinem Post sehe ich aber nur Westdeutsche herum heulen wegen des Solidarpaktes. Und wenn die Ostdeutschen einfach wieder auf die Fleischtopfseite wechseln wollen, ist das eine ganz normale fiskalpolitische Entscheidung. Man kann auch sagen: Clever. Ich kann da keine Jammerei entdecken, sondern ordentliches Kalkül. Aber es wird mir schleierhaft bleiben, was Verwaltungsgrenzen mit Identität zu tun haben soll? Mit ist doch völlig Wurscht, ob der hoch dotierte Landrat in Coburg, Zwickau, Göttingen oder Bad Hersfeld sitzt und nach Thüringen reinregiert.

    • 5. Februar 2013 um 16:26 Uhr
    • Nimrod Jäger
  7. 7.

    @ Nimrod Jäger

    “…wenn die Ostdeutschen einfach wieder auf die Fleischtopfseite wechseln wollen.”

    Die Ostdeutschen befinden sich auf der Fleischtopfseite, auf Kosten der Westdeutschen. So sehen es viele Bewohner der westlich und südlich gelegenen Bundesländer Thüringens jedenfalls.

    “Mir ist doch völlig Wurscht, ob der hoch dotierte Landrat in Coburg, Zwickau, Göttingen oder Bad Hersfeld sitzt und nach Thüringen reinregiert.”

    Wenn das so egal ist, kann er auch in Peking sitzen.

    • 7. Februar 2013 um 08:29 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  8. 8.

    Siegfried, wir können einfach nicht genug bekommen. So ist das eben. Was ist daran so unverständlich? Es wurde uns doch Anfang der Neunziger von vielen Westdeutschen so vorgemacht, die unsere Häuser, ganze Innenstädte und unsere Wälder, Wiesen und Auen, unser Land für ein Appel und ein Ei übernahmen und nun soll es für uns plötzlich nicht mehr gelten, wenn wir den Saldo wieder ausgleichen wollen? Ha ha ha

    “Die Geister, die ich rief, werd’ ich nun nicht los.” Ein hessischer Emigrant, den es nach Thüringen verschlug, hat’s schon damals erkannt. ;-)

    • 11. Februar 2013 um 14:37 Uhr
    • Nimrod Jäger
  9. Kommentar zum Thema

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