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Dorfkonsum und “Bürgerkoffer”: Wir machen den Osten zum Paradies für West-Rentner

Von 19. Februar 2013 um 11:48 Uhr

Die Gemeinde Steigerthal in Nordthüringen will ihren Dorfkonsum wiederbeleben. Der kleine Laden steht seit einiger Zeit leer, teilte die Stadt Nordhausen, zu der Steigerthal gehört, jüngst mit. Und Ortsteilbürgermeisterin Jutta-Karin Busch lockt Interessenten mit dem Käuferpotenzial im Ort: “Nicht alle Einwohner wollen oder können den Weg bis Nordhausen zum Einkaufen auf sich nehmen.” Weil sie alt und nicht mehr so mobil sind, meint sie wohl damit.

Steigerthal wendet sich gegen einen Trend, der vielerorts in Deutschland zu beobachten ist. Die Abwanderung junger Menschen in urbane Zentren sorgt vor allem in ländlichen Gegenden für Einwohnerschwund. Es bleiben die Alten und weniger mobilen zurück. Nach den jungen Leuten wandern auch der Dorfladen, die Post, der Fleischer und der Bäcker ab, irgendwann macht auch die Kneipe zu.

Das ist kein spezifisch ostdeutsches Problem, aber vor allem eines des Ostens. Denn hier wächst der Altersdurchschnitt der Bevölkerung schneller als im Westen, vor allem wegen der Abwanderung. Und wenn die Kunden nicht mehr zu den Läden oder Ämtern fahren können, müssen diese eben zum Kunden kommen, lautet das Gebot der Stunde. Mobile Bäcker und Fleischer touren schon seit Längerem übers Land, und in einigen Regionen Sachsens folgt ihnen mittlerweile die Dame vom Amt – mit dem “Bürgerkoffer” in der Hand. Dieses kleine mobile Rathaus besteht im Wesentlichen aus einem Notebook, einem Fingerabdruck-Scanner und noch anderen Gerätschaften, mit denen die Amtsmitarbeiterin Dokumente ausstellen und beglaubigen und Anträge bearbeiten kann. Den neuen Reisepass und gelbe Säcke bringt sie bei Bedarf auch noch mit. Wie man in der Sächsischen Zeitung jüngst lesen konnte, ist die Resonanz auf das Angebot gut. Eine Ausweitung des Projekts ist geplant, ist dazu aus dem Justizministerium zu hören.

Der kleine Dorfkonsum und das mobile Rathaus – das ist die Lösung für Ostdeutschland und seine schwache Wirtschaft. Mit solchen Angeboten kann sich der Osten ganz auf älteres Publikum (auch aus dem Westen) einstellen. Ein Rentnerparadies, in dem alles Notwendige bis an die Haustür gebracht wird. Dann ziehen irgendwann die begüterten Rentner aus München und Frankfurt am Main nicht mehr nur nach Weimar, weil man da vergleichsweise preiswert beim großen Goethe um die Ecke wohnen kann, sondern vielleicht auch nach Steigerthal in Thüringen und nach Radefeld in Sachsen. Und weil diese begüterte Kundschaft betreut und gepflegt werden möchte, gibt es auch Arbeitsplätze und Einkommen für junge Menschen im Osten. Also liebe Senioren aus Westdeutschland: Fassen Sie sich ein Herz und siedeln Sie um nach Ostdeutschland. Wir pflegen Sie!

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    “Dann ziehen irgendwann die begüterten Rentner aus München und Frankfurt am Main nicht mehr nur nach Weimar…”

    Rentner aus München und Frankfurt müssen nicht unbedingt begütert sein. Auch Unbegüterte suchen sich bereits im Osten ein Fleckchen Erde für den Lebensabend, vielleicht mit Katze, einigen Hühnern und einem Schwein, um diesen andauernden Lebensmittelskandalen aus dem Wege zu gehen.

    Ja, und die entsprechende Basisbetreuung ist schon unterwegs. Leben ist Veränderung.

    • 19. Februar 2013 um 13:51 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  2. 2.

    Was ich an der Logik nicht verstehe: warum sollten die Renter aus Muenchen in die ostdeutsche Provinz ziehen? Ich dachte, dass “Problem” ist, dass die Leute ihre vertraute Umgebung nicht verlassen wollen (was ihr sehr gutes Recht ist), aber in der Umgebung dringend notwendige Dienstleistungen nicht mehr vorhanden sind.
    Die Rentner in Muenchen wollen doch sicherlich auch da bleiben, wo sie sind, und koennen es sehr gut, dank der umfassenden Grossstadt-Versorgung. Wenn sich der (z.B. bayrische) Rentner schon auf den Weg machen will, weil er eine bessere Versorgung wuenscht – warum sollte er dann ausgerechnet ins naechste (z.B. brandenburgische) Dorf ziehen?

    Das Argument mit den Lebenshaltungskosten und dem allgemeinen Grossstadt-Verdruss verstehe ich selbstverstaendlich, ich finde nur die Argumentation des Artikels etwas eigen…

    • 19. Februar 2013 um 18:46 Uhr
    • polymorph
  3. 3.

    Der Osten ist doch schon jetzt der Friedhof Deutschlands. Warum also nicht noch alle alten Menschen dorthin abschieben. Super Idee.

    • 19. Februar 2013 um 18:50 Uhr
    • bzwei
  4. 4.

    Auch mobile Sparkassen gibt es, sodass man Überweisungen et cetera direkt vor Ort tätigen kann.

  5. 5.

    Na, wenn der Service geleistet werden kann und gut ankommt, könnte sich da durchaus eine win-win-Situation entwickeln. Der strukturschwache Osten auf der einen und nachfragende Senioren auf der anderen Seite könnten davon profitieren.

    Warum nicht? Der Osten hat wunderschöne Städte und Landschaften. Überdies nach meinen Erfahrungen auch viele freundliche Menschen, die noch nicht so abgehoben und gestresst sind. Ein Versuch scheint mir das allemal wert zu sein.

  6. 6.

    Wer soll die Alten denn pflegen es sind ja kaum noch junge Leute da die in der Pflege arbeiten wollen. Wenn schon dann sollte es heissen Alte kommt nach Ostdeutschland und Pflegekräfte kommt aus Osteuropa in unser riesieges Altenpflegeheim Namens ExDDR. Und noch mehr Alte ziehen den Altersdurchschnitt noch weiter nach oben wer will denn da als junger Mensch noch Leben.

    • 19. Februar 2013 um 19:36 Uhr
    • lamara
  7. 7.

    Warum soll man schon zu Lebzeiten auf den Friedhof des platten Landes (egal ob Ost oder West) ziehen? Eigentlich ist es andersherum wahrscheinlich besser, im Alter gehts in die (große) Stadt, wo man alles erreichbar hat.
    Ich könnte ja noch verstehen, wenn man (kulturelle Kompatibilität vorausgesetzt) Preisvorteile von gutsanierten Wohngegegenden in Leipzig, Erfurt usw. wo der tägliche Bedarf an allem gesichert ist, mitnimmt. Aber dorthin ziehen, wo übermorgen keiner mehr wohnt und das ganze mobile Angebot schneller weg ist als es da war? Nie im Leben.

  8. 8.

    Ob sie wollen oder nicht,- sie müssen.
    Bei den Lebenshaltungskosten, und vor allem den Mieten in Städten wie München, Hamburg oder Frankfurt, bleibt vielen immer häufiger keine Wahl.
    Und wer Sie pflegt?
    Schon im Jahre 2000 herrschte der damalige Sozialdezernent der Stadt Dortmund, die Kunden/Klienten eines örtlichen gemeinnützigen Pflege – und Assistenzdienstes für Schwerstbehinderte – gegen besseres Wissen – an,” Holt euch doch für 15 Mark `nen Polen.
    Das erinnert an die ostpreußischen Klein-Adligen, die permanent pleite waren und dies mit stärkerer Ausbeutung der Bauern kompensierten.
    Wenn´s die Polen nicht mehr zu Dumping-Löhnen machen, nimmt man Rumänen und und und.

    • 19. Februar 2013 um 20:25 Uhr
    • mirido
  9. Kommentar zum Thema

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