Ein Blog über Islamismus und Islamophobie, Nahost und Neukölln, virtuell und analog

Die perfide Rhetorik von Pro Deutschland

Von 21. August 2013 um 13:38 Uhr

Heute Vormittag war ich bei einer Kundgebung im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Dort hat die Bürgerbewegung Pro Deutschland gegen das neu eröffnete Flüchtlingswohnheim agitiert. Die gute Nachricht ist, dass neben den vier Rednern nur sechs oder sieben Zuhörer gekommen waren. Auf der anderen Straßenseite fand außerdem eine Gegendemonstration mit schätzungsweise 60 bis 70 Teilnehmern statt.

Trotzdem war die Kundgebung bedrückend – vor allem wegen ihrer Empathielosigkeit. In der Flüchtlingsunterkunft sollen unter anderem Syrer untergebracht werden, die aus einem brutalen Bürgerkrieg geflohen sind. Und was fällt dem Berliner Landesvorsitzenden von Pro Deutschland, Lars Seidensticker, dazu ein? Er wolle keine “Deserteure” im Land. Wörtlich: “Wir wollen keine Fahnenflüchtigen, die eisessenderweise auf dem Ku’damm spazieren”, während in Syrien gekämpft werde. Er nannte die Flüchtlinge auch “Vaterlandsverräter”, die ihr Land und ihre Familien im Stich gelassen hätten.

Ich wünsche niemanden, je einen Bürgerkrieg miterleben zu müssen, auch nicht Lars Seidensticker. Aber ich würde mir wünschen, er hätte einmal mit syrischen Flüchtlingen gesprochen. Ich habe das getan, an der türkischen Grenze, an der jordanischen Grenze, auch in Deutschland. Massenvergewaltigungen, Folter, Hinrichtungen, willkürliche Erschießungen, Luftangriffe auf Zivilisten, Scharfschützen in den Städten: Fast alle haben das eine oder das andere oder alles davon erlitten oder bezeugt. Lars Seidensticker würde in so einer Situation natürlich nicht fliehen, sondern mutig zur Waffe greifen, nehme ich an.

Pro Deutschland nimmt für sich in Anspruch, nicht rechtsextrem zu sein. Es gab schon gerichtliche Auseinandersetzungen zu dieser Frage, ich will sie hier gar nicht behandeln. Nur so viel: Eine derart perfide, jeder Anteilnahme unfähige Rhetorik spricht für sich.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    BRAVO

  2. 2.

    Das perfide daran finde ich dass Sie darüber berichten. 6-7 Zuhörer sprechen für sich, die werden es wohl auch nie lernen. Deshalb ist dieser Bericht nicht unnütz, ich würde ihn sogar als Werbung für die Partei “Pro Deutschland” sehen, die so eine Platform wie die Zeit Online sonst wohl nie bekommen würde. Also das nächste Mal vielleicht das Sommerloch nicht mit sinnloser (Negativ-) Werbung füllen und genau das Gegenteil erreichen von dem was man eigentlich will….

  3. 3.

    Ich denke dass Hass eine harte Droge ist. Wir brauchen hier nicht sachlich zu diskutieren, es geht um etwas Anderes. Manche Menschen brauchen Das, den Kick wenn man sich über eine Randgruppe aufregt, morgens, mittags und abends. Da pumpt das Adrenalin so schön, der Blutdruck steigt, etc… Da helfen wohl am ehesten die Instrumente der Drogenberatung, logisch kann man diesen Menschen nicht kommen.

  4. 4.

    Warum demonstriert Pro Deutschland nicht vor den Fabriken, in denen Werksvertragsarbeiter aus Rumänien oder Bulgarien für einen Hungerlohn schuften und unsere Arbeitsplätze kaputt machen?
    Haben die Angst, sie demonstrieren vor den Unternehmen Ihrer Geldgeber?

    Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, Flüchtlingen aus Bürgerkriegsgebieten Asyl zu gewähren – oder gewähren zu wollen, dann finde ich das extrem beschämend!

  5. 5.

    Warum nennen diese Leute sich eigentlich “Pro-Deutschland”? Ihre Ziele sind doch klar Anti-Deutschland.

  6. 6.

    Bitte hören Sie nicht auf, diese Rattenfänger als das darzustellen, was sie hinter ihren bürgerlichen Masken zu verbergen versuchen – braune Fratzen

    • 21. August 2013 um 16:07 Uhr
    • Lemaiti
  7. 7.

    Pro Deutschland nicht rechtsextrem, Pro NRW nicht rechtsextrem, Die Freiheit nicht rechtsextrem.

    Das Schöne ist, dass unsere Gesellschaft sich zumindest teilweise so wehrhaft gezeigt hat, dass das label “rechtsextrem” nichtmal von denjenigen getragen werden möchte, die sich das zu anderen Zeiten stolz auf die Fahnen geschrieben hätten.
    Ob einer von diesen oder ähnlichen Gruppierungen nun wirklich rechtsextrem ist und den Hund einfach nur Katze nennt, sei mal dahin gestellt. Ich für meinen Teil finde das Weltbild einiger dort Beteiligter auf jeden Fall recht… extrem.

  8. 8.

    Fällt eine derartige Empathielosigkeit nicht schon unter den Begriff “Soziopathie”?

    In jedem Falle ein ziemlich ekliges und würdeloses Verhalten.

  9. Kommentar zum Thema

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