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Kommt ein Imam in eine Kirche…

 

… dann gibt es mittlerweile immer öfter Ärger. Zuletzt im pfälzischen Hambach, als während einer Anti-Kriegsmesse ein islamischer Gebetsruf erklang. Für selbsternannte “Islamkritiker” ein Anlass zur Hysterie.

Nicht mehr als 8.960 Untertanen der britischen Königin dürfen den Titel Commander of the most excellent Order of the Britisch Empire tragen, einer von ihnen ist der walisische Komponist Karl Jenkins, dem der Titel 2010 verliehen wurde. Jenkins hat noch andere Auszeichnungen erhalten, aber eine weitere wichtige ist zweifellos, dass sein Werk The Armed Man 2008 in einer Top-10-Liste des Senders Classic FM von Stücken lebender Komponisten auf dem ersten Platz landete.

The Armed Man ist Jenkins’ bekanntestes Stück. Es ist eine “Messe für den Frieden”, wie sie auch im Untertitel heißt. Seit der Uraufführung im Jahr 2000 ist sie Hunderte Male in der ganzen Welt aufgeführt worden; von Profis und von Amateuren. Eine der letzten Aufführungen fand am vergangenen Wochenende statt – in Neustadt-Hambach in der Pfalz.

Allerdings stiftete sie keinen Frieden.

Der Grund dafür ist knapp über zwei Minuten lang. Denn das Stück sieht vor, dass der islamische Gebetsruf vorgetragen wird. Das gesamte Werk befasst sich mit der Frage von Krieg und Frieden und der Rolle der Religion in beidem. Jenkins widmete das Stück seinerzeit den Opfern des Kosovo-Konflikts. Es folgt der Struktur einer klassischen christlichen Messe, enthält aber auch Überblendungen und Einschübe – darunter eben jenen Gebetsruf, der mit den bekannten Worten “Allahu Akbar” beginnt.

Im Sommer dieses Jahres hatte die Leiterin der Kantorei der Pauluskirche von Neustadt-Hambach die Idee, das Werk in dem Gotteshaus aufzuführen. Für den Gebetsruf, den Adhan, bat man den Imam einer benachbarten Moschee um seine Teilnahme. Der sagte auch zu.

Doch je näher die Aufführung rückte, desto mehr regte sich Widerstand. Der Pastor der Gemeinde, Ludger Mandelbaum, hatte zwar die Mehrheit des Gemeinderates hinter sich; er hatte zusätzlich die Unterstützung des Landeskirchenrates Speyer eingeholt. Und auch der Islambeauftragte der Landeskirche sah kein Problem, wie die Südwestdeutsche Zeitung berichtete.

Aber eine Woche vor der Aufführung wurden am Rande des Gottesdienstes Flugblätter verteilt, in denen es der Zeitung zufolge unter anderem hieß, in dem “scheinbar friedlichen” Gebetsruf seien “Intoleranz, Ausgrenzung und auch Gewalt programmiert”. Presserechtlich verantwortlich zeichnete der einschlägige “Islamkritiker”, Wilfried Puhl-Schmidt.

Ähnlich sieht das Hertha Jene, die für den Tag der Aufführung eine Mahnwache anmeldete.

Ich habe am Dienstag mit Jene telefoniert. Sie sagt, sie treibe vor allem die Christenverfolgung in islamischen Ländern um. Aus Respekt vor diesen Opfern habe der islamische Gebetsruf “keinen Platz in der Kirche”. Außerdem sei die Übersetzung der Worte “Allahu Akbar” im Programmheft mit “Gott ist groß” eine “Schönfärberei”; Allah dürfe man nicht einfach mit Gott übersetzen. Und überhaupt: “Allahu Akbar ist der Schlachtruf vor und nach mörderischen Aktionen der Muslime gegen Juden und Christen.”

Dass viele hundert Millionen Muslime jeden Tag mehrmals Allahu Akbar sagen, ohne irgendjemanden zu verfolgen, ficht sie nicht an. Der Kirche wirft sie unterdessen “Lüge” vor. Sie verstricke sich in Schuld, “genau wie ’33: Damals haben sie Heil Hitler gerufen, heute ist es ähnlich.”

Jene scheint am Islam und den Muslimen grundsätzlich weniges Gutes erkennen zu können. Sie sagt auch, es falle ihr schwer, zwischen Radikalen und gewöhnlichen Muslimen zu differenzieren. Der Koran richte sich ja an alle Muslime gleichermaßen, und er enthalte zahlreiche Gewaltaufrufe. Die meisten Muslime sehen das freilich etwas anders. Und sie handeln auch anders.

Die Mahnwache, die Jene anmeldete, fand denn auch statt, direkt vor der Kirche. Es gibt im Netz Bilder davon. Auch zum Christentum konvertierte Ex-Muslime hatten sich eingefunden. Auf den Plakaten stand zum Beispiel “Allah ungleich Gott” oder “Alle drei Minuten stirbt ein verfolgter Christ”. Aber auch mindestens ein Vertreter der zum Rechtsextremen tendierenden “German Defence League” war dabei. Mit der, betont Jene, wolle sie natürlich nichts zu tun haben. Und stören hätten sie und ihre Mitstreiter das Konzert auch nicht wollen.

Es ist ein freies Land, die Mahnwache war genehmigt, und nicht jeder muss es gut finden, wenn ein Imam in einer Kirche auftritt.

Trotzdem gebe ich gerne zu, dass mich das schon verstört. Es ging schließlich um eine Friedensmesse. Und was hat der Imam der Stadt mit Christenverfolgung zu tun?

Auf dem islamophoben Internetportal Politically incorrect sieht man das naturgemäß anders. Hier wurde die Aufführung ausgiebig vor- und nachbereitet. Denn auf PI ist jeden Tag Weltuntergang. Oder zumindest Untergang des Abendlandes.

Entsprechend findet sich in den Kommentarspalten, wie stets bei solchen Anlässen, die übliche Mischung aus Rassismus und Verbalradikalismus. Hier ein paar Beispiele:

“Das geblöke eines Muezzins läßt mich jedesmal spekulieren, ob noch Hirn drin ist.”

“Dieser Windelbrüllaffe ist die Härte!”

“Die Evangelisch-Lutherische Kirche hat sich selber abgeschafft, erstens hat sie den Kirchengründer Martin Luther verraten und verkauft und zweitens hat sie Jesus Christus und alle Heiligen der Kirche verraten und verkauft. Pfui Teufel.”

“Danke an alle, die vor der Kirche standen und sich für die Wahrheit einsetzen. Dazu gehört in einer Zeit der Islamisierung Europas wieder Mut. Die Bedrohung der Existenz bei Islamaufklärern ist mittlerweile real. Nicht nur durch den drohenden Islam sondern auch von Seiten unserer Eliten in Politik, Medien und Deutschen Bischöfen.”

“Austreten bevor noch schlimmeres geschieht und man direkt als ein Volksverräter in die Geschichte eingeht! Wie damals bei den Nazis…..”

Selbstverständlich verzichteten die Diskutanten nicht darauf, Telefonnummer und E-Mail-Adresse des Pastors zu veröffentlichen. “Es ist nicht schön”, sagte Ludger Mandelbaum mir am Dienstag. 150 E-Mails hat er mittlerweile bekommen, “einige beleidigend”, wieder andere nehme er als Pastor durchaus ernst. Fünf Anrufe erhielt er am Dienstag, “von empört bis Austrittsdrohung”.

Vor Ort hatte es laut Mandelbaum deutlich mehr positive als negative Rückmeldungen gegeben. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen, die Zeitung fand das Konzert berührend.

Auf Politically Incorrect werden derweil Daten und Orte herumgereicht, an denen The Armed Man als nächstes aufgeführt werden soll.

Es könnte also künftig etwas mehr Mut erfordern, ein weltberühmtes, auf den Frieden zwischen den Menschen ausgerichtetes Musikspiel zur Vorführung zu bringen. Hoffentlich wird es richtig oft gespielt.

PS: Der oben stehende Text bildet den Stand vom Dienstagnachmittag ab. Am späten Dienstagabend nahm er eine weitere Wendung. Denn Pastor Mandelbaum antwortete auf eine E-Mail aus dem PI-Umfeld. Ich dokumentiere seine Antwort hier, weil ich sie bemerkenswert finde.

“Seit 2002 werden Jahr für Jahr Vertreter aller Religionen nach Assisi zu einem Gebet für den Frieden eingeladen, um alle jene zu isolieren, ‘die den Namen Gottes für Zwecke und mit Methoden mißbrauchen, die ihn in Wahrheit verletzen’. Karl Jenkins setzt sich mit seiner Friedensmesse für Toleranz ein. Er erinnert mit seinem Werk daran, welche Folgen ein mangelndes Verständnis zwischen den Kulturen und Religionen hatten und haben können. Wenn ein Muslim im Rahmen des Werkes seinen Gebetsruf singt, bringt er zum Ausdruck, was er von Gewalt im Namen der Religion hält – nämlich nichts.

Vor dem Konzert hat es eine Mahnwache gegeben von Menschen, zum Teil von Mitchristen, die darauf aufmerksam machen wollen, wie es manchen Christen zur Zeit in der muslimischen Welt ergeht, in Syrien, in Ägypten, in Malaysia. Ich nehme das wahr und ernst. Es zwingt mich als Pfarrer über unser Verhältnis und unser Gespräch mit muslimischen Menschen nachzudenken. Beten wir zum gleichen Gott? Das ist eine offene Frage. Aber eins weiß ich, nur wenn wir friedlich miteinander umgehen, offen werden, um zu hören, was den anderen im Inneren bewegt, werden wir eine Antwort bekommen. Am Ende kann nur Gott selbst uns eine Antwort schenken.

Es tut mir sehr leid, dass einige, darunter auch sehr ernsthafte Christen, sich durch die Friedensmesse mit dem muslimischen Gebetsruf in unserer Kirche beschwert fühlen. Für mich sind in diesen Tagen um und nach der Aufführung der Friedensmesse Wort Jesu nach dem Lukasevangelium leitend:

Lukas 6,27 Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. 28 Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln.

In diesem Sinne grüße ich Sie…!”

Mandelbaums E-Mail landete natürlich umgehend auf Politically Incorrect – was eine neuerliche Welle von Kommentaren nach sich zog. Hier eine Auswahl der Schmähungen: “Erdnusskopf”, “Wer hat denn dem ins Gehirn gesch…?”, “Was für eine Heuchelei, Herr Pfarrer Mandelbaum!”, “Es müssen auch mal Taten erfolgen anstatt immer nur heuchlerisch sein Mitleid ausdrücken. Widerlich solche Menschen, und eine Ohrfeige für die orientalischen Christen”, “Antrag auf Einweisung”, “ein Zeichen von Hirnlosigkeit”.

50 Kommentare

  1.   Susi Blank

    Ich grüße Pfarrer Mandelbaum (fast) pünktlich zum Reformationstag und freue mich über seine lutherische Aufrichtigkeit gegenüber dem Irrsinn in der Welt.


  2. Es wir mir immer ein Rätsel bleiben, wie man gegen eine Anti-Kriegsmesse sein kann und nicht einfach still vor sich hin für Frieden betet, unabhängig an welchen Gott man glaubt.

    Von hier aus: Danke an alle, die diese Anti-Kriegsmesse ermöglicht haben. Ich wünsche mir, diese Messe würde auch in meiner Heimatstadt aufgeführt werden können.

  3.   Oli K

    Dass all jene, die dem Islam hier pauschal Intoleranz, Menschenfeindlichkeit und Hasspredigt vorwerfen, selbst nicht merken, dass sie kaum besser sind… fragt sich, wer die wahren ” Erdnussköpfe” sind. Respekt an Herrn Mandelbaum für seinen Kommentar!

  4.   !wrdlbrmpft!

    Herzliche Grüße an Herrn Mandelbaum.
    Ich bin wort-, hilf- und fassungslos angesichts dessen, was in letzter Zeit (oder war die Welt schon immer so wahnsinnig?) von braven Gläubigen zu hören ist. Anscheinend ist Hass so etwas wie ein bequemes Orientierungsinstrument in einer Welt, in der immer der Andere der Mörder und Verbrecher ist, aber nie das, was er in erster Linie ist – ein Mensch, wie man selber. Und für einen Gläubigen doch noch mehr als das – ein Mensch, von einem Gott geschaffen, der anscheinend die Vielfalt liebt.

  5.   TDU

    Genauso wie diese Ansammlung von Kleingeistern und Menschenverächtern wird es bei den Muslimen welche geben, die diesen Ausfruf in einer christlichen Kirche als eine kleinen Schritt zur großen Macht werten.

    Man ignoriere die Einen wie die Anderen, bzw. mache ihnen klar, dass gerade wegen der Unterscheide Frieden das Ziel aller Gläubigen sein muss.


  6. “Sie sagt auch, es falle ihr schwer, zwischen Radikalen und gewöhnlichen Muslimen zu differenzieren.”

    Es ist doch bezeichnend, wenn jemand überhaupt nicht erst den Versuch anstellt die über eine Milliarde Menschen zu unterscheiden.
    Das ist so, als würde ich Metzger, Chirurgen und Mama, die mir das Pausenbrot für die Schule schmiert allesamt attackieren, da sie ebenso ein Messer in der Hand halten wie der gelegentliche Mörder, den man in den Nachrichten gesehen hat.

    Solch eindimensionale Menschen, egal ob (radikale) Rechte, Linke oder Islamisten halte ich für gefährlich, da sie eben prinzipiell nur den Mörder in allen sehen und meinen Feuer mit Feuer bekämpfen zu müssen. Sie wähnen sich in einem ständigen Kampf, leben tagtäglich mit einem brennenden Hassgefühl und radikalisieren sich gegenseitig immer weiter und weiter, bis…

  7.   Hakan

    “Allah ungleich Gott”????? Das die Orientalischen Christen, AUCH das wort Allah benutzen ,wird bei den so genannten “Islam Kritikern” meistens ausgeblendet…….. Die Arabischen Christen haben es sogar benutzt ,lange bevor es den Islam gab! Mann stelle sich mal vor wie die Lateiner sich wohl aufregen würden, wenn das wort “Gott” statt “Deus”,”Dieu” ,”Dios” etc benutzt wird? Komisch aber auch das dieselben menschen die Christenverfolgung anprangern aber gleichzeitig im Osten von Berlin gegen ihre aufnahme in Asyl heimen protestieren………


  8. Ich denke, dass mit dem Vorwurf der “Islamophobie” zu inflationär umgegangen wird, ohne die Ursachen für die Ablehnung dem Islam gegenüber zu hinterfragen, die andere nicht-christliche Glaubensrichtungen nicht betrifft.

    Zum einen gibt es da die klare, nichtsdestotrotz nicht zu unterschätzende, Minderheit innerhalb der Muslime, die radikale Vorstellungen haben, welche der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit widersprüchlich gegenüberstehen. Zum Anderen sind die Muslime insgesamt merklich religiöser, als dies in der christlich-säkularen Mehrheitsgesellschaft der Fall ist. Man vergleiche den Stellenwert des Ramadans mit dem der christlichen Fastenzeit, nur um ein Beispiel zu nennen. Selbst unter sich selbst als religiös bezeichnenden Christen in Deutschland ist die in muslimischen Gesellschaften öffentlich gelebte Religiösität aufsehenerregend und fremd. Wer öffentlich religiös-konservativ sein möchte, muss schon Muslim sein um nicht komisch angeguckt zu werden.

  9.   Fritz

    Ich danke jedem, der für den Frieden eintritt, z.B. mit einer Friedensmesse. Und wenn das Christen und Muslime gemeinsam tun, um so besser. Das zeigt, dass es zumindest dort ein friedliches Miteinander gibt. Mögen sich andere ein Beispiel nehmen.

  10.   Abwaka

    Es ist doch immer wieder traurig wie viele Menschen einfach nicht nachdenken bevor sie etwas in die Welt posaunen.

    Einer Milliarde Menschen Gewalt, Hass, Mord und Inteloranz vorzuwerfen zeugt einfach von diesem Verhalten.