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Was Papst Franziskus über den Dialog mit dem Islam sagt

 

Ich habe Evangelii Gaudium, das erste päpstliche Schreiben Franziskus‘, nicht in Gänze gelesen; ich bin sicher, es gibt viele Stellen, die interessant und/oder diskussionswürdig sind.

Ich habe aber mal nachgesehen, was er zum Thema Islam zu sagen hat. Seinem Vorgänger Benedikt XVI. war es nicht gelungen, den Dialog mit dem Islam voranzutreiben. Im September 2006 hatte er, wir erinnern uns, in Regensburg eine Rede gehalten, in der ein historisches Zitat über den Islam eine Rolle spielte. Die Rede sorgte für Aufregung und teilweise Empörung in der islamischen Welt, was auch damit zu tun hatte, dass die Rede nicht leicht zu verstehen war. Die Worte des byzantinischen Kaisers Manuel II. wurden von einigen Kritikern etwa Papst Benedikt zugeschrieben. Versuche des Vatikans, das alles zurechtzurücken, gelangen nur mäßig.

Fünf Jahre später sprach Papst Benedikt vor dem Deutschen Bundestag, und sprach deutlich offener zu den Muslimen. Aber insgesamt blieb der Eindruck bestehen, dass eine Bereinigung der Beziehung zu den Muslimen der Welt nicht zu den Vermächtnissen des deutschen Papstes zählen würde – und daran änderte sich bis zu seinem Amtsverzicht auch nichts mehr.

Nun also Franziskus. Und ich muss sagen, ich finde, der neue Papst hat gute, einfache und direkte Worte gefunden, um einen neuen Anlauf zu starten. Ich zitierte die entscheidenden Absätze:

„252. In dieser Zeit gewinnt die Beziehung zu den Angehörigen des Islam große Bedeutung, die heute in vielen Ländern christlicher Tradition besonders gegenwärtig sind und dort ihren Kult frei ausüben und in die Gesellschaft integriert leben können. Nie darf vergessen werden, dass sie ’sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird‘. [198] Die heiligen Schriften des Islam bewahren Teile der christlichen Lehre; Jesus Christus und Maria sind Gegenstand tiefer Verehrung, und es ist bewunderungswert zu sehen, wie junge und alte Menschen, Frauen und Männer des Islams fähig sind, täglich dem Gebet Zeit zu widmen und an ihren religiösen Riten treu teilzunehmen. Zugleich sind viele von ihnen tief davon überzeugt, dass das eigene Leben in seiner Gesamtheit von Gott kommt und für Gott ist. Ebenso sehen sie die Notwendigkeit, ihm mit ethischem Einsatz und mit Barmherzigkeit gegenüber den Ärmsten zu antworten.

253. Um den Dialog mit dem Islam zu führen, ist eine entsprechende Bildung der Gesprächspartner unerlässlich, nicht nur damit sie fest und froh in ihrer eigenen Identität verwurzelt sind, sondern auch um fähig zu sein, die Werte der anderen anzuerkennen, die Sorgen zu verstehen, die ihren Forderungen zugrunde liegen, und die gemeinsamen Überzeugungen ans Licht zu bringen. Wir Christen müssten die islamischen Einwanderer, die in unsere Länder kommen, mit Zuneigung und Achtung aufnehmen, so wie wir hoffen und bitten, in den Ländern islamischer Tradition aufgenommen und geachtet zu werden. Bitte! Ich ersuche diese Länder demütig darum, in Anbetracht der Freiheit, welche die Angehörigen des Islam in den westlichen Ländern genießen, den Christen Freiheit zu gewährleisten, damit sie ihren Gottesdienst feiern und ihren Glauben leben können. Angesichts der Zwischenfälle eines gewalttätigen Fundamentalismus muss die Zuneigung zu den authentischen Anhängern des Islam uns dazu führen, gehässige Verallgemeinerungen zu vermeiden, denn der wahre Islam und eine angemessene Interpretation des Koran stehen jeder Gewalt entgegen.“

Dies ist die Sprache eines Menschen, der keine Berührungsängste hat, vielleicht nicht einmal ein vorgefertigtes oder endgültiges Urteil. Zugleich kehrt Franziskus Probleme nicht unter den Teppich, spricht etwa den „gewalttätigen Fundamentalismus“ an, aber auch die Beschränkungen, denen Christen in islamischen Ländern unterliegen. Ist seine Kritik daran zu brav? Ich finde nicht; ich finde sogar, dass er eine eindringliche Form gefunden hat, in die er seinen Wunsch auf Besserung kleidet – ein einfaches, aber gerade deshalb umso stärker wirkendes „Bitte!“.

Das ist in meinen Augen auch kein Kleinmachen und kein Duckmäusertum, wie ihm einige Kritiker gewiss vorwerfen werden. Es ist die Ansprache eines religiösen Führers, der eben kein Politiker ist. Ich empfinde es auch als wohltuend, wenn Franziskus eine seit einigen Jahren immer wieder zu hörende argumentative Verschränkung aufgreift und wendet. Während Politiker hierzulande zum Beispiel gern sagen, wir könnten ja über Minarette in Deutschland reden, wenn in Saudi-Arabien Kirchen erlaubt werden, sagt Franziskus: „Wir Christen müssten die islamischen Einwanderer, die in unsere Länder kommen, mit Zuneigung und Achtung aufnehmen, so wie wir hoffen und bitten, in den Ländern islamischer Tradition aufgenommen und geachtet zu werden.“

Es scheint, als habe Franziskus viel vor. Auch auf anderen Gebieten. Ich finde, auf dem schwierigen Terrain des Dialogs mit der muslimischen Welt hat er einen beeindruckenden ersten Schritt getan. Es wäre schön, wenn die islamische Seite das bemerkt und honoriert.

PS: Bitte um Entschuldigung – das Schreiben des Papstes heißt korrekt Evangelii Gaudium, nicht – wie es hier zuvor stand – Evangelium Gaudii. Mein Latein ist leider ein bisschen eingerostet.

39 Kommentare

  1.   RhetorikAnalyst

    Der Papst _bittet_. Muslimische Glaubensvertreter _fordern_.

    Ein solches Gesamtbild entsteht bei einem Menschen, der der hiesigen medialen Berichterstattung ausgesetzt ist. Das kann zwei Gründe haben:
    Die Medien berichten selektiv oder eine der zwei erwähnten Parteien fordert immerzu.


  2. Wenn ich mir die aktuellen Problemlage der katholischen Kirche in Deutschland und weltweit vergegenwärtige, dann sollten Papst Franziskus, die Kardinäle und die Bischöfe sehr gut damit zu tun haben, den „eigenen Laden“ wieder in geordnete Bahnen zu überführen.
    Das Verhältnis zum islam sollte sicherlich KEINEN vorrangigen Platz auf der Agenda einnehmen.

  3.   TDU

    Sehr gut, was der Papst sagt. Er will geben aber auch nehmen.

    Als Katholik nehme ich jeden Muslim erst mal als friedlich und behandele ihn wie jeden anderen Menschen ganz „säkular“ höflich und mit Respekt. Der Unterschied von Franziskus und Papst Benedikt mag auch darin begründet sein, dass Letzterer die Reden des türkischen Ministerpräsidenten gehört hat und die Uneinigkeit und Intransparenz muslimischer Verbände zur erlebt hat. Darauf sollte ihn ein deutscher Repräsentant vielleicht mal hinweisen. Von Haus aus wird Franziskus es vermutlich nicht kennen.

  4.   iurisAli

    Ich als Moslem finde die Formulierungen des Papstes gelungen. Nicht nur das, sondern ich stimme denen sogar zu. Es sollte Religionsfreiheit für alle Menschen auf der Welt gelten.
    Der Papst tut das einzig richtige, was man auf der Welt nur tun kann – sich durch die Gemeinsamkeiten verbunden zu fühlen, anstelle durch die Unterschiede getrennt.

  5.   Migo

    D’accord. Allerdings heißt das Schreiben „evangelii gaudium“ nicht „evangelium gaudii“: Freude am Evangelium, nicht Evangelium der Freude. Subtiler Unterschied.

  6.   Willi

    Wüsste der gute Mann was in der Bibel steht hätte bestimmt etwas anderes gesagt. Oder hat die Katholische Kirche eine andere Grundlage?


  7. Ob diese Appeaserei was bringt ist mehr als fraglich. Kein Tag an dem Christen in der islamischen Welt nicht brutalster Verbrechen ausgesetzt sind, keine Woche an dem nicht Kirchen brennen… und der Papst bittet….


  8. „Ich ersuche diese Länder demütig darum, in Anbetracht der Freiheit, welche die Angehörigen des Islam in den westlichen Ländern genießen, den Christen Freiheit zu gewährleisten, damit sie ihren Gottesdienst feiern und ihren Glauben leben können.“

    Aus diesem Satz spricht die Stimme eines Mannes, dessen Kirche nach wie vor ein Problem mit der aus der europäischen Aufklärung erwachsenen Idee der universellen Menschenrechte hat.

    Die Glaubensfreiheit der Muslime in Deutschland ist kein barmherziger Akt der Gnade. Sie ist auch kein Faustpfand in Verhandlungen mit anderen Staaten, wie es Bergoglio hier anklingen lässt. Sie ist ein Grundrecht, das jedem Menschen in Deutschland zusteht, unabhängig von seiner Religion und unabhängig davon, welches Recht in seiner Heimat oder der Heimat seiner Vorfahren gilt.

    Natürlich wäre es wünschens- und erstrebenswert, die Situation der nicht-muslimischen Minderheiten in der islamischen Welt – einschließlich der vom Islam abgefallenen Personen – zu stärken. Es wäre aber deshalb wünschens- und erstrebenswert, weil es ein Menschenrecht dieser Personen ist, das von ihren Regierungen wieder und wieder mit Füßen getreten wird!

    Ein „Bitte“ ist in diesem Zusammenhang in der Tat eine viel zu schwache Formulierung – man stelle sich nur vor, deutsche Spitzenpolitiker würden in diesem unterwürfigen Tonfall die Menschenrechtslage in China ansprechen.

  9.   Hans

    Schön, schön…
    Was werden wir noch alle über Bord werfen, um unsere geschätzten muslimischen Mitbürger zu hätscheln? Ich habe keinen Vertrag mit einer Religionsgemeinschaft, die stetig nur fordert, sich stets benachteiligt und diskriminiert fühlt, deren Anhänger aus bekannten Gründen gerne in böse westliche Staaten einwandern, sich aber nicht den „teuflischen“ Gesetzen vor Ort „unterwerfen“ wollen.
    Und nun meine eigentliche Frage: Wann geht der Islam mal auf andere Religionen zu?

  10.   Michael

    Schöner text, eine Frage habe ich: was Mohammed denn Neues gebracht? Und wir sollten die Einwanderer die Einheimischen nicht mit mit Zuneigung und Achtung begegnen?