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Wie gefährlich ist „Der Islamische Staat im Irak und Großsyrien“?

 

Seit 2006 behauptet die Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und Großsyrien (Isis), ein Staat zu sein. Seit Anfang der Woche, als Isis-Kämpfer weite Teile der nordirakischen Metropole Mosul einnahmen, ist die aus dem Al-Kaida-Netzwerk hervorgegangene Organisation diesem Ziel einen Schritt näher gekommen. Mosul ist eine Millionenstadt, sie ist das kommerzielle Zentrum des Iraks und die wichtigste Durchgangsstation auf dem Weg nach Syrien.

Der Fall weiter Teile der Stadt an die Dschihadisten hat deshalb gravierende Folgen: für den Irak, der sich zusehends in einen gescheiterten Staat verwandelt; für Syrien, weil Isis nun noch mehr Ressourcen für den Kampf dort zur Verfügung stehen; für die gesamte Region, denn das Ziel von Isis ist zum einen die schrittweise Überwindung der staatlichen Grenzen im Nahen Osten und zum anderen die Zerstörung Israels; schließlich für den Westen, weil Isis auch dort zuschlagen könnte, je stärker die Gruppe wird. Unmittelbar droht zudem ein bewaffneter Konflikt zwischen Isis und kurdischen Gruppen, die im Nordirak und in Syrien stark sind und die dortigen Kurdengebiete gegen Isis zu verteidigen versuchen werden – auch in und um Mosul selbst.

Die irakische Regierung möchte nun den Notstand ausrufen. Aber was das bringen soll, ist unklar. Die irakischen Sicherheitskräfte flohen vor den anrückenden Dschihadisten. Ob der irakische Staat Mosul zurückerobern kann, ist ungewiss; das gelang ihm schon im Falle von Ramadi und Falludscha nicht, zwei Städten, die Isis bereits seinem halben Jahr ganz beziehungsweise teilweise kontrolliert. Das Momentum ist auf der Seite der Dschihadisten, die nun einen Flickenteppich von Einflussgebieten beherrschen, der von den Außenbezirken Aleppos in Syrien bis in den Zentralirak reicht. Die Gebiete sind nicht zusammenhängend, aber dicht genug beieinander, um Isis zu gestatten, Kämpfer zwischen den beiden Ländern hin- und herzuschicken. Diese Flexibilität stärkt Isis.

Brotverteilung, Wasserversorgung, Umstellung der Lehrpläne

In Mosul erbeutete die Gruppe zudem Militärfahrzeuge in großer Zahl, dazu Waffen, die die USA an die irakische Armee geliefert hatten, womöglich sogar Helikopter und Flugzeuge (ob Isis über Piloten verfügt, ist allerdings ungewiss) und wohl auch reichlich Geld. Zu einem echten Staat macht all das Isis noch lange nicht. Aber zu einem Pseudo-Staat allemal, vielleicht sogar zu einem Proto-Staat.

Wo Isis die Kontrolle hat, führt die Gruppe regelmäßig als Erstes eine radikale Form der islamischen Rechtsprechung ein. Es folgen Brotverteilung, Sicherstellung der Wasserversorgung, Umstellung der Lehrpläne, Imam-Ausbildung, die Freilassung Gefangener. Zuletzt gab Isis sogar damit an, eine Verbraucherschutzbehörde errichtet zu haben. In den vom Bürgerkrieg verheerten Gebieten Syriens ist vielen Bürgern irgendeine Ordnung lieber als gar keine. So gewinnt Isis schleichend Unterstützung, jedenfalls unter sunnitischen Muslimen. Schiiten und Minderheiten wie Christen oder Jesiden werden von Isis unterdrückt.

Isis will möglichst große Einflusssphäre

Der Anführer von Isis ist Abu Bakr al-Baghdadi, über den man wenig weiß, außer dass er schon ein wichtiger Kader war, als Isis noch offiziell die Irak-Filiale Al-Kaidas war. Das ist Isis nicht mehr. Ideologisch ist der Unterschied gering, aber es gab ein Zerwürfnis mit dem Chef der Al-Kaida-Zentrale, Aiman al-Sawahiri, das sich vermutlich nicht mehr kitten lassen wird.

Die Kontrolle über Mosul könnte nun dazu führen, dass jene syrischen Rebellen, die sowohl gegen das Regime in Damaskus als auch gegen Isis kämpfen, weiter in Bedrängnis geraten. Denn für Isis steht weder Syrien noch der Irak im Fokus, sondern die Schaffung einer möglichst großen, zusammenhängenden Einflusssphäre, die als Operationsgebiet genutzt werden kann.

Wer kann Isis Einhalt gebieten? Weder der irakische Staat, noch die kurdischen Gruppen, noch die Isis-Gegner in Syrien sind dazu allein in der Lage, vielleicht nicht einmal alle zusammen. Also bräuchte es eine Macht von Außen. Keine Partei, sei es die Türkei, sei es der Iran, die Nato, die Arabische Liga oder die USA, hat allerdings bisher angedeutet, zu aktiven Schlägen gegen Isis bereit zu sein. Es könnte sein, dass der Fall Mossuls daran etwas ändert. Eine Konsolidierung des Isis-Gebietes ist in niemandes Interesse. Isis ist zu einer großen Gefahr für die Sicherheit des Nahen Ostens geworden.

36 Kommentare


  1. Die humanitäre Intervention zur Absetzung des Hussein-Regimes hatte einen Fehler: Trotz eines absehbar kurzen Krieges von wenigen Wochen fehlte es an der Planung für die Nachkriegszeit. Das Hussein-Regime war tödlich für das eigene Volk und eine Gefahr für die Nachbarstaaten, insbesondere Israel. Aber das Chaos, das nach Beendigung des Krieges entstand, wird immer mehr zu einer Gefahr nicht nur für den Irak, sondern die ganze Welt.


  2. Das Problem wäre wohl tatsächlich nur lösbar im Rahmen einer groß angelegten Militäroperation. Aber in den USA herrschen Kriegsmüdigkeit, von Europa ganz zu schweigen.

    Und so entwickelt sich die weitläufige Region Ostsyrien / Westirak sehenden Auges zu einem von extrem radikalen Gruppen beherrschten Gebiet – mit möglicherweise verheerenden Folgen, deren Ausläufer auch in Europa (das so weit nicht entfernt liegt) zu spüren sein könnten (Terrorismus).


  3. Nun, ich habe den Eindruck, wenn der Westen eingreift, wird es nur einen noch größeren Zulauf von auch ausländischer Dschihadisten geben. Je mehr man dagegen kämpft, desto intensiver die Bemühungen dieser Gruppen und desto bestärkter werden sie in ihrer Einstellung.


  4. Es ist beschämend, wie immer immer immer immer immer wieder mit dem Argument der Sicherheit gearbeitet wird. Sicherheit wird instrumentalisiert, um zu intervenieren.

    Die Stasi war für Sicherheit, das antikapitalistische Bollwerk, die Mauer, sollte ihre Bürger schützen, hat sie aber eingepfercht, Sadam hatte Massenvernichtungswaffen und musste zu der Sicherheit unser aller beseitigt werden, jetzt fordern Sie hier: „… Eine Konsolidierung des Isis-Gebietes ist in niemandes Interesse. Isis ist zu einer großen Gefahr für die Sicherheit des Nahen Ostens geworden. …“ mit einem Artikel, der gleich von Gefahr spricht und in gleichem Duktus daher kommt: „Wie gefährlich ist “Der Islamische Staat im Irak und Großsyrien”? “

    Hier läuft etwas schief, was mischen wir uns da unten ein? Wir verteidigen auch nicht die Sicherheit und Demokratie am Hindukusch. Es macht mich wütend, wie hier wertend und mit den Schlagworten Sicherheit und Gefahr Stimmung gemacht wird. Wie wäre eine weniger reißerische Überschrift gewesen: Ein islamischer Staat im Irak und Großsyrien, welche Auswirkungen hat das auf die Region?

    Was soll der Artikel? Yassin Musharbash, worauf wollen Sie hinaus? Was soll denn Ihrer Ansicht nach ganz konkret passieren? Über eine Antwort an dieser Stelle würde ich mich freuen.


  5. Vielleicht sollte man sich ansehen, welches Gebiet man unter Groß-Syrien versteht. Da ist dann nix mehr mit Israel.

  6.   Yassin Musharbash

    @FSonntag: Ich schreibe hier über eine Gefahr, weil ich ISIS für eine Gefahr halte. Ich fordere aber selbst keine Intervention. Ich prophezeie lediglich, dass diese Debatte womöglich nun beginnen wird. Warum fordere ich keine Intervention? Weil ich mir nicht sicher bin, was der beste Weg ist.

  7.   metzl

    Dank McCain, Obama, Bush uns Co

  8.   ernsthaft

    Das friedliche Zusammenleben von Sunniten, Schiiten, Kurden und Christen scheint nicht so recht zu funktionieren. Was lernen wir daraus ?


  9. Von wem wird denn diese Terrorgruppe Isis finanziert?

    Ich habe noch nicht recherchiert, aber ich *vermute* hier mal ganz gewagt, dass die Antwort darauf von Vielen nicht gerne gehört oder publiziert wird. Wie eigentlich immer, wenn mal wieder was schief läuft….

    Mit freundlichen Grüßen


  10. Die USA haben die Taliban gegen Russland aufgerüstet.
    Die USA rüsten die Islamisten in Syrien auf
    Israel hat die islamistische Hamas aufgerüstet
    gegenwärtig rüsteten die USA den Rechten Sektor in der Ukraine auf…

    Den USA ist jede Menschenrechtsverletzung und Verachtung der Menschen recht, wenn es um ihre Interessen geht: wenn nicht Unterwerfung, dann Chaos.

    Ich schäme mich Obama an der Siegessäule in Berlin applaudiert zu haben.

    Ich habe alle „White House News“ abbestellt.

    Ich bin enttäuscht.