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Kandidatenturnier 2016: Vishy Anand macht kurzen Prozess – Karjakin von Aronjan eingeholt

 

Sechs Runden sind beim Kandidatenturnier 2016 in Moskau absolviert und das Feld fängt langsam an, sich zu sortieren. Der Weg zum Sieg wird dieses Jahr allerdings wohl nur über Sergey Karjakin führen – der Russe agiert bisher sicher und gut vorbereitet, schlechte Stellungen sitzt er mit großer Geduld und Zähigkeit aus.

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Gegen Fabiano Caruana opferte er heute bereits in einem sehr frühen Stadium der Partie die Dame, um mit seinen verbleibenden Figuren eine Festung am Königsflügel aufzubauen. Dieses Vorgehen krönte er hier sogar noch mit 28…d4! was auf Kosten eines weiteren Springers den gefährlichen d-Bauern ins Spiel bringt. Caruana sah sich gezwungen, nach 29.Dxc4 d3 30.g5 d2! 31.gxf6+ Kh8 32.Lf3 Le4! bereits die Reißleine zu ziehen und kurz später das Remis zu forcieren. Für Karjakin nach seinem gestrigen, etwas schmeichelhaften weiteren Schwarzremis gegen das Schlusslicht Wesselin Topalow, bei dem es der Bulgare in folgender Stellung

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versäumte, wahlweise durch das Opfer eines seiner Springer mittels 16.Sxd5 oder noch besser 16.Sxf7! auf die direkte Zertrümmerung der gegnerischen Stellung zu spielen, ist es ein großer Schritt in Richtung Qualifikation für das Match gegen Carlsen. Für Caruana besteht mit seinen sechs Remisen aus sechs Partien zwar auch noch kein Grund zur Panik, richtig aus den Startlöchern ist der schmächtige allgemein erklärte Turnierfavorit aber noch nicht gekommen.

Genau das gleiche gilt auch für Anish Giri. Auch da – sechs Spiele, sechs Mal Unentschieden. Und das sogar mit Ansage, denn solche Ergebnisse sind für den jungen Niederländer, gegen den Magnus Carlsen persönlich noch nie eine Schachpartie gewinnen konnte, durchaus keine Seltenheit. Gut möglich, dass Giri riesige Chancen hätte, Weltmeister im Erringen von zweiten oder dritten Plätzen zu werden. Aber in Moskau zählt nur der Sieg und spätestens ab heute wird Anish kräftig mit sich hadern, denn er versäumte es, den angeschlagenen Topalow ein weiteres Mal auf die Matte zu schicken.

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Hier bewies Giri mit dem deutlich voreiligen Tausch 52…Txg3 einen in diesen Kreisen ungewöhnlichen Mangel an fehlender Übersicht, wonach er im reinen Springerendspiel nie mehr wirklich nah an einen Sieg herankam, der Bulgare rettete sich halbwegs sicher. Nach dem mehr als logischen 52…Th5, was den Bauern auf f5 sichert und die Springerwanderung nach c5 und dann e4 vorbereitet, hätte dem Weltmeister von 2005 noch eine lange, quälende Verteidigung ohne Gegenspiel ins Haus gestanden. Man kann nur raten, ob er nicht irgendwann eingebrochen wäre, wie in vergleichbaren Situationen doch schon einige Male zuvor. Topalows Turnier ist es allerdings trotz zweier glücklicher Rettungen innerhalb von drei Runden noch immer nicht – er scheint fast ein wenig self-fulfilling-prophecy-mäßig an seiner früheren Ansage zu leiden, dass er gar nicht weiß, ob er hier überhaupt antreten soll und ob sich die Investition eines monatelangen Trainings für ihn lohne. Bisher offensichtlich nicht so richtig.

Besuch bekommt Topalow im Tabellenkeller ab heute von Hikaru Nakamura. Für den Amerikaner und Energy-Trinker läuft es bisher katastrophal – er kann bisher keinerlei Akzente setzen. Wie kein anderer Spieler war er bisher noch nicht einmal in der Nähe eines Sieges – seine Partie gegen Giri war am Ende nichts weiter als ein gecallter Bluff, die gestrige Weiß-Darbietung gegen einen seiner Lieblingskunden Anand ließ eine gehörige Portion Schlafmittel im Energy-Drink vermuten, es war die farbloseste Begegnung der ganzen Veranstaltung. Und heute gegen Lewon Aronjan bekam er noch eine kleine Lektion in Turmendspielen. Und eigentlich auch in Sachen Benehmen:

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An dieser Stelle umgriff Nakamura einige Sekunden lang seinen König, beharrte dann aber darauf, dass er ihn nur zurechtgerückt habe – nicht gerade ein fairer Zug. Daraufhin entstand zwischen den beiden Kontrahenten eine angeregte Diskussion wonach schließlich von Aronjan der Schiedsrichter auf den Plan gerufen wurde. Nakamura, der sich vergeblich auf die „j’adoube“-Regel zu berufen versuchte (wenn ein Stein nicht bewegt, sondern nur auf seinem Feld zurechtgerückt werden soll, muss das vorher angekündigt werden), musste den König am Ende tatsächlich ziehen. Dadurch war die Partie aber sofort für ihn verloren. Die Zuschauer der Pressekonferenz konnten später einen strahlenden Aronjan dabei erleben, wie er charmant und schon fast zu sehr beschwingt die Geheimnisse dieser scheinbar simplen Stellung erklärte, in der Hikaru Nakamura Harakiri beging mit 74…Kf8? 75.Kf6 Ta6+ 76.Td6. Doch wie der in Fachkreisen als „Dr. Lewon“ bekannte Wahlberliner darlegte, war die Stellung auch bei bester schwarzer Verteidigung nicht zu halten – fast kam er einem dabei vor wie der Klassenstreber, der sich die ganze Stunde lang gemeldet hat, um seine vorbildliche Hausaufgabe vorlesen zu dürfen, und am Ende nicht drangenommen wurde. Der Gewinnplan nach dem zäheren 74…Ta4 nach Aronjan lautet „den Bauern nach h5 stellen, den Turm nach d8 und danach den weißen König über g4 nach f3 bringen, und bei erster Gelegenheit das tödliche f4-f5 spielen.“ Allerdings entbrannten als Reaktion darauf in den gängigen Internetforen sofort Diskussionen, ob der von Aronian angegebene Gewinnplan überhaupt korrekt und die Stellung bei bester Verteidigung Nakamuras überhaupt zu gewinnen war, Analysen werden dies in den nächsten Tagen zeigen müssen. Bisher sieht es aus, als hätte Aronjan sich auf der Pressekonferenz etwas übernommen. Auflösung folgt.

Nach diesem Sieg teilt sich Aronjan mit Karjakin die Tabellenspitze. Die beiden treffen nach dem morgigen Ruhetag aufeinander und eine Entscheidung in dieser Partie könnte durchaus zu einer Vorentscheidung für das ganze Turnier enden.

Sonst wäre Vishy Anand ein guter Kandidat für einen lachenden Dritten. Der Inder zeigte sich von seiner desolaten Niederlage gegen Karjakin gut erholt und erzielte danach ein sicheres Schwarzremis gegen Nakamura bevor er heute einen Glanz-Kurzsieg gegen den Russen Pjotr Swidler feiern konnte.

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Swidler entschied sich hier zu einem typischen Zentrumsschlag mittels 14…d5, durch den er nach 15.e5 Se4? auf Kosten eines Bauern eine Vielzahl weißer Angriffsfiguren abtauschen wollte. Doch nach 16.axb5 axb5 17.Sxe4 dxe4 folgte statt des mechanischen 18.Lxe4, was den besten weißen Angreifer, den „spanischen Läufer“ hergibt, das starke 18.Txe4. Nun ist das Schlagen auf e4 mit 18…Lxe4 pures Gift, da Schwarz schnell den h7 verlieren wird, aber der erhoffte Befreiungsschlag 18…Sb3? ging nach 19.Txa8 Lxa8 20.Sg5 kräftig nach hinten los.

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Fünf wütende weiße Figuren greifen einen völlig allein gelassenen schwarzen König an! Das ist grausamer als in jeder Fernsehdoku, in der hungrige Löwen Jagd auf hinkende Gnus machen. Die Partie dauerte noch 4 Züge: 20…Sxc1 21.Dh5 h6 22.Dxf7+ Kh8 23.Tg4 Da5 24.h4 und 1:0

Somit lautet nach 6 von 16 Runden die Tabelle wie folgt:

4 Karjakin, Aronjan

3,5 Anand

3 Caruana, Giri

2,5 Swidler

2 Nakamura, Topalow

Weiter geht die Jagd am Samstag um 13 Uhr, mit der Spitzenpaarung Karjakin – Aronjan, bevor am Sonntag dann bereits der zweite Umlauf gestartet wird.

 

7 Kommentare

  1.   peterra

    Während dieser aufregenden Partie hat ein deutscher 18-jähriger im 7-Millionen-Dollar-Turnier von Indian Wells dem 14-fachen Grand Slam Gewinner Rafael Nadal ein Riesenmatch geliefert.

    Im entscheidenden 3. Satz vergab er einen Matchball!
    Aber auch ein Sieg hätte ihm keine Erwähnung in ZON eingebracht. GO und Schach sind bei weitem wichtiger als der Tennissport, dem hierzulande noch immer 1,4 Millionen Mitglieder angehören.

    Es lebe der „Sport“ der Minderheiten! Damit kann man sich so herrlich vom Mainstream abgrenzen. Danke an die Red. – Jetzt könnt Ihr das gerne wieder löschen.

  2.   Lumpazivagabundus

    @peterra: Nur mal anbei, dies hier ist das Schachblog. Tennisnachrichten finden Sie sicherlich an anderer Stelle auf ZON ;-)

  3.   Netiew

    Gewiss haben mehr Zeit-Leser schon mal eine Partie Schach als ein Tennis-Match gespielt. Das Kandidaten-Turnier in Moskau hat im Schach auch einen deutlich höheren Stellenwert, als Indian-Wells als eines von vielen Tennis-Turnieren.
    Dass es im Tennis um mehr Geld geht ist allerdings unbestritten.

  4.   Netiew

    Gewiss haben mehr Zeit-Leser schon mal eine Partie Schach als ein Tennis-Match gespielt. Das Kandidaten-Turnier in Moskau hat im Schach auch einen deutlich höheren Stellenwert, als Indian-Wells als eines von vielen Tennis-Turnieren.
    Dass es im Tennis um mehr Geld geht ist allerdings unbestritten.
    Um es bei uns medial zu einem Mainstream Ereignis zu bringen bedarf es nicht nur hoher Umsätze, ein(e) Deutsche(r) muss beteiligt sein.

  5.   WERNERUS

    Zu #1
    Auch danke,Redaktion . So dramatisch manche Tennispartie schon verlief und verlaufen mag- mit den Möglichkeiten von Damenopfern, Pattstellungen – überhaupt der Möglichkeit des Remis , Simultanpartien , Mensch gegen Computer ,etc.etc. bietet der Schachsport doch einiges mehr als Tennis. Und ist zudem weniger durch Doping und unangemessene Preisgelder bedroht.

  6.   klaus

    Schach wird ja leider nicht mal mehr in der Zeitung begleitet. Berichte über Schachturniere immer seltener- waren das noch Zeiten, als Schach nochlive in dritten Programmen übertragen wurden!

  7.   Ulrich Stock, Schachreporter

    Was „waren das noch Zeiten, als Schach noch live in dritten Programmen übertragen wurde“?

    Die gab es leider nie. In einer WDR-Sendung wurde vor Jahrzehnten gelegentlich eine eigens angesetzte Partie vor laufender Kamera ausgetragen. Von internationalen Turnieren ist im deutschen Fernsehen nie live berichtet worden – bis heute.

    „Berichte über Schachturniere immer seltener“ ?

    DIE ZEIT hat (als Zeitung) immer über Schach berichtet und noch nie so viel wie in den vergangenen Jahren. Hinzu kommen die bei Weltmeisterschaften täglichen Berichte auf ZEIT ONLINE.

    Spiegel Online berichtet inzwischen auch. Es ist das Internet, das der Schachberichterstattung neue Möglichkeiten eröffnet hat. Die Nachrichtenlage ist besser, als sie es je war.

    Dass das deutsche Fernsehen (anders als das norwegische) diese interessante Entwicklung verschläft, ist so bedauerlich wie bezeichnend – aber vielleicht schreiben Sie als Gebührenzahler mal einen Leser– bzw. Zuschauerbrief, um die Kollegen anzustupsen?