‹ Alle Einträge

Kandidatenturnier: Favorit Aronjan unterliegt Anand

 

Heute startet im sibirischen Chanty-Mansijsk das Kandidatenturnier. Acht Großmeister treten an, um den nächsten Herausforderer von Magnus Carlsen zu bestimmen. 14 Runden sind angesetzt, jeder gegen jeden jeweils einmal mit den weißen und den schwarzen Steinen. Schon heute kommt es zu einem reizvollen Duell zwischen dem Turnierfavoriten Levon Aronjan und dem Ex-Weltmeister Viswanathan Anand. Ich blogge für Sie über die erste Runde und begleite Sie durch die spannendsten Momente des heutigen Tages. Der Livestream auf der offiziellen Turnierseite findet sich hier

10:09: Herzlich willkommen, die Spiele haben begonnen! Mein Name ist Ilja Schneider und ich werde Sie heute durch den hoffentlich spannenden Tag führen. Aronjan und Anand scheinen ihre Hausaufgaben gut gemacht zu haben – noch bevor der erste Blog-Post online geht, haben die beiden schon 13 Züge absolviert – ein scharfes Gambit, ähnlich dem von Armenier so geliebten Marshall-Gambit, steht auf dem Brett. Gambit kommt übrigens aus dem Italienischen und heißt etwa so viel wie „jemandem ein Bein stellen“. Im Schach versteht man darunter das Opfer eines Bauern in der Eröffnung, um sich Freiraum für seine Figuren zu schaffen.

Anand-Aronjan nach dem 13.Zug von Schwarz

10:23: Dmitri Andrejkin, den ich gestern noch als absoluten Underdog dargestellt habe, ist auch nicht mit leeren Händen zum Kampf erschienen. Heute hat er die Möglichkeit, ihren Blogger Lügen zu strafen und die Auslosung hat es gut mit ihm gemeint: Heute trifft er auf seinen guten „Kunden“ Kramnik, gegen den er zwar das Welt-Cup-Finale verlor, aber vorher mehrfach gewann. Kramnik bietet ihm gerade einen Turm als Lockköder an, aber Andrejkin sollte sich zurückhalten.

Andrejkin – Kramnik, nach dem 15.Zug von Schwarz. Weiß sollte sich lieber nicht am Köder-Turm vergreifen.

10:40 Gar kein verhaltener Beginn, kein Abtasten, wie man es sonst aus der ersten Runde von Spitzenturnieren kennt. Anand hat nun seinen diebischen Turm wieder in Sicherheit gebracht und hat einen „sicheren“ Bauern mehr – das Ganze hat aber ganz schön viel Zeit gekostet. Dagegen haben sich Mamedyarow und Topalow in ihrer Partie gegenseitig mit der Waffenwahl überrascht und scheinen beide schon nach sieben Zügen ihre sicheren Gewässer verlassen zu haben.

Mamedyarow – Topalow nach dem 7.Zug von Schwarz

10:43 Was können die Jungs hier eigentlich verdienen? An alle Schacher unter Ihnen, die noch mit dem Gedanken liebäugeln, die Bürokarriere aufzugeben und Schachprofi zu werden: Es lohnt sich nicht! Selbst der Zweitplatzierte nimmt hier „nur“ 88.000€ mit nach Hause. Der Turniersieger hat es schon etwas besser, denn neben 7000€ an weiterem Preisgeld kommt noch eine Millionengage für das WM-Match hinzu. Andrejkin wird dagegen vermutlich mit schlappen 17.000€ für den letzten Platz Vorlieb nehmen müssen. Uli Hoeneß könnte das Kandidatenturnier nebst WM also aus seiner Portokasse bezahlen.

11:02 Huch, was ist denn da bei Andrejkin gegen Kramnik passiert? So schnell konnte man gar nicht mitverfolgen, wie da die Figuren vom Brett gepurzelt sind. Das Streitobjekt ist nun der weiße Bauer auf b6 und die folgenden Züge müssen zeigen, ob er eher stark ist oder schwach. Bindet er die weißen Figuren an seine Verteidigung oder die schwarzen an die Blockade? Die Umwandlung ist nur noch zwei kleine Schritte entfernt…

Andrejkin – Kramnik nach dem 26.Zug von Weiß. Der Ex-Weltmeister ist dran und muss sich nun ein Konzept gegen den eingeschleusten Bauern auf b6 ausdenken.

11:29 Eine kleine Impression von der gestrigen Eröffnungsfeier, ein Orgelspieler gibt sein Bestes im Angesicht zweier mystisch ausgeleuchteter Schachbretter. Ganz schön eigenartig ist es in Sibieren!

Eröffnungsfeier
Copyright: FIDE World Candidates Tournament 2014

 

11:37 Und ein erstes Ergebnis habe ich auch zu vermelden. Ich wünschte, ich müsste dies nicht so früh tun, aber dafür sehe ich mich in meiner gestrigen Prognose bestätigt. Kramnik spielt wieder pragmatisch-wissenschaftlich und hat nichts gegen ein schnelles Schwarzremis einzuwenden, Andrejkin hat auch mit Weiß keine Durchschlagskraft und nimmt mit, was er kriegen kann. Remis! Mit Schwarz wird Andrejkin in diesem Turnier mit einer solchen Strategie aber leiden.

11:48 Anand hat seinen Mehrbesitz zurückgegeben und dafür Aronjans leichten Druck von seiner Stellung abgeschüttelt und verfügt sogar mit seinen zwei Läufern gegen das armenische Springer+Läufer-Duo über ein wenig Vorteil. Energie und Masse sind im Schach, nicht anders als in der Physik, fließende Größen, die sich ineinander überführen lassen. Der schottische Großmeister Jonathan Rowson hat vor einigen Jahren in seinem bahnbrechenden Werk „Die sieben Todsünden des Schachspielers“ versucht, sogar die gesamte Einsteins Formel E=mc²auf das Schachspiel anzuwenden…

12:07 Es war zu befürchten, dass auch in der Paarung Mamedyarow-Topalow bald nur noch die Könige auf e4 und e5 stehen würden, ein Signal für das elektronische Übertragungsbrett, wenn die Partie Remis ausgegangen ist. Topalow wollte seine beiden Bauern am Damenflügel weggegeben, um im Gegenzug die aserbaidschanischen a2 und b2 zu schnappen. Bei einer so symmetrischen Reststruktur und gleichen verbliebenen Figuren wird nicht viel zum Spielen übrig bleiben. Ich hoffte, schon ich war nicht zu optimistisch, als ich von „Kein Abtasten heute“ schrieb, aber Mamedyarow hatte offensichtlich andere Pläne und nahm nicht auf b6…

Mamedyarow – Topalow nach dem 22.Zug von Schwarz

12:29 Gestern kam die Frage auf, wie die Spieler überhaupt auf die Starterliste in Sibirien gekommen sind und warum zum Beispiel auch sprachlich klangvolle Namen wie Fabiano Caruana und Hikaru Nakamura fehlen. Die Teilnehmerliste wurde aber nicht etwa dem Noch-Präsidenten der FIDE Kirsan Iljumschinow von Außerirdischen zugeflüstert (auch wenn er behauptet, von ihnen entführt worden zu sein), hingegen ist ihr Zustandekommen genau reglementiert. Es dürfen mitmachen: Der letzte Weltmeister (Anand), die ersten beiden Plätze des letzten Grand-Prix (Mamedyarow, Topalow), die beiden Finalisten des World-Cups (Kramnik, Andrejkin), die beiden über die Jahre 2012/13 im Durchschnitt in der ELO-Weltrangliste am höchsten liegenden Spieler (Aronjan, Karjakin) und ein Freiplatz des Ausrichters (Swidler). Dabei ist noch zu beachten, dass eigentlich Kramnik schon über die Weltrangliste qualifiziert war und durch seinen Sieg beim World-Cup Karjakin noch die Teilnahme ermöglicht hat. So wie Alemannia Aachen auch mal Uefa-Cup spielen durfte, als sie im Finale des DFB-Pokals gegen Bremen verloren. Alles klar?

12:31 Sie brauchen sich die Einzelheiten des letzten Posts aber nicht genau zu merken, da der Modus ständig geändert wird. Ich kann mich an keine zwei aufeinanderfolgenden Weltmeisterschaftszyklen erinnern, die auf genau gleiche Weise ausgetragen worden sind.

12:37 Wo wir gerade bei Karjakin sind. Er spielt gerade gegen seinen Landsmann Peter Swidler eine fetzige Partie in einem sogenannten Taimanow-Sizilianer. Der Erfinder dieser Eröffnung Mark Taimanow ist in der Ukraine geboren wie Karjakin und zog danach nach Sankt-Petersburg, wo Swidler jetzt lebt. Mittlerweile ist Taimanow schon alt und spielt kein Schach mehr, sondern zeugt Kinder. Ich werde nie meinen Lachflash vergessen, als ich vor etwa zehn Jahren einen Aufruf in einer Schachzeitung las, wo um finanzielle Zuwendung für einen verarmten Großmeister geworben wurde, der mit 78 noch Zwillinge bekam.

13:28 Willkommen zurück aus der Mittagspause! Karjakin und Swidler haben sich beide entschieden, nicht das Schicksal zu riskieren und ließen sich auf eine Zugwiederholung ein. Währenddessen verkehrt der Turnierfavorit Aronjan in höchsten Problem. Er hat gerade noch so die Zeitkontrolle geschafft, nach dem Ausführen seines 40. Zuges hatte er noch 2 Sekunden auf der Uhr! Jetzt bekommen beide zunächst einmal eine weitere Stunde Bedenkzeit hinzu.

13:33 Leider kann ich Ihnen heute noch keine zählbaren Ergebnisse präsentieren. Auch Mamedyarow konnte seine Initiative nicht gewinnbringend verdichten, da er aber schon einen Turm gegen einen bulgarischen Läufer gegeben hatte, waren auch seine langfristigen Aussichten nicht mehr rosig. So wählte er den Spatz in der Hand und entschied sich, den schwarzen König Dauerschach zu setzen. Der Unterschied von Dauerschach und Matt ist, dass beim Letzteren der König überhaupt keine Fluchtfelder hat, beim Dauerschach aber auf zwei oder mehreren Feldern hin und her pendeln kann, um den beständigen Angriffen auszuweichen. In diesem Fall endet die Partie Unentschieden.

Dimitri Andrejkin – Wladimir Kramnik remis
Sergey Karjakin – Peter Swidler remis
Schachrijar Mamedyarow – Wesselin Topalow remis

Damit spielen nur noch Anand und Aronjan. Mal sehen, ob der Berliner Levon nicht schon in der allerersten Runde eine große Ernüchterung erleben wird.

13:46 Swidler und Karjakin sitzen aktuell bei der Pressekonferenz und geben Einblick in ihre Gedankengänge. Aber eigentlich nur der eloquente Swidler. Er ist über sein Ergebnis sehr erleichtert, besonders nach „four months without touching any chess pieces„. Karjakin sitzt dagegen still, fast eingeschüchtert da und sagt „Yes“ oder „No„, wenn er etwas gefragt wird. Man könnte denken, er ist einfach enttäuscht, eine gute Stellung weggegeben zu haben, aber er ist eigentlich immer so.

13:51 Wir haben heute zwei russische Duelle gesehen – Zufall oder steckt mehr dahinter? In der Tat wollen es die FIDE-Regularien so. Beim Kandidatenturnier werden Spieler einer Nation so früh wie möglich gegeneinander gelost. Auch morgen und übermorgen bleiben die Russen zunächst unter sich. Hintergrund ist die Erfahrung beim berühmten Kandidatenturnier in Curacao von 1962. Das wurde damals noch 28-rundig gespielt (jeder gegen jeden vier Mal) und die Russen haben dort mehr oder weniger offen den noch sehr jungen Bobby Fischer ausgebootet, indem sie alle gegeneinander schnell und energiesparend Remis gemacht haben und Fischer und die anderen immer bis aufs Blut bekämpften.

14:00 Und die erste große Überraschung in Chanty-Mansijsk ist Realität. Levon Aronjan konnte seinen Springer nicht mehr retten und gab auf.

Anand – Aronjan nach dem 47.Zug von Weiß: Das Pferd wurde mit dem Lasso eingefangen.

14:05 Anand ist der erste Tabellenführer im Kandidatenturnier. Wenn man das Turnier jetzt abbrechen würde, hätten wir im November einen Rückkampf zwischen ihm und Magnus Carlsen zu bestaunen. So reizvoll ein erneutes Aufeinandertreffen auch wäre, so sehr wünsche ich mir der Spannung zuliebe einen anderen Herausforderer.
Aronjan aber ist jetzt mächtig gefordert. So einen Start hat er sich wahrscheinlich nicht mal in seinen schlimmsten Träumen vorgestellt.

14:11 Der Armenier lässt die obligatorische Pressekonferenz aber geduldig über sich ergehen. Er hat die Arme verschränkt und schaut wortlos auf den wiedererblüht wirkenden Anand, der Varianten aus der Partie präsentiert. Dieser ist sichtlich zufrieden mit seiner Spielführung, gibt aber auch kleine Ungenauigkeiten bei der Vorteilsverwertung zu.

14:16 Aronjan hat nun seine letzten zwei Partien verloren, gegen Anand und beim Turnier in Zürich im Februar in der letzten Runde gegen Fabiano Caruana, beide in seiner geliebten Spanischen Eröffnung. Schlechtes Omen?

14:23 Er nimmt es aber mit Humor. Er fange immer erst an, gut zu spielen, nachdem er eine Partie verloren hat. Und da das Kandidatenturnier besonders wichtig sei, habe er eben auch besonders früh mit dem Verlieren angefangen.

14:32 Damit verabschiede ich mich heute aus der ZEIT-ONLINE-Redaktion in Berlin, wo ich von allen Seiten bereits mit Häme übergossen werde für meine forsche Prognose von gestern. Wir haben heute eine Auftaktrunde gesehen, die nicht alle Erwartungen erfüllt, aber auch nicht auf voller Linie enttäuscht hat. In den nächsten Tagen werden die Denkathleten garantiert mehr aus der Deckung gehen, denn sowohl vom Prestige her als auch finanziell zählt hier nur der erste Platz.

14 Kommentare

  1.   testi

    Hi,

    warum sollte er sich nicht am Köderturm vergreifen?


  2. Weil nach Sc6 die Dame hopps geht – und selbst, wenn sie den zweiten Turm mitnimmt, ist Schwarz danach besser dran.

  3.   testi

    Stimmt, gar nicht gesehen. Vielen Dank.

  4.   Deutschmeister

    Gleich im ersten Eintrag hat Schneider die Worte „das Opfer“ geopfert, um dem Sinn mehr Freiraum zu verschaffen ;-)

    Danach aber sehr überzeugende Leistung. Liest man gern!

  5.   Sämon Giskein

    Kramnik hat alles richtig gemacht. Er hat in der Vergangenheit ja schon 2x gegen Andreikin verloren und muss mit Schwarz in der ersten Runde nicht alles zeigen, spart durch das schnelle Remis – fast ohne Eigenleistung – Kräfte für die nächsten Runden.

    Sein ärgster Konkurrent Aronian befindet sich jetzt schon in einer ziemlich unangenehmen Situation. Und wirft die Frage auf, ob Aronian wieder einmal seine Nerven nicht im Griff behalten kann.

  6.   Sämon Giskein

    Levon runter auf 9 Sekunden für 4 Züge.

  7.   donquichotte

    Oldies but Goldies – und die schachliche wie sonstige Zeugungskraft beim uralten Riesen Taimanow hat einen einfachen Grund. Man müßte Klavierspielen können – wer Klavier spielt, hat Glück bei den Frau’n. Außerdem war er schon mit 9 Jahren Filmstar – im „Beethoven-Konzert“! Mir liegt das Kandidatenturnierbuch Zürich 1953 vor, in dem Taimanow „seinen“ Aufbau auch schon ansatzweise probiert hat, allerdings mit schrecklichem Mißerfolg (gg. Awerbach); die Variante hieß auch noch nicht nach ihm. Mit den Eröffnungsbezeichnungen ist das ohnehin so eine Sache im sowjetischen Schach gewesen. Aus der uralten Paulsen-Eröffnung im Sizilianer (mit 2… e6, 4…a6) wurde die Kan-Variante, von der wiederum als später selbständige Abzweigung sich die „Taimanow-V.“ auswuchs. Übrigens ist MT 1926 in Leningrad geboren und dort auch aufgewachsen. Nach der fürchterlichen 0:6-Schlappe gg. Bobby Fischer hat er sich – nach eigenem Bekunden – dorthin nur mit Zittern und Zagen zurückgetraut.

  8.   Ilja Schneider

    Vielen Dank für Ihre Anmerkung, donquichotte! Können Sie eine Quelle zum Geburtsort von Mark Taimanow nennen? Laut Wikipedia erblickte er nämlich in Charkow das Licht der Welt…

  9.   donquichotte

    @8 Nein, lieber Chefblogger, das Geburtsregister von Charkow/Charkiw liegt mir natürlich nicht vor. Wahrscheinlich sollte man Taimanow direkt fragen … „Schuld“ an meinem Einwurf sind – natürlich – die Schweizer! Im Turnierbuch des Schweizerischen Schachvereins (immerhin Artemis-Verlag) sind Biogramme der Teilnehmer veröffentlicht – da stehts drin, vermutlich falsch (verantwortlich ein Paul Müller aus Arlesheim – und der hat wahrscheinlich bei der vielköpfigen sowjetischen Delegation nachgefragt. Ob die ihn verstanden haben?!). Schachlich gesehen ist MT selbstverständlich ein Leningrader …

  10.   donquichotte

    Glückwunsch an Vishy: Bad Soden – Berlin 1:0! Es wird ganz sicher einen anderen Herausforderer geben – da lege ich mich mal fest … Aber für die ersten Runden gilt das schöne Couplet von Otto Reutter: Nehm’sen Alten, nehm’sen Alten – die sind meistens gut erhalten.